<167>Übrigens glaubte sich Voltaire zugleich berufen, die Rolle eines Politischen Unterhändlers von Seiten des französischen Hofes zu spielen; da er aber kein Beglaubigungsschreiben vorzubringen vermochte, so betrachtete Friedrich das als eine bloße Spielerei, zu der ihn seine Eitelkeit vermocht habe. Denn schon bei dem ersten Besuche des Dichters hatte er erkannt, daß sein moralischer Charakter, trotz seiner schöngeglätteten Verse, keineswegs von Flecken frei sei. Damals war ihm der Gelddurst des Franzosen lästig geworden, ohne daß er es ihn jedoch persönlich besonders scharf hatte merken lassen. Jetzt führte Voltaires Eitelkeit noch andere Ursachen zu kleinen Reibungen herbei. Er übersandte, mit dichterischer Freiheit, der liebenswürdigen Prinzessin Ulrike, einer jüngeren Schwester des Königs, ein zierliches Madrigal, welches nichts weniger als eine direkte Liebeserklärung enthielt. In der Übersetzung dürfte dasselbe etwa also lauten:

Der gröbsten Lüge zeiget sich
Ein wenig Wahrheit oft verbunden:
Ich hatte einen Thron gefunden
Heut' Nacht, — ein Traum betörte mich;
Ich liebte, Fürstin, Dich, ich wagte, Dir's zu sagen, —
Und ich erwachte, doch nicht all mein Glück entwich:
Nur meinem Thron mußt' ich entsagen.

Die Prinzessin antwortete mit äußerst galanten Versen, die Friedrich verfaßt hatte und in denen der Dichter auf die verbindlichste Weise über den Unterschied der Stände belehrt ward. Er, hieß es darin, habe aus eigner Kraft sich auf dem Gipfel des Helikon niedergelassen, sie verdanke alles nur ihren Ahnen. Aber es erfolgte von Friedrichs Hand auch noch eine zweite Entgegnung, die dasselbe Thema minder verblümt behandelte. Sie lautete ungefähr so:

Der Traum, das liegt einmal im Blut,
Stimmt überein mit dem, was man im Wachen tut.
Es träumt der Held, daß er den Rheinstrom überschreite,
Der Kaufmann, daß sich ihm Gewinn bereite,
Der Hund, daß er den Mond anbelle;
Doch wenn in Preußen sich Voltaire, durch Lügenkünste,
Zum König träumt und nur den Narren bringt zur Stelle:
Das heißt Mißbrauch der Traumgespinste!

Indes hinderten diese leichten Gefechte nicht, daß die schönen Verse Voltaires, und ebenso auch der Dichter als solcher, unausgesetzt mit lebhaftem Enthusiasmus bewundert wurden. Und als er wieder von Berlin schied, blieb nur der Wunsch rege, ihn dereinst ganz am Hofe behalten zu können. —