<uc_Komitee>

Komitee
für die Herausgabe der Werke
Friedrichs des Großen
Vorsitzende:
v. Loebell, Wirklicher Geheimer R.at, Oberpräsident a. D.
v. Winterfeldt,
Landesdirektor der Provinz Brandenburg
Mitglieder:
A. Ballin,
Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie
Freiherr v. Bissing, General der Kavallerie z. D., M. d. H.
Fürst zu Dohna-Schlobitten, M. d. H.
F. v. Gans
A. v. Gwinner,
Direktor der Deutschen Bank, M. d. H.
Ph. Heineken, Vorsitzender
des Direktoriums des Norddeutschen Lloyd
v. Holtzendorff
Admlral à l. s. des Seeoffizierkorps, M. d. H.
D. Graf v.Zieten-Schwerin, Wirklicher Geheimer Rat, M. d. H.
Schriftführer:
H. Ritter u. Edler Herr v. Berger

<I><II>

Die Werke Friedrichs des Großen
In deutscher Übersetzung
Zehn Bände
Mit Illustrationen
von Adolph V.Menzel
Verlag von Reimar Hobbing in Berlin
1913

<III>

Die Werke Friedrichs des Großen
Erster Band
Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg
Herausgegeben von Gustav Berthold Volz
deutsch von
Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, Willy Rath und Carl Werner v. Jordans
Verlag von Reimar Hobbing in Berlin
1913

<IV>

Die Abbildungen sind von Elfried Bock ausgewählt und angeordnet

<V>

Die historischen Werke

Die Werke Friedrichs des Großen, die wir in deutscher Übersetzung vorlegen, ergänzen das Bild der umfassenden Tätigkeit, die er als Feldherr, als Staatsmann und Volkswirt entfaltet hat.

Wenn seine schriftstellerischen Leistungen trotz ihrer Bedeutung bisher kaum über den Kreis der Fachgelehrten hinausgedrungen sind, so liegt diese Tatsache vor allem in der Geschichte seiner Werke begründet. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil von ihnen gelangte zu seinen Lebzeiten an das Licht der Öffentlichkeit. Neben den Schriftten publizistischen Charakters, den Staats- und Flugschriften und den Abhandlungen vornehmlich pädagogischer Natur, die auf die Wirkung in die Weite berechnet waren, kommen nur der „Antimachiavell“ und die „Œuvres du philosophe de Sanssouci“ in Betracht: jener die Bekenntnisschrift aus der Kronprinzenzeit, in der der junge Friedrich das Idealbild des Fürsten zeichnet, das ihm vorschwebt und das er dann selber zu verwirklichen trachtet; diese das Werk, das der König auf der Höhe seines Lebens verfaßt, in dem er, um mit Koser zu sprechen, die Summe seiner „praktischen Lebensweisheit und seiner philosophischen Weltanschauung“ niederlegt. Die „Œuvres“V-1 umfassen eine Sammlung seiner Poesien, sowie die „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“. Aber nur diese kamen damals (1751) in die Hände des Publikums, wenngleich mit Ausschluß des Kapitels über Friedrich<VI> Wilhelm I. und der Abhandlungen über die Erwerbungen, die Finanzen und das Heerwesen Brandenburgs. Die ursprünglich nur für die Freunde bestimmten Gedichte folgten erst 1760, unter dem Titel „Poésies diverses“, nachdem sie durch böswilligen Nachdruck in Frankreich bekannt geworden waren.

Erst nach dem Tode des Königs wurden seine übrigen Werke der Öffentlichkeit übergeben. Um zwei Ausgaben handelt es sich. Die erste sind die ,„Œuvres posthumes“,VI-1 die seinen Nachlaß brachten, Korrespondenzen und Schriften, die bisher noch nicht gedruckt waren. Die zweite ist die große dreißigbändige Ausgabe der „Œuvres de Frédéric le Grand“, die J. D. E. Preuß im Auftrag der Berliner Akademie der Wissenschaften während der Jahre 1846 bis 1856 besorgte. Schwerwiegende Mängel hafteten der ersten Sammlung an: einige Schriften waren mit Absicht unterdrückt, andere von apokrypher Natur, denen Friedrich vollkommen fernstand, dagegen aufgenommen. Der Text hatte vielfach eine stilistische Überarbeitung erfahren. Noch schlimmer waren die großen Streichungen, die vor allem in den historischen Schriften aus politischen Rücksichten vorgenommen waren. Demgegenüber bedeutet die akademische Ausgabe einen außerordentlichen Fortschritt, obwohl auch sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und andere bedenkliche Mängel aufweist, die durch spätere Neuausgaben einzelner Teile und anderweit erschienene Ergänzungen zum Teil ausgeglichen sind.

Die „Œuvres posthumes“ hatten durch zahllose Nachdrucke und durch deutsche Übersetzungen die weiteste Verbreitung gefunden. Mit der Katastrophe von 1806 und dem Zusammenbruch des preußischen Staates kam dann aber die Zeit, da Friedrichs Andenken immer stärker verblich. Erst allmählich trat der Wandel ein. Man fing an, seine weltgeschichtliche Größe und seine hohe nationale Bedeutung wieder zu würdigen. Ihren sichtbaren Ausdruck fand dieser Wandel der Auffassung in dem Erscheinen der akademischen Ausgabe seiner Werke. Doch infolge des großen Umfangs war ihre Verbreitung nur auf einen kleinen Kreis beschränkt. Lediglich eine Auswahl aus seinen Schriften wurde bisher ins Deutsche übersetzt, und so blieben sie im großen und ganzen der Allgemeinheit fremd.

Die Werke Friedrichs umfassen historische, militärische, politische, literarische Schriften, zu denen noch die Poesien hinzukommen. Für diese Gruppen dürfen wir auf die Einleitungen zu den einzelnen Bänden verweisen, deren Aufgabe es ist, kurz die Entstehungsgeschichte der Schriften zu schildern und einige besondere Gesichtspunkte hervorzuheben, die zur Erleichterung ihres Verständnisses beitragen.

Nur die historischen Werke erfordern eine besondere Betrachtung. Dabei handelt es sich zunächst um einen orientierenden Überblick über die Gesamtleistung Friedrichs, sodann aber darum, einen tieferen Einblick in sein Schaffen zu gewinnen.VI-2

<VII>

Außer den schon erwähnten „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“, die mit den ältesten Zeiten einsetzen und bis zum Jahre 1740 führen, enthalten die historischen Schriften die Schilderung seiner eigenen Regierungszeit, seiner Kriege. Alle diese Einzeldarstellungen sollten nur Teile eines zusammenhängenden großen Werkes bilden, der „Brandenburgischen Geschichte“ (histoire de Brandebourg), wie Friedrich sie nannte.

Keineswegs stand mit dem Augenblick, da der König die historischen Arbeiten aufnahm, dieser Plan in ihm fest; erst allmählich gewann er seine Ausgestaltung. Das erste, was Friedrich schrieb, war die Geschichte des Ersten Schlesischen Krieges, an die er im November 1742 ging.

Von entscheidendem Einfluß dafür waren seine Beziehungen zu Voltaire. Seit dem Herbst 1736 stand Friedrich mit ihm in schriftlichem Gedankenaustausch. Im September 1740 hatte er die Gelegenheit wahrgenommen, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Noch in demselben Jahre erfolgte der erste Besuch des Dichters der „Henriade“ in Berlin. Alle seine Werke sandte dieser dem König zu, und sie fanden begeisterte Aufnahme.

Als nach dem Breslauer Friedensschluß sich in Friedrich der Wunsch nach einer Darstellung des soeben beendeten Krieges regte, dachte er sofort an Voltaire, den Geschichtsschreiber Karls XII. und Ludwigs XIV. Und so richtete er am 13. Oktober 1742 an ihn die Aufforderung, die Geschichte des „gegenwärtigen“, des Österreichischen Erbfolgekrieges zu verfassen. Niemals, so schrieb er, hätten seit der Schlacht bei Pharsalus größere Interessen auf dem Spiel gestanden, und erläuternd fügte er hinzu: „Es handelt sich um die Frage der Vorherrschaft der beiden mächtigsten Häuser des christlichen Europa.“ Dann aber entschloß sich der König selber zur Ausführung dieser Aufgabe, und zwar ist es nach seinem eigenen Bekenntnis Voltaire gewesen, der den Anstoß dazu gab. Dieser hatte ihm eben damals den esten Abschnitt seines „Essai sur les mœurs et l'esprit des nations“, eines Abrisses der Weltgeschichte, zugestellt. Friedrich schrieb ihm darauf am 15. November: „Sie haben mir so großen Geschmack an der Arbeit eingeflößt, daß ich eine Epistel, eine Komödie und Memoiren schreibe.“

Mit den „Memoiren“ war die Geschichte des Ersten Schlesischen Krieges gemeint. Nur das Vorwort und einige Bruchstücke dieser ersten Niederschrift sind uns überliefert. Ihr folgte sofort nach dem Dresdener Friedensschluß die Geschichte des Zweiten Schlesischen Krieges. Zugleich arbeitete er die des Ersten Krieges um und schickte sie jener voraus (1746).

Diese beiden Darstellungen bezeichnete er als zweiten und dritten Teil der „Brandenburgischen Geschichte“.VII-1 Der erste Teil waren die „Denkwürdigkeiten zur Ge<VIII>schichte des Hauses Brandenburg“, deren Abfassung er nun erst in Angriff nahm. Sie zerfallen in zwei Abschnitte. Der erste bringt, nach Regenten geordnet, die chronologische Darstellung der Ereignisse bis 1740, während öer zweite einer kultuhistorischen Übersicht gewidmet ist. Friedrich gibt in ihr einen kurzen Abriß der Vewfassungs-, Wirtschaft-, Heeres- und Kirchengeschichte, und gleichzeitig entwirft er ein Bild des geistigen Lebens und der kulturellen Entwicklung Brandenburgs. Damit folgt er den Bahnen Voltaires, der in dem bereits erwähnten „Essai“ danach strebte, die gesamte Geschichte der Menschheit zu umfassen, Kultur- und politische Geschichte in einem Bilde zu vereinen.

Im Mai 1746 war der Plan zu den „Denkwürdigkeiten“ gefaßt; im November begann die Ausarbeitung, am 24. August 1747 war der historische Teil vollendet, am 11. Februar 1748 das ganze Werk. Einzelne Abschnitte wurden in den Sitzungen der Akademie der Wissenschaften verlesen und in ihren Berichten abgedruckt. Doch dabei blieb es nicht. Als der König zur Herausgabe der „Œuvres du philosophe de Sanssouci“ schritt, beschloß er, ihnen die „Denkwürdigkeiten“ einzuverleiben. Er arbeitete sie um und unterbrach die bereits begonnene Drucklegung, als auf seine dringende Einladung Voltaire am 10. Juli 1750 in Potsdam eintraf. Unter dessen Anleitung und Mitwirkung erfolgte die neue kritische Durchsicht. Sie bezog sich sowohl auf die Poesien wie auf die „Denkwürdigkeiten“. Von großem Interesse ist das Urteil, das der Franzose wenige Wochen nach seiner Ankunft in einem Briefe an seinen Pariser Freund Graf d'Argental über Friedrich und seine Arbeiten fällt. Der König, so erklärt er, mache ausgezeichnete Verse, sobald er sich die Mühe gebe, sie zu korrigieren; einige seien sogar bewundernswert. Dann fährt er fort: „Seine Prosa gilt seinen Versen mindestens gleich; aber er ging in alledem zu schnell. Er hatte gute Höflinge, die ihm sagten, alles wäre vortrefflich; aber was vortrefflich ist, das ist, daß er mir mehr glaubt als allen seinen Schmeichlern, daß er die Wahrheit liebt, die Wahrheit fühlt.“ Endlich kommt er nochmals auf die Prosa zurück mit den Worten: „Seine Brandenburgische Geschichte wird ein Meisterstück sein, wenn er sie sorgfältig durchgesehen haben wird.“ Wie in diesem Schreiben sparte Voltaire bei seinen Korrekturen nicht Lob noch Tadel. Grammatikalische Verbesserungen wechselten mit stilistischen Noten und sachlichen Anmerkungen. Bald verhielt sich Friedrich ablehnend, bald nahm er die Vorschläge wörtlich, bald nur dem Sinne nach an. Im wesentlichen jedoch blieb die Fassung der „Denkwürdigkeiten“ unverändert; nur einzelne Achter wurden ihr nachträglich aufgesetzt. Im Juni 1751 war die Drucklegung beendet.

Damit war die Darstellung von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1745 geführt. Die späteren großen Ereignisse seiner Regierung bestimmten den König, den Faden weiterzuspinnen. So schrick er 1763 die „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“, 1775 bie Geschichte der Ersten Polnischen Teilung, die er nochmals umarbeitete, als er 1779 die Geschichte des Bayerischen Erbfolgekrieges hinzufügte.

<IX>

Bemerkenswert ist, daß Friedrich 1775 im Anschluß an die Darstellung der Polnischen Teilung daran ging, sein gesamtes Werk von 1740 ab einer neuen Durchsicht zu unterziehen. Er nahm die Redaktion von 1746 vor, um sie neu zu gestalten: so entstand die „Geschichte meiner Zeit“, wie er die neue Fassung nannte. Eine Bearbeitung der „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“ sollte folgen, doch seine schwere Erkrankung vereitelte diesen Plan.

Das letzte Zeugnis der historiographischen Tätigkeit Friedrichs bildet endlich ein kurzer Aufsatz von 1784, der einen Rückblick auf die letzten fünf Jahre wirft, aber nicht mehr ausgearbeitet worden ist.

Nach diesem Überblick über die äußere Entstehung seiner historischen Schriften wenden wir uns der Arbeitsmethode des Königs zu. In allen Vorreden zu seinen Geschichtswerken betont er, daß Wahrheit das erste Gesetz für den Historiker sei. Er beruft sich darauf, daß die Originale der Briefe und Verträge in den Archiven seine Darstellungen beglaubigen würden. Und in der Tat sind sie auf urkundlicher Grundlage aufgebaut.

Friedrich selbst hat eine Reihe von Akten eingesehen. So ließ er sich 1742 für die „Memoiren“ eine Reihe von Archivalien nach Potsdam kommen. Gleiches geschah, obwohl in beschränkterem Umfange, für die Abfassung der Geschichte des Zweiten Schlesischen und des Siebenjährigen Krieges. Er forderte die aus seinem Kabinett hervorgegangenen Manifeste, die aus seiner Feder stammenden Kriegsberichte ein. In der Hauptsache aber hat er seine Beamten herangezogen. Eine Fülle von Erlassen liegt darüber vor. Er wendet sich, wie Posner ausführlich schildert, an seine Minister, an die Beamten des Archivs mit bestimmten Fragen, verlangt über die Punkte, auf die es ihm ankommt, bald schnelle einfache Auskunft, bald Berichte in Gestalt bereits verarbeiteter Aktenauszüge, die sich zu förmlichen Denkschriften auswachsen. Dafür ein Beispiel. Im März 1746 läßt er sich die Korrespondenz kommen, die er mit König Ludwig XV. seit Juni 1744 geführt hat, und fordert gleichzeitig von dem Kabinettsminister Graf Podewils einen „kurzen französischen Extrait oder Précis“ der Verhandlungen seines damaligen Vertreters in Paris. Mit dem Oktober 1744 sollte der Bericht beginnen, „so kurz und summarisch als möglich“ gefaßt sein und endlich auch über den Erfolg der Unterhandlung aufklären.

Stets richtet der König seine Fragen an die sachkundigste Stelle. Der Präsident der Akademie, Maupertuis, muß Auskunft erteilen über Daten zur Geistesgeschichte, die Kabinettsminisier Podewils, Finckenstein und Hertzberg über politische Vorgänge, Fürst Leopold von Dessau über das alte brandenburgische Heerwesen. Das Münzdepartement beim Generaldirektorium wird angewiesen, einen Überblick über das Münzwesen von 1640 bis 1740 zu liefern. Die Kurmärkische Kammer hat eine Übersicht über die Bevölkerung und Besiedlung der Kurmark anzufertigen. Scharf sind die Fragen formuliert, genau ist angegeben, worauf es ankommt. Vergleichende<X> Gegenüberstellungen alter und neuer Zeiten werden verlangt, sobald es sich darum handelt, den Fortschritt der Entwicklung zu kennzeichnen.

Zu den fremden treten die eigenen Vorarbeiten Friedrichs, eigenhändige Aufzeichnungen, in denen mit knappen Stichworten der Gang der künftigen Darstellung skizziert wird. So liegt uns ein eigenhändiger Entwurf für die Geschichte des Großen Kurfürsten vor.

Bei der Ausarbeitung verfuhr der König in der Weise, daß er sich an seine Vorlage — sei es ein von seinen Ministern verfaßter Auszug aus den Akten, die Schilderung einer politischen Verhandlung oder ein Schlachtbericht — eng anschloß. Nicht nur einzelne Wendungen, sondern oft auch ganze Sätze wurden fast Wort für Wort oder doch dem Sinne nach übernommen.

Trotz aller Abhängigkeit Friedrichs von seinen Vorlagen ist dennoch ein großer Unterschied zwischen diesen und seiner Darstellung zu konstatieren. Jene Auszüge der Minister schildern in chronologischer Folge, Schritt für Schritt den Gang der Dinge, der Unterhandlungen; sie exzerpieren die einzelnen Erlasse und Berichte. Dem König hingegen kommt es nur auf den hauptsächlichen Inhalt an; der Verlauf der Ereignisse im einzelnen ist ihm gleichgültig. Er verweilt nur bei den Höhepunkten der Entwicklung. Damit erhebt er die ihm vorliegenden aktenmäßigen Auszüge auf das Niveau künstlerischer Darstellung. Doch nicht genug damit: er begleitet sie mit Betrachtungen politischer oder militärischer Art. Ein schlagendes Beispiel bilden die Wischen Erörterungen, die er in der „Geschichte meiner Zeit“ an die Schlachtschiliderungen knüpft. Ferner werden eigene Erinnerungen und Erlebnisse in die Erzählung verwoben. Endlich sind die Charakteristiken zu nennen, die er von den bedeutendsten Persönlichkeiten entwirft, die sich, wie in dem biographischen Abriß des Großen Kurfürsten, zu einem breit ausgeführten Charaktergemälde, zu einer Parallele zwischen Friedrich Wilhelm und Ludwig XIV. erweitern X-1. Das alles ist Friedrichs geistiges Eigentum. Um es kurz zu sagen: jene Aktenauszüge und fremden Vorarbeiten, die er zugrunde legt, sie sind nur das Rohmaterial, aus dem er als „Architekt“, wie er sich selber einmal nennt, den kunstvollen „großen Bau“ aufführte.

Das Bild wäre unvollständig, gedächten wir nicht auch der Mängel seiner Darstellung. Sie liegen in seiner Sorglosigkeit gegenüber dem Detail. Dies ist in seinen Augen nebensächliches Beiwerk, das er mit souveräner Verachtung behandelt. So finden sich denn zahlreiche falsche Namen und Daten. Zwar hat er einige Irrtümer nachgeprüft, auf die Voltaire ihn hinwies. Aber ihnen stehen andere Fälle gegenüber, wo er jede Korrekur schlechthin ablehnte.

Ebensowenig stimmen seine Zitate genau, sind die Briefe und Urkunden, die er in den Text einschiebt, ganz wortgetreu. Nur um den Sinn ist es ihm zu tun; auf den Wortlaut legt er keinerlei Gewicht. Denn, um es noch einmal zu wieder<XI>holen, von hoher Warte betrachtet er die Dinge. Nur das Große und Bedeutende fesselt seinen Blick; über das Kleine und das Detail schreitet er mit Verachtung hinweg.

Ein Wort endlich über die Beweggründe, die ihm die Feder in die Hand drückten. Er selbst bezeugt, daß ihn die Lektüre Voltairescher Schriften dazu angeregt habe. Dann war es Schaffensfreude und Schaffenstrieb; schriftstellerische Tätigkeit bedeutete ihm Erholung von der schweren Königsarbeit. Aber damit sind die Gründe keineswegs erschöpft. „Geschwister“ seines Politischen Testaments von 1752 hat Friedrich seine Aufzeichnungen von 1746 einmal genannt; denn ihrer Natur nach seien sie zu dem gleichen Schicksal verurteilt, das Licht der Öffentlichkeit nicht zu sehen. Damit steht freilich im Widerspruch, daß er eben sie für die Nachwelt bestimmt! „Dir, künftiges Geschlecht, widme ich dieses Werk!“ so ruft er in der Vorrede aus. Gleichzeitig weiht er es als „Denkmal seiner Dankbarkeit“ den gefallenen Offizieren XI-1.

„Geschwister“ des Testaments waren seine historischen Werke in anderem Sinne. Wie er dort Organisation und Struktur der preußischen Monarchie schildert, wie er dort dem Nachfolger die Wege für die Zukunft weist, so zeigt er in seinen historischen. Schriften das Werden und Wachsen des brandenburgisch-preußischen Staates; er zeigt, wie Preußen in hartem Kampfe mit den Nachbarn groß geworden, wie es alle seine Kräfte in den Dienst der äußeren Politik gestellt, wie infolgedessen Finanzen, Politik und Heerwesen untrennbar miteinander zusammenhängen. Denn auch ihm gilt der Satz: Staat ist Macht! So soll die Nachwelt aus seinen historischen Schriften lernen, daß sie auf diesem Wege weiterwandeln muß, will sie des Vaterlandes Größe wahren und mehren. Man sieht: die Grundgedanken des Politischen Testaments kehren in seinen Geschichtswerken wieder.

Wenn er selbst nur die „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“, und auch diese mit Ausschluß des Kapitels über seinen Vater der Öffentlichkeit übergeben hat, so liegt der Grund nahe. Auf die Politik, auf die Persönlichkeiten, die an den von ihm geschilderten Ereignissen mitgewirkt hatten und die zum Teil noch lebten, mußte Rücksicht genommen werden. Traf er auch keine Bestimmungen über die Veröffentlichung seiner historischen Schriften, so ließ er doch die Frage ihrer späte-ren Herausgabe offen, wie aus den Worten hervorgeht, die er am 24. August 1743 an Voltaire richtete: „Meine Memoiren sind wahrheitsgetreu. Sie können also ihrer Natur entsprechend erst nach Ablauf des Jahrhunderts erscheinen.“

Was die leitenden Grundsätze für. unsere Edition betrifft, so ist zu bemerken, daß die Übertragung der Werke Friedrichs nach dem Text der akademischen Ausgabe der „Œuvres de Frédéric le Grand“ erfolgt Zugleich ist, dem gegenwärtigen Stande der Forschung entsprechend, alles einschlägige Material herangezogen, das als Berichtigung wie als Ergänzung in Frage kommt.

<XII>

Bei der Textgestaltung sind alle offenbaren Versehen und Schreibfehler in Namen und Daten siillschweigends verbessert worden, da sie durch Entstellung des Sinnes nur störend wirken und der König, wie erwähnt, dieses Detail vollständig vernachlässigt hat. Andrerseits sind die Korrekturen der Irrtümer, denen sachliche Bedeutung zukommt, in Fußnoten gegeben. Doch konnte es nicht unsere Aufgabe sein, jegliches zu berichtigen und jegliches zu erläutern. Auch in den Einleitungen zu den einzelnen Bänden haben wir uns auf das Notwendige beschränk Für das weitere Studium verweisen wir auf die bekannten Werke über König Friedrich von Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen, Reinhold Koser und Wilhelm Wiegand und, soweit es die Kriegsgeschichte angeht, auf die Darstellung der „Kriege Friedrichs des Großen“ vom Großen Generalstab, die bei der Herausgabe der historischen Schriften, als maßgebendes Werk zugrunde gelegt worden ist.

Zum vorliegenden Bande, der die „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“ umfaßt, ist zu bemerken, daß der Text der Darstellung bis zum Tode Friedrich Wilhelms I. von Willy Rath übersetzt worden ist, die kulturgeschichtlichen Abhandlungen mit Ausnahme des Abschnittes über die Erwerbungen und Finanzen Brandenburgs von Carl Werner von Jordans, der eben genannte Abschnitt nebst dem Anhang von Friedrich von Oppeln-Bronikowski.

Der französische Text, der den Übersetzungen zugrunde liegt, ist abgedruckt in den „Œuvres de Frédéric le Grand“ (Bd. 1: Die „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“; Bd. 8: Die „Betrachtungen über den gegenwärtigen politischen Zustand Europas“). Der Abschnitt über die Erwerbungen und Finanzen Brandenburgs nebst dem im Anhang mitgeteilten Beitrag „Zur Charakteristik König Friedrich Wilhelms I.“ ist veröffentlicht von M. Posner in den „Miscellaneen zur Geschichte König Friedrichs des Großen“ (hrsg. auf Veranlassung und mit Unterstützung der Königlich Preußischen Archivverwaltung; Berlin 1878). Die kulturhistorischen Abhandlungen des Bandes sind nach der ursprünglichen Reihenfolge angeordnet.

Gustav Berthold Volz.

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Zu den Abbildungen

Durch die vonn Seiner Majestät dem Kaiser erteilte Erlaubnis zum Wiederabdruck der Holzschnitte Adolph von Menzels wurde der Ausschmückung dieses Werkes die Richtung gegeben,

Menzel hat zu der sogenannten Fürstenausgabe der Werke Friedrichs des Großen, die im Auftrage König Friedrich Wilhelms IV. 1846—1857 in 30 Bänden herausgegeben wurde, 200 Holzschnittzeichnungen geschaffen. Der junge Künstler hatte schon zuvor durch die Holzschnitte zu Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen (1. Auflage 1840) seinen Ruhm als Illustrator der friderizianischen Zeit begründet, der er in der Folge den Hauptteil seiner Lebensarbeit gewidmet hat. Er hat der Person des großen Preußenkönigs ihre vermutlich für immer in der Volksanschauung gültige künstlerische Form verliehen. Von der zähen Eindringlichkeit und Gewissenhaftigkeit, mit der er sich das Wesen dieser Epoche zu eigen gemacht hat, legt die wahrhaft ungeheure Zahl seiner Skizzen und Einzelstudien Zeugnis ab. Seine Werke haben durch diese Vorbereitungen die Glaubwürdigkeit zeitgenössischer Illustrationen erhalten.

Die Holzschnitte zum Kugler werden von Manchen für Menzels bestes Werk gehalten. Das Werk, das noch heute zu den beliebten Volksbüchern gehört, ist in Anlehnung an Laurents 1838 'veröffentlichte, von Vernet illustrierte Histoire de Napoléon ausgestattet worden. Von seinem Erscheinen datiert ein neuer Abschnitt in der Geschichte der deutschen Zeichen- und Holzschneidekunst. Menzel schulte seine Holzschneider, die zuerst nur handwerkliche Leistungen aufbrachten, im Laufe der Arbeit zu einem bis dahin unerhörten Grade. Nicht die zarteste Einzelheit der Zeichnungen ging schließlich beim Schnitt verloren, sodaß das Buch den Eindruck macht, als sei es mit Federzeichnungen geschmückt. Die Beweglichkeit der Erfindung, mit der Menzel aus diesem tatenreichen Herrscherleben immer neue Züge schöpfte, ist erstaunlich. Das Gesamtbild der fast 400 Holzschnitte, in denen er ohne eine Wiederholung den zahllosen Schlachten bis zum kleinsten Geplänkel, den großen und kleinen Begebnissen der Friedenszeiten folgte, ist von unverwüstlicher Frische. Menzel war mit seinem technischen Stabe wie kein anderer auf den neuen Auftrag vorbereitet.

<XIV>

Die Aufgabe war eine andere, wenigstens hat er sie anders erfaßt. Er ist hier yicht mehr der Erzähler, der in der Hauptsache sich an die tatsächlichen Geschehnisse anzuschließen hatte; hier will er in seinen Vignetten, die nur an den Kapitelschlüssen stehen, den literarischen Kern des jeweiligen Abschnittes herausschälen. Es gibt da zwar auch Bildnisse und historische Darstellungen, aber ihr Gepräge erhält diese denkwürdige Folge durch die Zeichnungen zu den Gedichten, satirischen Schriften und Briefen des Königs, deren Pointen Menzel, so wie er sie in ihrem Witz oder Ernst sah, geistreich verbildlichte. Diese Blätter haben zuweilen etwas Grüblerisches, Tieft sinniges gegenüber der naiven Unmittelbarkeit der Kuglerholzschnitte. Und mit der vorsichtigeren Erwägung, aus der sie entstanden, verfeinerte sich auch die bei der älteren Folge oft derbe Zeichnung bis zu einer solchen Subtilität, daß es schier rätselhaft ist, wie die Holzschneider diese höchste Zierlichkeit auch in der Ausführug herauszubringen vermochten. Blätter wie Jordan auf der Ranke oder Duhan mit dem jungen Friedrich unter dem Rokokoportal gehören zu den Wundem der Holzschneidekunst.

Die Briefwechsel sind in dieser Ausgabe fortgelassen worden. Um die dazu gehörigen Holzschnitte Menzels nicht gänzlich ausfallen zu lassen, ist eine Anzahl von ihnen an anderen geeigneten Stellen untergebracht worden. Ferner ist eine Reihe der Kuglerholzchnitte, soweit sie sich im mit mit den später geschaffenen Illustrationen zu den Werken des Königs zu vertragen schienen, in den Text verteilt und sind auch einige Blätter aus der ebenfalls von Menzel mit Holzschnitten geschmückten Heerschau der Soldaten Friedrichs des Großen von Lange aufgenommen worden. Die letzteren mußten verkleinert werden, während alle anderen Textabbildungen entweder von den Originalgalvanos aber, wenn deren Erhaltung nicht mehr genügte, nach den besten Probedrucken des Berliner Kupferstichkabinetts hergestellt wurden.

Menzel war nicht der erste Illustrator friderizianischer Werke. Schon für die alten Originalausgaben haben Berliner Künstler, zumal Johann Wilhelm Meil und Georg Friedrich Schmidt, Illustrationen in Kupferstich und Radierung geschaffen. Aber sie dienten nur einzelnen Werken zum Schmuck. Menzel ist der einzige, der eine Gesamtausgabe so reichlich illustriert hat, daß eine Erneuerung gerechtfertigt scheint. Wir haben, um dem Werke eine einheitliche Erscheinung zu geben, auf die Benutzung einzelner älterer Abbildungen verzichtet. Die gesamte bildliche Ausschmückung des Textes ist Menzel überlassen geblieben. Die Lichtdrucktafeln aber bringen — außer einigen Abbildungen aus noch früherer Zeit im ersten Bande — Reproduktionen von Kunstwerken aus der Feit des Königs. All die Persönlichkeiten, die in seinem Leben eins bedeutende Rolle gespielt haben, seine Verwandten, seine Mitarbeiter in Krieg und Frieden, seine Freunde und auch seine großen Feinde, denen er seine Achtung wahrlich nicht versagte, sollten hier in authentischen Bildnissen dargestellt werden. Aus dem großen Schatz an Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und graphischen Werken, die aus jener Zelt auf uns gekommen sind, wurde<XV> eine Auswahl getroffen, und manches auch den Kennern nicht geläufige Bild wird hier zuerst bekannt gegeben. Von dem Grundsatz, auf diesen Tafeln nur authentische Werke abzubilden, sind wir scheinbar abgewichen, indem wir auch aus Menzels Bleistiftzeichnungen, welche die Nationalgalerie in Berlin besitzt, eine Auslese in diesen Bilderkreis eingeschlossen haben. Wer aber weiß, mit welcher Sicherheit Menzel das Charakteristische aus den alten Vorlagen in seine Zeichnungen übertrug, wird ihnen den Wert der Urkunde nicht absprechen.

Die den historischen Schriften beigegebenen Pläne und Schlachtskizzen hat Herr Hauptmann Henke vom Großen Generalstabe gezeichnet. Allen denen, die durch die Überlassung von Reproduktionsrechten und Bildervorlagen dem Werke ihre Unterstützung geliehen haben, soll im Schlußbande gedankt werden.

Elfried Bock.

<1>

Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg

<2><3>

Widmung an den Prinzen von Preußen

Mein geliebter Bruder!

Seit einiger Zeit verwandte ich meine Mußestunden auf die Abfassung eines Abrisses der Geschichte des Hauses Brandenburg. Wem könnte ich dies Werk wohl mit größerem Rechte widmen als Dir, der Du eines Tages Schmuck und Zier der vaterländischen Geschichte bilden wirst, den die Geburt zum Throne beruft, dem all meine Lebensarbeit gilt?

Wohlvertraut war Dir, was Deine Väter geleistet haben, ehe ich zur Feder griff, es aufzuzeichnen. So hat die Mühe, die in meiner Arbeit steckt, nur den Zweck, Dir alles wieder ins Gedächtnis zu rufen. Beschönigt habe ich nichts, nichts mit Stillschweigen Übergangen. Wie sie gewesen sind, so habe ich die Fürsten Deines Hauses dargestellt. Mit dem gleichen Pinsel habe ich das Bild des Großen Kurfürsten gemalt, seine bedeutenden Eigenschaften im Frieden wie im Felde, aber auch die Fehler des ersten Preußenkönigs, jene Schwächen, die in der Folge freilich, nach einem geheimen Plane der Vorsehung, unser Haus zur jetzigen Ruhmeshöhe emporgeführt haben.

Frei habe ich mich über alle Vorurteile erhoben. Fürsten, Könige, Verwandte habe ich nicht anders betrachtet als Menschenkinder gewöhnlichen Schlages. Da durfte mich keine gebietende Stellung beirren; meine Vorfahren habe ich nicht vergöttert. Freimütig habe ich Fehle und Laster an ihnen getadelt: der Thron darf dafür keine Freistatt sein. Der Tugend gab ich Ehre, wo ich sie fand, hütete mich aber, mich vom Enthusiasmus hinreißen zu lassen, damit die schlichte und lautere Wahrheit allein in dieser Darstellung das Wort habe.

Ist dem Menschen ein Blick in die Zukunft vergönnt, vermag ihm Versenkung in die Grundursachen deren notwendige Folgen zu erschließen, so prophezeie ich, nach meiner Kenntnis Deines Charakters, unserem Staate ein Glück, das von Dauer sein wird. Nicht blinde Liebe ist es, die mein Urteil zu Deinen Gunsten besticht, noch die Sprache niedriger Schmeichelei, die wir beide gleichmäßig verabscheuen. Wahrheit heißt es mich aussprechen, und innig beglückt es mich, daß ich es darf: heute schon hast Du Dich würdig erwiesen der hohen Stellung, zu der die Geburt Dich beruft.

Du hast Dir den Ehrennamen Verteidiger des Vaterlandes verdient: großdenkend hast Du Dein Leben dafür eingesetzt. Du hast Dich nicht für zu gut gehalten,<4> von unten herauf bei der Fahne zu dienen, weil Du Dir sagtest, wer befehlen will, der muß erst gehorchen lernen, weil Dein bescheidener Sinn Dir verbot, Dir nach Art der meisten Fürsten einen Ruhm begehrlich anzumaßen, der ihren erfahrenen alten Feldherren, aber nicht ihnen gebührt. Einzig auf das Wohl des Staates bedacht, ließest Du alle Leidenschaften schweigen, jedes Sonderinteresse zurücktreten, wenn es galt, dem Vaterlande zu dienen. Genau so handelte Bouffiers, als er im Feldzuge von 1709 sich dem Könige von Frankreich anbot und unter Villars Dienst tat, obschon er diesem Marschall an Dienstjahren voraus war. Laß mich auf Dich Villars' Wort anwenden, da er seinen älteren Waffenbruder beim Heere eintreffen sah, bereit, sich ihm zu unterstellen: „Solch ein Geselle“, sprach er da, „wiegt einen Meister auf.“

Doch ich baue meine Hoffnungen und die der Welt nicht nur auf jene unerschütterliche Kaltblütigkeit in den schlimmsten Fährnissen, nicht nur auf jene Kraft, im entscheidenden Augenblick einen klugen Entschluß zu fassen, Eigenschaften, um derentwillen die Truppen in Dir ein Hauptwerkzeug ihrer Siege erblicken. Waren doch so manches Mal die tapfersten Könige ein Unglück ihrer Staaten. Denk an Franz I., Karl XII. und so viele andere Fürsten, die ihrer eigenen Sache durch maßlosen Ehrgeiz schweren Schaden zufügten oder sich fast zugrunde gerichtet hätten. Nein, etwas anderes ist es: Deine Liebenswürdigkeit, Dein warm empfindendes Gemüt, die aufrichtigen Tränen, die Du damals vergossest, als ein plötzlicher Zufall meinem Dasein ein Ziel zu setzen drohte4-1. Darin erblicke ich eine sichere Bürgschaft für Deine edle Art, ein Unterpfand für das Glück derer, über die der Himmel Dir einmal das Regiment anvertrauen wird. Steht ein Herz der Liebe offen, so ist es erhaben über niedre Ehrsucht: Du kennst keine andere Richtschnur für Dein Tun als Gerechtigkeit und hegst keinen anderen Wunsch, als Dir die Achtung geistig hochstehender Männer zu erhalten. Nicht anders dachten die Antonine, dachte ein Titus, ein Trajan, dachten die besten aller Fürsten, die man mit Recht die Lust des Menschengeschlechtes genannt hat.

Bruder, wie beglückt es mich doch, so viel Vortrefflichkeit in dem liebsten und nächsten meiner Verwandten zu finden! Der Himmel gab mir einen empfänglichen Sinn für menschliche Vorzüge und ein dankbares Herz. Diese Bande werden mich, außer denen des Blutes, immerdar an Dich knüpfen. Sind Dir diese meine Gesinnungen auch längst nichts Neues mehr, so ist es mir doch eine Freude, sie erneut am Eingange dieses Werkes auszusprechen, gleichsam vor den Augen der ganzen Welt.

Ich bin in Liebe und Hochschätzung, teurer Bruder,

Dein getreuer Bruder und Diener Friderich.

<5>

Vorrede von 1748

Nichts sollte einem das Schreiben so verleiden wie die Flut der Bücher, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerei treibt, verleiht nur unseren Dummheiten ewiges Leben, und der Nachwelt wird er bitterböse Urteile an die Hand geben: was unsere Werke doch für eine leichte Ware seien! In der Tat, es hat den Anschein, als seien wir zu Ende mit allen denkbaren Stoffen von der Zeder bis zum Ysop5-1; dreihundert Schriftsteller — wer weiß, vielleicht tausend, haben Erinnerungen und Beiträge zur Geschichte Frankreichs verfaßt. So winzig kein Freistaat, er hat eine umfangreiche Darstellung seiner Geschichte gefunden; hat man doch selbst die Insekten mit einem Werke von acht gewichtigen Bänden in Quarto beehrt5-2 deren Einbände zum mindesten in den Büchereien der Liebhaber sich recht stattlich ausnehmen. Sogar von Beleidigungen, die neidisches Gelehrtengezänk zutage gefördert hat, gibt es umfangreiche Sammlungen, angefangen bei feinen Nadelstichen bis zu plumpen Beschimpfungen. Und so muß man zugeben und anerkennen: unser Jahrhundert läßt es sich sauer werden, das Menschengeschlecht zu unterrichten.

Sollte man nun nicht meinen, wer derartige Betrachtungen anstellt, werde selber nie eine Feder anrühren? Und doch vermochte die allgemeine Schreibwut, diese herrschende Landseuche, auch mich, unter die Schriftsteller zu gehen! Ja, man darf nie sich selber über den Weg trauen; wir sind Sophisten, sobald unsere Leidenschaften in Frage kommen. Genug, ein böser Geist oder dergleichen gibt mir den Gedanken ein, die Geschichte des Hauses Brandenburg sei noch nicht geschrieben! Und alsbald ist meine Einbildungskraft entzündet. Ich erbitte und erwirke die Vergünstigung, mich in den königlichen Archiven zu unterrichten, meine Forschungen führen mich zu neuen Quellen, und siehe da, auf einmal bin ich, ich mag wollen oder nicht, Geschichtsschreiber. Da die beschauliche Tätigkeit im Arbeitszimmer mich ins Haus bannte, so fragte mich ein Freund nach dem Grunde solcher Zurückgezogenheit und setzte mir so arg zu, daß ich in meiner Not alles bekannte. Er las meinen Versuch<6> und wußte mich dahin zu bringen, daß ich ihn der Königlichen Akademie der Wissenschaften vorlegte.

Für die urkundliche Richtigkeit der Tatsachen, die mein kleines Werk anführt, kann ich mich verbürgen. Archive, Chroniken, auch Schriftsteller, die ihrerseits schon über mein Gebiet gearbeitet haben, das sind meine Quellen gewesen. Not getan hätte freilich ein geschickterer Baumeister, um aus dem Stoffe etwas zu machen, und dann auch ein Kritiker, der nicht mit der gleichen Wärme wie Herr von Maupertuis jegliche wissenschaftliche Arbeit ermuntert6-1. Nun ist es am Leser, über mein Werk zu richten. So blind macht mich meine Eigenliebe nicht, daß ich überzeugt wäre: was ich ihm gebe, sei gut.

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Zur Einführung
(1751)

Die Geschichte gilt als die Schule der Fürsten. Sie gibt ihnen ein bleibendes Bild der Regierung der Herrscher, die Väter des Vaterlandes waren, sowie der Tyrannen, die es verheerten. Sie zeigt ihnen die Ursachen für der Reiche Wachstum wie für ihren Niedergang. Sie bringt dabei eine solche Fülle von Charaktergestalten ans Licht, daß Ähnlichkeiten mit Fürsten unserer Tage sich ohne weiteres aufdrängen; und wenn sie über die Toten ihr Urteil spricht, richtet sie stillschweigend über die Lebenden mit. Ihre Vorwürfe über die Laster derer,die nicht mehr sind, geben den Lebenden eine Lehre der Tugend, als wollte sie ihnen enthüllen, welches Urteil die Nachwelt über sie fällen wird.

So sehr das Studium der Geschichte die eigenste Sache der Fürsten ist, ihren Wert hat sie nicht minder für den Bürger. Da sie die Kette der Begebenheiten aller Jahrhunderte bis auf unsere Tage darstellt, so gibt sie dem Rechtsgelehrten, dem Staatsmann und dem Krieger, der sie zu Rate zieht, Aufschluß über den Zusammenhang der Vergangenheit mit der Gegenwart. Lob und Ehre aller, die ihrem Lande treu gedient haben, finden sie in der Geschichte, ebenso den Fluch, der auf dem Namen derer lastet, die das Vertrauen ihrer Mitbürger getäuscht haben. So gewinnen sie hier eine Erfahrung, wie sie sonst das Leben erst später zur Reife bringt. Wer den Umkreis seiner Anschauungen und Begriffe nur auf seine vier Wände einschränkt, wer seine Kenntnisse nicht erweitern mag über den Bereich seiner häuslichen Pflichten, der verkümmert und verblödet in gröbster Unwissenheit. Wer aber in den Tagen der Vergangenheit sich heimisch zu machen weiß, die ganze Welt mit seinem Geiste umspannt, der trägt in Wahrheit Eroberungen über die Unwissenheit und den Irrtum davon. Das heißt in allen Zeitaltern gelebt haben, ein Bürger aller Orte und Länder werden!

Die Weltgeschichte reicht uns die Hand, damit wir uns zurechtfinden in der Fülle von Begebenheiten in aller Herren Ländern. Methodisch geleitet sie uns vom grauen Altertum her durch die Folge der Zeiten und gliedert sie in Hauptepochen, die dem Gedächtnis einen Anhalt bieten. Aber auch jede Einzeldarstellung hat ihren Wert,<8> insofern sie die Folge der Geschehnisse im Schoße eines einzelnen Reichs eingehend schildert, immer in der Beschränkung auf dies Sondergebiet. Bieten uns weltgeschichtliche Darstellungen ein gewaltiges Gemälde mit einer wunderbaren Gestaltenfülle, wobei manche Gestalt ganz im deckenden Schatten der anderen bleibt, sodaß sie fast verschwindet, so hebt die Einzeldarstellung nur eine Figur aus dem Gemälde heraus, führt sie in großen Maßen aus, bedenkt sie mit allem Reiz von Licht und Schatten, der sie erst zur Geltung bringt, und setzt die Welt in den Stand, sie mit der Gründlichkeit zu betrachten, die sie verdient.

Ein Mensch, der sich nicht vom Himmel gefallen wähnt, der die Weltgeschichte nicht von seinem Geburtstage an datiert, muß zu wissen verlangen, was sich wohl zu allen Zeiten und in allen Landen begeben hat. Gesetzt auch, seine Gleichgültigkeit früge garnichts nach dem Lose so vieler großer Völker, die das Spiel des Schicksals waren, wenigstens für die Geschichte seines eignen Landes wird er etwas übrig haben und sich an der Betrachtung der Geschehnisse erbauen, die seine Voreltern so nahe angingen. Mag ein Engländer nichts wissen vom Leben der Könige auf den persischen Thronen, mag er sich nicht auskeimen in der endlosen Schar von Päpsten, die der Kirche Gebieter waren, keiner wird es ihm verübeln. Nicht so nachsichtig wird man urteilen, hat er keine Kenntnis vom Ursprung seines Parlaments, von Brauch und Recht seines Inselreichs, von den verschiedenen Königsgeschlechtern, die in England geherrscht haben.

Alle gesitteten Völker Europas fanden ihre Geschichtsschreiber, nur die Preußen nicht. Zu solchen zähle ich nicht einen Hartknoch, einen Pufendorf8-1. Sie waren fleißige Arbeiter, die Tatsachen zusammentrugen. Doch ihre Werke sind eher geschichtlich Nachschlagebücher als eigentliche historische Darstellungen. Ebensowenig rechne ich hierher Lockelius8-2, der nur eine weitläuftige Chronik zustande gebracht hat, in der man jegliche fesselnde Einzelheit mit hundert Seiten Langerweile teuer erkaufen muß. Schreiber dieser Gattung sind eben nur Handlanger: emsig, aber wahllos schleppen sie einen Haufen von Bausteinen zusammen, die so lange unverwertet liegen bleiben, bis ein Baumeister ihnen die rechte Gestalt verleiht. Was derart zusammengestoppelt ward, ergibt nun und nimmer eine Geschichte, ebensowenig wie ein Haufen Drucklettern schon ein Buch darstellt, es komme denn Ordnung in das Ungefähr, daß es sich gliedere zu Worten, Sätzen und Satzgefügen. Die ungeduldige Jugend und Leute von Geschmack, die mit ihrer Zelt haushalten, machen sich nur mit Widerstreben an diese ungeheuren Wälzer; Leser, die sich gern mit einem Hefte abfinden, entsetzen sich vor einem Folianten. Aus diesen Gründen wurden die ge<9>nannten Schriftsteller nur wenig gelesen, blieb die Geschichte Brandenburgs und Preußens so gut wie unbekannt.

Seit der Regierung Friedrichs I. machte sich das Bedürfnis nach einem Schriftsteller fühlbar, der diese Geschichte in eine annehmbare Gestalt brächte. Aus Holland ward Teissier berufen und mit der Aufgabe betraut9-1. Leider gab der statt einer geschichtlichen Darstellung einen Panegyrikus. Er wußte wohl nicht, daß Wahrheit so zum Wesen der Geschichte gehört wie zum menschlichen Leibe die Seele.

So fand ich eine leere, wüste Stätte und versuchte, darauf einen Bau zu errichten, einmal, um ein nützlich Ding zu schaffen, sodann, um der Nation das Geschichtswerk zu geben, das ihr fehlte. Die Tatsachen schöpfte ich aus den besten Quellen, die mir zugänglich waren. Für die graue Vorzeit griff ich auf Cäsar und Tacitus zu-rück, für die späteren zog ich die Chronik des Lockelius, Pufendorf und Hartknoch zu Rate. In erster Linie gestaltete ich meine Denkwürdigkeiten an der Hand der Chroniken und der echten Urkunden in den königlichen Archiven. Was ungewiß bleibt, habe ich als ungewiß berichtet. Lücken ließ ich offen, wie ich sie vorfand. Ich machte mir zum Gesetz, die Dinge unparteiisch und mit dem Auge des Philosophen zu betrachten; denn ich bin überzeugt, daß des Geschichtsschreibers vornehmste Pflicht ist, wahr zu sein.

Sollten empfindliche Gemüter sich verletzt fühlen, wenn ich ihre Väter nicht in vorteilhafter Weise schilderte, so kann ich nur das eine erwidern: Lobpreisen lag mir fern, ich wollte Geschichte schreiben! Es tut der Geltung ihres eigenen Wertes keinen Abbruch, wenn man die Fehler ihrer Vorfahren tadelt; das eine verträgt sich sehr wohl mit dem andren. Es ist übrigens nur allzu wahr: ein Werk, das nicht frei von allem Zwang geschrieben ward, kann nur mittelmäßig oder ganz wertlos sein; man frage darum nicht nach den Menschen, die vergänglich sind, sondern nur nach der Wahrheit, die niemals stirbt.

Vielleicht findet der eine oder andere meinen Abriß zu kurz geraten. Ihnen sei zur Antwort, daß es nie in meiner Absicht lag, ein großes, eingehendes Werk zu verfassen. Mag ein Professor, der den Kleinkram liebt, es mir verübeln, daß ich nirgends angebe, aus welchem Stoffe der Rock Albrecht Achills gewesen oder welchen Schnitt der Kragen Johann Ciceros gehabt hat; mag ein Regensburger Pedant den Kopf schütteln, weil ich keine Prozesse, Verhandlungen, keine Verträge und Friedenstraktate abgeschrieben habe, wie man sie sonst wohl in dickleibigen Büchern vorfindet. All diesen Leuten sei gesagt: für sie schreibe ich nicht. Einen Folioband herzustellen, dazu habe ich keine Zeit, kam ich doch schon mit meinem Abriß ins Gedränge. Überhaupt bin und bleibe ich der Meinung, daß eine Sache nur so weit der Niederschrift lohnt, wie sie wert ist, behalten zu werden.

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Aus diesem Grunde habe ich die dunklen Anfangszeiten, sowie die Regierung der ersten Herrscher, die uns nur wenig angehen, in großen Sprüngen durchmessen. Es geht mit Geschichtswerken wie mit Gewässern, die erst da Bedeutung gewinnen, wo sie schiffbar werden. Die Geschichte des Hauses Brandenburg wird erst fesselnd mit Johann Sigismund: einmal infolge der Erwerbung des Herzogtums Preußen, sodann durch die Klevische Erbfolge, auf die er durch Heirat Rechtsansprüche hatte. Erst von dem Zeitabschnitt ab gewinnt der Stoff an Fülle, und so gewährte er auch mir die Möglichkeit, mich entsprechend auszudehnen.

Der Dreißigjährige Krieg hat ein ganz anderes Interesse als etwa die Fehden Friedrichs I. mit den Nürnbergern oder die Turniere Albrecht Achills. Dieser Krieg, der seine tiefen Spuren in allen Staaten zurückließ, ist eines jener großen Weltgeschehnisse, die jedem Deutschen, jedem Preußen vertraut sein müssen. Er führt uns auf der einen Seite den Ehrgeiz des Hauses Österreich vor Augen, wie es mit Waffengewalt sein despotisches Regiment im Reiche zu errichten strebt. Auf der anderen Seite erblicken wir den großen Sinn der deutschen Fürsten, die für ihre Freiheit streiten, wobei die Religion denn hüben und drüben den Vorwand abgeben muß. Wir sehen, wie die Politik zweier großer Könige sich der Geschicke Deutschlands annimmt und wie sie das Haus Österreich dahin bringt, im Westfälischen Frieden in die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen dem Ehrgeiz des Kaisers und der Freiheit der Kurfürsten zu willigen. Begebenheiten von solcher Tragweite, daß sie sich bis auf den heutigen Tag in den wichtigsten Staatsfragen fühlbar machen, verlangten eine ins einzelne dringende Behandlungsweise, und so habe ich ihnen denn auch so viel Platz eingeräumt, wie sich mit der Anlage meines Werkes vertrug.

Soweit es mir andere wichtigere Obliegenheiten erlaubten, habe ich diese neue Ausgabe noch einmal durchgesehen, verbessert und erweitert. Da die erste nach einer wenig sorgfältigen Abschrift hergestellt war, so habe ich versucht, die vorliegende einwandfreier zu gestalten, wie ich es sowohl dem Gegenstand als auch dem Publikum schuldig war, das von jedem, der da schreibt, Achtung zu fordern hat.

Soeben erschien ein chronologischer Abriß der französischen Geschichte10-1, der wirklich für eine Quintessenz ihrer bemerkenswertesten Tatsachen gelten darf. Der feinsinnige Verfasser versieht sich auf die Kunst, selbst die Chronologie gefällig zu gestalten. Man braucht nur den Inhalt dieses Buches zu kennen, um die französische Geschichte vollständig zu beherrschen. Ich schmeichele mir nicht, meinem Versuch die gleichen Reize verliehen zu haben; doch halte ich meine Mühe für belohnt, wenn mein Werk vielleicht für die Jugend von Nutzen sein kann, und wenn es solchen Lesern Zeit erspart, die keine zu verlieren haben.

Wie schwierig es für einen Deutschen ist, in einer fremden Sprache zu schreiben, das sagte ich mir selbst. Gleichwohl entschied ich mich für die französische, weil sie am<11> meisten Schliff und die größte Verbreitung in Europa besitzt und dank den guten Schriftstellern des Zeitalters Ludwigs XIV. gewissermaßen eine feststehende Form erlangt hat. Schließlich ist es heute wohl kaum verwunderlicher, wenn ein Deutscher Französisch schreibt, als es in Ciceros Tagen befremden konnte, wenn ein Römer Griechisch schrieb.

Mehr mag ich über mein Buch nicht sagen, sonst wird noch die Vorrede länger als das Werk. Mag denn der Leser selbst richten, ob erreicht ist, was ich mir vorgesetzt hatte, oder ob ich Mühe und Zeit verloren habe.

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Einleitung

Das Haus Brandenburg oder vielmehr das Haus Hohenzollern ist so alt, daß sein Ursprung sich im Dunkel der Vorzeit verliert. Sagen und Vermutungen lassen sich über seine Herkunft genug beibringen, doch dergleichen gehört nicht vor ein urteilsfähiges und aufgeklärtes Publikum in unserem Zeitalter. Wenig Wert legen wir auch darauf, wenn Genealogen dies Haus von den Colonna herleiten, und wenn sie dabei den groben Schnitzer begehen, das Zepter des brandenburgischen Wappens für die Säule zu halten, die jenes italienische Haus in seinem Schilde führt. Ebensowenig will es uns bedeuten, daß man die Grafen von Hohenzollern von Wittekind abstammen läßt, von den Welfen oder sonst welchem Geschlecht. Die Menschen, meine ich, sind allzumal eines Stammes, eines recht alten. Schließlich sind genealogische Untersuchungen ebenso wie etymologische Forschungen derartiger Kleinkram, daß sie schon um deswillen nicht würdig sind, einen denkenden Kopf zu beschäftigen. Tatsachen wollen wir sehen, Tatsachen von Belang, Dinge, die imstande sind, die Aufmerksamkeit vernünftiger Leute zu fesseln. So verzichten wir auf das Vergnügen, uns über diese ebenso nichtigen wie reizlosen Forschungen den Kopf zu zergrübeln.

Thassilo ist der erste Graf von Hohenzollern, von dem die Geschichte weiß. Er lebte etwa um 800. Seine Nachkommen waren Danko, Rudolf I., Otto, Wolfgang, Friedrich I., II. und III., Burchard, Friedrich IV., Rudolf II., deren Lebensgeschichte ganz im Dunkel bleibt12-1. Konrad, der ums Jahr 1200 lebte, ist der erste Burggraf von Nürnberg, dessen die Geschichte gedenkt. Seine Nachfolger waren Friedrich I. im Jahre 1216, Konrad II. 1260, Friedrich II. 1270. Vom dritten Friedrich vernehmen wir, daß er von seinem Schwager, dem Herzog von Meran, die Herrschaften Bayreuth und Kadolzburg erbte. Johann I. folgte 1298 und ihm Friedrich IV. im Jahre 1332.

Burggraf Friedrich leistete den Kaisern Albrecht, Heinrich VII. und Ludwig dem Bayern wertvolle Dienste im Kriege mit Friedrich von Österreich. Der Burggraf schlug diesen, nahm ihn gefangen12-2 und lieferte ihn in des Kaisers Hand, der ihm<13> zum Danke dafür sämtliche Österreicher schenkte, die jener zu Gefangenen gemacht hatte. Friedrich ließ sie frei unter der Bedingung, daß sie von ihm ihren Besitz als Lehen empfingen — der Ursprung der Vasallen, die die fränkischen Markgrafen noch in Österreich besitzen13-1.

Auf Friedrich IV. folgten Konrad IV. im Jahre 1334, Johann II. 1357, Albrecht der Schöne im Jahre 136113-2 und dessen Neffe, Friedrich V., den Kaiser Karl IV. im Jahre 1363 auf dem Reichstage zu Nürnberg zum Reichsfürsten ernannte, ja den er zum Reichsverweser einsetzte.

Friedrich V. teilte im Jahre 1397 den Landbesitz seiner Burggrafschaft unter seine beiden Söhne, Johann III. und Friedrich VI. Doch da Johann kinderlos starb, fiel das ganze väterliche Erbe an Friedrich VI.

Dieser drang im Jahre 1408 mit seiner Heeresmacht in das Gebiet der Stadt Rothenburg ein, die sich im Reichsbann befand, und brach mehrere Burgen. Im Jahre 1412 trat er die Herrschaft der Mark an, die ihm Kaiser Sigismund verliehen hatte.

Die letzten Kurfürsten von Brandenburg hatten ihren Sitz nicht in der Mark genommen. Deshalb spielte der Adel dort den Herrn, unbotmäßig, trotzig und aufsässig, wie er war. Da schloß der neue Statthalter einen Bund mit den pommerschen Herzögen und lieferte den Aufrührern eine blutige Schlacht bei Zossen13-3. Er ward ihrer völlig Herr und brach etliche ihrer Burgen, in die sie sich geworfen hatten. Mit dem Geschlechte der Quitzows ward er erst fertig, nachdem er ihnen vierundzwanzig feste Schlösser genommen hatte.

Damit treten wir in die glorreiche Epoche des Hauses Hohenzollern ein; doch da es nunmehr in einen neuen Boden verpflanzt ist, empfiehlt es sich, eine Vorstellung von den Anfängen Brandenburgs und von seiner Verfassung zu geben.

Die Länder, die damals die Mark Brandenburg bildeten, waren die Altmark, die Mittelmark, die Neumark, die Uckermark und die Priegnitz; doch war die Neumark dem Deutschen Orden verpfändet, während den Besitz der Uckermark sich die pommerschen Herzöge angemaßt hatten. Das Wort Markgrafschaft bezeichnet ursprünglich Grenzherrschaft.

Zuerst setzten die Römer Statthalter in den von ihnen eroberten Ländern Germaniens ein. Doch wohlgemerkt: die Elbe haben sie nie überschritten; ihr ungebärdiger, kriegerischer Sinn scheint nach Tacitus die dortigen Völkerschaften andauernd gegen die Unternehmungen der Römer gesichert zu haben. Die Sueben, die ältesten Bewohner der Mark, wurden durch die Wandalen, Heneter, Sachsen und Franken verjagt. Karl der Große hatte seine Not, sie zu unterjochen; es war dies im Jahre 789. Erst 927 setzte Heinrich der Vogler Markgrafen in jene Gebiete, um die aufruhr<14>lustigen Völker in Zucht zu halten, ebenso aber ihre Nachbarn, deren abenteuernde Tapferkeit sich in Einfällen und Raubzügen entlud. Siegfried, der Schwager Kaiser Heinrichs, war nach Enzelt14-1 der erste Markgraf von Brandenburg im Jahre 927. Unter seiner Regierung wurden die Bistümer Brandenburg und Havelberg durch Kaiser Otto den Großen gestiftet, erst 28 Jahre nachdem dieser das Erzbistum Magdeburg gegründet hatte14-2.

Neun verschiedene Fürstenhäuser, die brandenburgische Markgrafen stellten, zählt man von Siegfried bis auf unsere Tage, nämlich: Sachsen, Walbeck, Stade, Plötzke, Anhalt, Bayern, Luxemburg und Meißen, zuletzt das Haus Hohenzollern, das heute noch besteht.

Unter den sächsischen Grafen verwüstete ein wendischer Fürst namens Mistiwoi die Marken völlig und verjagte ihre Herren. Kaiser Heinrich II. mußte das Land zurückerobern, die Barbaren wurden aufs Haupt geschlagen, und Mistiwoi fand mit 6 000 der Seinen den Tod. Die Markgrafen waren nun zwar wiedereingesetzt, aber eines ungestörten Besitzes von Brandenburg sollten sie sich darum doch nicht erfreuen. Jetzt gab es Kriege gegen die Wenden und andere barbarische Völker, in denen sie bald unterlagen, bald die Oberhand hatten. Ihre Macht befestigte sich erst unter Albrecht dem Bären14-3, dem ersten aus dem Hause Anhalt, das unter den Markgrafenhäusern das fünfte war. Kaiser Konrad III. erhob ihn zum Markgrafen, Friedrich Barbarossa zur Kurwürde etwa ums Jahr 110014-4. Der Wendenfürst Pribislaw, der kinderlos war, faßte eine so freundschaftliche Zuneigung zu Albrecht dem Bären, daß er ihm im Jahre 1144 die Mittelmark testamentarisch vermachte. Albrecht besaß damals die Altmark, die Mittelmark, Obersachsen, das Anhaltsche Land und einen Teil der Lausitz.

Nun kommen wir an eine Lücke in unseren Archiven: über der Geschichte der Fürsten vom anhaltinischen Stamme ruht ein nicht aufzuhellendes Dunkel. Man weiß, daß diese Linie im Jahre 1320 mit dem Tode Waldemars erlosch. Der damals regierende Kaiser Ludwig der Bayer sah in der Mark ein erledigtes Reichslehen und gab sie an seinen Sohn Ludwig, den ersten vom sechsten Markgrafengeschlechte (1323). Der hatte drei Kriege zu bestehen, einen mit den Herzögen von Pommern, die in die Uckermark einbrachen; einen mit den Polen, die die Grafschaft Sternberg verwüsteten; den dritten mit einem Betrüger, der sich den Namen Waldemars, des Oheims des letzten Anhaltiners, anmaßte, sich einen Anhang zu schaffen wußte und einige Städte in seine Gewalt bekam, aber doch zuletzt überwältigt wurde (1348). Dieser falsche Waldemar war der Sohn eines Belitzer Müllers.

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Ludwig der Römer15-1 folgte seinem Bruder. Als auch er kinderlos starb, kam der dritte Bruder, Otto, an die Reihe. Dieser Fürst war so schwächlichen Sinnes, daß er nach dem Tode seines Bruders im Jahre 1373 die Mark für 200 000 Goldgulden an Kaiser Karl IV. aus dem Hause Luxemburg verkaufte, der ihm aber nicht einmal diese mäßige Kaufsumme auszahlte. Karl IV. gab die Mark seinem Sohne Wenzel, der sie seinem Königreich Böhmen einverleiben wollte.

Nach Wenzels Tode erhielt Sigismund aus dem nämlichen Hause die Kurmark15-2. Die Neumark, die der Deutsche Orden seinerzeit, im Kampfe gegen Kurfürst Johann erobert und die Otto der Lange durch Kauf wieder an sich gebracht hatte, ward aufs neue an den Orden veräußert: Sigismund, der Geld brauchte, verkaufte das Land im Jahre 1402 an die Ritter. Auf Sigismund folgte Jobst. Man behauptet, er habe seinen Bruder Prokop vergiftet. Da Jobst nach der Kaiserwürde strebte, so verkaufte er die Kurmark für 400 000 Gulden an Herzog Wilhelm von Meißen. Der besaß sie indessen nur ein Jahr lang, worauf Kaiser Sigismund sie zurückerwarb.

Die merkwürdige Gepflogenheit des Kaufs und Verkaufs von Staaten, die in jenem Jahrhundert so sehr im Schwange war, zeigt recht deutlich den Tiefstand der damaligen Gesittung und auch den elenden Zustand dieser Länder, die man so wohlfeil erwerben konnte.

Der Kaiser, der sich selbst der Verwaltung der Kurmark nicht annehmen konnte, setzte dort einen Statthalter ein. Seine Wahl fiel auf Friedrich VI., Burggrafen von Nürnberg, den Bruder Johanns III. aus dem Hause Hohenzollern. Die Geschichte Friedrichs VI. wollen wir jetzt schreiben.

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Friedrich I.
(1415 — 1440)

Im Jahre 1415 übertrug der Kaiser die Kurwürde und das Erzkämmereramt des Heiligen Römischen Reiches auf Friedrich VI. von Hohenzollern, Burggrafen von Nürnberg, und gab ihm das Land Brandenburg durch Schenkung zu eigen. Der Kurfürst, den wir fortan Friedrich I. nennen, empfing die Belehnung aus den Händen seines Wohltäters im Jahre 1417 auf dem Reichstag zu Konstanz. Er war damals im Besitz der Altmark und Mittelmark. Die Herzöge von Pommern hatten die Uckermark an sich gerissen. Der Kurfürst führte Krieg mit ihnen, schlug sie bei Angermünde und vereinigte das Gebiet wieder mit der Mark, zu der es seit unvordenklicher Zeit gehört hatte.

Die Neumark war, wie oben berichtet, noch dem Deutschen Orden verpfändet. Aber der Kurfürst, der mehr und mehr auf Ausbreitung seiner Macht ausging, legte die Hand auf Sachsen, das durch den Tod des letzten Kurfürsten aus dem anhaltinischen Geschlecht frei geworden war (1422). Da jedoch der Kaiser diese Er<17>Werbung nicht billigte und Sachsen dem Herzog von Meißen verlieh17-1, gab Friedrich I. seine Eroberung gutwillig auf.

In seinem Testament teilte der Kurfürst seine Staaten folgendermaßen. Sein ältester Sohn Johann, mit dem Beinamen der Alchymist, wurde seiner Anrechte beraubt; der Vater überließ ihm nur das Vogtland und seinen Schmelztiegel. Der zweite Sohn Friedrich erhielt die Kurwürde. Älbrecht Achilles erbte die fränkischen Markgrafentümer17-2 und Friedrich, genannt der Dicke, sollte die Altmark haben; doch infolge seines Todes fiel dieser Landesteil wieder an die Kurmark.

In jenen frühen Zeiten galt noch der Grundsatz, daß ein Vater seinen Besitz gleichmäßig unter seine Kinder verteilte. Das entsprang einer Auffassung, die an sich natürlich und billig war. In der Folge aber erkannte man, daß eine derartige Ausstattung der jüngeren Söhne zum Niedergang der Dynastien führte. Indessen werden wir in unserer Geschichte noch ein paar Beispiele solcher Teilungen sehen.

Friedrich I. starb im Jahre 1440.

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Friedrich II. Eisenzahn
(1440 — 1470)

Friedrich II. erhielt wegen seiner Stärke den Beinamen Eisenzahn. Man hätte ihn den Hochherzigen nennen sollen. Denn er schlug die Krone Böhmens aus, die der Papst ihm anbot, um sie dem Georg Podiebrad zu nehmen. Ebenso wies er die polnische Krone zurück und erklärte, sie nur dann anzunehmen, wenn Kasimir, der Bruder des letzten Königs Wladislaw, darauf verzichtete. Durch seine Seelengröße erwarb sich der Kurfürst das Vertrauen des Volkes.

Die Stände der Niederlausitz begaben sich aus Zuneigung unter seine Oberhoheit. Die Lausitz war ein Lehen Böhmens. König Georg Podiebrad wollte nicht dulden, daß sie unter die Herrschaft Friedrichs II. gelangte. Er überzog die Lausitz und die Mark mit Krieg. Die beiden Fürsten schlossen im Jahre 1462 zu Guben einen Vertrag, wonach Kottbus, Peitz, Sommerfeld, Bobersberg, Storkow und Beeskow dem Kurfürsten von der Krone Böhmen als Eigentum abgetreten wurden.

Der Kurfürst, der nichts zu Unrecht erwerben wollte, wußte seine Rechte sehr wohl durchzusetzen, wenn sie gesetzmäßig waren. Er kaufte dem Deutschen Orden die Neumark wieder ab (1454), die ihm, wie ich bereits sagte, verpfändet war. Als Otto III., der letzte Herzog von Stettin, im Jahre 1464 starb, unternahm der Kurfürst einen Krieg gegen den Herzog von Wolgast. Die Ursache war diese: Ludwig von Bayern, Markgraf von Brandenburg, hatte im Jahre 1338 einen Vertrag mit den Herzögen von Pommern geschlossen, wonach ihr Land beim Aussterben ihrer Linie an die Kurmark zurückfallen sollte. Der Kaiser hatte den Vertrag bestätigt. Der Streit endete 1466 mit einem Vergleich, demzufolge der Herzog von Wolgast zwar im Besitz des Herzogtums Stettin verblieb, aber Lehnsträger des Kurfürsten ward; Pommern leistete ihm die Eventualhuldigung. Im Jahre 1449 verleibte Friedrich II. auch die Grafschaft Wernigerode, als erledigtes Lehen, der Mark ein und nahm den Titel eines Herzogs von Pommern, Mecklenburg, der Wenden, von Schwerin und Rostock an. Besaß er doch auf diese Lande das Heimfallrecht18-1.

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Derselbe Geist der Uneigennützigkeit, der ihn zwei Kronen zurückweisen ließ, bestimmte ihn auch, im Jahre 1470 zugunsten seines Bruders Albrecht Achilles abzudanken; denn er selbst hatte keine Kinder. Der Fürst, der sein ganzes Leben lang Selbstlosigkeit und Mäßigung geübt hatte, wich auch am Schluß von diesen Grundsätzen nicht ab. Er behielt sich nur das geringfügige Jahresgehalt von sechstausend Gulden vor und lebte davon als Philosoph, bis er, von Krankheiten übermannt, im Jahre 1471 starb.

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Albrecht Achilles
(1470 — 1486)

Abrecht wurde wegen seiner Tapferkeit und Klugheit Achilles und Ulysses genannt. Er war 56 Jahre alt, als sein Bruder ihm die Regierung überließ. Seine glänzendsten Taten hatte er noch als Burggraf von Nürnberg vollbracht. Als Markgraf von Bayreuth und Ansbach führte er Krieg mit Herzog Ludwig dem Bärtigen von Bayern und machte ihn selbst zum Gefangenen. Er gewann acht Schlachten gegen die Nürnberger, die sich empört und ihm die Rechte als Burggraf streitig gemacht hatten. Sein Leben einsetzend, entriß er einem Nürnberger Fähnrich die Standarte und kämpfte allein gegen sechzehn Mann, bis die Seinen ihm Beistand brachten. Er nahm die Stadt Gräfenberg ein, wie Alexander die Hauptstadt der Oxydraken genommen hatte: allein sprang er von der Mauer hinab in die Stadt und kämpfte, bis seine Truppen die Tore erstürmt hatten und ihm zu Hilfe kamen.

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Durch das Vertrauen, das Kaiser Friedrich III. ihm bewies, beherrschte Albrecht fast das ganze Reich. Er führte die kaiserlichen Heere gegen Herzog Ludwig den Reichen von Bayern, gegen Karl den Kühnen von Burgund, der Neuß belagerte, und bewog diesen zum Friedensschluß. Das war die Unterhandlung, die ihm den Beinamen Ulysses eintrug. Stets aber verdiente er den des Achilles, in den Kämpfen an der Spitze seiner Truppen wie in den Kampfspielen, den Abbildern des Krieges, die zu jener Zeit so stark in Brauch waren. In siebzehn Turnieren gewann er den Preis und wurde niemals aus dem Sattel gehoben.

Die Sitte dieser Kampfspiele scheint französischen Ursprungs zu sein21-1. Vielleicht haben die Mauren mit ihrer romantischen Ritterlichkeit sie eingeführt, als sie Spanien überfluteten. Aus der Geschichte Frankreichs ersieht man, daß ein gewisser Gottfried von Preuilly, der ums Jahr 1060 lebte, die Turniere erneuerte. Indessen hat schon Karl der Kahle, der um 844 lebte, Kampfspiele in Straßburg abgehalten, als sein Bruder Ludwig der Deutsche ihn dort besuchte. Seit 1114 griff die Sitte auch nach England hinüber, und König Richard von Großbritannien führte sie 1194 in seinem Reich ein. Johann Kantakuzenos erzählt, daß diese aus Gallien stammenden Kampfspiele auch im Jahre 1226 bei der Hochzeit der Anna von Savoyen mit dem griechischen Kaiser Andronikos Paläologos stattgefunden hätten. Dabei kamen die Kämpfer oft ums Leben, wenn sie bis zum äußersten aufeinander losgingen. Bei Henry Knighton liest man von einem Turnier; das 1274 zu Châlons bei einer Zusammenkunft König Eduards I. von England und des Herzogs von Burgund stattfand. Dabei blieben viele englische und burgundische Ritter auf dem Platze.

Nach Deutschland kamen die Turniere im Jahre 1136. Vom einen Ende Europas bis zum andren sandten die Ritter einander Fehdebriefe zu, und nur solche, die den Ritterschlag erhalten hatten, durften dergleichen Herausforderungen ergehen lassen. Ihre Briefe besagten ungefähr, daß dieser oder jener Fürst, der trägen Muße überdrüssig, den Kampf wünsche, um seinen Mut zu stählen und seine Gewandtheit kundzutun. Sie gaben die Zeit an, die Zahl der Ritter, die Art der Waffen, den Ort, wo das Turnier stattfinden sollte, und bestimmten, daß der besiegte Ritter dem Sieger eine goldene Armspange, seinem Knappen eine silberne geben sollte.

Die Päpste erhoben Einspruch gegen diese gefährliche Kurzweil. Innozenz II. (1140) und dann auf dem Lateranischen Konzil (1179) Alexander III. schleuderten den Bannstrahl und verhängten die Exkommunikation über alle, die solchen Kämpfen beiwohnten. Aber so gehorsam man auch sonst den Päpsten war, sie vermochten gegen den verhängnisvollen Brauch doch nichts auszurichten. Ein falscher Ruhmesbegriff und eine falsche Galanterie halfen ihm zu weiter Verbreitung. Bei der Roheit der Sitten erlangte er die Bedeutung von Schauspiel, Unterhaltung und Beschäftigung zugleich, gemäß der Barbarei jener Zeitläufte, in denen er entstand.<22> Nach den Bannsprüchen erwähnt die Geschichte noch das Turnier Karls VI. von Frankreich, das in Cambrai 1385 abgehalten wurde, das Turnier Franz I. zwischen Ardres und Guines (1520) und das Pariser von 1559, wo Heinrich II. durch einen Splitter von der Lanze des Grafen Montgomery so schwer am Auge verletzt wurde, daß er elf Tage später starb.

Wie man sieht, war es damals ein großes Verdienst Albrecht Achills, in siebzehn Turnieren den Preis errungen zu haben; denn in jenen rohen Zeiten machte man ebensoviel Aufhebens von der körperlichen Gewandtheit wie zur Zeit Homers. Unser aufgeklärtes Jahrhundert schätzt weniger den kriegerischen Sinn als die Gaben des Geistes und jene Tugenden, die den Menschen schier über sich selbst erheben, da sie ihm die Kraft verleihen, seine Leidenschaften niederzuzwingen, und ihn wohltätig, hochherzig und hilfreich machen.

Albrecht Achill vereinte also 1470, nach seines Bruders Abdankung, seine fränkischen Besitzungen mit der Kurmark. Nachdem er die Regierung übernommen hatte, schloß er, im Jahre 1473, mit den Häusern Sachsen und Hessen eine Erbverbrüderung, die die gegenseitige Erbfolge in ihren Staaten für den Fall bestimmte, daß eine der Linien erlöschen sollte22-1. Im selben Jahre teilte er seine eigne Hinterlassenschaft unter seine Söhne22-2. Die Kurmark fiel an Johann Cicero; der zweite Sohn, Friedrich, erhielt Ansbach, der jüngste, Sigismund, Bayreuth. Danach legte Albrecht 1476 die Kurwürde zugunsten Johann Ciceros nieder22-3. Seine Tochter Barbara, die den Herzog Heinrich von Glogau und Krossen heiratete, brachte diese Herrschaft an das Haus Brandenburg. In ihrem Ehevertrag war festgesetzt, falls Herzog Heinrich kinderlos stürbe, sollte der Kurfürst das Recht haben, jährlich fünfzigtausend Dukaten im Herzogtum Krossen zu erheben. Der Fall trat ein. Johann Cicero ergriff Besitz von der Stadt Krossen und hielt die Erwerbung fest.

Albrecht Achills zweiter Sohn, Friedrich der Alte, Markgraf von Ansbach, war der Vater jenes Albrecht, der das Herzogtum Preußen von König Sigismund von Polen empfing, und jenes Georg, der vom König von Böhmen das Fürstentum Jägerndorf erhielt. Es wird nicht unangebracht sein, bei dieser Gelegenheit zu berichten, daß Markgraf Georg von Ansbach und Jägerndorf mit den Herzögen von Oppeln und Ratibor ein Abkommen traf, wonach die Überlebenden die beerben sollten, die kinderlos starben. Die beiden Herzöge hinterließen keine Nachkommen, und Georg trat die Erbschaft an. Ferdinand aber, Karls V. Bruder und Erbe des Königreichs Böhmen, entriß dem Markgrafen Georg die Herzogtümer Oppeln und Ratibor. Zur Entschädigung versprach er ihm eine Summe von 130 000 Gulden, die aber niemals bezahlt wurde.

<23>

Johann Cicero
(1486 — 1499)

Den Beinamen erhielt er wegen seiner angeborenen Beredsamkeit. Er versöhnte drei Könige, die sich um Schlesien stritten, nämlich Wladislaw von Böhmen, Kasimir von Polen und Matthias von Ungarn.

Johann Cicero und der Kurfürst von Sachsen rücken mit 6 000 Reitern in Schlesien ein und erklärten: wer von den drei Königen ihren Friedensworten kein Gehör schenkte, dessen Feinde würden sie sein. Johann Ciceros Beredsamkeit — so erzählen wenigstens die Chroniken — brachte den Vergleich zustande, wonach die Könige von Böhmen und Ungarn Schlesien und die Lausitz untereinander teilten. Ich wünschte, man hätte noch andere Beispiele von der Beredsamkeit dieses Fürsten überliefert. Denn im vorliegenden Fall scheinen mir die 6 000 Reiter das stärkste Beweismittel zu sein. Ein Fürst, der Streitigkeiten mit Waffengewalt entscheiden kann, ist allemal ein großer Dialektiker — ein Herkules, der mit Keulenschlägen überredet.

Johann Cicero hatte Krieg gegen den Herzog von Sagan zu führen, der Ansprüche auf das Herzogtum Krossen erhob. Der Kurfürst schlug ihn bei Krossen und nahm ihn selbst gefangen. Von den Sitten der Zeit erhält man eine Vorstellung durch diesen Herzog Johann von Sagan, der so grausam war, einen Bruder, mit dem er sich entzweit hatte, dem Hungertode zu weihen.

Johann Cicero starb im Jahre 1499. Er hinterließ zwei Söhne. Der eine, Joachim, folgte ihm in der Kurwürde, während der zweite, Albrecht, Kurfürst von Mainz und Erzbischof von Magdeburg wurde.

<24>

Joachim I. Nestor
(1499 — 1535)

Er erhielt den Beinamen Nestor, wie Ludwig XIII. den des Gerechten, nämlich ohne daß irgend ein Grund dafür zu entdecken wäre. Joachim war erst fünfzehn Jahre alt, als er Kurfürst wurde. Da die Grafschaft Ruppin durch den Tod des Grafen Wichmann von Lindow frei geworden war, vereinigte er dessen Lehen mit der Mark.

Er starb im Jahre 1535 und hinterließ zwei Söhne: Joachim, der sein Nachfolger ward, und Markgraf Johann, dem er die Neumark, Krossen, Sternberg und Storkow vermachte.

<25>

Joachim II.
(1535 — 1571)

Wie es scheint, kam man zur Zeit Joachims II. von dem Mißbrauch ab, den Fürsten Beinamen zu geben. Der seines Vaters war ja auch so verkehrt, daß er eher zum Spitznamen als zur Kennzeichnung geworden war. Die Schmeichelei der Höflinge hatte die Vergleiche aus dem Altertum aufgebraucht. Aber sie fand sich ohne Zweifel von einer andren Seite her wieder ein. Und man darf getrost glauben, daß die Eigenliebe der Fürsten dabei nicht zu kurz kam.

Joachim II. erbte, wie gesagt, die Kurmark von seinem Vater. Im Jahre 1539 schloß er sich der Lehre Luthers an. Die Umstände, die den Anstoß zu diesem Übertritt gaben, sind unbekannt. So viel aber sieht fest: seine Höflinge und der Bischof von Brandenburg folgten seinem Beispiel.

Eine neue Religion, die plötzlich in der Welt erscheint, ganz Europa in zwei Lager spaltet, die Verteilung des Länderbesitzes ändert und neuen politischen Kombinationen Raum gibt, verdient, daß wir ihrem Wachstum einige Aufmerksamkeit widmen und vor allem untersuchen, wodurch sie die plötzliche Bekehrung der größten Staaten zuwege brachte.

Seit 1400 hatte Johann Huß seine neue Lehre in Böhmen gepredigt. Die von ihm verkündeten Glaubenssätze waren eigentlich die der Waldenser und Wycliffes. Huß wurde auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt (1415). Sein sogenanntes Martyrium vermehrte den Eifer seiner Jünger. Die Böhmen waren zu ungebildet, um sich auf die sophistischen Erörterungen der Theologen einzulassen. Sie schlossen sich der neuen Sekte nur aus einem Drang zu Unabhängigkeit und Aufruhr an, der den Hauptzug ihres Charakters bildet. Die Neubekehrten schüttelten das Joch des Papstes ab und benutzten die Gewissensfreiheit, um den Frevel ihres Empörertums zu verdecken. Solange ein gewisser Ziska ihr Führer war, vermochte die Partei Furcht zu erwecken. Ziska trug mehrere Siege über die Heere der böhmischen Könige Wenzel und Sigismund davon. Nach seinem Tod aber wurden die Hussiten teilweise aus Böhmen verjagt, und es ist nirgends zu sehen, daß die Lehre des Johann Huß sich außer Landes verbreitet hätte.

<26>

Im 14. und 15. Jahrhundert hatte die Unwissenheit ihren Gipfel erreicht. Die Geistlichen besaßen nicht einmal so viel Bildung, um Schulmeister zu sein. Die Sittenverderbnis und das liederliche Leben der Mönche ging so weit, daß in ganz Europa der Ruf nach Abstellung so vieler Mißbräuche erscholl. Die Päpste mißbrauchten ihre Macht sogar bis zu einem nicht mehr erträglichen Grade. Leo X. betrieb in der Christenheit einen Schacher mit Ablässen, um die Summen zusammenzubringen, deren er für den Bau der Peterskirche in Rom bedurfte. Man behauptet, der Papst habe seiner Schwester Eibo das Erträgnis der Ablässe, die in Sachsen verkauft wurden, geschenkt. Diese Nebeneinkünfte wurden verpachtet. Um sich zu bereichern, suchten die sonderbaren Pächter Mönche und Almosensammler aus, die sich auf das Einheimsen großer Summen verstanden, und die angestellten Ablaßhändler verschleuderten einen Teil der Einnahmen in Ärgernis erregenden Ausschweifungen. Ein Mönch mit Namen Tetzel und eine Anzahl Dominikaner entledigten sich ihres Auftrags so schlecht, daß sie den Anstoß zur Reformation gaben.

Der Generalvikar der Augustiner, Staupitz, dessen Orden im Besitz dieses Handels gewesen war, befahl einem seiner Mönche, namens Luther, gegen die Ablässe zu predigen. Luther hatte schon seit dem Jahre 1516 die Scholastiker bekämpft; nun stand er um so kraftvoller wider diese Mißbräuche auf. Er brachte neue verdächtige Sätze vor, hielt sie aufrecht und stützte sie mit neuen Beweisen. Schließlich wurde er 1520 vom Papst in den Bann getan. Er hatte nun die Freude gekostet, seine Meinungen zwanglos auszusprechen; seitdem gab er sich ihr rückhaltlos hin. Er legte die Kutte ab und heiratete im Jahre 1525 Katharina von Bora. Durch sein Beispiel ermutigte er Priester und Mönche, zu den Rechten der Natur und der Vernunft zurückzukehren.

So gab er dem Vaterland Bürger zurück, erstattete ihm aber auch sein Eigentum wieder, indem er viele Fürsten auf seine Seite brachte, denen die Einziehung der Kirchengüter eine süße Lockung war. Der Kurfürst von Sachsen26-1 war der erste, der sich der neuen Sekte anschloß. Die Pfalz, Hessen, Hannover, Brandenburg, Schwaben, ein Teil von Österreich, Böhmen und Ungarn, ganz Schlesien und der Norden nahmen die neue Religion an. Ihre Lehren sind so bekannt, daß ich wohl davon absehen darf, sie hier vorzutragen.

Kurz danach, im Jahre 1533, trat Calvin in Frankreich auf. Ein deutscher Lutheraner namens Wolmar war in Bourges mit Calvin bekannt geworden und hatte ihm seine Anschauungen eingeflößt. Trotz dem Schutz, den Margarete von Navarra der neuen Lehre angedeihen ließ, wurde Calvin zu wiederholten Malen genötigt, Frankreich zu verlassen. Poltiers war der Ort, wo er die meisten Anhänger gewann. Dieser Bekehrer glaubte den Geist seiner Nation zu kennen. Er dachte sich, sie werde eher durch Lieder als durch Argumente zu überzeugen sein. Er verfaßte, so erzählt<27> man, einen Gassenhauer, dessen Kehrreim lautete: „O Mönche! O Mönche! Ihr müßt heiraten27-1!“ Der Erfolg war erstaunlich.

Calvin zog sich nach Basel zurück, wo er seine Institutio27-2 drucken ließ. Dann bekehrte er die Herzogin von Ferrara, eine Tochter Ludwigs XII. Im Jahre 1536 bewirkte er den Übertritt der Stadt Genf zu seinen Lehren. Er ließ dort Michael Servet, der sein Feind war, verbrennen: aus einem Verfolgten ward er ein Verfolger. Die reformierte Religion wurde in Frankreich bald verfolgt, bald geduldet und mußte oft den Vorwand zu blutigen Kriegen bieten, die mehr als einmal das Reich umzustürzen drohten.

Heinrich VIII., König von England, hatte vom Papst Leo X. den Titel Verteidiger des Glaubens erhalten, weil er gegen Luther geschrieben hatte. Derselbe Heinrich VII!., der sich mittlerweile in Anna Boleyn verliebt hatte, schied aus eigener Machtvollkommenheit seine Ehe mit Katharina von Aragon, da er den Papst nicht überreden konnte, die Scheidung auszusprechen. Klemens VII., ein Nachfolger Leos X., war so unvorsichtig, den König zu exkommunizieren. Danach warf Heinrich schon im Jahre 1533 das Joch des Papstes ab. Er ernannte sich selbst in London zum Papst und bahnte der neuen Religion, die nach ihm in England eingeführt wurde, den Weg.

Will man also die Ursachen für die Fortschritte der Reformation auf einfache Grundlagen zurückführen, so sieht man, daß sie in Deutschland auf dem Eigennutz beruhte, in England auf der Liebe und in Frankreich auf dem Reiz der Neuheit oder vielleicht gar auf einem Lied. Man braucht nicht zu glauben, Johann Huß, Luther oder Calvin seien überlegene Genies gewesen. Mit den Häuptern von Sekten geht es wie mit den Botschaftern: oft haben dabei die mittelmäßigen Geister den größten Erfolg, vorausgesetzt, daß sie vorteilhafte Bedingungen zu bieten haben. Die Jahrhunderte der Unwissenheit zeitigten Fanatiker und Reformatoren. Jetzt scheint der menschliche Geist endlich der Dispute und Kontroversen satt zu sein: man überläßt es Theologen und Metaphystkern, auf den Schulbänken miteinander zu hadern. Und seit in den protestantischen Ländern die Geistlichen nichts mehr zu verlieren haben, seitdem haben die Häupter neuer Sekten nichts mehr zu gewinnen.

Kurfürst Joachim II. erwarb durch das Abendmahl unter beiderlei Gestalt die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Lebus, die er der Mark einverleibte.

Dem Bund, den die protestantischen Fürsten 1531 in Schmalkälden schlossen, trat er nicht bei. Er erhielt der Kurmark die Ruhe, während der Krieg Sachsen und die Nachbarländer verwüstete. Der Religionskrieg begann 1546 und wurde durch den Frieden von Passau und Augsburg beendet27-3.

<28>

Kaiser Karl V. hatte sich an die Spitze der Katholiken gestellt. Der berühmte unglückliche Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Philipp der Großmütige, Landgraf von Hessen, waren die Führer der Protestanten. Der Kaiser schlug sie bei Mühlberg in Sachsen (1547). Er und Kardinal Granvella bedienten sich einer unwürdigen List, um den Landgrafen von Hessen zu täuschen. Karl V. glaubte sich berechtigt, durch eine zweideutige Zusage freien Geleits den Landgrafen in die Gefangenschaft zu locken, worin er dann einen großen Teil seines Lebens verbrachte. Kurfürst Joachim, der das freie Geleit verbürgt hatte, war durch diese Treulosigkeit schwer gekränkt. In seinem Zorn zog er den Degen gegen Herzog Alba28-1, aber man trennte sie. Johann Friedrich von Sachsen wurde abgesetzt. Der Kaiser gab sein Kurfürstentum dem Herzog Moritz von der albertinischen Linie. Joachim erkannte indessen das vom Kaiser erlassene Interim28-2 nicht an.

Die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg wurden vom Kaiser beauftragt, Magdeburg zu belagern28-3; die Stadt ergab sich, nachdem sie sich vierzehn Monate lang verteidigt hatte. Die Kapitulation erfolgte unter so milden Bedingungen, daß der Kaiser sich nur schwer zur Bestätigung entschloß. Da der Erzbischof von Magdeburg gestorben war, wählten die Domherren an seiner Statt Bischof Friedrich von Havelberg, den zweiten Sohn des brandenburgischen Kurfürsten. Und Joachim genoß solches Ansehen, daß er nach Friedrichs Tode seinem dritten Sohn, dem Protestanten Sigismund, zur Nachfolge auf dem Magdeburger Erzbischofssitz verhalf.

Kurfürst Joachim ließ im Jahre 1555 auch die Festung Spandau erbauen. Der Ingenieur, der den Bau angelegt hat, hieß Chiaramela. Zu jener Zeit muß man wohl in keiner Art von Künsten auch nur das geringste verstanden haben; sonst hätte man nicht bei jeder Kleinigkeit seine Zuflucht zu Ausländern genommen. Aber wie konnte man Plätze verteidigen, wenn man sie nicht zu befestigen wußte? Markgraf Johann, des Kurfürsten Bruder, ließ zur selben Zeit an den Werken von Küstrin arbeiten. Es war damals vermutlich Mode, Festungen anzulegen. Karl V. gab in Gent, Antwerpen und Mailand das Beispiel dazu. Hätte man aber eine genauere Vorstellung davon besessen, wie eine Festung zu benutzen ist, so hätte man auch Ingenieure für den Bau gehabt.

Von seinem Schwager, König Sigismund II. August von Polen, erhielt Joachim II. im Jahre 1569 das Recht, die Erbfolge des Herzogs von Preußen, Albrecht Friedrich von Brandenburg28-4, anzutreten, falls dieser ohne Leibeserben stürbe. Dafür ver<29>pflichtete er sich, Polen mit einer bestimmten Truppenzahl zu unterstützen, sobald es angegriffen würde.

Joachims Regierung war milde und friedlich. Man beschuldigte ihn, die Freigebigkeit bis zur Verschwendung zu treiben. Er starb im Jahre 1571.

<30>

Johann Georg
(1571 — 1598)

Johann Georg erbte von seinem Vater Joachim II. die Kurmark und von seinem Oheim, dem Markgrafen Johann, die Neumark. Seine Regierung verlief friedlich und kommt hier nur wegen des chronologischen Zusammenhangs in Betracht. Es ist bemerkenswert, daß eine seiner Frauen, Sophie, eine Prinzessin von Liegnitz war.

Die Linie der Markgrafen von Bayreuth und Ansbach kam zum Erlöschen. Er teilte die Erbschaft unter seine jüngeren Söhne: Christian, der Ältere, ward der Stammvater der neuen Bayreuther Linie; Joachim Ernst begründete den neuen Ansbacher Zweig30-1. Der Kurfürst starb im Jahre 1598.

<31>

Joachim Friedrich
(1598 — 1608)

Joachim Friedrich zählte zweiundfünfzig Jahre, als er zur Regierung gelangte. Bei Lebzeiten seines Vaters hatte er die Bistümer Magdeburg, Havelberg und Lebus inne. Als er Johann Georg nachfolgte, entäußerte er sich des Erzbistums Magdeburg zugunsten seines Sohnes Christian Wilhelm. Er verwaltete Preußen während der Geisteskrankheit des Herzogs Albrecht Friedrich31-1.

Er trat die Erbfolge des Herzogtums Jägerndorf an, überließ es aber einem seiner Söhne, Johann Georg, zur Entschädigung für das Bistum Straßburg, auf das dieser hatte verzichten müssen. In jenen Zeiten wurden die Erbschaften öfters wieder vereinigt und ebenso oft aufs neue geteilt. Bei der schlechten Politik der damaligen Fürsten blieb alles umsonst, was das Glück zum Wachstum ihres Hauses beitrug.

Joachim Friedrich war der erste Fürst, der einen Geheimen Rat einrichtete (1604). Danach läßt sich beurteilen, wie es in diesem rauhen und wilden Land um die Landesregierung, um Rechtspflege und Finanzwirtschaft bestellt sein mußte, wenn es bis dahin nicht einmal höchste Beamte für diese Verwaltungszweige gab.

Der Kurfürst erkannte ohne Zweifel auch die Notwendigkeit, für die Erziehung der Jugend zu sorgen; denn zu diesem Zweck gründete er das Gymnasium zu Joachimstal. Hundertundzwanzlg junge Leute werden darin erzogen, ernährt und stiftunggemäß in den schönen Wissenschaften unterrichtet. Der Große Kurfürst hat die Anstalt inzwischen nach Berlin verlegt.

Die Armut des Landes und das wenige Geld, das im Umlauf war, veranlaßten den Kurfürsten, Gesetze gegen den Aufwand zu erlassen. Er starb im Jahre 1608, dreiundsechzig Jahre alt.

<32>

Johann Sigismund
(1608 — 1619)

Johann Sigismund heiratete im Jahre 1594 zu Königsberg Anna, die älteste Tochter des Herzogs Albrecht Friedrich von Preußen. Sie war die Erbin dieses Herzogtums und der Nachfolge in Kleve. Die letztere Erbschaft erstreckte sich auf die Gebiete von Jülich, Berg, Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein. Der Bissen war zu verführerisch, als daß er nicht die Begierde aller gereizt hätte, die Aussicht hatten, daran teilzunehmen.

Bevor von den Rechten der Kurfürsten von Brandenburg und der Pfalzgrafen von Neuburg die Rede ist, wird es gut sein, die Ansprüche Sachsens darzulegen; sonst Verwirren sich die Fäden.

Kaiser Maximilian hatte den Fürsten der beiden sächsischen Linien, der ernestinischen und der albertinischen, die Anwartschaft auf diese Erbfolge verliehen, für den Fall, daß weder männliche noch weibliche Leibeserben der Herzöge von Kleve mehr am Leben wären. Denn nach der Urkunde, die Georg Wilhelm von Jülich vom Kaiser erhielt, war das Herzogtum ein Weiberlehen. Johann Friedrich, der letzte sächsische Kurfürst aus dem ernestinischen Haus, heiratete Sibylle, die Tochter des Herzogs Johann III. von Jülich.

Herzog Wilhelm von Kleve, Sohn Johanns von Jülich, heiratete die Tochter Ferdinands, eine Nichte Kaiser Karls V. Dieser Heirat wegen und aus Verdruß über den Beitritt Johann Friedrichs von Sachsen zum Schmalkaldischen Bunde32-1 bestätigte der Kaiser dem Herzog Wilhelm das Recht, in Ermangelung männlicher Erben die Erbfolge seinen Töchtern zuzuwenden. Der Sohn dieses Herzogs, Johann Wilhelm, starb 1609, ohne Kinder zu hinterlassen. Daher fiel die Erbfolge an seine Schwestern.

Die älteste, Maria Eleonore, hatte Herzog Albrecht Friedrich von Preußen geheiratet. Die zweite, Anna, war mit dem Pfalzgrafen von Neuburg32-2 vermählt, Magdalena, die dritte Schwester, mit dem Pfalzgrafen von Zweibrücken, die vierte, Sybille, mit einem österreichischen Prinzen, dem Grafen von Burgau. Diese vier Prinzessinnen also und ihre Kinder erhoben Ansprüche auf die Erbschaft. Zu dem<33> Heimfallrecht, das das Haus Sachsen besaß, kam noch die Ehe des Kurfürsten Johann Friedrich mit der Prinzessin Sibylle, einer Tante des Verstorbenen.

Maria Eleonore, die Gattin Albrecht Friedrichs von Preußen, stützte ihren Rechtsanspruch auf den Ehevertrag vom Jahre 1572. Dieser bestimmte ausdrücklich: wenn ihr Bruder kinderlos stürbe, sollte sie und ihre Nachkommenschaft die sechs Herzogtümer erben, kraft der Grundgesetze von 1418 und 1496, durch die den ältesten Töchtern das Nachfolgerecht zugesprochen wird. Der Herzog von Preußen verpflichtete sich, 200 000 Goldgulden an die Schwestern seiner Frau auszuzahlen und damit deren sämtliche Ansprüche zu erledigen.

Wäre Maria Eleonore beim Tod ihres Bruders noch am Leben gewesen33-1, so wäre höchstwahrscheinlich gar kein Streit entstanden. Da sie aber damals bereits gestorben war, trat ihre Tochter Anna, die Gemahlin des Kurfürsten Johann Sigismund, in die Rechte Maria Eeonorens ein. Die Erbschaft mußte also an sie fallen, weil sie die Mutter vertrat. Das war der Kernpunkt des Streites.

Die Ansprüche der Pfalzgräfin Anna von Neuburg gründeten sich darauf, daß die Rechte ihrer Schwester Maria Eleonore durch deren Tod an sie übergingen. Sie berief sich auf die Tatsache, daß sie nunmehr die älteste der Schwestern und eine nähere Verwandte des Verewigten sei als seine Nichte Anna von Brandenburg. Diesen Gründen standen nur die Familiengesetze und Maria Eleonorens Ehevertrag entgegen.

Die beiden jüngsten Schwestern des Herzogs Johann Wilhelm forderten nicht das ganze Erbe, sondern beantragten bloß die Aufteilung.

Null und nichtig war jeder Anspruch der drei jüngeren Schwestern dadurch, daß sie in ihren Eheverträgen einen Verzicht auf all ihre Rechte ausgesprochen hatten, für den Fall, daß ihre älteste Schwester Kinder hatte.

Kurfürst Johann Sigismund und Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg kamen überein, unter Vorbehalt der beiderseitigen Rechte die strittige Erbschaft in Besitz zu nehmen. Kaiser Rudolf, der die Gebiete unter dem Vorwand der Sequestrierung an sich bringen wollte, förderte beider Zusammengehen. Erzherzog Leopold war in der Tat drauf und dran, sich der Hinterlassenschaft zu bemächtigen33-2, da stellten sich die protestantischen Fürsten dem entgegen und schlossen den berühmten Bund, der den Namen Union erhielt. Johann Sigismund trat als einer der ersten bei. Um ein Gegengewicht gegen die Union zu schaffen, gingen die katholischen Fürsten zu Würzburg eine ähnliche Verbindung ein, die man die Liga nannte. Dem Kurfürsten waren die Holländer günstig gesinnt; sie fürchteten die kaiserliche Sequestrierung. Dem Pfalzgrafen von Neuburg wollte König Heinrich IV. von Frankreich beistehen: als er sich aber anschickte, ihm zu Hilfe zu kommen, wurde er von Ravaillac ermordet (1610)33-3.

<34>

Der Kurfürst hatte einen Vergleich mit dem Pfalzgrafen von Neuburg zu schließen versucht. Allein bei einer Zusammenkunft der beiden34-1 gab ihm Johann Sigismund in der Hitze des Wortgefechts eine Ohrfeige. So geriet die Sache von neuem in Verwirrung. Aus diesem sonderbaren Vorgang mag man die Höflichkeit und die Kultur jener Zeit ermessen. Im Jahre 1611 suchte man in Jüterbog mit dem Kurfürsten von Sachsen einen Vergleich über dieselbe Erbfolge zustande zu bringen, doch die Fürsten blieben aus34-2; denn die Zusammenkünfte waren bedenklich geworden. Aber der Pfalzgraf von Neuburg erhob Einspruch wider diesen Vertrag, und er gelangte niemals zur Ausführung.

Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, Maria Eleonorens Gatte und Johann Sigismunds Schwiegervater, hatte das traurige Schicksal, geisteskrank zu werden. Joachim Friedrich hatte Preußen verwaltet, seit dies Unglück über den Herzog gekommen war34-3. Nach ihm übernahm Johann Sigismund dies Amt. Vom polnischen König Sigismund III. wurde er für sich und seine Nachkommen mit Preußen belehnt (1611). Das war die dritte Belehnung, die dem kurfürstlichen Haus zuteil ward.

Da Preußen durch Johann Sigismund an das Haus Brandenburg kam, wird es an der Zeit sein, mit wenig Worten einen Begriff davon zu geben, was Preußen ursprünglich war, wie es regiert wurde und wie es an Herzog Albrecht Friedrich, den Schwiegervater des Kurfürsten, gelangte.

Der Name „Borussia“, woraus man Preußen gemacht hat, setzt sich zusammen aus „bo“ gleich „bei“ und „Russia“: die „Ruß“, ein Arm des Niemen, der jetzt die Memel genannt wird. Preußen wurde ursprünglich von Böhmen, Sarmaten, Russen und Wenden bewohnt. Diese Völkerschaften steckten noch in der rohesten Abgötterei: sie beteten die Gottheiten der Wälder, der Seen und Flüsse, ja selbst Schlangen und Elentiere an. Ihr bäurisch wilder Glaube wußte nichts vom Tempelbau. Der Kult ihrer Hauptgötzen, Potrimpos, Percunos und Picollos, hatte seine Stätte unter Eichen. Dort waren ihre Abbilder aufgestellt, zu Romove beispielsweise und zu Heiligenbeil. Ihren falschen Göttern opferten die Preußen sogar ihre Kriegsgefangenen. Der heilige Adalbert war der erste, der diesem Volk (um das Jahr 1000) das Christentum predigte. Er erwarb sich die Märtyrerkrone. Nach Crispus34-4 haben drei Könige von Polen, alle drei Boleslaw geheißen, die Preußen bekriegt, um sie zu bekehren. Aber die wurden durch die Kriege nur abgehärtet. Sie verwüsteten Masovien und Kujavien.

Herzog Konrad von Masovien wandte sich nach Deutschland und rief die Ritter des Deutschordens zu Hilfe, deren Hochmeister damals Hermann von Salza war.<35> Im Jahre 1239 kam er nach Preußen35-1. Unterstützt von den livländischen Rittern, einer Art Tempelherren35-2, errichteten sie die vier Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland. Dreiundfünfzig Jahre dauerte der Krieg des Ordens mit den Preußen. In der folgenden Zeit hatten die Ritter bald gegen Polen, bald gegen die Herzöge von Pommern zu kämpfen, die eifersüchtig auf die Niederlassung des Deutschen Ordens blickten. Von da an begannen die Familien der Ritter sich in Preußen festzusetzen. Der Adel, der das Land heute ziert, stammt großenteils von ihnen.

Unter dem Hochmeister Ludwig von Erlichshausen, im Jahre 1454, sagten die Städte Danzig, Thorn und Elblng dem Orden den Gehorsam auf und ergaben sich dem König Kasimir III. von Polen, dem Sohn Jagellos. Der Krieg der Ritter und der Polen um Preußen währte dreizehn Jahre. Die Polen blieben siegreich und diktierten den Frieden35-3: Preußen diesseits der Weichsel fiel an das Königreich Polen und erhielt den Namen Polnisch-Preußen. Der Orden blieb im Besitz des jenseitigen Preußen, mußte aber die Oberlehnshoheit der Sieger über dies Gebiet anerkennen.

Im Jahre 1511 ward Albrecht von Brandenburg zum Hochmeister des Ordens erwählt. Er war, wie oben berichtet wurde, der Enkel Albrecht Achills35-4. Der neue Hochmeister unternahm, um die Ehre des Ordens zu rächen, einen neuen Krieg gegen die Polen, der für ihn sehr glücklich verlief. Er wurde durch König Sigismund I. von Polen zum Herzog von Preußen erhoben und erhielt zugleich das Erbfolgerecht für seine Nachkommenschaft. Albrecht verpflichtete sich nur zu der hergebrachten Anerkennung der polnischen Oberlehnshoheit.

Als Herzog Albrecht sich zum Herrn Ostpreußens gemacht hatte, legte er Gewand, Kreuz und Wappen des Deutschen Ordens ab. Die Ritter taten, was die Schwächeren zu tun pflegen: sie begnügten sich damit, gegen das Unvermeidliche Einspruch zu erheben. Der neue Herzog hatte im Jahre 1563 gegen Herzog Erich von Braunschweig, den Komthur von Memel35-5, Krieg zu führen. Erich drang mit 12 000 Mann in Preußen ein, aber Albrecht hielt ihn an den Ufern der Weichsel auf. Da sich nichts Bemerkenswertes ereignete und beide Ufer des Stroms mit Soldaten bedeckt waren, die Nüsse pflückten, nennt man diese Unternehmung den Nußkrieg.

Albrecht wurde im Jahre 1525 Protestant, und Preußen folgte seinem Beispiel. Sein Sohn Albrecht Friedrich folgte ihm 1568 nach. Er wurde von König Sigismund.ll. August belehnt; der Gesandte des Kurfürsten Joachim II. nahm daran teil. Dieser Albrecht Friedrich heiratete Maria Eleonore, die Tochter Wilhelms und Schwester des letzten Herzogs von Kleve. Johann Sigismund war der Schwieger<36>sohn und Vormund dieses Herzogs von Preußen. Der Tod seines Schwiegervaters brachte ihn 1618 in den völligen Besitz des Herzogtums.

Johann Sigismund war im Jahre 1614 zum reformierten Glauben übergetreten, den Einwohnern des Klevischen Landes zuliebe, die seine Untertanen werden sollten. Während seiner Regierung starb Kaiser Rudolf II. (1612). Das Kurfürstenkollgium erwählte dessen Bruder Mathias.

Als der Kurfürst das Alter nahen fühlte und von Leiden heimgesucht wurde, überließ er die Regierung seinem Sohn Georg Wilhelm und starb kurze Zeit danach.

<37>

Georg Wilhelm
(1619 — 1640)

Georg Wilhelm wurde im Jahre 1619 Kurfürst. Seine Regierungszeit war die unglücklichste von allen Fürsten seines Hauses. Seine Staaten wurden im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges verwüstet, und die Spuren, die davon zurrückblieben, waren so tief, daß man ihre Merkmale noch jetzt wahrnimmt, wo ich diese Geschichte schreibe.

Alle Plagen der Erde stürzten mit einemmal auf die unglückliche Kurmark herab. An der Spitze stand ein unfähiger Fürst, der einen Vaterlandsverräter zu seinem Minister gewählt hatte37-1. Ein Krieg oder vielmehr ein allgemeiner Umsturz brach zu gleicher Zeit herein. Das Land wurde von befreundeten und feindlichen Heeren überflutet, die gleichermaßen barbarisch hausten. Wie sturmgepeitschte Wogen stießen sie aufeinander. Bald überschwemmten sie das Land, bald zogen sie sich zurück und ließen es verwüstet liegen. Das Elend erreichte seinen Höhepunkt, als die Bewohner, die dem Schwert des Soldaten entronnen waren, an bösartigen Seuchen zugrunde gingen.

Dasselbe Verhängnis, das den Kurfürsten verfolgte, schien gegen alle seine Verwandten zu wüten. Georg Wilhelm hatte die Tochter des Kurfürsten von der Pfalz Friedrich IV.37-2 zur Gattin. Infolgedessen war er der Schwager des unglücklichen Friedrich V., der zum König von Böhmen erwählt und gekrönt, am Weißen Berg geschlagen, der Pfalz beraubt und von Kaiser Ferdinand II. in die Reichsacht erklärt wurde. Der Herzog von Jägerndorf37-3, Georg Wilhelms Oheim, verlor sein Land, weil er Friedrichs V. Partei ergriffen hatte. Der Kaiser konfiszierte seine Güter und gab sie dem Haus Liechtenstein, das gegenwärtig noch in ihrem Besitz ist. Vergebens protestierte der Kurfürst gegen solche Vergewaltigung. Endlich ward auch sein zweiter Oheim, der Administrator von Magdeburg37-4, abgesetzt und in die Reichsacht getan, weil er an dem Lauenburger Bündnis teilgenommen und sich mit dem König von Dänemark verbündet hatte37-5.DerKaiser war Sieger über seine Feinde und herrschte nahezu als Despot im Reich.

<38>

Der Dreißigjährige Krieg hatte im Jahre 1618 begonnen. Den Anstoß gab die Empörung der Böhmen, die den Kurfürsten von der Pfalz Friedrich V. zu ihrem König gewählt hatten. Da wir uns aber auf die Vorgänge beschränken, die unmittelbar mit der Geschichte des Hauses Brandenburg zusammenhängen, so wollen wir den Dreißigjährigen Krieg nur erwähnen, soweit er für unsere Geschichte in Betracht kommt.

Der Waffenstillstand, den die Holländer und die Spanier im Jahre 1609 auf zwölf Jahre geschlossen hatten, ging seinem Ende entgegen. Die Herzogtümer der klevischen Erbschaft, in denen beide Nationen Truppen stehen hatten, wurden zum Kriegsschauplatz. Die Spanier überwältigten die Besatzung von Jülich, das die Holländer für den Kurfürsten verteidigten. Kleve und Lippstadt ergaben sich Spinola. Indes vertrieben die Holländer 1629 die Spanier aus dem Klevischen und eroberten dem Kurfürsten einige Städte zurück. Georg Wilhelm und der Pfalzgraf von Neuburg bewogen 1630 die Spanier, einen Teil der Provinzen zu räumen. Die Holländer legten Besatzung in die festen Plätze des Kurfürsten, die Spanier in die des Pfalzgrafen. Allein dieser Ausgleich war nicht von Dauer.

Im Jahre 1635 begann der Krieg in jenen Landesteilen wieder mit größerer Heftigkeit denn zuvor. Während der ganzen Regierungszeit des Kurfürsten blieben sie eine Beute der Spanier und der Holländer, die sich der festen Plätze bemächtigten, Städte überfielen, Erfolge übereinander errangen und sie wieder einbüßten. Bei alledem geschah nichts von Belang: die Taten der Offiziere und das Beutemachen der Soldaten bildeten in jenen Zeiten den Hauptteil der Kriegskunst.

Obwohl der Kaiser sich als unumschränkten Herrn aufspielte, setzten die Reichsfürsten seinem Despotismus unablässig eine Festigkeit entgegen, die ihm manches Mal Halt gebot. Sie schlossen Bündnisse, die Wien oft in Aufregung versetzten.

Die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen38-1 verwandten sich beim Kaiser für den in die Acht erklärten Kurfürsten von der Pfalz. Und sie weigerten sich, den Kurfürsten Maximilian, Herzog von Bayern, anzuerkennen, dem Ferdinand II. auf Kosten des pfälzischen Hauses und den Reichsgesetzen zuwider die Kurwürde verliehen hatte (1623). Nach der Goldenen Bulle hat der Kaiser keineswegs das Recht, ohne die einmütige Zustimmung des versammelten Reichstages einen Kurfürsten in die Reichsacht zu tun oder abzusetzen.

Die Schritte der beiden Kurfürsten blieben ohne jede Wirkung. Der Kaiser dachte nur an seine persönliche Rache. Und da er die Macht für sich hatte, fragte er nicht im mindesten nach den Freiheiten des Deutschen Reiches und nach den Gesetzen der Billigkeit.

Von dieser Zeit ab sahen der Kurfürst und seine Räte den Krieg herannahen. Durch die Verwicklung der Begebenheiten mußte die Kurmark hineingezogen werden,<39> und so war er denn so gut wie unvermeidlich. Auf der einen Seite standen die aufrechtzuerhaltenden Ansprüche auf die klevische Erbfolge,auf der anderen der Dreißigjährige Krieg, dazu die Glaubensstreitigkeiten, ein beständiger Anlaß zu Ränken und mächtigen Bündnissen. Angesichts der Kriege, die teils schon entbrannt waren, teils seinen Staat in Brand zu setzen drohten, hielt es Georg Wilhelm für ratsam, zu rüsten, um sie zu bestehen, wenn kein anderer Ausweg blieb. Sein erster Minister, Graf Schwarzenberg, beantragte zu wiederholten Malen die Aushebung von 20 000 Mann, die in den Dienst des Kaisers treten sollten. Allein man traf so schlechte Maßnahmen, so lächerliche Anordnungen, daß man kaum 6 000 Mann zusammenbrachte.

Durch die Fortschritte der Reformation, die Deutschland in zwei mächtige Parteien spaltete, trieben die Dinge unmerklich zum offenen Krieg.

Die Protestanten hatten ein Interesse daran, das Recht der freien Religionsübung und die beschlagnahmten Kirchengüter zu behalten. Sie schlossen zu Lauenburg ein Bündnis (1625). König Christian IV. von Dänemark, die Herzöge von Lüneburg, Holstein, Mecklenburg und der Administrator von Magdeburg, der Onkel des Kurfürsten, traten ihm bei. Das erregte den Groll des Kaisers. Ihm schien es unter seiner Würde, den Weg der Verhandlung und der Milde zu beschreiten, um eine gütliche Einigung herbeizuführen, und so schickte er Tilly mit 12 000 Mann in den niedersächsischen Kreis. Tilly rückte vor Halle, und obwohl die Stadt ohne Widerstand kapitulierte, gab er sie der Plünderung preis. Zur selben Zeit näherte sich Wallenstein mit 12 000 Österreichern den Bistümern Halberstadt und Magdeburg. Die Stände Niedersachsens waren erstaunt über diese Feindseligkeiten und baten den Kaiser, sich mit ihnen zu vergleichen. Aber diese Anträge hinderten weder Tilly noch Wallenstein, in die Stifter Halberstadt und Magdeburg einzudringen. Christian Wilhelm, der Administrator Magdeburgs, wurde abgesetzt39-1. Zu seinem Nachfolger ernannte das Kapitel wider das Erwarten des kaiserlichen Hofes einen jüngeren Sohn des Kurfürsten von Sachsen namens August.

Der abgesetzte Administrator vereinigte seine Truppen mit denen, die der König von Dänemark in Niedersachsen hatte einmarschieren lassen, um dem Bündnis von Lauenburg Geltung zu verschaffen. Christian Wilhelm und Graf Mansfeld, der dies Heer befehligte, griffen Wallenstein bei der Dessauer Brücke an und wurden geschlagen (1626). Nach der Niederlage zogen sie sich in die Mark Brandenburg zurück und plünderten dort. Ein anderes Korps des Königs von Dänemark, das in Niedersachsen unweit Lutter stand, wurde um dieselbe Zeit von Tilly geschlagen. Die Nachbarschaft der Kaiserlichen und ihre Siege nötigten Georg Wilhelm, sich endlich den Wünschen des Kaisers zu fügen und die neue Würde Maximilians von Bayern anzuerkennen.

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Der König von Dänemark erholte sich von seinen Niederlagen und erschien im nächsten Jahr mit zwei Heeren wieder, von denen er das eine, der Administrator das andere kommandierte. Da er aber durch die erlittenen Mißerfolge entmutigt war, wagte er nicht, Tilly gegenüberzutreten, der Brandenburg, Rathenow, Havelberg und Perleberg besetzte.

Mansfeld, der gleichfalls die Trümmer seines Heeres wieder sammelte, drang gegen den Willen des Kurfürsten in die Mark ein. Die Kaiserlichen schickten ihm 7 000 Mann entgegen, zu denen der Kurfürst 800 unter dem Befehl des Obersten Kracht40-1 stoßen ließ. Das Korps ging über die Warthe und zerstreute Mansfelds flüchtige Truppen. Nach der Schwäche des Beistands, den der Kurfürst bei diesem Anlaß leistete, scheint es sicher, daß er nur wenig stehende Truppen hatte.

Die Kaiserlichen nutzten ihre Erfolge aus und verteilten Besatzungen über ganz Pommern. Und da es einigen Anschein hatte, daß der König von Schweden, dem Beispiel des Dänen folgend, Partei für die protestantischen Fürsten Deutschlands ergreifen werde, die von den katholischen nahezu erdrückt wurden, fand der Kaiser einen guten Vorwand, als Verteidiger des Reiches aufzutreten. Seine geheime Absicht war freilich, nach seinem Gutdünken über das Herzogtum Pommern zu verfügen, dessen Erbfolge nach dem Tode des Herzogs Bogislav40-2 an den Kurfürsten fiel, da der Herzog keine Nachkommen hatte.

Stralsund widerstand den Kaiserlichen. Wallenstein eröffnete die Belagerung, hob sie aber wieder auf, nachdem er 12 000 Mann dabei verloren hatte (1628). Diese Zahl scheint mir stark übertrieben, angesichts der kleinen Heere, die damals üblich waren. Offenbar haben die Chronisten der Zeit aus Freude am Wunderbaren etliches hinzugetan. Stralsund, das sich durch seinen Mut gehalten hatte, traute der eigenen Kraft nicht und schloß daher ein Bündnis mit König Gustav Adolf von Schweden. Es erhielt eine schwedische Besatzung von 9 000 Mann.

Geschwellt durch die Erfolge seiner Heerführer in Deutschland, hielt der Kaiser die Gelegenheit für günstig, die protestantischen Fürsten samt der neuen Religion zu demütigen. So erließ er sein berüchtigtes Restitutionsedikt (1629). Er befahl darin den protestantischen Fürsten, der Kirche die Güter zurückzugeben, die sie durch die Reformation erlangt und seit dem Passauer Vertrag besessen hatten40-3. Dadurch hätten sie sämtlich beträchtliche Verluste erlitten. Das Haus Brandenburg hätte die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Lebus verloren. Das Edikt war für die protestantischen Fürsten das Signal, aufs neue gegen die katholischen zu rüsten.

Die ehrsüchtigen Pläne Ferdinands II. beschränkten sich nicht auf die Erniedrigung der Reichsfürsten. Er hatte auch von jeher Absichten auf das Erzbistum Magdeburg. Aber Wallenstein, der die Stadt sieben Monate lang umzingelt hielt, mußte die Belagerung zu seiner Schande schließlich aufheben.

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Die Wirren in Deutschland dürfen uns nicht abhalten, einen Blick auf die Unruhen zu werfen, die in Polen entstanden. König Sigismund von Polen erhob Ansprüche auf das Königreich Schweden41-1. Gustav Adolf war tatkräftiger, größer als sein Gegner und kam ihm zuvor. Während Sigismund sich zum Krieg gegen ihn rüstete, setzte Gustav Adolf nach Preußen über (1626), nahm die Feste Pillau und machte große Fortschritte in Livland und Polnisch-Preußen. In Danzig41-2 schloß er mit den Polen einen sechsjährigen Waffenstillstand, in den auch der Kurfürst einbegriffen war. Das Abkommen wurde danach (1635) auf 26 Jahre verlängert. In dem Vertrag war von Georg Wilhelm als einem Lehnsträger Polens die Rede. Er war 1621 in Warschau persönlich mit Preußen belehnt worden.

Der König von Schweden beabsichtigte, in Deutschland einzudringen. Er wollte Vorteil ziehen aus den Parteiungen, die das Reich zerrissen, und aus den Wirren, die durch das Restitutionsedikt des Kaisers noch vermehrt wurden. Nach Herrscherbrauch erließ Gustav Adolf ein Manifest, worin er seine Beschwerden gegen den Kaiser einzeln darlegte. Gegenstand seiner Klage waren folgende Punkte: der Kaiser habe dem König von Polen mächtigen Beistand geleistet, habe Gustav Adolfs Verbündete, die Herzöge von Mecklenburg, abgesetzt41-3 und Gewalt gebraucht gegen die Stadt Stralsund, die zu dem König im Bundesverhältnis stand.

Der Kaiser hätte antworten können, daß er als Verbündeter des Königs von Polen vertragsmäßig verpflichtet war, ihm Hilfe zu leisten; daß die Herzöge von Mecklenburg nicht abgesetzt worden wären, wenn sie sich nicht dem Lauenburger Bund angeschlossen hätten; und endlich, daß es einer Hansestadt wie Stralsund nicht erlaubt wäre, mit fremden Königen und Fürsten andere als Handelsverträge zu schließen.

Genau genommen, sind Gustavs Gründe nicht stichhaltiger als jene, die Karl II. von England vorbrachte, um mit den Holländern anzubinden. König Karl beklagte sich nämlich, daß die Familie de Witt in ihrem Haus ein anstößiges Gemälde hätte41-4. Dürfen aus so frivolen Gründen Nationen gegeneinander bewaffnet, die blühendsten Provinzen verwüstet, Menschenblut vergossen und Menschenleben aufgeopfert werden — alles nur, um den Ehrgeiz und die Laune eines Einzelnen zu befriedigen?

Während die Schweden sich zum Einfall in Deutschland rüsteten, hatte Wallenstein sich in der Kurmark festgesetzt und brandschatzte sie um Riesensummen. Es war unerhört, daß die Kaiserlichen ein befreundetes Land, dessen Fürst dem Kaiser keinen Grund zur Klage gegeben hatte, mit solcher maßlosen Härte behandelten. Wie beklagenswert die Lage Georg Wilhelms war, lehrt die Antwort, die er, wahrschein<42>lich sehr der Wahrheit entsprechend, auf die Einladung Kaiser Ferdinands II. zum Regensburger Reichstag gab. Er sagt darin: „Die Erschöpfung der Mark setzt mich außerstande, die gewöhnlichen Ausgaben zu beschaffen. Noch viel weniger kann ich die Kosten für eine solche Reise aufbringen.“

Die Chronisten berichten, daß die Regimenter Pappenheim und St. Julien, die ihre Quartiere in der Mittelmark hatten, ihr in sechzehn Monaten 300 000 Taler abnahmen. Die Mark Silber hatte damals neun Taler. Heute beträgt sie zwölf. Demnach würde die Summe in unserem Geld 400 000 Taler betragen. Dieselben Gewährsmänner versichern, Wallenstein habe in der Kurmark die Summe von zwanzig Millionen Gulden eingetrieben, was einer Summe von 17 Millionen 777 777 Talern entspräche. Das ist sicher um mehr als die Hälfte übertrieben. Die Schriftsteller jener Zeit nahmen es nicht allzu genau. Sie gaben volkstümliche Gerüchte als Wahrheiten wieder und bedachten nicht, daß Personen, denen übel mitgespielt wurde, eine Art Trost darin finden, ihr Mißgeschick zu vergrößern, ihre Verluste zu übertreiben.

Die Stürme, die seit einigen Jahren die Kurmark rings umtost hatten, trafen schließlich zusammen und brachen von allen Seiten über das Land herein. Gustav Adolf erschien in Deutschland (1630). Er landete auf der Insel Rügen, von der er mit Hilfe seiner Stralsunder Besatzung die Kaiserlichen vertrieb. Beim Nahen der Schweden gab der Kaiser den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu verstehen, sie möchten Lebensmittel und Munition für seine Truppen bereitstellen. Zum Dank für diesen Dienst sicherte er ihnen zu, er werde aus Rücksicht für sie sein Restitutionsedikt abändern.

Während der Reichstag zu Regensburg mit schönen Reden das mannigfache Unglück Deutschlands beklagte und Mittel und Wege erwog, um das Reich von all den Leiden, namentlich aber von dem Einbruch der Schweden zu befreien, verlor Gustav Adolf seine Zeit nicht mit unnützen Worten, sondern bemächtigte sich ganz Pommerns. Er legte eine Besatzung nach Stettin und verjagte Torquato Conti, den Befehlshaber der Kaiserlichen, aus dem Herzogtum. Der vertrliebene General zog sich in die Neumark zurück und setzte sich mit seinen Truppen bei Frankfurt an der Oder fest.

Sobald Gustav Adolf Pommern in seiner Gewalt hatte, schloß er mit dem Herzog Bogislav einen Vertrag, worin festgesetzt wurde: falls nach dem Tode des Herzogs jemand dem Kurfürsten von Brandenburg die Erbfolge streitig machte oder Schweden nicht vollkommenen Ersatz seiner Kriegskosten erhielte, würde das Land beschlagnahmt werden und als Sequester in Gustav Adolfs Händen bleiben.

Durch das Nahen des Königs von Schweden ermutigt, hielten die Protestanten zu Leipzig einen Fürstentag ab, auf dem sie über ihre Interessen berieten (1631).

Magdeburg hatte sich bereits mit dem König verbündet und ihm den Übergang über die Elbbrücke freigegeben. Infolge dieses Bündnisses verjagten die Magdeburger<43> De Kaiserlichen vom platten Land. Aber Tilly rückte mit seinem Heer wieder vor die Stadt und unternahm die in der Geschichte so berüchtigte Belagerung.

Die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen mißbilligten das Verhalten der Magdeburger. Sie beschlossen, standhaft zum Kaiser zu halten und den Landsturm aufzubieten, um den Schweden Widerstand zu leisten.

Als Gustav Adolf nahte, ließ der Kurfürst in aller Eile vor den Toren Berlins ein paar Schanzen auswerfen und ein paar Kanonen auf den Wällen auffahren. Da er aber keine Truppen hatte und es an Zeit fehlte, den Landsturm aufzubieten, so nötigte er die Bürger, auf Wache zu ziehen und für die Sicherheit der Stadt zu sorgen.

Indes durchzog Gustav Adolf die Mark und eilte den Herzögen von Mecklenburg zu Hilfe. Der König, der ebenso politisch klug wie tapfer war, hielt seine Truppen in strenger Zucht. Er war willens, alle Protestanten auf seine Seite zu ziehen. Daher erklärte er allenthalben öffentlich, nach Deutschland sei er nur in der Absicht gekommen, die Fürsten von dem Joch zu befreien, das der Kaiser ihnen auferlege, und vor allem um die Freiheit des Glaubens zu schützen. Frankreich und Schweden hatten das gleiche Interesse, sich dem Despotismus des Hauses Österreich zu widersetzen. Bald schlossen beide ein Bündnis. Der Vertrag, der schon lange vorher angebahnt war, kam in Bärwalde zustande (1631).

Die Kaiserlichen, deren Streitkräfte zersplittert waren, suchten sich zu sammeln, um den Schweden die Spitze zu bieten. Tilly ließ einige Truppen zur Fortsetzung der Belagerung von Magdeburg zurück und marschierte mit seiner Hauptmacht auf Frankfurt an der Oder, wo er sich mit Torquato Conti vereinigte. Hierauf durchzog er die Kurmark, um die Schweden anzugreifen, die in Mecklenburg vordrangen. Aber Gustav Adolfs Kriegsglück gab ihm merkliche Überlegenheit über den kaiserlichen Feldherrn. Der König von Schweden verließ Mecklenburg, ging bei Schwedt über die Oder, nahm unterwegs Landsberg ein und belagerte Frankfurt, das von 7 000 Kaiserlichen verteidigt ward. Er eroberte die Stadt nebst der zahlreichen Artillerie, die dort aufbewahrt wurde, nahm Krossen ein und schwenkte dann plötzlich auf Berlin, um Magdeburg zu Hilfe zu kommen; denn Tilly war vor die Stadt zurückgekehrt und leitete die Belagerung wieder persönlich.

Als Gustav Adolf in Köpenick ankam, ersuchte er den Kurfürsten, ihm die Festungen Spandau und Küstrin auszuliefern. Dabei benutzte er den Vorwand, er müsse seine Rückzugslinie sichern. In Wirklichkeit aber hatte er die Absicht, Georg Wilhelm wider dessen Willen auf seine Seite zu ziehen.

Der Kurfürst erstaunte über diese sonderbare Zumutung und konnte sich zu nichts entschließen. Die Minister schlugen eine Zusammenkunft der beiden Fürsten vor. Georg Wilhelm zog dem König eine Viertelmeile weit vor Berlin entgegen. In einem kleinen Gehölz fand die Begegnung statt. Der Kurfürst fand den König dort mit einem Geleit von tausend Mann zu Fuß und vier Kanonen. Gustav Adolf wiederholte den Vorschlag, den er Georg Wilhelm bereits gemacht hatte. Der Kur<44>fürst war in der grausamsten Verlegenheit. Er wußte nicht, wofür er sich entscheiden sollte, und erbat eine halbe Stunde Zeit, um mit seinen Ministern zu ratschlagen. Der schwedische Monarch unterhielt sich mittlerweile mit den Prinzessinnen und den Hofdamen.

Nachdem die Minister ihre Meinung ausgesprochen, kamen sie immer wieder darauf zurück: „Was tun? Sie haben Kanonen.“ Als man lange hin und her überlegt und nichts beschlossen hatte, bat man den König von Schweden, sich nach Berlin zu begeben. Gustav Adolf betrat die Hauptstadt mit seiner ganzen Eskorte. Zweihundert Schweden bezogen die Wache im Berliner Schloß. Der Rest der Truppen wurde bei den Bürgern einquartiert. Am folgenden Morgen lagerte das ganze schwedische Heer vor den Toren der Stadt. Der Kurfürst, der nicht mehr Herr im Hause war, stimmte allem zu, was der König von Schweden wünschte.

Die schwedischen Truppen, die in die Festungen Küstrin und Spandau einrückten, leisteten dem Kurfürsten den Eid. Und der König versprach, ihm die Plätze zurückzugeben, sobald er ihrer nicht mehr bedürfe. Gustav Adolf drang nun über Potsdam hinaus vor. Die Kaiserlichen, die Brandenburg und Rathenow besetzt hielten, zogen sich bei seiner Annäherung auf das Belagerungsheer von Magdeburg zurück. Der Kurfürst von Sachsen verwehrte den Schweden den Übergang über die Elbbrücke bei Wittenberg; dadurch ward Gustav verhindert, der Stadt Magdeburg zu Hilfe zu kommen, wie es seine Absicht war.

Die unglückliche Stadt, die Wallenstein und Tilly mit Gewalt nicht nehmen konnten, erlag schließlich der List. Die Kaiserlichen hatten durch Vermittlung der Hansestädte Unterhandlungen mit den Magdeburgern angeknüpft. Während der Besprechungen stellten sie sich, als würden sie nicht auf die Stadt schießen. Leichtgläubig und lässig zugleich, ließen die Magdeburger sich durch diese scheinbare Sicherheit einschläfern. Die Bürger, die während der Nacht auf dem Wall Wache gehalten hatten, zogen sich gegen Morgen zum großen Teil in ihre Häuser zurück. Pappenheim, der die Belagerung leitete und durch seine Angriffe bis zum Gegenwall des Grabens vorgedrungen war, bemerkte es und zog seinen Nutzen daraus. Er bereitete alles vor, und eines Morgens, als der Wall schwach besetzt war, unternahm er vier Sturmangriffe auf einmal und eroberte die Wälle ohne großen Widerstand. Zugleich gingen die Kroaten, die an der Elbe entlang marschierten, bei dem niedrigen Wasserstande im Flußbett vor, ohne sich weit vom Ufer zu entfernen, und faßten die Verschanzungen im Rücken. Als Tilly die Kanonen des Walles in seiner Gewalt hatte, ließ er sie so richten, daß sie die Straßen bestrichen. Und die Menge der Kaiserlichen, die mit jedem Augenblicke wuchs, vereitelte alle weiteren Anstrengungen der Einwohner. So wurde die Stadt, eine der ältesten und blühendsten Deutschlands, erobert44-1, als sie sich dessen am wenigsten versah, und einer dreitägigen barbarischen Plünderung preisgegeben.

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Alles, was die entfesselte Willkür des Soldaten zu ersinnen vermag, wenn nichts mehr seine Wut aufhält, alles, was wüsteste Grausamkeit den Menschen eingeben kann, wenn blinde Raserei sich ihrer Sinne bemächtigt, all das ward damals von den Kaiserlichen in der verheerten Stadt verübt. Die Soldaten rannten truppweise mit blanker Waffe durch die Straßen und mordeten unterschiedslos Greise, Weiber und Kinder, solche, die sich verteidigten, und solche, die ihnen keinerlei Widerstand entgegensetzten. Die Häuser wurden geplündert und verwüstet, die Straßen mit Blut überschwemmt und mit Toten bedeckt. Man sah nichts als noch zuckende Leichname, zu hohen Haufen getürmt oder nackt hingestreckt. Die Todesschreie der Schlachtopfer und das Wutgeschrei der Mörder mischten sich schauerlich in den Lüften.

In der grauenvollen Schlächterei kamen die meisten Bürger um. Es retteten sich nur vierzehnhundert, die sich in dem Dom eingeschlossen hatten und von Tilly begnadigt wurden. Den Metzeleien folgten die Feuersbrünste. Von allen Seiten stiegen die Flammen empor, und nach wenigen Stunden bildeten Bürgerhäuser und öffentliche Gebäude nur noch einen einzigen Aschenhaufen. Aus dem allgemeinen Brand rettete man kaum hundertundvierzig Häuser. Zwölfhundert Mädchen ertränkten sich, so wird erzählt, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Aber das gehört unter die Märchen, die zu Herodots Zeit mehr Aussicht auf Erfolg hatten als in der unseren.

Ganz Deutschland, Freund und Feind, beklagte das Schicksal der Stadt und beijammerte das furchtbare Ende der Bewohner. Die Grausamkeit der Kaiserlichen erregte um so tieferen Abscheu, als die ganze Geschichte nur wenige Beispiele solcher Unmenschlichkeit darbietet.

Nach dem Untergang Magdeburgs bezog Gustav Adolf zum zweitenmal ein Lager bei Berlin. Er war außer sich, daß er die mit ihm verbündete Stadt nicht mehr zu retten vermocht hatte, und schrieb die Schuld den Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen zu. Georg Wilhelm entsandte die Kurfürstin und alle Prinzessinnen seines Hofes ins Lager des Königs von Schweden, um ihn zu besänftigen. Schließlich ging er selbst dorthin und bewilligte dem König alles, was dieser von ihm erlangen wollte. Als der Kurfürst sich wieder nach Berlin begab, grüßte ihn das schwedische Heer mit einer dreifachen Kanonensalve. Da die Geschütze mit Kugeln geladen und gegen die Stadt gerichtet waren, wurden viele Häuser und Dächer durch die Geschosse beschädigt. Die Einwohner fanden diese Artigkeit ein wenig gotisch-herulisch. Am folgenden Tag ging das schwedische Heer über die Spree und zog durch die Stadt.

Der Kurfürst entschuldigte sein Verhalten bei Ferdinand II. mit dem Hinweis, er sei nicht imstande gewesen, sich gegen die Gewalttätigkeit eines mächtigen Fürsten zur Wehr zu setzen, der ihm mit dem Schwert in der Hand seinen Willen diktiert hätte. Der Kaiser erwiderte trocken, die Schweden würden die Mark nicht behutsamer anfassen, als die Kaiserlichen es getan hatten.

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Der Kurfürst von Sachsen, der die schwedischen Waffen auf dem Siegeswege sah, schlug sich auf die Glücksseite und gab damit das Beispiel für alle protestantischen Fürsten. Die Schweden lieferten dem Kurfürsten von Brandenburg die Festungen Spandau und Küstrin wieder aus. Danach überfluteten sie Niedersachsen, rüsten in die Altmark ein und schlugen ein festes Lager bei Werben auf, wo sich an der Mündung der Havel in die Elbe ein Standort von wunderbar günstiger Lage bot. In Besorgnis um Pappenheim, der sich notgedrungen in Magdeburg einschloß, brach Tilly von Thüringen auf und kam ihm zu Hilfe. Er drang gegen das Lager des Königs von Schweden vor. Gustav Adolfs glücklicher Genius, der all seine Unternehmungen förderte, rief in ihm den Plan wach, Tillys Vorhut zu überfallen, drei Regimenter, die der General zu weit vorgeschickt hatte. Er führte den Anschlag selber aus und hieb die ganze Vorhut zusammen; dann kehrte er in sein Lager zurück. Tilly, der den Schimpf rächen wollte, marschierte gradenwegs auf die Schweden los. Aber das Lager war so stark und die Anordnungen des Königs waren so trefflich, daß Tilly das Kriegsglück nicht herauszufordern wagte. Da er auch Mangel an Lebensmitteln litt, sah er sich zum Rückzug genötigt. Er wandte sich nach der Gegend von Halle, in der Absicht, Leipzig zu nehmen und den Kurfürsten von Sachsen zur Lossagung von den Schweden zu zwingen.

Gustav Adolf aber durchschaut seine Absicht, verläßt sein Lager bei Werben, geht bei Wittenberg über die Elbe, vereinigt sich bei Düben mit den Sachsen, stürzt sich auf die Kaiserlichen und schlägt sie vollständig. Unter der zahlreichen Artillerie, die der König den Kaiserlichen in der Schlacht bei Leipzig46-1 entriß, bemerkte man viele Geschütze mit den Wappen Brandenburgs, Sachsens und Lüneburgs; die Kaiserlichen hatten sie sich widerrechtlich angeeignet. Tilly ließ 6 000 Mann aufd em Platz und floh nach Thüringen, wo er die Trümmer sammelte, die ihm nach der Niederlage blieben.

Wir wollen die Triumphe der Schweden nicht weiter verfolgen. Es genügt, wenn wir wissen, daß Gustav Adolf nunmehr zum Schiedsrichter Deutschlands wurde und bis zur Donau vordrang, während Baner mit einem anderen schwedischen Korps die Kaiserlichen aus den Bistümern Magdeburg und Halberstadt vertrieb und dort im Namen seines Herrn eine Regierung einsetzte. Den Kaiserlichen blieb nur die Stadt Magdeburg, in der sie eine starke Garnison hatten.

Während Deutschland verwüstet und ausgeraubt wurde, starb in Polen König Sigismund, und zu seinem Nachfolger wurde Wladislaw IV. erwählt (1632).

Die Schweden ruhten nicht auf ihren Lorbeeren aus. Sie schritten zur Belagerung Magdeburgs. Pappenheim, der im Herzogtum Braunschweig stand, eilte zur Hilfe herbei. Bei seiner Annäherung hob Baner die Belagerung auf. Zur selben Zelt stieß der Herzog von Lüneburg46-2, der mit den Schweden verbündet war, mit einem starken Heere zu Baner.

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Pappenheim fühlte sich zu schwach, um so vielen Streitkräften zu widerstehen. Er räumte Magdeburg und ging nach Westfalen und Franken zurück, wohin der Krieg ihm folgte. Die Schweden zogen in Magdeburg ein und ermutigten den winzigen Rest der alten Einwohnerschaft, die Mauern ihrer Vaterstadt wieder aufzubauen.

Der Kaiser, den das Mißgeschick seiner Waffen milder stimmte, suchte nun mit einschmeichelnderer Sprache die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg von der schwedischen Partei abzuziehen. Aber die beiden hatten starke Gründe, anders zu verfahren. Der Kurfürst von Sachsen hoffte, dank der Überlegenheit der Schweden eine große Rolle im Reich spielen zu können. Und der Kurfürst von Brandenburg, der die Kaiserlichen genau so fürchtete wie die Schweden und nicht wußte, für wen er sich entscheiden sollte, hielt es schließlich im Interesse seines Staates doch für das vorteilhafteste, sich dem Glück Gustav Adolfs anzuvertrauen, das damals so fest gegründet schien. Er ließ sogar etliche schwache Hilfstruppen zu den Sachsen stoßen, die in Schlesien ein Korps Kaiserlicher unter dem Befehl von Don Balthasar Marradas verfolgten.

Der Kaiser war aufgebracht über den Widerstand der beiden Fürsten und mehr noch über ihren Einfall in Schlesien. Um seinem Groll Luft zu machen, entsandte er Wallenstein mit einem starken Heer, um sich der beiden Kurfürstentümer zu bemächtigen. Pappenheim verließ Westfalen und vereinigte sich mit Wallenstein. Da der König von Schweden sich zu dieser Zeit in Bayern aufhielt, nutzten die kaiserlichen Generale seine Abwesenheit aus. Sie drangen in Sachsen ein, nahmen Leipzig, Naumburg, Merseburg, Halle und Giebichenstein.

Der König von Schweden erhält die Kunde hiervon und eilt zum Schutze Niedersachsens herbei. Er kommt an, gewinnt die berühmte Schlacht bei Lützen47-1 und verliert im Kampfe sein Leben. Die Schweden blieben Sieger, hielten sich aber für geschlagen, da sie ihren Helden nicht mehr an der Spitze hatten. Und die Kaiserlichen betrachteten sich, obwohl sie unterlegen waren, als siegreich, da sie Gustav Adolf nicht mehr zu bekämpfen brauchten.

So endete dieser König, der dem Kaiser Schrecken eingejagt und den deutschen Fürsten ihre Freiheit zurückgewonnen hatte, dem man nichts vorwerfen kann als zuviel Ehrgeiz, einen Fehler, der leider den meisten großen Männern eigen ist. Nach seinem Tode verjagten die Schweden die Kaiserlichen aus Niedersachsen. Alle Städte, die Wallenstein an sich gebracht hatte, wurden durch den Kurfürsten von Sachsen zurückerobert. Oxenstjerna übernahm die Leitung der schwedischen Angelegenheiten in Deutschland. Im Namen Schwedens schloß er zu Heilbronn ein Bündnis mit dem fränkischen, schwäbischen, ober- und niederrheinischen Kreis (1633).

Wiewohl der Kurfürst von Brandenburg an dem Heilbronner Bündnis nicht teilnahm, sandte er dem Führer der sächsischen Truppen in Schlesien, Arnim47-2 doch wieder einige Hilfstruppen. Sie bestanden lediglich aus 3 000 Reitern und 5 000 Mann<48> zu Fuß. Als er erfuhr, daß Wallenstein und Gallas sich nach Schlesien zurückwandten, rief er den Landsturm auf, oder vielmehr, er unternahm eine allgemeine Bewaffnung seiner Untertanen. Da es ihm aber an Vorräten für ihren Unterhalt fehlte, brachte er niemals eine Macht auf die Beine, die hingereicht hätte, sich dem Ansturm seiner Feinde entgegenzustellen.

Mit einem Heer von 45 000 Mann drang Wallenstein in Schlesien vor. Er hielt Arnim mit Vergleichsvorschlägen hin und machte ihn um Sachsen besorgt. Plötzlich aber wandte er sich gegen Steinau, schlug dort 800 Schweden, bemächtigte sich Frankfurts und sandte Streifscharen aus, die Pommern und die Kurmark verwüsteten. Er forderte Berlin auf, ihm die Schlüssel auszuliefern. Da aber hörte er einerseits, daß Bernhard von Weimar Regensburg wieder eingenommen hatte, und andrerseits, daß 9 000 Sachsen und Brandenburger sich gegen ihn in Bewegung setzten. Er versteifte sich nicht auf seine Pläne, sondern kehrte nach Schlesien zurück. In Frankfurt und einigen anderen Städten ließ er starke Besatzungen zurück. Arnim und Baner deckten Berlin mit ihrem Heere.

Dank dem Beistand der schwedischen Truppen stand der Kurfürst an der Spitze eines Heeres von 20 000 Mann, wovon kaum der sechste Teil ihm gehörte. Die Namen der brandenburgischen Regimenter, die zu diesem Heer zählten, sind erhalten geblieben, nämlich: Burgsdorff, Volckmann, Franz Lauenburg und Ehrentreich Burgsdorff48-1. Mit diesenTruppen erschien er vor Frankfurt, und tausend Österreicher kapitulierten unter der Bedingung freien Abzugs. Die kaiserliche Garnison von Krossen zog ohne Gewehr und Gepäck ab.

Während Baner die militärischen Operationen Schwedens leitete, wurde Oxenstjerna die Seele der Unterhandlungen. Da der Kanzler das Heilbronner Bündnis mit den Reichskreisen nützlich gefunden hatte, schlug er ein gleiches auch dem ober- und niedersächsischen Kreise vor. Es kam in Halberstadt tatsächlich zustande, und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg wurden die Hauptmitglieder des Bundes. Oxenstjerna sah die schwedischen Waffen allenthalben triumphieren und die Reichsfürsten mit Schweden verbündet oder von ihm abhängig. Er hielt seine Macht für so fest gegründet, daß ihm fortan nichts mehr widerstehen könnte. In dieser Überzeugung lüftete er auf der Versammlung, die zu Frankfurt am Main stattfand, die Maske und beantragte, das Reich möge dem Königreich Schweden als Ersatz für seine Aufwendungen zugunsten der protestantischen Fürsten Pommern nach dem Tode seines letzten Herzogs abtreten.

Dieser Vorschlag bildete, nebenbei gesagt, die rechte Erläuterung des Manifestes, das Gustav Adolf beim Betreten des deutschen Bodens erlassen hatte48-2. Der Kurfürst <49>von Brandenburg fühlte sich durch Oxenstjernas Antrag, der ihn um seine Rechte auf Pommern zu bringen suchte, aufs äußerste gekränkt. Und der Kurfürst von Sachsen, der sich Hoffnung gemacht hatte, Deutschland zu regieren, wurde maßlos eifersüchtig auf die Macht dieses Kanzlers und fühlte sich durch den schwedischen Hochmut tief verletzt. Das Unglück wollte, daß Erzherzog Ferdinand49-1 und der KardinalInfant49-2, während die Dinge sich so zuspitzten, bei Nördlingen einen völligen Sieg über die Schweden davontrugen (1634). Das brachte die Bundesgenossen vollends ins Wanken. Im übrigen hatten sie ja, wie gesagt, wirkliche Gründe zum Mißvergnügen.

Auf die Spaltung des gegen ihn verbündeten Deutschlands bedacht, nützte der Kaiser die friedensfreundliche Stimmung der beiden Kurfürsten geschickt aus und schloß zu Prag Frieden mit ihnen. Die Bedingungen des Vertrags, der am 30. Mai 1635 unterzeichnet wurde49-3, waren folgende. Der zweite Sohn des Kurfürsten von Sachsen49-4 sollte Administrator von Magdeburg bleiben, und Sachsen sollte die vier Ämter49-5, die vom Erzbistum abgetrennt waren, als unbeschränktes Eigentum behalten. Der Kaiser versprach ferner dem Kurfürsten von Brandenburg, seine Rechte auf Pommern zu unterstützen und keinen Anspruch mehr auf die Kirchengüter, die er besaß, zu erheben. Außerdem bestätigte er die Erbverbrüderung der Häuser Brandenburg, Sachsen und Hessen49-6.

Nach diesem Friedensschluß säuberten kaiserliche und sächsische Truppen die Bistümer Magdeburg und Halberstadt von den Schweden, von denen sie unsicher gemacht wurden. Nur die Stadt Magdeburg hielt es mit den Schweden. Pommern, Mecklenburg und die Altmark mußten aufs neue die Last des Krieges tragen. Die Kaiserlichen und Sachsen besetzten die Ufer der Elbe und der Havel. Das hinderte aber die Schweden nicht, Einfälle weit ins Land hinein zu wagen, ja ihre Streifkorps bis nach Oranienburg vorzuschieben.

Um den Krieg von Pommern abzulenken, das er für die Krone Schweden bewahren wollte, sammelte Baner sein Heer bei Rathenow und marschierte über Wittenberg nach Halle, noch in der Hoffnung, die schwedische Besatzung von Magdeburg befreien zu können, der die Kaiserlichen aufs ärgste zusetzten. Der Kurfürst von Sachsen eilte nach Meißen, wo er sich mit einem Korps Kaiserlicher vereinigte, das von Morosini befehligt wurde. Lange zog sich der Krieg an den Ufern der Saale hin. Die Sachsen nötigten Baner jedoch zum Rückzuge, und die Kaiserlichen nahmen Magdeburg ein (1636). Baner durchzog das Lüneburger Land und kam wieder in die Mark. Wrangel brachte eine Verstärkung von 8 000 Mann. Durch Überfall eroberten sie Brandenburg und Rathenow, wo kaiserliche Besatzungen lagen.

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So wurde die unglückliche Kurmark immer wieder die Beute des ersten besten, der die Hand danach reckte. Alle, mochten sie sich den Namen Freund zulegen, mochten sie als erklärte Feinde kommen, alle erpreßten ungeheure Kontributionen, plünderten und zerstörten, verwüsteten das Land und spielten sich als die Herren auf, solange sie darin hausten. Sämtliche Städte am Havellauf wurden in weniger als sechs Wochen zweimal von den Schweden und einmal von den Kaiserlichen geplündert. Die Verwüstung war allgemein. Das Land war nicht verheert, es war gänzlich vernichtet.

Das Verhängnis der Zeit war es, daß das Glück sich niemals rückhaltlos für eine Partei entschied. Gleich als wollte es dem Krieg ewige Dauer geben, erhob es die Geschlagenen unvermutet und beugte dann wieder diejenigen, die es erhoben hatte.

Die damalige Kriegführung war von der heutigen verschieden. Nur selten machten die Fürsten große Anstrengungen, um Truppen auszuheben. In Kriegszeiten unterhielten sie ein Heer oder mehrere, je nach ihrer Macht. Ein Heer umfaßte in der Regel nicht mehr als 24 000 Mann. Die Truppen lebten von dem Lande, in dem sie verwendet wurden. Gewöhnlich bezogen sie Kantonnements und schlugen nur dann ein Lager auf, wenn sie eine Schlacht liefern wollten. Auf diese Weise fanden sie leicht ihren Unterhalt.

Wenn der Kaiser oder der König von Schweden einen großen Schlag führen wollten, so verschmolzen sie zwei Heere, um das Übergewicht zu erlangen. Die Führer schwächerer Streitkräfte verglichen die ihren mit denen des Feindes und zogen sich vor dem Stärkeren zurück, ohne sich auf einen Kampf einzulassen. Und da sie ebenfalls überall auf Unkosten der Einwohner lebten, so machte es ihnen nichts aus, einen Landstrich zu verlassen. Sie fanden ja immer wieder einen anderen zum Plündern. Dies Verfahren zog die Kriege in die Länge, führte nie zur Entscheidung und verbrauchte durch die lange Dauer mehr Menschen als die heutigen Methoden. Das Stehlen und Rauben, worauf die Truppen sich verlegten, führte zur völligen Verwüstung der Länder, die den Heeren zum Kriegsschauplatz dienen mußten.

Baner trägt bei Wittstock einen Sieg über die Kaiserlichen und die Sachsen davon (1636). Dadurch gewinnen die Schweden mit einem Schlag wieder die Oberhand. Die besiegten Truppen ergreifen die Flucht und machen erst in Leipzig wieder Halt. Abermals überfluten die Schweden die Mark. Wrangel zieht in Berlin ein und, gibt der Stadt eine Besatzung von fünf Kompagnien. Hiernach fordert er den Kurfürsten auf, seine Festungen auszuliefern. Georg Wilhelm, der sich nach Peitz zurückgezogen hatte, antwortet: er ergebe sich den Schweden auf Gnade und Ungnade; seine festen Plätze aber seien in der Gewalt der Kaiserlichen, sodaß er darüber nicht verfügen könne. Wrangel bezog dann Quartiere und überwinterte in der Neumark.

Damals starb Ferdinand II., der trotzige Zwingherr Deutschlands (1637). Sein Sohn Ferdinand III., den er zum römischen König hatte wählen lassen, folgte ihm nach, als wäre der Thron erblich. Bogislav, dessen Geschlecht siebenhundert Jahre<51> lang das Herzogtum Pommern besessen hatte, starb gleichfalls während der Kriegsunruhen (1637), und mit ihm erlosch sein ganzes Haus. Die schwedischen Heere, die in Pommern, ja selbst in den brandenburgischen Staaten die Herren waren, hinderten den Kurfürsten, seine Rechte auf das Herzogtum geltend zu machen. Er begnügte sich damit, einen Trompeter zu den Ständen Pommerns zu entsenden, um ihnen anzubefehlen, sie sollten die Schweden als Feinde behandeln. Diese sonderbare Gesandtschaft hatte gar keine Wirkung. Ohne Zweifel bediente sich der Kurfürst nur darum eines Trompeters, weil er glaubte, daß ein solcher leichter als ein Mann von Stande durch die schwedischen Truppen hindurchkäme.

Die Kaiserlichen indessen, die unter dem Befehl von Hatzfeldt und Morosini standen, verjagten Baner aus Sachsen, trieben ihn bis über Schwedt hinaus und nahmen Landsberg wieder ein. An der Spitze der Sachsen säuberte Klitzing zur selben Zeit die Mark und die Havelufer und befreite das Land von den Schweden. Der Krieg, der von Provinz zu Provinz wanderte, zog sich wieder nach Pommern, wo zu den Kaiserlichen 3 000 Ungarn stießen. Pommern erlitt dasselbe Schicksal wie die Mark. Es war demselben Raubwesen ausgeliefert, wurde erobert, wiedererobert, verbrannt und verwüstet.

Danach wollte es das Verhängnis, daß die Schweden bedeutenden Zuzug erhielten (1638). So konnten sie die Kaiserlichen bis nach Böhmen hinein in die Flucht schlagen. Aber alles Mißgeschick der Kaiserlichen vermochte die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen nicht von dem Bündnis abzubringen, das sie mit dem Kaiser geschlossen hatten.

Zum viertenmal erschienen die Schweden vor den Toren Berlins (1639). Bei ihrem Anrücken räumten 400 Brandenburger die Stadt. Um sich für die Unbill zu rächen, die die Kurmark von den Schweden erleiden mußte, unternahm Georg Wilhelm eine Diversion. Es fielen 4 000 Preußen in Livland ein und richteten dort einige Verheerung an. Doch versäumten sie es, die Städte zu besetzen und dadurch im Lande festen Fuß zu fassen. Vielmehr ließen sie ihre Eroberungen geschwind im Stich, und ihr Feldzug blieb nutzlos. Was die Schweden in Livland einbüßten, ließen sie die Mark entgelten. Bei Bernau überfielen sie 1500 Brandenburger, die Burgsdorff51-1 kommandierte. Dewitz schlug den Weg nach Schlesien ein, und Baner plünderte Sachsen samt dem Halberstädter Land. Axel Lilie, der in Berlin kommandierte, schloß Spandau eng ein und blockierte Küstrin, den Zufluchtsort des Kurfürsten und seines Hofes, jedoch ohne Nachdruck.

Damals tagten die pommerschen Stände, und der Kurfürst sandte Vertreter zu der Tagung. Die Stände zeigten keine Neigung für die Schweden. Die Gesandten des Kurfürsten nahmen auf dem Regensburger Reichstag die Plätze der Herzöge von Wolgast und Stettin ein.

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Da die preußischen Stände sich in diesem Jahr (1640) zu Königsberg versammeln sollten, begab sich Georg Wilhelm dorthin, um die Bezahlung rückständiger Hilfsgelder zu betreiben. Aber er starb in Königsberg, am 1. Dezember. Seinem Sohn Friedrich Wilhelm hinterließ er ein verwüstetes Land, das in Feindes Händen war, wenig Truppen, Verbündete von zweifelhafter Anhänglichkeit und so gut wie gar keine Geldmittel.

Es hieße gegen die Gesetze der Billigkeit verstoßen, wollte man Georg Wilhelm die Schuld für all das Unglück aufbürden, das während seiner Regierungszeit hereinbrach. Wenn er schwere Fehler begangen hat, so bestanden sie darin, daß er sein Vertrauen dem Grafen Schwarzenberg schenkte, der ihn verriet. Nach einigen Geschichtsschreibern hegte Schwarzenberg sogar den Plan, sich zum Kurfürsten von Brandenburg aufzuschwingen. Er war katholisch, hatte immer für den Kaiser Partei genommen und rechnete mit um so größerer Zuversicht auf dessen Beistand, als die brandenburgischen Festungen dem Kaiser ausgeliefert waren, dem die Kommandanten den Eid geleistet hatten.

Vor allem muß man dem Kurfürsten vorwerfen, daß er nicht ein Heer von 20 000 Mann ausgehoben hat, bevor der Krieg seine Staaten verödete. Er wäre in der Lage gewesen, es zu unterhalten. Diese Truppen hätten dazu gedient, seine Rechte auf die klevische Erbfolge zu behaupten und, was noch nützlicher gewesen wäre, seine Provinzen zu schützen. Wäre der Kurfürst solchermaßen gerüstet gewesen, so hätten Mansfeld und der Administrator von Magdeburg es nicht gewagt, durch das Kurfürstentum hindurchzuziehen. Kaiser Ferdinand II. hätte in jeder Weise Rücksicht auf ihn genommen. Und es hätte nur von ihm selbst abgehangen, ob er der Verbündete der Schweden werden wollte oder ihr Feind, während er in Wirklichkeit der Sklave des ersten besten wurde.

Von dem Augenblick an, da Georg Wilhelm diese Vorsorge versäumt hatte, ließ ihm die wunderliche Verwicklung der Umstände nur noch die Wahl zwischen Fehlern: er wurde gezwungen, sich für die Kaiserlichen oder für die Schweden zu entscheiden. Und da er schwach war, waren seine Verbündeten stets seine Herren.

Der Eifer, womit der Kaiser die Protestanten verfolgte, sein berüchtigtes Restitutionsedikt, seine Absichten auf das Erzbistum Magdeburg und namentlich die despotische Art, womit er Deutschland beherrschen wollte, konnten dem Kurfürsten nur Widerwillen gegen ihn einflößen. Andrerseits hinderte Georg Wilhelm auch wieder vieles, in ein Bündnis mit den Schweden einzutreten: die Gefahren, die jede Verbinddung mit einer fremden Macht nach sich zieht, die unerhörten Plünderungen der Schweden in den brandenburgischen Landen, der Hochmut Oxenstjernas und der Plan der schwedischen Krone, Pommern an sich zu bringen. Er mußte ferner befürchten, die Schweden würden ihn nur als ein Hauptwerkzeug gebrauchen, um ihm die Erbfolge in Pommern zu entreißen. Bald, wenn die Härte Ferdinands II. ihn empörte, warf er sich wie aus Verzweiflung in die Arme Gustav Adolfs. Bald, wenn die<53> Entwürfe Oxenstjernas ihn zum Äußersten trieben, suchte er einen Halt am Wiener Hofe.

Fortwährend schwankend, was er tun sollte, kraft- und machtlos, schlug er sich jedesmal, gutwillig oder gezwungen, auf die Seite des Stärkeren. Und das Glück, das unaufhörlich von den kaiserlichen zu den schwedischen und wieder von den schwedischen zu den kaiserlichen Heeren überging, gefiel sich darin, den Kurfürsten zum Opfer seines Unbestandes zu machen. Infolgedessen erlangten seine Verbündeten niemals bleibende Vorteile, die sie bestimmt hätten, ihn gegen die Unternehmungen ihrer gemeinsamen Feinde gebührend zu schützen.

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Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst
(1640 — 1688)

Friedrich Wilhelm wurde am 16. Februar 1620 zu Berlin geboren. Er war des Namens der Große würdig, den seine Völker und die Nachbarn ihm einstimmig verliehen haben. Der Himmel hatte ihn eigens dafür geschaffen, durch seine Tatkraft die Ordnung in einem Land wiederherzustellen, das durch die Mißwirtschaft der vorangegangenen Regierung völlig zerrüttet war. Er wurde zum Schützer und Neubegründer seines Vaterlandes, zum Ruhm und zur Ehre seines Hauses.

Die Talente eines großen Königs waren bei ihm an das bescheidene Los eines Kurfürsten gebunden. Über seinen Rang hinausragend, entfaltete er während seiner Regierung die Vorzüge einer starken Seele und eines überlegenen Geistes. Bald zügelte er seinen Heldenmut durch seine Klugheit, bald gab er sich ganz der schönen Begeisterung hin, die uns zur Bewunderung fortreißt. Durch weise Fürsorge richtete er seine alten Staaten wieder auf und erwarb durch seine Politik neue hinzu. Er entwarf Pläne und brachte sie selber zur Ausführung. Infolge seiner Redlichkeit<55> stand er seinen Verbündeten bei; dank seiner Kühnheit beschützte er sein Volk. In unvermuteter Gefahr fand er ungeahnte Hilfsmittel. In Kleinigkeiten wie in bedeutenden Dingen, immer erschien er gleich groß.

Seine Erziehung war die eines Helden gewesen. Er lernte, wie man Siege erficht, in einem Alter, in dem der Mensch gemeiniglich erst Begriffe stammeln lernt. Das Feldlager Friedrich Heinrichs von Oranien war seine Kriegsschule. An den Belagerungen von Schenkenschanz und Breda nahm er teil.

Schwarzenberg, der Minister Georg Wilhelms, entfernte ihn, da er den aufstrebenden Geist des jungen Prinzen erkannte, vom Hof seines Vaters und hielt ihn, solange er irgend konnte, in Holland fest. Er fühlte, daß sein eigener Charakter nicht rein genug war, um die Prüfung durch einen so hellsichtigen Beobachter zu bestehen. Trotz des Ministers aber besuchte der junge Prinz seinen Vater und unternahm mit ihm die Reise nach Preußen, auf der ihm durch Georg Wilhelms Tod der Besitz seiner Staaten zufiel.

Friedrich Wilhelm stand im Alter von zwanzig Jahren, als er zur Regierung gelangte. Seine Provinzen waren zum Teil in den Händen der Schweden, die die Kurmark in eine schauerliche Wüstenei verwandelt hatten. Die Dörfer erkannte man nur an Aschenhaufen, die kein Grün mehr aufkommen ließen, und die Städte nur noch an Schutt und Ruinen. Die Länder der klevischen Erbschaft waren eine Beute der Spanier und der Holländer, die sie maßlos brandschatzten und ausplünderten, obwohl sie sich als Beschützer aufspielten. Preußen, das nicht lange vorher von Gustav Adolf überfallen worden war, blutete noch aus den Wunden, die es während des Krieges empfangen hatte.

Unter so verzweifelten Umständen, während seine Erblande noch in der Gewalt fremder Fürsten waren, trat Friedrich Wilhelm seine Regierung an: ein Fürst, der nicht im Besitz seiner Provinzen war; ein Kurfürst ohne kurfürstliche Macht, ein Verbündeter ohne Freunde. Und in der ersten Jugend, die sonst die Zeit der Verirrung ist, wo die jungen Menschen kaum des Gehorsams fähig sind, offenbarte er Züge vollkommener Weisheit und all der Tugenden, die ihn würdig machten, über Menschen zu herrschen.

Er begann damit, Ordnung in die Finanzen zu bringen. Er bemaß seine Ausgaben nach den Einkünften und entledigte sich der Minister, die durch schlechte Geschäftsführung am meisten zum Unglück seines Volkes beigetragen hatten. Graf Schwarzenberg, der seine Autorität eingeschränkt sah, legte von selbst seine Ämter nieder. Er war Statthalter der Mark, Präsident des Geheimen Rats, Oberkammerherr und Großkomthur des Malteser Ordens. Alle wichtigen Ämter hatte er auf sich vereinigt. Weit mehr war er der Herrscher als der Kurfürst. Da er eine Kreatur des Hauses Österreich war, flüchtete er nach Wien, wo er im selben Jahr gestorben ist.55-1<56> Sein Sohn, den er zum Koadjutor des Malteserordens und der Komturei Malta hatte wählen lassen, wurde vom Kurfürsten nicht anerkannt. Der Fürst ließ sich überdies von ihm alle Domänen ausliefern, die dem Staat gehörten und die der Graf, sein Vater, sich angeeignet hatte.

Nach Schwarzenbergs Tode sandte der Kurfürst Burgsdorff56-1 nach Spandau und Küstrin, damit er die Habe des Verstorbenen versiegele. Die Kommandanten der beiden Festungen verweigerten ihm den Gehorsam unter dem Vorwand, sie seien nur vom Kaiser abhängig, dem sie den Eid geleistet hatten. Burgsdorff ließ sich nichts anmerken. Ohne mit unnützen Worten die Frechheit dieser Weigerung zu rügen, ließ er Rochow, den Kommandanten von Spandau, beobachten und eines Tages verhaften, als er unklugerweise die Festung verließ. Der Kurfürst ließ dem rebellischen Untertan den Kopf abschlagen, wie er es verdiente56-2. Die Kommandanten der übrigen Festungen wurden durch dies Beispiel so eingeschüchtert, daß sie sich sogleich in Gehorsam fügten.

Durch König Wladislaw IV. von Polen erhielt Friedrich Wilhelm die Belehnung für Preußen (1641) und verpflichtete sich, dem König einen jährlichen Tribut von 120 000 Gulden zu bezahlen, sowie mit den Feinden der Krone Polen weder Waffenstillstand noch Frieden zu schließen. Für die Kurmark empfing Baron Löben vom Kaiser Ferdinand III. die Belehnung (1642), nicht aber für die Herzogtümer der Mischen Erbschaft, weil der Zwist der Prätendenten über die Erbfolge noch nicht geschlichtet war.

Sobald der Kurfürst diese Formalitäten erfüllt hatte, sann er nur noch auf Mittel, seine Provinzen den Händen derer zu entwinden, die sie an sich gerissen hatten. Er knüpfte Verhandlungen an und erreichte es durch kluge Politik, wieder in den Besitz des Seinen zu kommen. Er schloß einen Waffenstillstand auf zwei Jahre mit den Schweden (1641), die daraufhin den größten Teil seiner Staaten räumten. Den schwedischen Besatzungen, die noch einige Städte besetzt hielten, bezahlte er 140 000 Taler56-3 und ließ ihnen jährlich tausend Scheffel Getreide liefern. Desgleichen schloß er mit den Hessen einen Vertrag, wonach sie ihm einen Teil des Klevischen zurückgaben, den sie besetzt hatten. Von den Holländern erlangte er die Räumung etlicher anderer Städte.

Die europäischen Mächte waren endlich des Krieges müde geworden, der immer schwerer auf ihnen lastete und von Tag zu Tag verderblicher ward. Alle fühlten das gleiche Bedürfnis, den Frieden untereinander wiederherzustellen. Als die bestgeeigneten Orte für die Eröffnung der Verhandlungen wurden die Städte Osnabrück und Münster gewählt (1643). Auch Friedrich Wilhelm sandte seine Bevollmächtigten hin.

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Die Vielfältigkeit öer Gegenstände, die verwickelte Rechtslage, die Menge der Ehrgeizigen, die zufriedengestellt sein wollten, die Glaubensfrage, die Rangstreitigkeiten, die Notwendigkeit eines Ausgleichs zwischen der kaiserlichen Autorität und den Freiheiten des Deutschen Reiches: dies ganze Chaos, dessen Entwirrung eine Riesenaufgabe war, hat die Bevollmächtigten bis zum Jahre 1647 beschäftigt. Dann erst wurden sie über die Hauptpunkte des Friedens miteinander einig.

Wir wollen den Westfälischen Friedensvertrag nicht in seinem ganzen Umfang wiedergeben, sondern uns auf die Artikel beschränken, die sich auf unsere Geschichte beziehen.

Frankreich nahm sich der schwedischen Interessen an und forderte, daß Pommern bei Schweden verbliebe, zur Entschädigung für die Kriegskosten, die Gustav Adolf und seine Nachfolger aufgewandt hatten. Obwohl das Deutsche Reich und der Kurfürst sich weigerten, Pommern aufzugeben, wurde schließlich doch vereinbart, daß Friedrich Wilhelm den Schweden Vorpommern, die Inseln Rügen und Wollin, die Städte Stettin, Garz, Gollnow und die drei Odermündungen überließe. Ein Zusatz bestimmte, daß Pommern und die Neumark an Schweden fallen sollten, falls die Kurlinie ohne männliche Nachkommen bliebe. Einstweilen wurde es beiden Häusern freigestellt, das Wappen Pommerns zu führen.

Um den Kurfürsten für diese Abtretung zu entschädigen, säkularisierte man zu seinen Gunsten die Bistümer Halberstadt, Minden, Kammin und setzte ihn in deren Besitz. Desgleichen erhielt er die Grafschaft Hohenstein und Regenstein und die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg, dessen Administrator damals August von Sachsen57-1 war.

Was die Religion betrifft, so kam man überein, daß der lutherische und der calvinistische Glaube fortan im Heiligen Römischen Reich anerkannt werden sollten.

Dieser Friede, der von Ludwig XIV. garantiert wurde, bildet die Grundlage für alle Besitzungen und Rechte der deutschen Fürsten. Er wurde im Jahre 1648 verkündigt.

So wurde über die Ansprüche des Kurfürsten entschieden. Im folgenden Jahre schloß er mit den Schweden einen neuen Vertrag zur Regelung der Grenzen und zur Tilgung einiger Schulden, wovon Schweden nur den vierten Teil bezahlen wollte. Erst im Jahre 1650 wurden die Kurmark, Pommern und die klevischen Herzogtümer von den Schweden und Holländern gänzlich geräumt57-2.

Nun schickte der Pfalzgraf von Neuburg sich an, wieder dieselbe Verwirrung zu stiften, wie sie eben erst mit so schwerer Mühe beigelegt war. Er unterfing sich, die Protestanten der Herzogtümer Jülich und Berg mit Härte zu verfolgen. Daraufhin erklärte Friedrich Wilhelm sich zu ihrem Beschützer und sandte seinen General Sparr57-3 mit etlichen Truppen ins Gebiet des Pfalzgrafen (1651). Zugleich ließ er ihm durch Vermittlung Hollands einen Vergleich vorschlagen.

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Herzog Karl IV. von Lothringen, ein ohne Heimstatt herumirrender Fürst, war von den Franzosen aus seinem Lande vertrieben und führte mit einer kleinen Truppenmacht eher das Leben eines Tartaren als das eines Herrschers. Er kam mittlerweile dem Pfalzgrafen von Neuburg zu Hilfe. Seine Ankunft drohte die Friedensstimmung beider Parteien zu verderben. Man gelangte aber doch zu einer Einigung. Für die Besitzordnung hielt man sich an den Westfälischen Frieden58-1 und für die Gewissensfreiheit an die Verträge, die man seit dem Jahre 1612 bis zum Jahre 1647 miteinander geschlossen hatte.

Zu dieser Zeit begab sich in Schweden ein Ereignis so einzig dastehender Art, daß es die Augen ganz Europas auf sich zog: die Königin Christine entsagte der Krone Schwedens zugunsten ihres Vetters, des Prinzen Karl Gustav von Zweibrücken (1654). Die Politiker, deren Sinn von Selbstsucht und Ehrgeiz erfüllt ist, verurteilten die Königin entschieden. Die Höflinge, die überall Hintergedanken wittern, sprengten aus,die Abneigung der Königin gegen Karl Gustav, den sie heiraten sollte, habe sie veranlaßt, die Herrscherwürde niederzulegen. Die Gelehrten lobten sie allzusehr, weil sie aus Liebe zur Philosophie auf die Herrscherwürde verzichtet habe. Wäre sie in Wahrheit Philosophin gewesen, so hätte sie sich nicht mit der Ermordung Monaldeschis befleckt58-2 und nicht — wie sie es in Rom tat — sich nach der aufgegebenen Hoheit zurückgesehnt. In den Augen der Weisen erschien das Verhalten der Königin nur bizarr. Sie verdiente weder Lob noch Tadel für ihre Thronentsagung. Eine Handlung wie diese gewinnt ihre Größe lediglich durch die hohe Bedeutung der Gründe, aus denen sie hervorgeht, durch die begleitenden Umstände und die Seelengröße, mit der sie zu Ende geführt wird.

Kaum hatte Karl Gustav den Thron bestiegen, als er auch schon danach trachtete, sich durch Waffentaten auszuzeichnen. Es fehlten noch sechs Jahre bis zum Ablauf des Waffenstillstandes, den Gustav Adolf mit Polen geschlossen hatte58-3. Karl Gustav beabsichtigte nun, den König Johann II. Kasimir, der 1648 zum Nachfolger von Wladislaw IV. erwählt worden war, zum Verzicht der polnischen Ansprüche auf die Krone Schwedens58-4 und zur Abtretung Livlands zu bringen. Friedrich Wilhelm, den Mißtrauen gegen Karl Gustav erfüllte, durchschaute seine Pläne bald. Um ihn aber in günstiger Stimmung zu erhalten, beendete er durch seine Vermittlung die Streitigkeiten zwischen der schwedischen Regierung in Stade und der Stadt Bremen um die Vorrechte der Hansestadt.

Die Schweden verkündeten, ihre Rüstungen richteten sich nur gegen Rußland. Vom Kurfürsten forderten sie die Häfen Pillau und Memel, ganz so wie Gustav<59> Adolf von Georg Wilhelm die Festungen Küstrinrin und Spandau gefordert hatte59-1. Die Verhältnisse hatten sich jedoch seit jener Zeit erheblich geändert. Der Fürst, an den die Schweden sich jetzt wandten, war ein ganz anderer Mann als Georg Wilhelm. Der Kurfürst wies die unbescheidene Forderung mit Stolz zurück (1654) und fügte hinzu: wenn der König von Schweden tatsächlich Rußland angreifen wolle, so verpflichte sich der Kurfürst, ein Korps von 8 000 Mann für diesen Krieg zu stellen. Er tue das um so lieber, als das Vordringen der Moskowiter in Polen ihn befürchten lasse, sie möchten sich auch seinen Grenzen nähern. Diese kunstgerechte Abfertigung ließ die Schweden erkennen, daß der Kurfürst weder furchtsam noch dumm war.

Unterdessen wies er die Republik Polen auf die Gefahr hin, die ihr drohte. Sie bat ihn um Beistand mit seiner Artillerie, seinen Truppen und seinem guten Rat. Der Bitte folgte eine Gesandtschaft, die um Vermittlung nachsuchte, damit baldigst eine Einigung mit Schweden zustande komme. Und ihr folgte wieder eine, die ihn drängte, Subsidien zu den Kriegskosten beizusteuern. Der Kurfürst kannte die lärmenden Beratungen der Polen. Er wußte, sie waren schwankend in ihren Entschließungen und leichtfertig gegenüber ihren Verpflichtungen, neigten zum Kriegführen, ohne die nötigen Mittel vorzusehen, waren erschöpft durch die Räuberei der Großen und hatten unbotmäßige Truppen. Daher erwiderte er, er könne weder die Verantwortung für das Unheil, das er befürchte, auf sich nehmen, noch das Wohl seiner Länder aufs Spiel setzen, um die Republik zu retten, die seine Dienste mit Undank lohnen werde.

Angesichts des Krieges, der jeden Augenblick ausbrechen konnte, schloß er mit den Holländern ein Schutzbündnis auf acht Jahre, um seinen Staaten die Ruhe zu sichern (1655). Er suchte die Freundschaft Cromwells, des glücklichen Usurpators, der unter dem Titel eines Protektors in seinem Vaterland als unumschränkter Alleinherr schaltete. Er knüpfte Verbindungen mit Ludwig XIV. an, der seit dem Westfälischen Frieden der Schiedsrichter Europas geworden war. Er schmeichelte selbst dem Hochmut Ferdinands III., um ihn für seine Interessen zu gewinnen. Aber zur Antwort erhielt er in Wien nur jene leeren Worte, womit die Höflichkeit der Minister das Herbe einer Ablehnung zu versüßen pflegt. Ferdinand III. vermehrte seine Truppen, und der Kurfürst folgte seinem Beispiel.

Der Argwohn Friedrich Wilhelms gegen die Absichten Schwedens fand bald seine Bestätigung. Schwedische Truppen unter dem Befehl des Generals Wittenberg durchzogen die Neumark, ohne um Genehmigung nachgesucht zu haben, und marschierten auf die polnische Grenze los. Und kaum eröffnete Stenbock den Angriff auf das polnische Reich, so ergaben sich ihm schon zwei Woywodschaften Großpolens.

Da die ganze Wucht des Krieges sich gegen die preußische Grenze richtete, zog der Kurfürst mit seinen Truppen dorthin, um die rechten Maßnahmen schneller treffen<60> und durchführen zu können. In Marienburg schloß er ein Schutzbündnis mit den Ständen Polnisch-Preußens60-1. Darin sicherten sich die Kontrahenten eine gegenseitige Unterstützung mit 4 000 Mann zu und regelten den Unterhalt der brandenburgischen Besatzungen in Marienburg, Graudenz und einigen anderen Städten.

Die Schweden waren damals nicht die einzigen Feinde Polens. Der Zar60-2 war seit dem vergangenen Jahr bis nach Litauen vorgedrungen. As Vorwand für diesen Einbruch diente die nichtige Auslassung etlicher Titel, die sich die polnische Staatskanzlei dem Zaren gegenüber zuschulden kommen ließ. Es war seltsam genug, daß eine Nation, die vielleicht nicht lesen konnte, um einiger Buchstaben willen, die auf der Adresse eines Schreibens fehlten, ein Nachbarvolk mit Krieg überzog.

Inzwischen nützten die Schweden die Bedrängnis ihrer Feinde aus und machten beträchtliche Fortschritte. Sie brachten Preußen in ihre Gewalt, nahmen dort Quartiere und näherten sich dann Königsberg. Ihr Vorgehen machte die Lage des Kurfürsten von Tag zu Tag schwieriger. Er sah den Augenblick kommen, wo er seine Neutralität nicht länger wahren konnte, ohne Preußen dem unvermeidlichen Ruin auszusetzen. Da die Schweden ihm zu wiederholten Malen günstige Anerbietungen gemacht hatten, schlug er sich auf ihre Seite und traf mit ihnen zu Königsberg ein Abkommen60-3 wonach er sich als Vasallen der schwedischen Krone bekannte und ihr für das Herzogtum Preußen die Huldigung leistete, unter der Bedingung, daß zu seinen Gunsten das Bistum Ermland säkularisiert würde. Um seine Stellung noch zu stärken, ging Friedrich Wilhelm ein Bündnis mit Ludwig XIV. ein, der ihm seine Provinzen am Rhein und an der Weser garantierte.

Seinen Vertrag mit den Schweden wandelte er dann zu Marienburg in ein Offensivbündnis um60-4. Der König und der Kurfürst hatten hierauf in Polen eine Zusammenkunft, in der sie sich über ihre Kriegspläne einigten und namentlich über Mittel und Wege, Warschau den Polen wieder zu entreißen, die kurz zuvor die schwedischen Truppen daraus vertrieben hatten. Dann marschierte der Kurfürst durch Masovien und vereinigte sich an der Mündung des Bug in die Weichsel mit dem schwedischen Heer. Die Verbündeten überschritten den Bug zur selben Zeit, als das polnische Heer bei Warschau über die Weichsel ging, sodaß nun also kein Hindernis mehr die Gegner trennte.

Die Vertreter Frankreichs, d'Avaugour und de Lumbres, hofften durch Unterhandlungen eine Einigung zu erreichen. Zu diesem Zweck gingen sie oftmals von einem Lager ins andere hin und her. Aber die Polen waren auf ihre Zahl60-5 so stolz, daß sie die Verbündeten, deren Streitkräfte sich nur auf 16 000 Mann beliefen, gering schätzten. Mit dreistem Übermut wiesen sie alle Vorschläge der Vermittler ab.

Das polnische Heer stand in einem verschanzten Lager. Sein rechter Flügel erstreckte sich gegen einen Sumpf hin. Die Weichsel, die vom Rücken des Lagers schräg

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Skizze zur Schlacht bei Warschau

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zur Linken hinfloß, decke zugleich diesen Flügel. Am 28. Juli in aller Frühe marschierten Karl Gustav und Friedrich Wilhelm gegen die Polen.

Der König, der die erste Kolonne führte, rückte durch ein kleines Gehölz62-1 und lehnte seinen rechten Flügel an die Weichsel. Aber das Gelände war zu schmal, sodaß er nur eine Front von 12 Schwadronen und 3 Bataillonen gegen den Feind entwickeln konnte. Das Lager der Polen war nach dieser Seite hin gut befestigt und schwierig anzugreifen. So war der König genötigt, in Kolonnen stehenzubleiben. Der Tag ging in Scharmützeln und Kanonaden hin. Der Kurfürst, der den linken Flügel kommandierte, ließ das Gehölz, durch das der König gekommen war, zur Rechten. Da die Nacht hereinbrach, blieb das Heer in dieser Stellung, ohne abzukochen und ohne die Waffen abzulegen, bis zum wiederkehrenden Morgenrot.

Am folgenden Tag, am 29., bemächtigte sich der Kurfürst eines Hügels62-2, der zu seiner Linken lag, und entdeckte von dort jenseits des Wäldchens eine Ebene, in der er seine Truppen ausbreiten konnte. Er ließ seine Kolonne links abmarschieren, entwickelte sie in der Ebene und sicherte seine Flanke durch 6 Schwadronen. Die Tartaren nahmen diese Bewegung wahr und griffen den Kurfürsten von allen Seiten an. Sie wurden aber zurückgeschlagen, und sein Flügel formierte sich ganz in der Ebene. Nun machten die Tartaren einen neuen Angriffsversuch, der ihnen aber ebenso mißlang wie der erste. Dann zogen sie sich in Verwirrung auf ihr Lager zurück.

Der König sah, daß es unmöglich war, die feindliche Verschanzung auf der Weichselseite anzugreifen, und beschloß daher, seine Aufstellung zu ändern. Die polnische Infanterie, die Miene machte, aus der Verschanzung hervorzubrechen, hielt ihn eine Zeitlang auf. Aber einige Kanonen, die er gegenüber den Öffnungen der Verschanzung auffahren ließ, hatten so starke Wirkung, daß die polnischen Truppen jedesmal, wenn sie herausdringen wollten, in Verwirrung gebracht und gezwungen wurden, den Versuch aufzugeben. Mittlerweile änderte Karl Gustav seine Schlachtordnung; er zog seine Truppen durch das Gehölz, das er tags zuvor durchschritten hatte, zurück und stellte sich in der Ebene auf, links neben den Truppen des Kurfürsten, die schon aufmarschiert waren62-3.

Nun verließ das polnische Heer die Verschanzung, marschierte rechts ab und formierte eine Front, die derjenigen der Verbündeten überlegen war. Auf ihrem rechten Flügel stand die gesamte Reiterei, gedeckt von einem Dorf, das mit Infanterie besetzt war und von einer Anhöhe aus durch eine Batterie flankiert und geschützt wurde. Der König von Schweden ging mit seiner Linken gegen ihre rechte Flanke vor. Sofort setzten die Polen das Dorf in Brand, räumen es und sammeln sich hinter einem weiter rückwärts liegenden Dorfe, das von einem Morast gedeckt wurde. Der König<63> verfolgte sie und fiel ihnen zum zweitenmal in die Flanke, was bei den Polen einen neuen Dorfbrand und einen neuen Rückzug bewirkte. Angesichts dieser Gefahr unternahm die polnische Reiterei einen allgemeinen Ansturm. Sie griff die Verbündeten von der Seite, im Rücken und in der Front zugleich an. Alle Truppen aber waren darauf vorbereitet, sie bestens zu empfangen: die Reserve warf die zurück, die von rückwärts kamen; die seitwärts aufgestellten Truppen schlugen die Flankenattacken ab, und die Schlachtftont selbst brachte mit einigen Salven Unordnung in die Angreifer, sodaß sie nach allen Richtungen entflohen. Die Nacht hemmte die Schweden für diesmal in der vollen Ausnutzung des Sieges. Sie warteten auf dem Schlachtfeld mit den Waffen in der Hand den nächsten Tag ab, der ihren Triumph vollenden sollte.

In der Frühe des nächsten Morgens (30. Juli) entschloß sich der König von Schweden, seine Schlachtordnung neuerdings zu ändern. Er formierte die beiden ersten Treffen aus Infanterie und stellte seine Reiterei ins dritte Treffen, mit Ausnahme der Kürassiere und der brandenburgischen Dragoner, die der Kurfürst auf den rechten Flügel seiner Truppen nahm; denn die Gelegenheit schien ihm günstig, seine Reiterei zu verwerten.

Der Feind war im Besitz eines Gehölzes63-1 geblieben, das dem linken Flügel gegenüber lag. Eine Artilleriebrigade, unterstützt von 500 Reitern, wurde dorthin ausgeschickt. Nach ein paar Kanonensalven verjagte die Reiterei den Feind aus dem Gehölz, und die Verbündeten ließen es von 200 Mann Infanterie besetzen. Dies Vorgehen war um so nötiger, als die Feinde, solange sie Herren des Gehölzes blieben, ihre Reiterei decken, sodaß man ihr nur schwer etwas anhaben konnte. Nunmehr griff der Kurfürst die polnische Reiterei, an, die auf einer Anhöhe63-2 aufmarschiert stand, warf sie über den Haufen in einen dahmterliegenden Sumpf und zersprengte sie gänzlich. Da die feindliche Infanterie sich von ihren Reitern im Stich gelassen sah und ihre Kanonen schon am Tag zuvor verloren hatte, ergriff sie in vollständiger Verwirrung die Flucht, ohne die Schwedn und Brandenburger abzuwarten. Schleunigst flüchtete sie über die Weichsel zurück, in so arger Unordnung, daß viele ertranken. Und da sie sich selbst hinter dem Strom nicht in Sicherheit glaubte, ließ sie auch Warschau im Stich. Die Stadt ergab sich am nächsten Tag den Siegern.

Das polnische Heer verlor in den verschiedenen Kämpfen 6 000 Mann. Die Verbündeten waren von all den Strapazen so erschöpft und vom dreitägigen Hungern so entkräftet, daß sie außerstande waren, die Besiegten zu verfolgen.

Johann Kasimir hatte der Niederlage seiner Truppen persönlich beigewohnt. Die Königin, seine Gemahlin63-3, und einige der ersten Senatorinnen des Königreichs waren von der Weichselbrücke aus Zuschauerinnen gewesen. Aber sie halfen nur die Hindernisse, die Verwirrung und Schmach einer regellosen Flucht mehren.

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Nachdem das siegreiche Heer etwas Ruhe genossen hatte, machte es noch einen Marsch von sechs deutschen Meilen zur Verfolgung der Polen. Der Kurfürst aber ließ einige Truppen unter dem Befehl des schwedischen Königs und kehrte mit seiner Hauptmacht nach Preußen zurück, um die Tartaren, die dort einfielen, zu verjagen. Da er merkte, daß Karl Gustav seines Beistandes aufs dringendste bedurfte, bediente er sich dieses Umstandes mit solcher Geschicklichkeit, daß er durch den Vertrag von Labiau64-1 die volle Souveränität über Preußen erlangte. Schweden behielt sich nur die Eventual-Nachfolge für das Herzogtum vor.

Der Kurfürst teilte dem Kaiser den Gewinn der Schlacht bei Warschau mit. Aber Ferdinand III., der die Schweden noch fürchtete, sah nur widerwillig das gute Einverständnis zwischen ihnen und den Brandenburgern und beneidete die beiden Helden überdies um ihre glänzenden Erfolge. Er begnügte sich damit, ihm zu antworten: er bedauere die Polen, daß sie es mit zwei so tapferen Fürsten zu tun hätten.

Der Kaiser, der damals in Frieden mit all seinen Nachbarn lebte, glaubte es seiner Würde schuldig zu sein, sich auch in die polnischen Wirren zu mischen, entweder um das Königreich Polen zu schützen, oder um dem König von Schweden Schranken zu setzen, oder um selber Vorteil aus der Sache zu ziehen. Er sandte Hatzfeldt mit 16 000 Mann den Polen zu Hilfe. Dänemark nahm sich aus Haß gegen Schweden gleichfalls der Interessen Polens an. Diese mächtige Vereinigung ward für Karl Gustav ein sicheres Anzeichen vom Unbestand des Glückes. Ferdinand III. war noch nicht zufrieden damit, daß er die Polen durch seine Truppen unterstützte; er wollte sie auch von einem gefährlichen Feind befreien und redete Friedrich Wilhelm in den dringlichsten Ausdrücken zu, er solle sich von den Schweden lossagen.

Da der Kurfürst sich von allen Seiten bedrängt sah, entschloß er sich, den Gesetzen der Notwendigkeit zuvorzukommen. Er tat gutwillig, was er doch nicht hätte Verweigern können. In der Voraussicht, daß der Kaiser und der König von Dänemark64-2 ihn durch einen Einfall in seine deutschen Staaten zwingen konnten, die Partei der Schweden zu verlassen, schloß er in Wehlau Frieden mit den Polen64-3. Sie erkannten die Souveränität Preußens an und traten ihm, zur Entschädigung für das Bistum Ermland, die Ämter Lauenburg und Bütow ab. Die Stadt Elbing wurde ihm gegen eine Summe Geldes verpfändet64-4 und die Erbfolge in Preußen wurde auf seine Vettern, die fränkischen Markgrafen, ausgedehnt. Polen und Brandenburg versprachen einander gegenseitige Hilfeleistung von 2 000 Mann. Der Kurfürst räumte alle von der Republik Polen abhängigen Städte, in denen er eine Besatzung hatte. Dieser wichtige Vertrag wurde in Bromberg bestätigt64-5.

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Da die alten Verbindungen des Kurfürsten mit Schweden und Frankreich durch den eben mit Polen geschlossenen Frieden zerrissen waren, fand er es ratsam, für neue Bündnisse zu sorgen, und schloß einen Vertrag mit dem Kaiser und dem König von Dänemark65-1. Demzufolge verpflichtete sich Ferdinand III.65-2 6 000 Mann zu stellen, und Friedrich Wilhelm versprach ein Kontingent von 3 500 Mann für den Kontrahenten, der des Beistands bedürfen sollte. Erzherzog Leopold, den sein Vater schon im Jahre 1653 trotz der Goldenen Bulle und gegen die Absicht der meisten Reichsfürsten zum römischen König hatte wählen lassen65-3, bestieg jetzt den Kaiserthron, der durch den Tod Ferdinands III. frei geworden war.

Der König von Schweden war indessen empört, daß der Kaiser und der König von Dänemark seine Anschläge auf Polen im Keim erstickt hatten. Er rächte sich durch einen Überfall auf Seeland und zwang den König von Dänemark zur Unterzeichnung des Friedens von Roeskilde (1658). Aber kaum war der Friede geschlossen, als der König von Dänemark ihn schon brach. Die wiedererlangte Freiheit zerstörte das Werk des Zwangs. Obwohl Friedrich III. von Dänemark der Angreifer war, bat er den Kaiser und den Kurfürsten um Hilfe wider Schweden und erhielt sie auch.

Als Friedrich Wilhelm daran ging, den König von Dänemark zu unterstützen, setzte er während seiner Abwesenheit den Fürsten von Anhalt65-4 zum Statthalter in seinen Staaten ein. Mit seiner Reiterei und 3 000 kaiserlichen Kürassieren brach er von Berlin auf. Er warf die Schweden, die in Holstein standen, über die Eider zurück und legte brandenburgische und kaiserliche Besatzung nach Gottorp. Nachdem er die Schweden von der Insel Aland vertrieben hatte, ließ er seine Truppen Winterquartiere in Jütland beziehen.

Im folgenden Jahr (1659) eröffnete er den Feldzug mit der Einnahme von Fredriksodde und der Insel Fanoe. Aber seine Unternehmung gegen die Insel Fünen schlug fehl, da acht schwedische Kriegsschiffe die mit seinen Landungstruppen besetzten Barken auseinandersprengten.

Um die schwedischen Streitkräfte mehr zu zersplittern, rückte de Souches mit den Kaiserlichen und 2 000 Brandenburgern65-5 in Vorpommern ein. Er und Starhemberg65-6 bemächtigten sich einiger Städtchen auf der Insel Wollin und eröffneten die Belagerung Stettins. Würtz, der dort Kommandant war, wehrte sich tapfer. Das Gerücht dieser Unternehmung drang auch nach Dänemark, wo Mangel die Schweden kommandierte. Er eilte Pommern zu Hilfe, landete in Stralsund, überfiel 200 Brandenburger auf der Insel Usedom und warf 1 600 Mann Hilfsruppen nach Stettin. Würtz ließ diese Verstärkung nicht müßig gehen. Er machte einen wütenden<66> Ausfall, verjagte die Kaiserlichen aus ihren Laufgräben, vernagelte ihre Kanonen, setzte ihr Lager in Schrecken und zwang sie, die Belagerung aufzuheben, die schon sechsundvierzig Tage gedauert hatte.

Der Krieg näherte sich dem Brandenburger Land, seit Wrangel nach Pommern marschiert war. Das bewog den Kurfürsten, Jütland zu verlassen. Er folgte Wrangel, nahm Warnemünde und Tribsees, schlug persönlich bei Stralsund eine Abteilung von 300 Reitern und beendete den Feldzug mit der Einnahme von Demmin.

Während der Krieg in Holstein und Pommern lebhaft geführt wurde, hatten die Schweden die Polen aus dem großen und kleinen Werder und aus Marienburg in Polnisch-Preußen hinausgeworfen (1658). Im folgenden Jahre wurden sie selber von den Kaiserlichen und den Polen verjagt. Polenz66-1, der Führer der Brandenburger, machte einen Einfall in Kurland, wo er den Schweden einige Städte wegnahm.

Zum klareren Verständnis der Kriegsoperationen muß hier eingefügt werden, daß die meisten Städte, die damals Belagerungen aushielten, der heutigen Angriffsweise nicht vierundzwanzig Stunden Widerstand leisten würden, es sei denn, daß sie von einem ganzen Heere verteidigt würden.

Karl Gustav starb in der Blüte seiner Jahre (1660), inmitten des Wirrwarrs und der Aufregungen, in die er den Norden gestürzt hatte. Die Minderjährigkeit seines Sohnes Karl XI., der erst fünf Jahre alt war, mäßigte den kriegerischen Drang der Schweden; sie waren es gewöhnt, durch das Vorbild ihrer Fürsten fortgerissen zu werden. Kurz darauf66-2 hatte König Johann II. Kasimir von Polen der Krone entsagt, und die Polen hatten zu seinem Nachfolger Michael Koribut66-3 erwählt. Nach dem Tode des schwedischen und der Abdankung des polnischen Königs hörten die Feindseligkeiten auf beiden Seiten auf.

Die kriegführenden Parteien sehnten sich nach dem Frieden und verlangten nur mehr nach Sicherheit und Ruhe. Und da sie alle dieselbe Stimmung beseelte, kamen sie überein, im Kloster Oliva bei Danzig die Verhandlungen zu eröffnen. Da die Ehrsucht an diesen Besprechungen keinen Anteil hatte, gelangten sie bald zu einem glücklichen Abschluß66-4. Dem Kurfürsten wurde der Bromberger Vertrag garantiert und seine Souveränität über Preußen anerkannt. Die übrigen Mächte einigten sich untereinander dahin, ihren Besitzstand wiederherzustellen, wie er vor Ausbruch des Krieges gewesen war.

Die preußischen Stände unterwarfen sich nur ungern dem Bromberger Vertrag. Sie behaupteten, Polen habe kein Recht gehabt, über ihre Freiheit zu verfügen. Ein Edelmann namens Roth trieb die Empörung weiter als die anderen. Er wurde in Haft gesetzt66-5. Nachdem die ersten Regungen des Aufruhrs beschwichtigt waren,<67> nahm Friedrich Wilhelm zu Königsberg die Huldigung der Preußen persönlich entgegen (1663).

Die Ruhe, die nun in ganz Europa herrschte, erlaubte es dem Kurfürsten, sein Augenmerk ganz auf das Wohl seines Volkes zu lenken. Wie er in Kriegszeiten zum Beschützer seiner Staaten ward, so hatte er in Friedenszeiten den edlen Ehrgeiz, ihnen ein Vater zu sein. Er half den Familien, die durch die Feinde zugrunde gerichtet waren. Die zerstörten Mauern der Städte ließ er wieder aufbauen. Die Wüsteneien wurden zu wohlbestellten Feldern. Wälder verwandelten sich in Dörfer, und Landleute, die er als Kolonisten ansiedelte, weideten ihre Herden in den Gegenden, die infolge der Kriegsverwüstungen eine Heimstätte der Raubtiere gewesen waren.

Die Landwirtschaft, das so gering geschätzte und doch so nützliche Gewerbe, wurde von ihm sorgsam gefördert. Täglich sah man neue Schöpfungen. Ein Kanal wurde gegraben, der die Spree mit der Oder verband67-1 und so den Handelsverkehr in den Provinzen förderte. Der Warentransport nach der Ostsee einerseits, nach der Nordsee andrerseits wurde dadurch abgekürzt. Friedrich Wilhelm war durch seine Herzensgüte und seinen Eifer für das Gemeinwohl noch größer als durch seine Feldherrngaben und seine weise Staatskunst, die ihn alles zur rechten Zeit unternehmen hieß und auf eine Art, die zum Erfolg führen mußte. Kühnheit macht den großen Helden, Menschlichkeit den guten Fürsten.

Während des Friedens nahm der Kurfürst die Eventualhuldigung des Erzbistums Magdeburg entgegen (1666) und legte Besatzung in diese Stadt. Auch die Herrschaft Regenstein, ein Lehen des Fürstentums Halberstadt, verleibte er seinem Staat ein und hielt seine Rechte gegenüber den Ansprüchen der Herzöge von Braunschweig aufrecht.

Nachdem wir von der Fürsorge des Kurfürsten für die innere Verwaltung berichtet haben, müssen wir noch in wenig Worten seines Anteils an den allgemeinen Angelegenheiten Europas gedenken. Er sandte 1664 dem Kaiser, den die Türken in Ungarn angriffen, 2 000 Mann unter dem Herzog von Holstein67-2 zu Hilfe. Ebenso stand er dem König Michael Koribut von Polen in dem Kriege bei, den er gegen die Ungläubigen zu bestehen hatte. Dank seiner Vermittlung einigten sich die Söhne des Herzogs von Lüneburg über das väterliche Erbe67-3 (1665). Mit dem Pfalzgrafen von Neuburg67-4 verglich er sich in allen Streitfragen hinsichtlich der klevischen Erbfolge, die noch unerledigt waren67-5 (1666). Die Schweden schlossen mit ihm ein Schutzbündnis, und er brachte im Haag mit dem König von Dänemark, der Republik Holland und dem Herzog von Braunschweig einen Vierbund zustande, dem auch der Kaiser beitrat.

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Diese Bündnisse, die Deutschlands Ruhe sichern sollten, verloren durch ihre Zahl an Kraft. Sie ließen allzusehr die Überlegenheit Frankreichs und die Schwäche des Deutschen Reiches erkennen, das so viele Staaten umfaßte und der Macht eines einzigen Monarchen doch kaum widerstehen konnte.

Bald sah man, wie nutzlos die Vorsichtsmaßregeln der Reichsfürsten waren. Ludwig XIV., der damals selbst die Regierung übernahm, brannte vor Ungeduld, der Welt seine Herrschaft durch Taten zu verkünden, die die Augen Europas auf ihn zu lenken vermochten. An der Spitze seines Heeres zog er aus, um Spanisch-Flandern anzugreifen. Die Mitgift, die der Königin Maria Theresia noch nicht ausbezahlt war, mußte für ein Manifest herhalten68-1. Obwohl die Gründe in Madrid nicht für so vollwichtig gehalten wurden wie in Paris, glaubte Ludwig XIV. ganz nach der Ordnung vorzugehen, als er in die spanischen Niederlande einbrach, die zu jener Zeit nur von wenigen Truppen verteidigt wurden.

Frankreich war darauf bedacht, den Bündnissen zuvorzukommen, die zur Unterstützung Spaniens gebildet wurden. Es glaubte daher, wohl daran zu tun, wenn es mit dem Kurfürsten Freundschaft pflegte. Dieser versprach auch, sich in den Krieg, der ihn ja tatsächlich nichts anging, nicht einzumischen.68-2

Ludwig XIV. nahm fast ohne Widerstand einen Teil von Spanisch-Flandern ein (1668). Im folgenden Winter bemächtigte er sich der Franche-Comté, und zwar auf Betreiben des Prinzen Condé, der den Marschall Turenne um den erfolgreichen flandrischen Feldzug beneidete und ihn nun übertreffen wollte. In dieser dringenden Not suchten die Spanier Hilfe bei den Holländern, die früher von ihnen unterdrückt und mißachtet worden waren. Und die holländische Republik gewährte ihnen diesmal Beistand gegen die Unternehmungen des Königs von Frankreich. Jan de Witt, der Ratspensionär von Holland, der englische Minister Ritter Temple und der schwedische Botschafter Dohna beschlossen, den Fortschritten Ludwigs XIV. Einhalt zu tun. Bald danach traten Schweden, Holland und England im Haag zu einem Bündnis zusammen. Ludwig XIV. beschwor den Sturm, indem er selber Spanien den Frieden anbot. Er kam in Aachen tatsächlich zustande (1668). Die Bedingungen waren, daß der König die in Flandern eroberten Plätze behalten und die FrancheComté den Spaniern zurückgeben sollte. Die Holländer hätten gewünscht, daß er Flandern wieder herausgäbe. Aber wie sehr sie sich auch bemühten, den König so weit zu bringen, es war umsonst, zumal er gegen die Holländer gereizt war und Flandern für seine Absicht, sich an ihnen zu rächen, nötig hatte.

Die Pläne, die Ludwig XIV. gegen die Niederlande schmiedete, blieben nicht so verborgen, daß nicht etwas davon durchgesickert wäre. Wer am wenigsten an einer<69> Sache interessiert ist, hat oft den klarsten Einblick. So sah Friedrich Wilhelm aus, daß der Friede, den Frankreich eben mit Spanien geschlossen hatte, für die Holländer verhängnisvoll werden könnte. Er versuchte, das drohende Unheil von der Republik abzuwenden.

Ludwig XIV. dachte nicht daran, sich zu friedlichen Gesinnungen zu bekehren. Vielmehr bemühte er sich, den Kurfürsten in den Krieg, den er gegen die Holländer vorhatte, selbst hineinzuziehen. Damit beauftragte er den Grafen von Fürstenberg69-1, der sich nach Berlin begab (1669). Zu seinem Staunen fand der Vermittler einen Herrscher, der die Gefühle der Freundschaft und der Dankbarkeit höher hielt als die Lockungen des Eigennutzes und die Reize des Ehrgeizes.

Alsbald entstand ein Bund zur Unterstützung der Niederlande. Der Kurfürst von Brandenburg, der von Köln69-2, der Bischof von Münster69-3 und der Pfalzgraf von Neuburg unterzeichneten den Vertrag zu Bielefeld. Aber kaum war das Bündnis geschlossen, als der Kurfürst von Köln und der Bischof von Münster zur Gegenpartei übertraten.

Als Holland 1672 von Frankreich angegriffen und zugleich vom Kurfürsten von Köln und dem Bischof von Münster beunruhigt wurde, war seine Lage derart, daß es von der Hochherzigkeit seiner Bundesgenossen keine Hilfe zu erwarten wagte. Wer ins Unglück gerät, macht eine sichere Erfahrung mit dem Menschenherzen: der Niedergang seines Glückes ist wie ein Thermometer, das zugleich die Erkaltung seiner Freunde anzeigt. Die Provinzen der Holländer wurden von Ludwig XIV. erobert. Ihre Truppen waren entmutigt und in die Flucht gejagt und Amsterdam dem Fall nahe. Wie konnten sie bei diesem Stand der Dinge hoffen, ein Fürst werde so viel Seelengröße haben, um den Gefahren zu trotzen, denen die Republik und ihre Beschützer ausgesetzt waren? Wie konnten sie erwarten, er werde sich dem mächtigsten und glücklichsten Monarchen Europas auf der Triumphstraße seiner Erfolge entgegenstellen?

Und doch stellte ein solcher Beschützer sich ein. Friedrich Wilhelm besaß die Seelengröße, ein Bündnis mit der Republik zu schließen69-4, während ganz Europa schon glaubte, sie werde in den Fluten versinken, die sie einst beherrscht hatte. Er verpflichtete sich zur Stellung von 20 000 Mann, wovon die Hälfte im Sold der Republik stehen sollte. Der Kurfürst und Holland versprachen sich ferner gegenseitig, keinen Sonderfrieden mit den Feinden zu schließen. Bald danach trat Kaiser Leopold ihrem Bunde bei (Juni 1672).

Mittlerweile hatten die raschen Erfolge Ludwigs XIV. zur Änderung der Regierungsform in Holland geführt. Das Unglück des Landes und die Ränke des Prinzen von Oranien brachten das Volk in Wut. Es legte dem Ratspensionär all<70> sein Mißgeschick zur Last, und mit unerhörter Grausamkeit rächte es die Leiden Hollands an den Brüdern de Witt. Wilhelm von Oranien wurde vom Volke tumultuarisch zum Statthalter erwählt70-1, und der erst zweiundzwanzig Jahre alte Prinz wurde der unermüdlichste Feind, den die Ehrsucht Ludwigs XIV. zu bekämpfen hatte.

Der Kurfürst beeilte sich, dem neuen Statthalter, seinem Verwandten, Hilfe zu bringen. Kaum hatte er seine Truppen gesammelt, so rückte er auf Halberstadt vor, wo Montecuccoli mit 10 000 Kaiserlichen zu ihm stieß. Sogleich setzte er den March nach Westfalen fort. Auf das Gerücht von seinem Nahen verließ Turenne Holland, bemächtigte sich im Klevischen einiger Städte und zog mit 30 000 Franzosen dem Kurfürsten entgegen. Der Bischof von Münster mußte von Gröningen ablassen, und die Franzosen hoben die Belagerung von Maastricht auf: das waren die einzigen Früchte dieser Diversion. Der Kurfürst wollte Turenne schlagen und marschierte geradenwegs den Holländern zu Hilfe. Aber Montecuccoli, der geheimen Befehl hatte, nicht die Offensive zu ergreifen, wollte ihm keineswegs beipflichten. Er brachte alle möglichen schlechten Gründe vor, um ihm seine Absicht auszureden. Da der Kurfürst nicht stark genug war, um mit seinen eigenen Streitkräften vorzugehen, war er gezwungen, sich den Wünschen des Kaisers zu beugen. Er marschierte also in der Richtung auf Frankfurt am Main und ließ den Prinzen von Oranien die Gründe seines Verhaltens wissen. Durch diesen Marsch nötigte er jedoch Turenne, bei Andernach wieder über den Rhein zurückzugehen, und befreite die Holländer von 30 000 Feinden.

Turenne wäre verfolgt worden, wenn es vom Kurfürsten allein abgehangen hätte. Er hatte bereits Anstalten getroffen, um den Rhein bel Nierstein zu überschreiten. Doch Montecuccoli widersetzte sich dem nachdrücklich und erklärte ihm, die Kaiserlichen würden nicht über den Strom setzen. Der Feldzug verlief daher unfruchtbar. Der Kurfürst bezog Winterquartiere in Westfalen.

Die Franzosen machten sich diesen Stillstand zunutze. Turenne ging (1673) Wesel über den Rhein, brachte die Herzogtümer Kleve und Mark in seine Gewalt und drang gegen die Weser vor. Der Bischof von Münster suchte vergebens, sich Bielefelds zu bemächtigen. Man riet dem Kurfürsten, die Entscheidung der Dinge einer Schlacht anzuvertrauen. Der Fürst von Anhalt70-2 war dieser Meinung und unterstützte sie durch gute Gründe. Er betonte, daß Turenne, wenn er geschlagen würde, wieder über den Rhein zurück müsse. Sollte er aber Sieger bleiben, so könne er die geschlagenen Truppen nicht verfolgen, weil er sich sonst zu weit von der französischen Grenze entfernte. Der Kurfürst neigte sehr zu dieser Auffassung.

Es war an einem Sonntag. Die Minister, die ebensosehr von Furcht vor den Franzosen, wie von Neid auf den Ruf des Fürsten von Anhalt erfüllt waren, stifteten den Prediger an, seine Rede in die Länge zu ziehen. Die Predigt dauerte an<71> drei Stunden71-1. Dadurch fanden sie Zeit, alles st einzurichten, daß der Plan scheiterte. Die Kaiserlichen weigerten sich zu fechten, und der Kurfürst fühlte sich nicht stark genug, um sich allein, ohne die Hilfe seiner Verbündeten, mit Frankreich zu messen.

Da er Turenne nicht mit den Waffen besiegen konnte, so besiegte er ihn in diesem Feldzug durch Edelmut. Ein Franzose namens Villeneuve, der in Turennes Lager war, bot dem Kurfürsten an, er wolle seinen eigenen Feldherrn ermorden. Friedrich Wilhelm wandte sich mit Abscheu von diesem Verbrechen ab und warnte Turenne vor dem Verräter. Er fügte hinzu, gern ergreife er die Gelegenheit, ihm zu bekunden, daß seine Achtung vor Turennes Verdiensten nicht beeinträchtigt werde durch das Unheil, das die Franzosen über seine Provinzen gebracht hatten.

Die Holländer blieben die Subsidien schuldig, zu denen sie sich verpflichtet hatten. Der Kaiser und Spanien hatten noch nicht gegen Frankreich Partei ergriffen. Alles Land, das der Kurfürst in Westfalen besaß, war verloren. Diese Gründe im Verein mit seiner Machtlosigkeit bestimmten Friedrich Wilhelm, sich mit Frankreich zu einigen. Der Friede wurde zu Vossem geschlossen71-2; Ludwig XIV. ratifizierte ihn in seinem Lager vor Maastricht. Der Kurfürst erhielt all seine Provinzen zurück, ausgenommen die Städte Rees und Wesel, die die Franzosen bis zum Friedensschluß mit Holland behielten. Er versprach, den Holländern keinen Beistand mehr zu leisten, behielt sich jedoch immerhin die Freiheit vor, das Reich zu verteidigen, falls es angegriffen würde. Die übrigen Vertragspunkte drehten sich um den Ersatz des Schadens, den die französischen Truppen angerichtet hatten und den Ludwig XIV. dem Kurfürsten zu vergüten versprach. Doch umsonst blieben alle Versuche Friedrich Wilhelms, den König zu bewegen, daß er die Holländer in diesen Frieden einschlösse. Er hatte sein Äußerstes getan, um die unglückliche Republik zu retten. Wenn so viele mächtigere Fürsten oder wenigstens einige von ihnen seine Hochherzigkeit nachgeahmt hätten, so wäre Holland früher gerettet worden, und der Kurfürst hätte nicht vor der Macht des furchtgebietendsten Königs von Europa zurückweichen müssen.

Ludwig XIV. hatte die Holländer niedergeworfen, ihre Verbündeten gezwungen, sie zu verlassen, und die beiden Häuser Östereich71-3 in Untätigkeit gehalten. Aber der Triumphbogen, den man ihm vor derPorte Saint-Denis für die Eroberung Hollands errichtete, war noch nicht vollendet, als die Eroberung auch schon wieder verloren ging.

Die Franzosen hatten allzu viele Städte besetzt, was ihre Heere erheblich schwächte. Sie hatten aber versäumt, Amsterdam zu nehmen, die Seele des Staates. Um sich zu retten, öffneten die Holländer die Schleusen. Turenne konnte die Vereinigung des Prinzen von Oranien mit Montecuccoli nicht hindern. All diese Umstände zusammen machten die Errungenschaften der Franzosen zunichte und zwangen sie, Holland zu räumen.

<72>

Um auf einer anderen Seite die Oberhand wiederzugewinnen, eroberte Ludwig XI V. die Franch-Comté (1674). Turenne fiel in die Pfalz ein. Seine Truppen begingen dort unerhörte Frevel. Der Kurfürst72-1, der von seinem Schloß aus mehrere Dörfer hatte brennen sehen, erhob Klage beim Reichstag. Der Kaiser, der ruhig zugesehen hatte, als Holland unterjocht wurde, raffte sich aus seiner Lethargie auf, um dem Reiche zu helfen, und brach mit dem König von Frankreich. Das war vielleicht der einzige Krieg, den das Haus Österreich zur Sicherung und Verteidigung von Deutschland unternommen hat.

Kaiser Leopold verband sich mit Spanien und Holland. Friedrich Wilhelm verpflichtete sich, dem Reiche 16 000 Mann Hilfstruppen zu stellen72-2. Die Holländer und Spanier versprachen ihm, zum Unterhalt seiner Truppen beizusteuern. Da Ludwig XIV. das Reich angriff, so stand der Entschluß des Kurfürsten, dem Reiche aus diesem Anlaß beizustehen, keineswegs im Widerspruch zu den Verpflichtungen, die er im Frieden von Vossem mit Frankreich eingegangen war.

Der Anfang des Feldzuges verlief für die Verbündeten unglücklich. Der Prinz von Oranien wurde bei Senef vom Prinzen Condé geschlagen72-3. Turenne, der bei Philippsburg den Rhein überschritten hatte, trug einen Sieg über den alten Caprara davon, kämpfte bei Sinzheim gegen Herzog Karl IV. von Lothringen72-4, marschierte von da auf Enzheim und besiegte Bournonville72-5, der dort ein großes Korps Kaiserlicher befehligte.

Der Kurfürst ging bei Strasburg über den Rhein und stieß zu Bournonville, wenige Tage nach dessen Niederlage. Er fand die Generale, die dies Heer führten, in Unfrieden miteinander und mehr bemüht, sich gegenseitig zu schaden, als den Feind zu besiegen.

Nach der Vereinigung mit den Brandenburgern war das Heer über 50 000 Mann stark. Der Kurfürst, der nach Ruhm dürstete und kämpfen wollte, drängte Bournonville, seine Einwilligung zu geben. Aber es war vergebens. Das Heer schlug am Kochersberg ein Lager auf, und die Brandenburger bemächtigten sich der kleinen Feste Wasselnheim. Turenne, der einen größeren Schlag plante, ging wieder über die Saar und zog sich nach Lothringen zurück.

So verging der Feldzug fruchtlos. Da die Reichstruppen es versäumten, ihre Überzahl auszunutzen, ließen sie dem Feinde Zeit und Möglichkeit, ihnen die gefährlichsten Nackenschläge zu versetzen. Der Kurfürst nahm Quartiere in der Gegend von Kolmar bis Masmünster. Die Kaiserlichen belagerten Breisach.

Turenne war immerhin recht stark gegenüber einem Heer, in dem die Zwietracht herrschte. Er erhielt eine Verstärkung von 10 000 Mann aus dem flandrischen Heere. Nachdem er wie Fabius zurückgewichen war, drang er nun wie Hannibal vor.

<73>

Der Kurfürst hatte vorausgesehen, was da kommen mußte, und zu wiederholten Malen Bournonville geraten, er solle seine verstreuten Quartiere enger legen. Bournonville war vertrauensselig. Der Rückzug der Franzosen wiegte ihn in eine Sicherheit, aus der er nicht herauszubringen war. Er wollte durchaus nicht darauf eingehen, seine Quartiere mehr zusammenzuziehen.

Unterdessen rückt Turenne durch die Engpässe von Thann und Belfort73-1, bricht in die Quartiere der Kaiserlichen ein, hebt zwei davon auf, nimmt ein Regiment brandenburgischer Dragoner73-2 gefangen, schlägt Bournonville im Sundgau bei Mühhausen73-3 und verfolgt ihn. Bournonville stößt eiligst zum Kurfürsten, der seine Truppen bei Kolmar gesammelt hatte. Turenne kommt an, stellt sein erstes Treffen gegenüber der Front jenes Lagers auf, das unangreifbar war, und umgeht es mit seinem zweiten Treffen73-4. Der Kurfürst, der sich auf einem engen Gelände von Turenne in der Flanke gepackt sah und bei Bournonville nur Widerstreben fand, brach nächtlicherweile das Lager ab und ging bei Straßburg über den Rhein zurück. Die Kaiserlichen hoben die Belagerung von Breisach auf, und die Franzosen wurden Herren des Elsaß. Friedrich Wilhelm bezog mit seinen Brandenburgern Quartiere in Franken.

Die Mißerfolge des Kurfürsten in diesem Feldzug können niemand überraschen, der die Grundsätze kennt, nach denen der Wiener Hof verfährt. Die Minister des Kaisers waren den Ministern des Königs von Frankreich bei weitem nicht gewachsen, und Bournonville konnte sich mit Turenne nicht vergleichen. In Wien entwarfen Minister, die nur Politiker waren, am grünen Tisch Feldzugspläne, die nichts weniger als militärisch waren, und erhoben den Anspruch, die Heerführer am Gängelband zu leiten, während es bei der Kriegführung doch gilt, im Fluge zu handeln, wenn man seine Aufgabe erfüllen will. In Versailles wußten die Minister, daß das Detail der militärischen Unternehmungen nicht ihre Stärke war. Sie beschränkten sich auf die Grundzüge des Feldzugsplanes und waren des Glaubens, daß ein Condé und ein Turenne groß genug seien, daß man ihnen Art und Weise der Ausführung getrost überlassen könne73-5. Die französischen Feldherren verfügten beinahe souverän über ihre Heere und folgten frei den Eingebungen ihres Genius. Sie nutzten jede Gelegenheit aus, die sich bot. Ihre Feinde dagegen versäumten oft den günstigen Augenblick, weil sie erst Kuriere zum Kaiser senden mußten, um die Erlaubnis für Unternehmungen einzuholen, die nach der Rückkehr der Kuriere nicht mehr ausführbar waren.

Der Kaiser ließ bei seinen Heeren dem Kurfürsten die Ehre der Repräsentation, schenkte aber sein Vertrauen nur den eigenen Heerführern. Daher kam es, daß<74> Montecuccoli die Pläne des Feldzugs von 1672 zum Scheitern brachte und Bournonville zur Ursache des Mißgeschicks ward, das den Verbündeten im Elsaß zustieß. Der Wiener Hofkriegsrat, der sich nicht an Ort und Stelle befand, war durch den Verlust der Schlachten bei Senef, Sinzheim und Enzheim ängstlich geworden. Er fürchtete, Deutschland wäre verloren, wenn er eine vierte Schlacht wagte. Dazu kam die Uneinigkeit unter den kaiserlichen Generalen. Nimmt man alle diese Gründe zu sammen, so erklärt es sich, daß Friedrich Wilhelm an der Spitze der Kaiserlichen niemals so bewunderungswürdig erschien wie an der Spitze seiner eignen Truppen.

Während Turenne durch sein geschicktes Vorgehen die Grenzen Frankreichs sicherte, mühte sich der Staatsrat Ludwigs XIV., ihn von einem gefährlichen Feind zu befreien. Um Friedrich Wilhelm von den Kaiserlichen zu trennen, führte Frankreich eine Diversion herbei, die ihn in seine eigenen Staaten zurückrief.

Schweden hatte zwar im Jahre 1673 ein Schutzbündnis mit dem Kurfürsten geschlossen, aber Frankreich fand Mittel, es zu zerreißen. Mit einem schwedischen Heere drang Wrangel in die Mark Brandenburg ein. Der Fürst von Anhalt, der dort Statthalter war, beklagte sich bitter über den Einbruch. Wrangel begnügte sich damit, ihm zu antworten, die Schweden würden ihre Truppen zurückziehen, sobald der Kurfürst seinen Frieden mit Frankreich gemacht habe. Der Fürst von Anhalt meldete dem Kurfürsten, daß seine Staaten von den Schweden ausgeplündert und verheert würden. Da der Statthalter zu wenig Truppen hatte, um ihrem Heer entgegenzutreten, billigte der Kurfürst, daß er sich in Berlin einschlösse und dort seine Ankunft abwartete.

Während die brandenburgischen Truppen sich in ihren fränkischen Winterquartieren von den Anstrengungen des Elsässer Feldzugs erholten, wurden die märkischen Bauern durch die Schwedenplage zur Verzweiflung getrieben. Sie scharten sich zusammen und errangen auch etliche Erfolge gegen ihre Feinde. Sie hatten Kompagnien gebildet. Auf ihren Fahnen las man den Namen des Kurfürsten und den Spruch:

Wir sein Bauern von geringem Gut
Und dienen unserm gnädigsten Kurfürsten mit unserm Blut.

Wrangel, der immerhin noch einige Ordnung unter den Schweden aufrechterhalten hatte, wurde krank. Da er nicht nach dem Rechten sehen konnte, nahmen die Erpressungen und Plünderungen noch zu. Nicht einmal die Kirchen wurden geschont. Die Habgier trieb den Soldaten zu den ärgsten Grausamkeiten.

Die Mark sehnte sich nach ihrem Befreier. Und sie brauchte nicht lange auf ihn zu warten. Friedrich Wilhelm war schon unterwegs, sich an den Schweden für ihre Treulosigkeit zu rächen. Er verließ seine Quartiere in Franken und kam am 21. Juni in Magdeburg an. Sofort nach seinem Eintreffen ließ er die Tore der Festung schließen und wandte alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln an, damit keine Nachricht von seinem Nahen bis zum Feind dringe. Am Abend des 22. Juni ging das Heer über die Elbe und gelangte auf Umwegen in der folgenden Nacht vor die<75> Tore von Rathenow. Er ließ Baron Briest75-1, der in der Stadt war, seine Ankunft mitteilen und verabredete mit ihm insgeheim Mittel und Wege, um die Schweden zu überrumpeln.

Briest entledigte sich seines Auftrags auf geschickte Art. Er gab den Offizieren des Regiments Wangelin, das die Besatzung von Rathenow bildete, ein großes Nachtmahl75-2. Die Schweden überließen sich dabei rückhaltlos den Freuden des Trunks. Während sie ihren Rausch ausschliefen, ließ der Kurfürst auf Schiffen Fußtruppen über die Havel setzen, um die Stadt von allen Seiten zu überfallen (25. Juni). General Derfflinger75-3 drang als erster in Rathenow ein, indem er sich für den Kommandeur eines von Brandenburgern verfolgten Schwedentrupps ausgab. Er ließ die Wachen niederhauen, und zu gleicher Zeit wurden alle Tore gestürmt. Die Reiterei säuberte die Straßen. Die schwedischen Offiziere vermochten beim Erwachen kaum zu glauben, daß sie Gefangene des Fürsten waren, den sie samt seinen Truppen noch tief in Franken wähnten. Wäre in jener Feit der Wachdienst schon ebenso eingerichtet gewesen wie heutzutage, so wäre diese Überrumpelung fast unmöglich gewesen. Aber das gehört ja zur Signatur der großen Männer, daß sie selbst aus den geringsten Vorteilen Nutzen zu ziehen wissen.

Der Kurfürst wußte, wie wertvoll im Krieg jeder Augenblick ist. Er wartete nicht in Rathenow, bis seine ganze Infanterie ihn einholte, sondern rückte mit der Reiterei geradenwegs auf Nauen vor, um das bei Brandenburg stehende schwedische Korps von dem anderen bei Havelberg zu trennen. Trotz aller Sorgfalt, die er in diesem entscheidenden Augenblick anwandte, konnte er den Schweden doch nicht zuvorkommen. Auf das Gerücht von seiner Annäherung hatten sie Brandenburg verlassen und sich eine Stunde vor seinem Einttreffen über Nauen zurückgezogen. Er verfolgte sie heftig und erfuhr durch die Aussage von Gefangenen und Deserteuren, daß das Korps auf Fehrbellin marschiere, wo es mit dem von Havelberg zusammentreffen wollte.

Das brandenburgische Heer bestand aus 5 600 Reitern. Es hatte kein Fußvolk, führte aber zwölf Kanonen mit sich. Die Schweden ihrerseits waren 10 Infanterieregimenter und 800 Dragoner stark. Trotz dem Unterschied der Zahl und der Waffengattungen bedachte sich der Kurfürst nicht, auf den Feind loszugehen, um ihn zu schlagen.

Am 28. Juni marschiert er gegen die Schweden. 1 600 Reiter, den Vortrab, vertraut er dem Landgrafen von Homburg75-4 an, mit dem Befehl, sich auf keinen Kampf einzulassen, sondern nur zu rekognoszieren75-5. Der Landgraf geht vor. Nachdem<76> er einen Wald durchritten, sieht er die schwedischen Truppen zwischen den Dörfern Hakenberg und Tarmow lagern, einen Sumpf im Rücken, die Fehrbelliner Brücke zu ihrer Rechten und eine kahle Ebene vor sich. Er wirft ihre Feldwachen zurück, verfolgt sie und schlägt sie bis auf die Hauptmacht ihres Korps zurück. Gleichzeitig verlassen die Truppen das Lager und stellen sich in Schlachtordnung auf. Der Landgraf von Homburg in seiner überschäumenden Kühnheit läßt sich vom Kampfeseifer fortreißen und verwickelt sich in einen Kampf, der einen verhängnisvollen Ausgang genommen hätte, wäre nicht der Kurfürst auf die Meldung von der gefährlichen Lage des Landgrafen schleunigst zur Hilfe herbeigeeilt.

Friedrich Wilhelms Scharfblick war bewundernswürdig, seine Tatkraft staunenswert. Augenblicklich traf er seine Anordnung. Er beutzte einen Sandhügel zur Aufstellung seiner Batterie76-1 und ließ einige Salven auf die Feinde abgeben. Die schwedische Infanterie wurde erschüttert. Als er sah, daß ihre Reihen zu wanken anfingen, stürzte er sich mit seiner ganzen Reiterei auf den rechten Flügel des Feindes, sprengte ihn und machte ihn nieder. Das schwedische Leibregiment76-2 und das Regiment Ostgotland wurden vollkommen zusammengehauen. Die wilde Flucht des rechten Flügels riß den linken mit fort. Die Schweden warfen sich in die Sümpfe, wo sie von den Bauern erschlagen wurden. Die, welche sich retten konnten, flüchteten über Fehrbellin hinaus und brachen die Brücke hinter sich ab.

Es entspricht nur der Würde der Geschichte, wenn auch die schöne Tat hier berichtet wird, die ein Stallmeister des Kurfürsten während der Schlacht vollbrachte. Der Kurfürst ritt einen Schimmel. Sein Stallmeister Froben merkte, daß die Schweden mehr nach diesem Pferd schossen, das durch seine Farbe in die Augen stach, als nach den anderen. Daher bat er seinen Herrn, es mit dem seinen zu vertauschen. Als Grund gab er an, das Roß des Kurfürsten scheue. Kaum hatte der treue Diener den Schimmel ein paar Augenblicke geritten, als er selber tödlich getroffen ward. So rettete er durch seinen Tod dem Kurfürsten das Leben.

Da Friedrich Wilhelm keine Infanterie zur Hand hatte, konnte er weder die Fehrbelliner Brücke nehmen noch den Feind auf seiner Flucht verfolgen. Er ließ es sich genug sein, auf dem Schlachtfeld, wo er so hohen Ruhm erworben hatte, sein Lager aufzuschlagen. Dem Landgrafen von Homburg verzieh er, daß er so leichtherzig das Schicksal des ganzen Staates aufs Spiel gesetzt hatte. Er sprach zu ihm: „Wenn ich Euch nach der Strenge der Kriegsgesetze richtete, hättet Ihr das Leben verwirkt. Aber verhüte Gott, daß ich den Glanz eines solchen Glückstages beflecke, indem ich das Blut eines Fürsten vergieße, der ein Hauptwerkzeug meines Sieges war!“

Die Schweden verloren in dieser berühmten Entscheidungsschlacht zwei Standarten, acht Fahnen, acht Kanonen, 3 000 Mann und viele Offiziere.

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Skizze der Schlacht bei Fehrbellin

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Derfflinger kam mit der Infanterie nach, verfolgte tags darauf die Flüchtigen, machte viel Gefangene und eroberte mit ihrem Gepäck einen Teil ihrer Beute aus den märkischen Landen zurück. Das schwedische Heer, das auf 4 000 Streiter zusammengeschmolzen war, zog über Ruppin und Wittstock nach Mecklenburg ab.

Wenige Heerführer können sich rühmen, eine ähnliche Kriegstat wie die von Fehrbellin vollbracht zu haben. Der Kurfürst entwirft einen Plan, der ebenso groß wie kühn ist, und führt ihn mit erstaunlicher Geschwindigkeit aus. Er Hebt ein Quartier der Schweden auf, während Europa ihn noch in Franken glaubt. Im Flug erreicht er die Ebene von Fehrbellin, wo die Feinde sich sammelten. Er führt einen Kampf glücklich durch, der mit mehr Mut als Klugheit begonnen war. Und er bringt es fertig, mit einem numerisch schwächeren und vom langen Marsche erschöpften Kavalleriekorps zahlreiche und ansehnliche Infanterie zu schlagen, die durch ihre Tapferkeit das Reich und Polen bezwungen hatte. Die Fähigkeiten, die er hierbei an den Tag legte, lassen erkennen, was er geleistet hätte, wäre er im Elsaß sein eigner Herr gewesen. Dieser kühne und glänzende Kriegszug verdient es, Cäsars Veni, vidi, vici auf ihn anzuwenden. Selbst seine Feinde rühmten Friedrich Wilhelm, seine Untertanen segneten ihn. Und seine Nachkommen datieren von diesem ruhmreichen Tage den hohen Aufschwung, den das Haus Brandenburg in der Folge genommen hat.

Als die Schweden vom Kurfürsten geschlagen waren, wurden sie zu Feinden des Reichs erklärt, weil sie eines seiner Mitglieder angegriffen hatten. Hätten sie Glück gehabt, vielleicht hätten sie statt dessen Bundesgenossen gefunden.

Der Kurfürst, der nun die Unterstützung der Kaiserlichen und der Dänen hatte, griff darauf seinerseits die Schweden in ihrem Lande an. Er drang in Pommern ein und bemächtigte sich der drei wichtigsten Übergänge über die Peene. Die Brandeburger nahmen die Stadt Wolgast und die Insel Wollin. Wismar ergab sich den Dänen erst, als der Landgraf von Homburg ihnen eine Verstärkung durch kurfürstliche Truppen zugeführt hatte.

Der gemeinsame Krieg gegen Schweden war ein Band, das den König von Dänemark und den Großen Kurfürsten miteinander verknüpfte. Sie gestalteten es noch inniger durch eine Allianz, die sie zu Beginn des Jahres 1676 eingingen78-1.

Die starke schwedische Besatzung in Stralsund fühlte sich durch die Nachbarschaft der brandenburgischen Truppen belästigt und suchte diese während des Winters von der Insel Wollin zu vertreiben. Mardefeld führte ein Korps dorthin und belagerte die kurfürstlichen Truppen, die die Hauptstadt der Insel verteidigten. Aber dank der Wachsamkeit des Feldmarschalls Derfflinger mußten die Schweden ihren Versuch recht teuer bezahlen. Er raffte Mannschaften aus seinen Quartieren zusammen, setzte nach der Insel Wollin über, schlug Mardefeld und hätte ihn völlig zusammengehauen,<79> wenn der Schwede nicht schleunigst seine Schiffe bestiegen und sich nach Stralsund gerettet hätte.

Zu Anfang des Feldzugs 1676 erschienen in der Ostsee zwei mächtige Flotten, blockierten die Schweden in ihren Häfen und hinderten sie, Hilfstruppen nach Pommern zu schicken. Die eine war von den holländischen Bundesgenossen zu Hilfe gesandt worden; ihr Befehlshaber war Admiral Tromp, der größte Seeheld seines Jahrhunderts. Die andere kam vom König von Dänemark; sie stand unter dem Befehl des Admirals Juel, der sich kaum geringeren Rufes erfreute. Auch die brandenburgischen Kaperschiffe zeichneten sich in diesem Kriege aus und gewannen den Schweden manche Prise ab.

Die schwedische Nation sah, daß sie unmöglich all den Feinden widerstehen könnte, die sie sich auf den Hals gezogen hatte. Sie versuchte es daher mit einigen Friedensvorschlägen, um den Kurfürsten von seinen Verbündeten zu trennen und ihn vielleicht gar mit ihnen zu überwerfen. Folgendermaßen ging Schweden zu Werke.

Wangelin, der in Rathenow gefangen genommen war, machte etliche Eröffnungen, versprach Großes und suchte mit allen Mitteln, wie die Staatskunst sie an die Hand gibt, den Kurfürsten zur Aussöhnung mit Schweden zu verlocken. Allein Friedrich Wilhelm ließ sich auf keine Verhandlung ein, sondern verwarf jene Vorschläge, die seinem Ruhm so zuwiderliefen. An der Spitze seiner Truppen eroberte er Anklang trotz dem Widerstand des Generals Königsmark. Darauf wandte er seine siegreichen Waffen gegen Stettin, begnügte sich aber mit einer Blockade, da die Jahreszeit zu weit vorgeschritten war, um eine förmliche Belagerung zu eröffnen.

Der folgende Feldzug setzte mit einer Seeschlacht ein, in der die schwedische Flotte durch die dänische besiegt wurde79-1 Karl XI., der bis dahin noch unter Vormundschaft gestanden hatte, war nun volljährig geworden und begann als König aufzutreten. Er stellte sich an die Spitze seines Heeres und machte sein Probestück, indem er die bekannte Schlacht bei Lund in Schonen gewann79-2. Christian V. ward in die Flucht geschlagen, nachdem er 6 000 Mann auf dem Platz gelassen hatte.

Das Glück, das die Schweden gegenüber dem König von Dänemark hatten, hielt dem Kurfürsten gegenüber nicht stand. Der Feldzug in Pommern wurde für die Schweden einer der unglücklichsten.

Der Kurfürst, der während des Winters Stettin eingeschlossen gehalten hatte, ließ am 6. Juni 1677 die Laufgräben vor der Stadt eröffnen. Die Brandenburger griffen vom linken Oderufer aus an. Die Lüneburger, die sich dem Kurfürsten angeschlossen hatten, schoben ihre Gräben vom rechten Ufer aus vor. Die Belagerung dauerte von der Eröffnung der Laufgräben ab sechs Monate. Die Befestigungen von Stettin bestanden aus Erdwällen, die von einem Graben umgeben und durch einen schlechten<80> Gegenwall geschützt waren. Ein paar Schanzen waren die einzigen Außenwerke. Bei der heutigen Methode wäre eine so elende Festung nicht imstande gewesen, langen Widerstand zu leisten. Doch nur an Feldkriege gewöhnt, besaßen die kurfürstlichen Truppen damals keine Erfahrung im Belagerungswesen. Sie eigneten sich trefflich für Handstreiche, führten aber zu wenig grobes Geschütz, zu wenig Mörser mit sich, und vor allem fehlte es ihnen an geschickten Ingenieuren.

Stettin kapitulierte am 24. Dezember. Die Besatzung war auf 300 Mann zusammengeschmolzen, und die Berichte aus jener Zeit versichern, die Belagerer hätten vor Stettin 10 000 Mann verloren. Es liegt aber auf der Hand, daß diese Zahl übertrieben ist. Entweder glaubten die Chronisten, eine Belagerung könne nur nach Maßgabe der Menschenzahl, die sie koste, berühmt werden, oder sie wurden selber durch falsche Angaben getäuscht. Die größten Festungen, die mit Mauern, Kasematten und Minen versehen sind und von großen Heeren belagert werden, kommen den Fürsten, die sie erobern, nicht so teuer zu stehen wie dies schlechte Bollwerk den Brandenburgen, wenn jene Chronisten recht hätten. Nach der Einnahme der Stadt zogen die Lüneburger sich in ihr Land zurück.

Die glänzenden Erfolge, die der Kurfürst über seine Feinde errang, riefen am kaiserlichen Hofe nicht den günstigen Eindruck hervor, den man hätte erwarten sollen. Der Kaiser wünschte sich schwache Vasallen und bescheidene Untertanen, nicht reiche Fürsten, machtvolle Kurfürsten. Da das Ziel seiner Politik war, ein despotisches Regiment zu errichten, durfte die Macht der Fürsten ein bescheidenes Maß nicht übersteigen. Sie mußten also in ihrer Ohnmacht erhalten werden. Seine Ratgeber, unter anderen ein gewisser Hocher80-1, hatten sogar die Unverschämtheit, zu sagen: „Man sieht zu Wien mit Kummer, daß ein neuer König der Wandalen am Ufer der Ostsee emporkommt.“ Man hätte entweder dies Wachstum dulden und dazu schweigen oder aber Mittel und Wege finden müssen, um es zu hindern.

Während so die militärischen Unternehmungen des Kurfürsten eine einzige Folge von Glücksfällen und Triumphen darstellten, gab Ludwig XIV. ganz Europa Gesetze und schrieb ihm Friedensbedingungen vor. Durch den Frieden zu Nymwegen (1678) blieb Frankreich im Besitz der Franche-Comté, die ihm nun für immer angegliedert wurde, eines Teiles von Spanisch-Flandern und der Festung Freiburg. Nachdem der Friede unterzeichnet war, suchte der Prinz von Oranien vergeblich ihn zu brechen. In dem nutzlosen Kampf bei St. Denis triumphierte der Marschall von Luxemburg trotz der List und Treulosigkeit seines Gegners80-2. Als die Holländer diesen Frieden schlossen, hatten sie nur an sich gedacht und keineswegs an ihre Verbündesten. Friedrich Wilhelm warf ihnen Undank vor. Aber der Sache wurde danach nicht abgeholfen.

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Frankreich mutete dem Kurfürsten zu, er solle den Schweden zurückgeben, was er im Kampfe gegen sie erobert hatte, und ihnen die Kriegskosten wiedererstatten. Es würde Ludwig XIV. schwer gefallen sein, einem Fürsten, der durch Niederlagen bereits gedemütigt gewesen wäre, kränkendere Bedingungen vorzuschreiben. Der Kurfürst wollte denn auch nichts davon wissen. Seine Wünsche erhoben sich höher, und er hoffte, durch Verträge festzuhalten, was er durch Kämpfe erworben hatte. Beim Westfälischen Frieden hatte er durch seine Unterhandlungen mehr gewonnen, als er im ganzen Verlauf seines Lebens durch die Waffen, durch all seine Siege errang.

Der Krieg dauerte in Pommern fort. Die Schweden hoben auf der Insel Rügen zwei Detachements auf, ein dänisches und ein brandenburgisches, deren jedes 60 Mann stark war. Der König von Dänemark verlor Christiania und die Provinz Blekingen.

Das Glück des Kurfürsten oder, besser gesagt, seine Fähigkeiten, die keinem Zufall unterworfen waren, behaupteten sich in diesem Krieg unveränderlich. Er erhielt einen Zuzug von 4 000 Lüneburgern. Mit ihnen und mit Hilfe der dänischen Schiffe setzte er auf die Insel Rügen über, verjagte dort die Schweden und erstürmte ihre Stellung bei Alten-Fähre (24. September). Darauf bemächtigte er sich der Insel Dänholm, fuhr nach Stralsund und ließ die Stadt mit solcher Heftigkeit bombardieren, daß sie sich nach zwei Tagen ergab (25. Oktober). Mit der Eroberung von Greifswald endlich schloß er den ruhmvollen Feldzug ab.

Es scheint, daß es dem Schicksal gefiel, dem Kurfürsten Gelegenheiten zu verschaffen, bei denen er seine großen Gaben entfalten konnte. Kaum hatte er seinen Feldzug beendet, als er erfuhr, daß General Horn mit 16 000 Schweden aus Livland in Preußen eingedrungen sei und das Land überschwemme. Ohne Erstaunen nahm er die Nachricht auf, und ohne in Verlegenheit zu geraten, schuf er Abhilfe. Sein erfindungsreicher Geist hatte Pläne in Fülle bereit. Er brauchte bloß die geeigneten auszuwählen und anzuwenden. Gedanke und Ausführung waren bei ihm eins.

General Görtzke81-1 wurde mit 3 000 Mann nach Preußen entsandt. Er erreichte Königsberg glücklich, vereinigte sich dort mit Hohendorff81-2 und verhielt sich bis zur Ankunft des Kurfürsten untätig. Um sich Verstärkung zu beschaffen, schloß Friedrich Wilhelm ein Schutzbündnis mit denselben Holländern, die ihn so feige im Stich gelassen hatten. Er verzichtete auf die rückständigen Subsidien und trat ihnen überdies Schenkenschanz ab. Zum Dank erhielt er lediglich nichtige Zusicherungen, die von den undankbaren Republikanern in keiner Welse verwirklicht wurden.

Mittlerwelle drangen die Schweden immer tiefer in Preußen ein. Unterwegs hatten sie die Vorstadt von Memel niedergebrannt, Tilsit und Insterburg in ihre Gewalt gebracht. Ihre Truppen hatten sich ausgebreitet, ihre Streifkorps durchzogen das ganze Land.

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Des Kurfürsten wunderbare Rührigkeit machte die Verluste bald wert. Am 9. Januar 1679 bricht er von Berlin auf und setzt sich an die Spitze der 9 000 Mann, mit denen Derfflinger vorausmarschiert war. Am 20. überschreitet er die Weichsel. Vor ihm her geht der Schrecken seines Namens, der den Schweden furchtbar geworden. Bei seinem Nahen gerät Horn in Verwirrung. Er gibt die Hoffnung auf, dem Sieger von Fehrbellin zu widerstehen, zieht sich zurück, und seine Truppen verlieren den Mut. Görtzke nutzt diese Verwirrung aus, folgt ihm, beunruhigt ihn, hält ihn auf. Die einreißende Unordnung kostet den Schweden 8 000 Mann. Bauern, die sich dem Görtzkeschen Korps in großer Zahl angeschlossen hatten, fielen über die Nachzügler und über alle her, die sich vom schwedischen Heer entfernten, machten sie zu Gefangennen oder schlugen sie tot.

Der Kurfürst, der keinen Augenblick müßig blieb, stand am Ufer des Frischen Haffs. Er hatte Schlitten herrichten lassen, auf die er seine ganze Infanterie in der Schlachtordnung, in der sie kämpfen sollte, verlud. Zu beiden Seiten ritt die Kavallrie, dem Kurfürsten folgend, der auf diese seltsam neue Art täglich sieben deutsche Meilen zurücklegte. Der Schlittenzug eines Heeres über das glatte Eis eines Meerbusens, den noch zwei Monate vorher Schiffe aller Länder — von Preußens Handel herbeigezogen—durchkreuzt hatten, bot einen verblüffenden Anblick. Der Marsch des Kurfürsten mit seinem Heer glich dem Schauspiel eines prachtvollen galanten Festes: auch die Kurfürstin und ihr ganzer Hof fuhren auf Schlitten mit. An allen Orten, die der Kurfürst berührte, wurde er als der Befreier des Vaterlandes begrüßt.

In Labiau angekommen, entsandte er Oberst Treffenfeld82-1 mit 5 000 Reitern, um die Schweden festzuhalten, bis der Kurfürst sie einholen konnte. An ein und demselben Tage legte Friedrich Wilhelm den bedeutenden Weg über das Kurische Haff zurück. Am 30. Januar stand er mit seiner Infanterie drei Meilen von Tilsit, wo die Schweden im Quartier lagen. Noch am gleichen Tage erfuhr er, daß Treffenfeld zwei feindliche Regimenter bei Splitter geschlagen und ihnen 28 Fahnen82-2 und Standarten, 2 Paar Pauken und 700 Troßwagen entrissen hatte82-3.

Von Treffenfeld geschlagen, von Görtzke beunruhigt, durch die Nähe des Kurfürsten eingeschüchtert, ließen die Schweden Tilsit im Stich und zogen sich auf Kurland zurück. Görtzke holte ihre 1 400 Mann starke Nachhut zwischen Schanzenkrug und Coadjuten ein und vernichtete sie völlig82-4. Er kehrte von der einen, Treffenfeld von der anderen Seite zum Kurfürsten zurück, beide mit Trophäen beladen. Sie brachten die Beute des Feindes wieder und führten viele Gefangene mit sich.<83> Der Rückzug der Schweden glich einer Auflösung. Von ihren 16 000 Mann kamen kaum 3 000 nach Livland zurück. Wie Römer waren sie in Preußen eingedrungen; wie Tartaren zogen sie ab.

So endete dieser einzigartige Feldzug, in dem das Genie des Kurfürsten seine ganze Größe entfaltete. Nicht die Strenge der Jahreszeit in dem rauhen Klima, nicht die Länge des Weges von der Oder bis zu den Grenzen Livlands, nicht Mühsale noch die Zahl der Feinde — nichts vermochte ihn aufzuhalten. Und der ganze Feldzug, der so trefflich geplant und ebenso trefflich durchgeführt wurde, brachte dem Kurfürsten weiter keinen Gewinn als den Ruhm. Das ist die Münze der Helden. Aber die Fürsten sind mit dieser Art Münze nicht immer zufrieden.

Friedrich Wilhelms Feinde hatten ihn aus dem Elsaß in die Mark genötigt, aus Pommern nach Preußen. Kaum hatte er dort die Schweden vertrieben, als neue Hilferufe seiner Untertanen ihm kundtaten, daß 30 000 Franzosen unter Calvo in das Herzogtum Kleve eingedrungen waren.

Ludwig XIV. bestand darauf, daß Schwedens Besitzstand vollkommen wiederhergestellt werde; nichts konnte ihn davon abbringen. Voller Hochmut verwarf Colbert alles, was des Kurfürsten Bevollmächtigter ihm vorschlug. Das Spiel war allzu ungleich. Der Kurfürst von Brandenburg und der König von Dänemark, die einzigen Streiter, die auf dem Kampfplatz übrig geblieben, konnten sich nicht gegen die vereinten Kräfte Karls XI. und Ludwigs XIV. behaupten. So tief es dem Kurfürsten widerstrebte, seine Eroberungen wieder abtreten zu sollen, er vereinbarte doch einen vierzehntägigen Waffenstillstand mit den Franzosen und lieferte ihnen die Städte Wesel und Lippstadt bis zum Abschluß eines endgültigen Friedens aus.

Da der Termin ablief, ohne daß eine Einigung erzielt werden konnte, drang Crequi mit 10 000 Mann in das Fürstentum Minden vor. Die Lüneburger vereinigten sich mit ihm. Gemeinsam mit ihnen schlossen die Franzosen zwischen sich und der Weser ein brandenburgisches Korps ein, das General Spaen83-1 befehligte. Es war dasselbe Dragonerregiment, das schon einmal im Elsaß gefangen worden war83-2; nun geriet es bei Minden zum zweitenmal in Gefangenschaft. Der Kurfürst ließ es gänzlich eingehen.

Friedrich Wilhelm sah sich vom Kaiser im Stich gelassen; von den Holländern, die garnicht daran dachten, ihre Bürgschaft zu erfüllen, erhielt er nur Absagen. So mußte er sich schließlich zum Nachgeben entschließen. Er sandte den Baron Meinders83-3 nach St. Germain en Laye, wo der französische Hof sich aufhielt. Dort einigte man sich nach vielen Schwierigkeiten auf folgende Bedingungen: der Westfälische Frieden sollte als Grundlage des Friedens dienen. Der Kurfürst sollte das Eigentumsrecht auf alle hinterpommerschen Seezölle nebst den Städten Kammin, Garz, Greifenhagen und Wildenbruch erhalten. Seinerseits sagte er den Schweden die Rückgabe<84> alles dessen zu, was er von ihnen erobert hatte, und erklärte, dem König von Dänemark weiterhin keinen Beistand mehr zu leisten. Dafür räumte Frankreich die westfälischen Landesteile und bezahlte ihm 300 000 Taler zur Vergütung des Schadens, den Crequis Truppen in den Staaten des Kurfürsten verursacht hatten.

Der solchermaßen vereinbarte und bestätigte Friede84-1 wurde ohne irgend eine Störung durchgeführt. Der König von Dänemark versäumte nicht, dem Beispiel des Kurfürsten zu folgen: in Fontainebleau schloß auch er Frieden mit Frankreich und Schweden. Es ergab sich freilich der Unterschied, daß der Kurfürst bei seinem Abkommen wenigstens etliche Vorteile rettete, während der König von Dänemark, da er zu lange gezögert hatte, in seinem Friedensvertrag garnichts gewann.

Der Friede von St. Germain beendete die kriegerischen Unternehmungen Friedrich Wilhelms. Seine letzten Lebensjahre verliefen friedlich und erregten kein besonderes Aufsehen mehr. Seine Geistesgröße aber gab sich dauernd auch in den geringfügigsten Handlungen seines Lebens kund.

Seine hervorragenden Fähigkeiten paßten sich immer den jeweiligen Umständen an, sodaß sein Wesen bald heldenhaft-erhaben, bald milde und hilfreich erschien. Es ist nur ein Vorurteil, ein recht verbreitetes freilich, wenn die meisten Menschen vor der erfolgreichen Verwegenheit ehrgeiziger Naturen auf den Knien liegen. Der strahlende Glanz kriegerischer Tugenden verdunkelt in ihren Augen die unscheinbare Art bürgerlicher Tüchtigkeit. Sie ziehen einen Herostratos, der den Tempel verbrennt, einem Amphion vor, der Städte erbaut84-2. Die Siege Oktavians gelten ihnen mehr als die Regierung des Augustus. Friedrich Wilhelm war ebenso bewundernswert an der Spitze seiner Heere, wenn er als Befreier des Vaterlandes erschien, wie an der Spitze seines Geheimen Rates, wenn er seinem Volke Recht sprach.

Seine edlen Eigenschaften gewannen ihm das Vertrauen der Nachbarn. Seine gerechte Denkweise erhob ihn gleichsam zur Würde eines obersten Richters, der über die Grenzen seines Landes hinaus wirkte, der über Könige und Fürsten urteilte oder sie zur Einigung bewog. So wurde er auch zum Vermittler zwischen dem Dänenkönig und Hamburg gewählt (1679)84-3. Christian V. erhielt 125 000 Taler von der Hansestadt. Sie war den Dänen ein Schwamm, den sie im Bedarfsfall ausdrückten. Ohne Friedrich Wilhelms Beistand wäre sie völlig ausgepreßt worden.

Selbst der Orient huldigte dem Kurfürsten, dessen Ruhm bis zu den Grenzen Asiens gedrungen war. Der Tartaren-Khan Murad Geray bat ihn durch eine Gesandtschaft um seine Freundschaft. Ihr Dolmetscher hatte eine Holznase und keine Ohren. Bevor man den Gesandten bei Hofe zulassen konnte, mußte man ihn bekleiden, da seine Lumpen seine Nacktheit nicht verhüllten.

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Der Kurfürst, den die Tartaren aufsuchten, wußte sich auch bei den Spaniern in Respekt zu setzen (1680). Der spanische Hof schuldete ihm noch Subsidien. Da er auf keine Welse zur Zahlung zu bewegen war, entsandte Friedrich Wilhelm neun kleine Schiffe, die er sonst in der Ostsee verwendete, nach Guinea. Und das mäßige Geschwader nahm ein großes spanisches Kriegsschiff weg und brachte es in den Hafen von Königsberg.

Ungefähr zur selben Zeit gelangte Friedrich Wilhelm, nach dem Tode des letzten Administrators, eines sächsischen Prinzen, in den Besitz des Herzogtums Magdeburg85-1. Es wurde dem Kurfürstentum Brandenburg auf immer einverleibt.

Ferner hatte der Kurfürst als Direktor des westfälischen Kreises im Auftrag des Kaisers die Stände von Ostfiesland gegen ihren Fürsten zu beschützen, der ihnen ihre Privilegien streitig machte. Da er das Eventual-Erbfolgerecht für das friesische Fürstentum besaß85-2 nützte er die Gelegenheit aus und legte eine brandenburgische Besatzung nach Greetsyhl (1681). In Emden gründete er eine Kompagnie (1682), die Handel nach Guinea betrieb und dort die Feste Groß-Friedrichsburg anlegte (1683).

Diese bescheidenen Erfolge waren mit denen Ludwigs XIV. nicht zu vergleichen. Der französische Monarch hatte den Frieden zu einer Ära der Eroberungen gemacht. Er hatte Reunionskammern eingesetzt, die in alten Urkunden und Dokumenten forschten und daraufhin dem König Städte und Herrschaften zuerkannten. Unter dem Vorwand, es seien ursprünglich Lehen oder Dependenzen der Vogtei Straßburg und des Elsaß gewesen, ergriff der König von Frankreich Besitz von diesen Gebieten.

Das Reich war durch den langen Krieg so erschöpft, daß es sich damit begnügte, Ludwig XIV. schriftlich Vorwürfe über sein Verhalten zu machen. Der Kurfürst aber, der in den Frieden von Nymwegen nicht einbegriffen war, weigerte sich, dies Schriftstück zu unterschreiben. Mit dem Kurfürsten von Sachsen und dem Herzog von Hannover schloß er ein Bündnis zur Aufrechterhaltung des Westfälischen Friedens und des Friedens von St. Germain85-3.

Ludwig XIV. wollte sich durch Kaiser und Reich nicht in seinen friedlichen Eroberungen stören lassen. Er setzte seine Hebel im Orient in Bewegung, und bald geriet Leopold I. in die ärgste Not. Es fehlten noch zwei Jahre bis zum Ablauf des Waffenstillstandes, den die Ungläubigen mit den Christen geschlossen hatten85-4. Nichtsdestoweniger zogen die Türken, herbeigerufen von den Protestanten Ungarns, die sich gegen das Haus Österreich empört hatten, mit einem gewaltigen Heer bis vor die Tore Wiens (1683).

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Gleich den übrigen Fürsten seines Hauses war Leopold kein Kriegsmann. All seinem Hochmut zum Trotz flüchtete er nach Linz. Wien aber wurde befreit durch König Johann Sobieski von Polen, einen der großen Männer seines Zeitalters. Mit weniger Ruhm als Glück kehrte der Kaiser nach Wien zurück. Weder vor den Franzosen, die Luxemburg einschlossen, noch vor den Türken, die seine Hauptstadt belagert hatten, wollte er klein beigeben, ungeachtet seiner Ohnmacht, die keinen Widerstand gegen einen seiner Feinde zuließ. Durch die Vorstellungen des Papstes86-1, der Kurfürsten von Brandenburg und Bayern und der übrigen führenden Fürsten Deutschlands ließ er sich endlich zum Abschluß eines Waffenstillstands mit Frankreich bewegen, der am 15. August 1684 unterzeichnet ward.

Im selben Jahre verbündete sich der Kurfürst mit dem niedersächsischen und dem westfälischen Kreise zum Zwecke gemeinsamer Verteidigung86-2. Es wurde dabei die Bestimmung getroffen, daß die Fürsten bei der Zusammenziehung der verbündeten Truppen den Nachbarstaaten Kriegssteuern auferlegen sollten. Solche Züge sind zu charakteristisch für die Sitten jener Zeit, als daß wir sie übergehen dürften.

Der Kurfürst hatte Ansprüche auf die schlesischen Herzogtümer Jägerndorf, Ratibor, Oppeln, Brieg, Wohlau und Liegnitz86-3. Von Rechts wegen mußten diese Lande ihm zufallen, da mit den Fürsten, die sie besessen hatten, Erbverträge bestanden, die von den böhmischen Königen bestätigt waren. Er glaubte schon, er habe einen günstigen Zeitpunkt getroffen, um den Kaiser zu ersuchen, daß er seinen Ansprüchen gerecht werde. Zugleich beantragte er die Belehnung mit Magdeburg. Leopold aber kannte keine anderen Rechte als seine eigenen, keine Ansprüche außer denen des Hauses Österreich und keinen Rechtsgrundsatz als seinen Hochmut. Er bewilligte nur so viel, wie er nicht verweigem konnte, d. h. die Belehnung mit dem Herzogtum Magdeburg (1685). Er machte dabei noch einen Versuch, 2 000 Mann brandenburgischer Truppen zu erlangen, die er im Türkenkrieg verwenden wollte. Aber der Kurfürst war allzusehr verstimmt gegen ihn, um sie ihm zu bewilligen. Vielmehr stießen die Brandenburger zu Sobieskis Truppen und halfen den Polen, die Angriffe der Türken zurückzuschlagen.

Im übrigen schienen alle Ereignisse zum Vorteil des Kurfürsten auszuschlagen. Ludwig XIV., der aus politischen Gründen die deutschen Protestanten gegen den Kaiser in Schutz genommen hatte, verfolgte die Protestanten in seinem eignen Land, da sie unruhig und rebellisch waren, und störte Frankreichs Ruhe durch die Aufhebung des berühmten Edikts von Nantes (1685)86-4. Infolgedessen vollzog sich eine Auswanderung, die in der Geschichte kaum ihresgleichen hatte. Ein ganzes Volk<87> verließ das Königreich, aus Parteigeist, aus Haß gegen den Papst und um unter anderem Himmel das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu empfangen. 400 000 Seelen gaben so ihr Vaterland auf und ließen all ihre Güter im Stich, um in anderen Tempeln die alten Psalmen Clement Marots kunstlos zu singen. Viele bereicherten mit ihrem Gewerbfleiß England und Holland. 20 000 Franzosen ließen sich in den Staaten des Kurfürsten nieder. Durch ihre Zahl glichen sie einigermaßen den Menschenverlust aus, den der Dreißigjährige Krieg verursacht hatte. Friedrich Wilhelm empfing sie mit all der Teilnahme, die wir Unglücklichen schulden, und mit aller Freigebigkeit eines Fürsten, der zum Heil seines Volkes die Träger nutzbringender Künste fördert. Die Kolonie erfreute sich dauernden Gedeihens und belohnte ihren Wohltäter für seinen Schutz. Das Kurfürstentum Brandenburg brachte seitdem selbst eine Unmenge Waren hervor, die es vorher im Ausland hatte kaufen müssen.

Friedrich Wilhelm merkte wohl, daß seine Barmherzigkeit zur Entzweiung mit Ludwig XIV. führen werde. Da man in Frankreich scheelen Auges sah, daß er den Ausgewanderten eine Freistatt eingeräumt hatte, trat er wieder in engere Beziehungen zum Kaiser und sandte ihm für den Türkenkrieg in Ungarn noch 8 000 Mann unter General Schöning87-1. Sie beteiligten sich in hervorragendem Maße an der Eroberung von Ofen (1686). Beim allgemeinen Sturm auf die Stadt drangen sie zuerst ein und erwarben sich so einen ausgezeichneten Ruf. Trotzdem gewährte ihnen der Kaiser nach diesem Feldzug keine Quartiere in Schlesien; sie kehrten zurück, um in der Mark Brandenburg zu überwintern. Für die Beihilfe überließ der Kaiser darauf dem Kurfürsten den Kreis Schwiebus, als Entschädigung für seine gerechten Ansprüche87-2.

Die Aufnahme der Franzosen in Berlin und die Unterstützung des Kaisers durch den Kurfürsten brachten Ludwig XIV. vollends gegen ihn auf, sodaß er sich weigerte, die jährlichen Subsidien weiterzuzahlen, die er seit dem Frieden von St. Germain entrichtete.

Ganz offen verletzte Ludwig XIV. indessen den Waffenstillstand, den er mit dem Kaiser geschlossen hatte. Zur Rechtfertigung seines Vorgehens behauptete er, es gelte nun den Geist des Vertrags von Nymwegen zu erfüllen. Er bemächtigte sich vieler Städte in Flandern. Er nahm Trier und schleifte die Festungswerke. In Hüningen dagegen ließ er den Ausbau der Befestigungen kräftig betreiben. Die Ansprüche der pfälzischen Prinzessin Elisabeth Charlotte, der Gemahlin des Herzogs von Orleans, auf einige pfälzische Ämter87-3 hielt er aufrecht, obwohl die Prinzessin in ihrem Ehevertrag auf diese Anrechte verzichtet hatte. Ein so unternehmender<88> Nachbar mußte Deutschland schließlich aus seiner Ruhe aufschrecken. Der schwäbische,fränkische und niederrheinische Kreis schlossen zu Augsburg ein Bündnis, um sich gegen die unaufhörlichen Anschläge des ehrsüchtigen Monarchen zu sichern (1686).

All diese Ursachen zu Beschwerden vermochten den Kaiser nicht zu Taten der Vergeltung aufzureizen. Der Türkenkrieg legte ihm Zurückhaltung auf. Auch die schwache spanische Regierung erwachte nicht aus ihrer Lethargie. Wir werden jedoch bald sehen, daß die Wahl des Fürsten von Fürstenberg zum Kurfürsten von Köln88-1, die durch französische Ränke zustande kam, den Kaiser endlich nötigte, mit einem Nachbar zu brechen, der seine Unternehmungen maßlos ausdehnte und keine Grenzen seiner Macht mehr anerkannte. Der Kurfürst erlebte den Anfang des neuen Krieges nicht mehr.

Zum zweitenmal ließ er der Stadt Hamburg, die der König von Dänemark persönlich belagerte, seinen Schutz angedeihen. Die kurfürstlichen Abgesandten, Paul von Fuchs und Schmettau, bewogen Christian V., sein Lager vor der Stadt aufzuheben und alles wieder auf den vorigen Stand der Dinge zu bringen (1686)88-2. Etwa um dieselbe Zeit verständigte sich der Herzog von Weißenfels mit dem Kurfürsten über die vier Ämter, die vom Herzogtum Magdeburg abgetrennt und im Besitz des Herzogs von Weißenfels waren88-3. Der Kurfürst kaufte das Amt Burg für 34 000 Taler und begab sich seiner Ansprüche auf Querfurt, Jüterbog und Dahme.

Durch Zwistigkeiten zwischen dem König von Dänemark und dem Herzog von Gottorp geriet der Norden unvermutet wieder in die Gefahr kriegerischer Verwicklungen. Es handelte sich dabei um den Frieden von Roeskilde (1658), durch den der schwedische König Karl Gustav dem Herzog die volle Souveränität über sein Gebiet verschafft hatte. Den Dänen war dieser Vertrag verhaßt. Sie verjagten den Herzog aus Schleswig und erklärten, sie seien entschlossen, sich den Besitz des Herzogtums Schleswig, wie den von Dänemark selbst zu erhalten. Kaiser Leopold wollte sich in den Streit mischen. Allein der König von Dänemark ließ sich nicht darauf ein, sondern vertraute die Wahrung seiner Interessen dem Kurfürsten von Brandenburg an. Zu Hamburg und Altona wurden Unterhandlungen gepflogen. Christian V. bot dem Herzog die Abtretung einiger Grafschaften an, deren Erträgnisse den Einkünften aus Schleswig gleichkämen; nur die Souveränität wollte er sich vorbehalten. Der Herzog lehnte ab. Der Kurfürst hatte nicht mehr die Genugtuung, den Vergleich zum Abschluß zu bringen88-4. Der Tod beendete seine ruhmreiche Regierung.

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Friedrich Wilhelm litt seit langem an der Gicht. Mit der Zeit artete die Krankheit in Wassersucht aus. Er fühlte, wie sein Leiden fortschritt, und mit unerschütterlicher Festigkeit sah er dem nahenden Tod entgegen. Zwei Tage vor seinem Ende ließ er den Geheimen Rat zusammentreten. Er nahm an den Beratungen teil und entschied alle Fragen mit ungeschwächter Urteilskraft, in voller Geistesfrische. Hierauf richtete er eine Ansprache an seine Minister, dankte ihnen für die treuen Dienste, die sie ihm geleistet hatten, und ermahnte sie, seinem Sohn mit derselben Ergebenheit zu dienen. Dann wandte er sich an den Kurprinzen, setzte ihm die Pflichten eines guten Fürsten auseinander und gab ihm einen kurzen Überblick über den Zustand, in dem er die Staatsgeschäfte zurückließ. Er riet ihm aufs wärmste, den Prinzen von Oranien bei dem Zuge, den er gegen England plante89-1, zu unterstützen. Vornehmlich verweilte er bei der liebevollen Gesinnung und Fürsorge für die Völker, die der Sohn fortan regieren sollte, und empfahl ihm ihr Wohlergehen an, wie nur ein guter Vater im Sterben seine Kinder anempfehlen kann. Dann vollzog er noch einige fromme Handlungen und erwartete ruhig den Tod. Am 9. Mai 1688 hauchte er seine Seele aus, mit demselben heldenhaften Gleichmut, den er im Glückslauf seiner Siege so oft bewiesen hatte.

Er hatte sich zweimal vermählt. Luise Henriette von Oranien war die Mutter Friedrichs III., seines Nachfolgers. Dorothea von Holstein war die Mutter der Markgrafen Philipp Wilhelm, Albrecht und Ludwig, der Prinzessinnen Maria Amalie und Elisabeth Sophie89-2.

Friedrich Wilhelm besaß alle Vorzüge, die den großen Mann ausmachen, und die Vorsehung bot ihm jede Gelegenheit, sie zur Entfaltung zu bringen. Im jugendlichen Lebensalter, das sich in der Regel nur durch Verirrungen kennzeichnet, gab er Proben kluger Umsicht. Niemals mißbrauchte er seine Heldentugend. Seine Kühnheit ging immer nur darauf aus, seine Staaten zu verteidigen oder seinen Verbündeten beizustehen. Durch weiten Blick und tiefe Einsicht ward er ein großer Staatsmann. Durch sein arbeitsames und menschenfreundliches Wesen ward er ein guter Fürst. Den gefährlichen Verlockungen der Liebe war er nicht zugänglich; zärtliche Schwäche kannte er nur gegenüber der eigenen Gattin. Wein und Geselligkeit liebte er, doch gab er sich niemals der Schlemmerei hin. Sein lebhaftes, gern aufbrausendes Temperament konnte ihn fortreißen. Aber wenn er der ersten Aufwallung nicht Herr wurde, so meisterte er sicher doch die zweite, und sein Herz machte überreichlich wieder gut, was sein allzu hitziges Blut etwa verschuldet hatte. In seiner Seele wohnte die Tugend. Glück vermochte ihn nicht zur Überhebung zu verleiten, Schicksalsschläge konnten ihn nicht niederdrücken. Sein hochherziger, gütiger, edler, menschlicher Charakter verleugnete sich niemals. Er ward der Neubegründer und Verteidiger seines Vaterlandes, der Schöpfer von Brandenburgs Macht, der Schiedsrichter<90> für seinesgleichen, der Stolz seines Volkes. Mit einem Wort: sein Leben bedeutet seinen Ruhm.

Im siebzehnten Jahrhundert zogen drei Männer die Aufmerksamkeit ganz Europas auf sich: Cromwell, der sich die Herrschaft über England anmaßte und den Mord an seinem König90-1 zu verschleiern suchte, indem er sich den Schein des Maßvollen gab und eine großzügige Politik führte; Ludwig XIV., der Europa vor seiner Macht erzittern ließ, alle Talente unter seinen Schutz nahm und seiner Nation die Achtung der ganzen Welt erzwang, und Friedrich Wilhelm, der mit geringen Mitteln Großes vollbrachte, sein eigener Minister und Feldherr war und einen unter Trümmern begrabenen Staat zu blühendem Dasein erweckte. Der Name des Großen gebührt nur heldenhaften und fleckenlosen Charakteren. Cromwell hat aus Ehrsucht seine tief angelegte Politik durch Verbrechen entehrt. Es hieße daher das Andenken Ludwigs XIV. und Friedrich Wilhelms erniedrigen, wollte man ihr Leben dem eines erfolgreichen Tyrannen gegenüberstellen90-2.

Beide Fürsten galten, jeder in seiner Sphäre, als die größten Männer ihres Jahrhunderts. In ihrem Leben gibt es Erscheinungen von verblüffender Ähnlichkeit und wiederum andere, bei denen die begleitenden Umstände keine Übereinstimmung aufkommen lassen. Vergliche man beide Fürsten miteinander im Hinblick auf die Machtfülle, so wäre das nicht anders, als wenn man Jupiters Blitze und die Pfeile des Philoktet einander gegenüberstellen wollte. Prüft man aber ihre persönlichen Eigenschaften und läßt die politische Macht aus dem Spiel, so tritt es klar zutage, daß die Seele des Kurfürsten und seine Taten dem Geist des Königs und seinen Leistungen nicht nachstanden.

Beide hatten eine einnehmende, glückliche Gesichtsbildung, ausdrucksvolle Züge, eine Adlernase und Augen, in denen sich ihre seelischen Regungen spiegelten. Leutseliges Wesen vereinigte sich bei ihnen mit majestätischer Miene und Haltung. Ludwig XIV. war von höherem Wuchs, in seinem Gebaren lag mehr Anmut, sein Aus druck war bündiger und kraftvoller. Friedrich Wilhelm hatte während seiner Lehrjahre in Holland eine kühlere Miene, eine weiter ausholende Beredsamkeit angenommen. Beide waren von gleich alter Abkunft. Doch zählten die Bourbonen unter ihren<91> Ahnen mehr Herrscher als die Hohenzollern. Sie waren das Königsgeschlecht einer großen Monarchie, hatten seit langem Fürsten zu Vasallen. Die Hohenzollern waren Kurfürsten eines wenig umfangreichen Landes und damals teilweise von den Kaisern abhängig.

Die Jugend beider Fürsten stand unter einem annähernd gleichen Schicksal. Während seiner Minderjährigkeit war der König von der Fronde und den Prinzen von Geblüt verfolgt worden. Von einer entfernten Anhöhe aus sah er dem Kampfe zu, den seine rebellischen Untertanen mit seinen Truppen in der Vorstadt St. Antoine ausfochten (1652). Der Kurprinz, dessen Vater durch die Schweden seiner Staaten beraubt war, lebte als Flüchtling in Holland, machte seine Lehrzeit als Kriegsmann unter dem Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien durch und zeichnete sich bei der Belagerung von Schenkenschanz und Breda aus. Als Ludwig XIV. zur Regierung gelangte, unterwarf er sich sein Reich durch die Wucht der königlichen Autorität. Als Friedrich Wilhelm in dem vom Kriege heimgesuchten Lande seinem Vater nachfolgte, erwarb er sich durch politische Unterhandlungen den Besitz seines Erbes.

Richelieu, Ludwigs XIII. Minister, war ein Genie ersten Ranges. Von langer Hand her vorbereitete und mutig durchgeführte Pläne schufen die gediegenen Grundlagen der Größe; Ludwig XIV. brauchte nur auf ihnen aufzubauen. Schwarzenberg dagegen, der Minister Georg Wilhelms, war ein Verräter; durch seine schlechte Geschäftsführung trug er viel dazu bei, daß der brandenburgische Staat in den Abgrund stürzte, worin Friedrich Wilhelm ihn bei seinem Regierungsantritt fand. Der französische Monarch ist des Lobes wert, da er den Ruhmesweg ging, den Richelieu ihm bereitet hatte. Der deutsche Held tat mehr: selber bahnte er sich den Weg.

Beide Fürsten befehligten ihre Heere. Der eine hatte die berühmtesten Heerführer Europas unter sich. Bei seinen Erfolgen konnte er sich auf einen Turenne, einen Condé, einen Luxemburg stützen, brauchte nur Kühnheit und Begabung anderer zu fördern; die Begierde, des Königs Anerkennung zu ernten, rief verdienstvolle Taten hervor. Ludwig liebte den Ruhm mehr als den Krieg. Um groß zu erscheinen, unternahm er Feldzüge. Er belagerte Städte, mied aber die Schlachten. Er nahm an dem berühmten Kriegszug teil, in dem seine Feldherren den Spaniern alle Plätze Flanderns entrissen, ebenso an dem schönen Feldzug, durch den Condé in weniger als drei Wochen die Franche-Comté für Frankreich eroberte. Durch seine Gegenwart ermutigte er die Truppen, als sie durch die berühmte Furt am Tolhuys über den Rhein gingen91-1. Liebedienerische Höflinge und begeisterte Poeten stellten das Unternehmen als eine Wundertat hin.

Der andere hatte kaum Truppen, ihm fehlte es an tüchtigen Heerführern, aber er allein ersetzte durch seinen mächtigen Geist die Hilfsmittel, deren er entbehrte. Er selbst entwarf die Kriegspläne und führte sie aus. Er dachte als Heerführer und<92> kämpfte als Soldat, und da seine Lage es erforderte, betrachtete er die Kriegführung als seinen Beruf. Dem Rheinübergang stelle ich den Sieg bei Warschau gegenüber, dessen Hauptwerkzeug der Große Kurfürst war. Der Eroberung der Franche-Comté stelle ich die Überrumpelung Rathenows entgegen und die Schlacht bei Fehrbellin, in der unser Held mit 5 000 Reitern die Schweden aufs Haupt schlug und aus dem Lande jagte. Und wenn diese Tat noch nicht zureichend scheinen sollte, so füge ich noch den Zug nach Preußen hinzu, den Eilmarsch über ein zugefrorenes Meer, wobei in acht Tagen 40 Meilen zurückgelegt wurden und der bloße Name des großen Fürsten die Schweden nahezu kampflos aus ganz Preußen vertrieb.

Die Taten des französischen Monarchen blenden durch den großartigen Aufwand, den er dabei zur Schau stellte, durch die große Zahl der Truppen, die für seinen Ruhm stritten, durch seine Überlegenheit über die anderen Könige und durch die Bedeutung der Streitfragen, an denen ganz Europa Anteil nahm. Die Taten des brandenburgischen Helden verdienen um so höhere Bewunderung, weil sein Mut und sein Genie alles vollbrachten, weil er mit wenig Mitteln die schwersten Unternehmungen durchführte und die Ergiebigkeit seines Geistes sich im selben Maße steigerte, in dem die Hindernisse sich mehrten.

Ludwigs XIV. Stern glänzte nur so lange, als Colbert, Louvois und die großen Heerführer Frankreichs am Leben waren. Friedrich Wilhelms Glück blieb sich jederzeit gleich; es war ihm treu, so oft er an der Spitze seiner eignen Heere stand. Es scheint also, die Größe des einen war das Werk seiner Minister und Generale, das Heldentum des anderen gehörte einzig ihm selbst.

Der König hat durch seine Eroberungen Flandern, die Franche-Comté, das Elsaß und in gewissem Sinne auch Spanien seinem Reich angegliedert und so die Eifersucht aller europäischen Fürsten erregt. Der Kurfürst hat durch seine Verträge Pommern, Magdeburg, Halberstadt und Minden erworben und dem Kurfürstentum Brandenburg einverleibt. Dazu bediente er sich des Neides, der an seinen Nachbarn zehrte, und machte sie zu Werkzeugen seiner Größe.

Ludwig XIV. war Europas Schiedsrichter durch seine Macht, die auch den mächtigsten der übrigen Könige fühlbar wurde. Friedrich Wilhelm erwuchs zum Orakel Deutschlands kraft seiner Tugend, die ihm das Zutrauen der mächtigsten Fürsten erwarb. Während so viele Herrscher mit Ungeduld das Joch des Despotismus trugen, das der König von Frankreich ihnen auferlegt hatte, unterbreiteten der König von Dänemark und andere Fürsten ihre Zwistigkeiten dem Tribunal des Kurfürsten und achteten seine gerechten Schiedssprüche.

Vergebens hatte Franz I. versucht, die schönen Künste nach Frankreich zu ziehen92-1. Ludwig XIV. machte sie dort heimisch. Unter seinem Schutz entwickelten sie sich glänzend. Attischer Schönheitssinn und römische Eleganz erlebten in Paris ihre<93> Wiedergeburt. Urania hatte einen goldenen Zirkel in Händen. Kalliope klagte nicht mehr über Unfruchtbarkeit ihrer Lorbeeren; prachtvolle Paläste dienten nunmehr den Musen zur Heimstatt. Georg Wilhelm mühte sich vergeblich um den Wiederanbau des Landes; wie ein vernichtender Strom verheerte der Dreißigjährige Krieg ganz Norddeutschland. Friedrich Wilhelm bevölkerte seine Staaten wieder. Aus Sümpfen schuf er Wiesen, aus Wüsteneien Dörfer, aus Ruinen Städte. Zahlreiche Herden weideten, wo zuvor nur Raubtiere gehaust hatten. Die nützlichen Künste sind älter als die schönen; sie müssen also notwendigerrmaßen früher als diese erscheinen.

Ludwig XIV. verdiente Unsterblichkeit, da er den Künstlern seinen Schutz angedeihen ließ. Das Andenken des Kurfürsten wird seinen spätesten Enkeln teuer sein, weil er an seinem Vaterland nicht verzweifelte. Dem einen sind die Wissenschaften Bildsäulen schuldig; denn seine freigebige Schirmherrschaft förderte die Aufklärung der Welt. Dem anderen schuldet die Menschlichkeit Altäre; sein hochherziges Schaffen bevölkerte die Erde aufs neue.

Der König vertrieb die Reformierten aus seinem Reich, der Kurfürst aber nahm sie in seine Staaten auf. In diesem Betracht steht der abergläubische und harte Fürst tief unter dem toleranten und mildtätigen. Politik und Menschlichkeit bekunden hier übereinstimmend, daß den Tugenden des Kurfürsten durchaus der Vorzug gebührt.

Was die Galanterie, den feinen Schliff, die Freigebigkeit, die Prachtliebe betrifft, so ist das französische Luxuswesen der deutschen Genügsamkeit überlegen. Darin hatte Ludwig XIV. so viel vor Friedrich Wilhelm voraus wie Lukullus vor Mithridates.

Der eine gab Subsidien her, während er sein Volk bedrückte. Der andere empfing sie und unterstützte damit sein Volk. In Frankreich machte Samuel Bernard Bankrott93-1, weil er den Kredit der Krone retten wollte. In der Mark bezahlte die Ständekasse, trotz dem Einfall der Schweden, Entschädigungen für die Plünderung der Österreicher und das Unheil, das die Pest über das Land gebracht hatte.

Alle beide schlossen und brachen Verträge. Aber der eine tat es aus Ehrsucht, der andere aus Notwendigkeit. Mächtige Fürsten setzen sich freien, unabhängigen Willens darüber hinweg, Sklaven ihres Wortes zu sein. Fürsten mit geringen Kräften kommen ihren Verpflichtungen nicht nach, weil sie sich oft den Zeitumständen fügen müssen.

Der Monarch ließ sich gegen Ende seiner Regierung von seiner Mätresse93-2 beherschen, der Held von seiner Gattin. Die Eigenliebe der Menschheit würde allzusehr gedemütigt, wenn wir nicht aus den Gebrechen dieser Halbgötter ersähen, daß sie Menschen sind wie wir.

Beide Fürsten endeten als große Männer, wie sie gelebt hatten. Mit unerschütterlicher Festigkeit sahen sie den Tod nahen. Mit stoischem Gleichmut schieden sie von<94> Glück und Freuden, vom Ruhm und vom Leben. Mit sicherer Hand lenkten sie das Staatsruder bis zur Stunde ihres Todes. Ihre letzten Gedanken galten ihrem Volk; mit väterlicher Liebe legten sie es ihrem Nachfolger ans Herz. Durch ein ruhmreiches Leben voll wunderbarer Taten haben sie sich den Beinamen des Großen verdient, den sie von ihren Zeitgenossen empfingen und den die Nachwelt ihnen einstimmig bestätigt.

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Friedrich III.95-1, erster König von Preußen
(1688 — 1713)

Fiedrich III. wurde am 11. Juli 1657 zu Königsberg in Preußen geboren. Seine Mutter war Luise Henriette von Oranien, die erste Gattin des Großen Kurfürsten. Er verlor sie früh. Die Dorothea bereitete ihm in seiner Jugend schwere Kümmernisse: sie brachte es fertig, Friedrich Wilhelm gegen diesen Sohn erster Ehe zu erbittern, der kränklich, verwachsen und in der Erziehung ziemlich vernachlässigt war. Die Abneigung des Vaters ging so weit, daß er es ohne Bedauern gesehen hätte, wäre die Thronfolge auf seinen zweiten Sohn, den Prinzen Philipp Wilhelm95-2, übergegangen.

Man hat es gewagt, die Kurfürstin zu verdächtigen, sie habe sich des Stiefsohns durch Gift zu entledigen versucht. Da man aber keinerlei sicheren Beweis dafür zu liefern weiß und die Beschuldigung recht leichtfertig vorgebracht wird95-3, so darf sie<96> keinesfalls in die Geschichte aufgenommen werden. Das Andenken der Großen soll man nicht mit derartigen Anschuldigungen besudeln, wenn man nicht den überzeugenden Nachweis ihrer Frevel in Händen hat.

Jedenfalls rechtfertigen die Tatsachen die Kurfürstin: Friedrich III. blieb am Leben. Er heiratete 1679 in erster Ehe Elisabeth Henriette, die Tochter des Landgrafen Wilhelm VI. von Hessen. Im Jahre 1684, nach ihrem Tode, vermählte er sich mit Sophie Charlotte, der Tochter des Herzogs Ernst August von Hannover und Schwester des nachmaligen Königs Georg von England.

Kurfürstin Dorothea hatte es mehr auf den Besitzstand des Kurprinzen Friedrich als auf sein Leben abgesehen. Es wird versichert, daß der Große Kurfürst sich auf ihre Einwirkung hin entschloß, ein Testament aufzusetzen, worin er alle Erwerbungen, die er während seiner Regierung gemacht hatte, unter seine Kinder zweiter Ehe teilte. Die österreichische Partei bediente sich geschickt dieses Testaments, um den neuen Kurfürsten gegen Frankreich einzunehmen. Der Kaiser verpflichtete sich, die väterliche Verfügung umzustoßen, unter der Bedingung, daß Friedrich III. ihm den Kreis Schwiebus zurückgab96-1. Im weiteren Verlauf der Geschichte werden wir sehen, wie dies Abkommen durchgeführt wurde.

Der Regierungsanfang Friedrichs III. fiel in eine neue Kriegsepoche. Ludwig XIV. war der Störenfried. Er forderte einige pfälzische Ämter, die angeblich der Herzogin von Orleans zukamen96-2. Auch führte er Klage über den Schimpf, den die deutschen Fürsten ihm zugefügt hätten, indem sie sich zu Augsburg gegen Frankreich verbündeten96-3. Schließlich erklärte er es für ein Gebot der Ehre, die vom Kaiser angefochtene Wahl des Fürsten von Fürstenberg zum Kurfürsten von Köln durchzusetzen96-4.

Der Kriegserklärung folgten die Feindseligkeiten. Marschall Duras besetzte Worms, Philippsburg und Mainz. Der Dauphin96-5 unternahm persönlich die Belagerung von Mannheim und Frankenthal (1688). Vor Ablauf des ersten Kriegsjahres war fast der ganze Lauf des Rheins unter französischer Herrschaft.

Der Kurfürst legte Frankreich allen Kummer zur Last, den er seiner Stiefmutter verdankte, da sie aus eigennützigen Gründen Friedrich Wilhelm auf die Seite Ludwigs XIV. gezogen hatte. Friedrich war von einem blinden Haß gegen alles Französische erfüllt. Die Anhänger des Kaisers erhielten ihn sorgsam in dieser Stimmung, die ihnen nur Vorteile bringen konnte. Sie steigerten sie sogar noch, indem sie das Phantom einer Weltmonarchie Ludwigs XIV. beschworen und halb Europa damit behexten. Durch dies kindische Treiben wurde Deutschland oftmals aufgeregt und in Kriege gestürzt, die ihm völlig fern lagen. Da aber die Schneide der besten <97>Waffen schließlich einmal stumpf wird, so verlor auch dies Argument unmerklich die Kraft der Täuschung, und die deutschen Fürsten begriffen: wenn sie ein despotisches Regiment zu fürchten hatten, so war es nicht das Ludwigs XIV.

Zu jener Zeit aber besaß der Zauber noch seine ursprüngliche Kraft und verfehlte nicht seine Wirkung auf einen Geist, der durch seine Vorurteile schon vorbereitet war, solche Eindrücke günstig aufzunehmen. So glaubte Friedrich III. sich denn verpflichtet, dem Kaiser Beistand zu leisten. Er sandte General Schöning mit einem ansehnlichen Korps nach dem Niederrhein. Die Brandenburger bemächtigten sich Rheinbergs. Der Kurfürst selbst übernahm das Kommando über das Heer und belagerte Bonn. Mainz ergab sich den Verbündeten. Die Truppen, die diese Stadt erobert hatten, stießen zu denen des Kurfürsten und hinderten Bouffiers, Bonn Hilfe zu bringen. D'Asfeld, der Gouverneur der Stadt, kapitulierte am 10. Oktober 1689.

Der Kurfürst machte auch den folgenden Feldzug mit und fuhr fort, den Verbündeten beträchtliche Htlfstruppen gegen Frankreich zu stellen. Der Prinz von Oranien hatte in diesem Jahr nicht den Befehl über das Heer der Verbündeten in Flandern. Sein Ehrgeiz ward anderwärts, wie wir gleich berichten wollen, durch Dinge in Anspruch genommen, die ihn persönlich näher angingen.

Nach Cromwells Tod (1658) hatte sein Sohn Richard, der mehr Philosoph als Staatsmann war, auf die Macht verzichtet, die ihm der Protektor kraft seiner Usurpation hinterlassen hatte. Die Engländer beriefen darauf einmütig Karl II. auf den Thron seines Vaters (1660). Nach seinem Tod (1685) folgte Jakob II. Der Statthalter von Holland, Wilhelm III. von Oranien, der Jakobs ältere Tochter Maria geheiratet hatte, zog seinen Nutzen aus der Mißstimmung der englischen Nation gegen ihren König, dessen Hauptverbrechen darin bestand, daß er katholisch war. Es hatte sich in England längst eine ansehnliche Partei gegen Jakob II. gebildet. Kurz nach dem Tod des Großen Kurfürsten trat sie offen hervor. Da unternahm es der Prinz von Oranien, seinen Schwiegervater zu entthronen. Und als seine Intrigen ihn nicht schnell genug ans Ziel trugen, beschloß er, sich nur mehr auf seine Waffen zu verlassen. Ein Amsterdamer Jude namens Schwartzau lieh ihm für die Unternehmung zwei Millionen, mit den Worten: „Wenn Sie Glück haben, so weiß ich, daß Sie mir sie wiedergeben werden. Haben Sie Unglück, so ergebe ich mich drein, daß ich sie verliere.“

Wilhelm ging mit dieser Summe nach England, entthronte König Jakob, schlug die Partei der Gegner und wurde mit Zustimmung des Volkes, das seine widerrechtliche Besitzergreifung zu sanktionieren schien, sozusagen legitimer Beherrscher der drei Königreiche (1689). Jakob hatte sich auf dem Thron kein Ansehen zu verschaffen gewußt und ein Volk, dessen Privilegien Rücksicht verlangten, nicht zu regieren vermocht. Er ließ das Zepter seinen Händen entgleiten. Verfolgt von den eigenen Kindern, die ihm die Krone entrissen hatten, flüchtete er nach Frankreich. Seine Würde und sein Unglück vermochten ihm dort keine Achtung zu erwerben.

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Der neue König von England ergriff den Oberbefehl über das Heer der Verbündeten. Europa lenkte er durch seine Intrigen, indem er die Eifersucht aller Fürsten gegen die Macht Ludwigs XIV. wachrief, den er haßte. Die Welt stand in Waffen und führte Kriege, um ihm seine Gewaltherrschaft über die vereinigten Niederlande zu erhalten, die er in Friedenszeiten verloren hätte. Man nannte ihn „König von Holland und Statthalter von England“. Im Kriege hatte er kein Glück, er wurde fast immer geschlagen; aber er war fruchtbar im Auffinden neuer Hilfsquellen und umsichtig bedacht, seine Verluste auszugleichen. Wie die Hydra der Sage erneuerte er sich unaufhörlich. Nach seinen Niederlagen war er bei seinen Feinden ebenso angesehen wie Ludwig XIV. nach seinen Siegen.

Mit dem Kurfürsten hatte er eine Zusammkunft zur Erörterung der politischen Zeitfragen. Allein die Charaktere der beiden Fürsten waren zu verschieden, als daß sich aus ihren Verhandlungen etwas Ersprießliches hätte ergeben können. Wilhelm war kalt, von einfachem Wesen und ganz erfüllt von Dingen der Wirklichkeit. Friedrich III. war ungeduldig, eingenommen von der eigenen Hoheit und bemüht, die geringsten Handlungen genau nach dem Zeremoniell und den Schattierungen von Rang und Würden abzuzirkeln. Ein Sessel und ein Lehnstuhl drohten die beiden Fürsten für immer zu entzweien. Indessen stießen 15 000 Brandenburger in Flandern zu dem Heer, das König Wilhelm befehligte. Eine weitere bedeutende Verstärkung sandte der Kurfürst dem Kaiser zur Unterstützung gegen die Ungläubigen. In der Schlacht bei Szlankamen, die Prinz Eugen98-1 gegen die Türken gewann (1691), kämpften die brandenburgischen Truppen mit Auszeichnung. König Wilhelm war weniger glücklich oder weniger fähig: er verlor in Flandern die Schlachten von Leuze (1691) und Neerwinden (1693).

Herzog Ernst August von Hannover, Friedrichs III. Schwiegervater, stellte seinerseits dem Kaiser ein Heer von 6 000 Mann für den Krieg in Ungarn. Zum Lohn für den Beistand erlangte er die Kurfürstenwürde (1692). Die Errichtung dieses neunten Kurfürstentums fand im Reich viel Widerspruch. Nur die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen ließen sich geneigt finden, sie zu unterstützen. Aber der Kaiser brauchte greifbare Hilfe und glaubte sie nicht zu teuer zu bezahlen, wenn er leichtwiegende Titel dafür gab.

Es scheint, die Zeit war dem ehrgeizigen Trachten der europäischen Fürsten günstig. Ungefähr zur selben Zeit, da der Prinz von Oranien sich die Krone von England aufs Haupt setzte, erlangte Herzog Ernst August von Hannover den Kurfürstenhut. Kurfürst August von Sachsen bahnte sich den Weg zum Thron Polens (1697), und Friedrich III. beschäftigte sich schon lebhaft mit dem Plan seines Aufstiegs zur Königswürde.

Da diese Erhöhung eine der wichtigsten Handlungen im Leben des Kurfürsten, eines der wichtigsten Ereignisse für das Haus Brandenburg ist und in der Politik<99> Friedrichs III. das geistige Band bildet, so müssen wir hier auseinandersetzen, was den Anlaß gab, durch welche Mittel das Ziel erreicht wurde, und welche Einzelheiten Plan und Ausführung beeinflußten.

Friedrich III. fühlte sich in seinem Ehrgeiz beengt, ihm genügte weder sein Stand noch sein Besitz. Seine Schwäche erlaubte ihm nicht, sich auf Kosten der Nachbarn auszudehnen, die ebenso stark und mächtig waren wie er. Daher blieb ihm nur der Ausweg zum Schwulst der Titel, um damit zu ersetzen, was ihm an Macht fehlte. Aus diesen Gründen waren all seine Wünsche auf die Königswürde gerichtet.

In den Archiven findet man eine ausführliche Denkschrift, die dem Jesuitenpater Vota99-1 zugeschrieben wird. Sie dreht sich um die Wahl der Titel König der Wandalen oder König von Preußen und um die Vorteile, die das Haus Brandenburg aus seinem Königtum ernten würde. Man glaubte sogar, der Jesuit habe Friedrich III. erst auf den Gedanken der neuen Würde gebracht. Darin täuscht man sich um so mehr, als die Gesellschaft Jesu keinerlei Interesse am Größerwerden eines protestantischen Fürsten haben konnte. Natürlicher ist es, zu glauben, daß die Erhöhung des Prinzen von Oranien und die Hoffnungen Augusts von Sachsen Friedrichs III. Eifersucht erregt und ihn angetrieben haben, den beiden Fürsten nachzueifern und nach ihrem Vorbild einen Königsthron zu besteigen. Man geht immer fehl, wenn man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaften des Menschenherzens sucht.

Die Ausführung des Plans war so schwierig, da sie den Räten des Kurfürsten chimärisch erschien. Seine Minister Danckelman99-2 und Fuchs99-3 eiferten über die Belanglosigkeit des Gegenstandes, über die unübersteigbaren Hindernisse, die sich ihres Erachtens der Verwirklichung entgegenstellten, über den geringen Nutzen, den man sich davon versprechen durfte, und über das Gewicht der Bürde, die man sich durch eine so schwer zu tragende Würde auferlegte, um im Grunde nichts zu gewinnen als leere Insignien. Aber all die Gründe vermochten nichts über den Sinn des Kurfürsten, der in seine Idee verliebt, auf seine Nachbarn eifersüchtig war und nach prunkvoller Hoheit begehrte.

Dankelman datierte die Ungnade, in die er fiel, von diesem Tag. Er wurde bald darauf nach Spandau geschickt, weil er seine Meinung dreist heraus gesagt, an einem durch Schmeichelei verderbten Hof die Wahrheit allzu nackt gezeigt, einem eitlen Fürsten in seinem Trachten nach Hoheit und Größe widersprochen hatte. Glücklich die Fürsten, deren minder empfindliche Ohren die Wahrheit lieben, selbst wenn sie aus unbescheidenem Munde kommt! Doch das erfordert eine innere Zucht, deren nur wenige Menschen fähig sind.

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In der Gunst des Kurfürsten folgte auf Danckelman ein junger Höfling, dessen ganzes Verdienst sich darauf beschränkte, daß er mit den Neigungen seines Herrn vollkommen vertraut war. Das war Baron Kolbe, der nachmalige Graf Wartenberg100-1. Ohne die glänzenden Eigenschaften zu besitzen, die alle Welt bestechen, beherrschte er die Kunst des Hofes, die aus Beflissenheit, Schmeichelei, mit einem Wort: aus Kriecherei besteht. Blindlings ging er auf jeden Plan seines Herrn ein, in der Überzeugung, daß er sein Glück mache, wenn er sich zum Diener der fürstlichen Passionen hergäbe. Kolbe war nicht einfältig genug, um zu verkennen, daß er in seiner neuen Laufbahn eines geschickten Führers bedurfte. Jlgen100-2, Sekretär im Departement der Auswärtigen Angelegenheiten, gewann sein Vertrauen und leitete ihn mit so viel Klugheit, daß Kolbe zum Premierminister ernannt wurde und er selbst an die Spitze jenes Departements trat.

Dem Kurfürsten Friedrich III. schmeichelten in der Tat nur die Äußerlichkeiten des Königtums, das Gepränge der Repräsentation und eine gewisse Wunderlichkeit der Eigenliebe, die sich darin gefällt, andere ihren geringeren Stand fühlen zu lassen. Was aber in seinem Ursprung das Werk der Eitelkeit war, erwies sich in der Folge als ein Meisterwerk der Staatskunst. Durch die Königswürde entzog sich das Haus Brandenburg dem Joch der Knechtschaft, unter dem der Wiener Hof damals alle deutschen Fürsten hielt. Friedrich III. warf damit seiner ganzen Nachkommenschaft eine Lockspeise hin, die zu sagen schien: „Ich habe euch einen Titel erworben; zeigt euch seiner wert! Ich habe die Fundamente eurer Größe geschaffen; nun ist es an euch, das Werk zu vollenden100-3!“ Er wendete alle Hilfsmittel der Intrige an, setzte alle Triebfedern der Politik in Bewegung, um seinen Entwurf zur Reife zu bringen.

Vorbedingung bei diesem Unternehmen war, sich den Kaiser geneigt zu machen: sein Jawort zog die Stimmen des ganzen Deutschen Reiches nach sich. Um den Kaiser von vornherein günstig zu stimmen, gab der Kurfürst ihm den Kreis Schwiebus zurück100-4 und begnügte sich mit der Anwartschaft auf das Fürstentum Ostfriesland100-5 und das Reichslehen Limpurg100-6, Gebiete, auf die das kurfürstliche Haus übrigens unbestreitbares Anrecht hatte. Aus demselben Grunde fochten die brandenburgischen Truppen in den kaiserlichen Heeren in Flandern, am Rhein und in Ungarn. Im Interesse des Kurfürsten, der weder unmittelbar noch mittelbar von diesen Kriegen mitbetroffen war, hätte es vielmehr gelegen, strenge Neutralität zu wahren. Wiewohl Friedrich III. nun alle Mittel benutzt hatte, die seinem Haus die königliche Würde verschaffen sollten, konnte er seinen Plan doch nicht mit Gewalt durchsetzen, sondern mußte günstige Zeitumstände abwarten. Wir werden im folgen<101>den sehen, wie alle Ereignisse zusammentrafen, um ihm die Ausführung zu erleichtern.

Während Europa von blutigen Kriegen zerrissen war, brachte Friedrich III. nach dem Vorbild seines Vaters zwischen den Herzögen von Mecklenburg-Schwerin und Strelitz, die Erbfolgehändel miteinander hatten, einen Vergleich zustande (1701). Er gründete die Universität Halle (1694) und zog tüchtige Professoren dorthin. Zur Hebung des Salzhandels der Stadt Halle ließ er gute Schleusen in der Saale anlegen, um sie besser schiffbar zu machen.

Im Jahre 1697 sah Berlin eine Gesandtschaft, die namentlich dadurch recht außergewöhnlich war, daß ein Mann Namens Lefort als moskowitischer Gesandter reiste, in dessen Gefolge Zar Peter Alexejewitsch war101-1.

Der geniale junge Zar hatte erkannt, daß er ein Barbar und sein Volk noch ganz unkultiviert war. Er verließ damals zum erstenmal seine Staaten mit dem edlen Entschluß, sich zu bilden und das Licht der Vernunft und Gewerbefleiß in sein Vaterland heimzutragen, dem beides fehlte. Die Natur hatte ihn zum großen Mann bestimmt, allein gänzlicher Mangel an Erziehung hatte ihn wild aufwachsen lassen. Daraus ergab sich in seinem Betragen fortwährend eine ungewöhnliche Mischung von wahrhaft großen Handlungen und Absonderlichkeiten, von geistvollen Entgegnungen und groben Manieren, von heilsamen Plänen und grausamer Rache. Er klagte selber darüber, daß er, der seine Nation zur Gesittung führe, die eigene Wildheit noch nicht bändigen könne. Vom Gesichtspunkt der Moral war er ein bizarres Phänomen, das Bewunderung und Abscheu zugleich einflößte. Für seine Untertanen war er ein Gewitter, dessen Blitzstrahl Bäume und Kirchtürme niederwarf, während der Regen die Gefilde befruchtete. Von Berlin begab er sich nach Holland und von dort nach England.

Europa näherte sich damals mit großen Schritten dem allgemeinen Frieden. Die Verbündeten waren der kriegerischen Mißerfolge überdrüssig. Ludwig XIV. sah, daß König Karl II. von Spanien seinem Ende entgegenging und bei seiner Leibesbeschaffenheit kein langes Leben mehr vor sich hatte. Das war für Ludwig ein Grund, sich leicht zum Friedensschluß herbeizulassen. Gab er auch seine Eroberungen beinahe ohne Ausnahme zurück, so opferte er damit doch nur flüchtigen Gewinn für Pläne, die ihm dauernde Erwerbungen versprachen. Er brauchte den Frieden, um einen Krieg vorzubereiten, dessen Gegenstand von höchster Bedeutung für das Haus Bourbon war. Der Friede wurde zu Ryswik geschlossen (1697). Der Kurfürst, der an dem Kriege nur aus Gefälligkeit teilgenommen hatte, erreichte dabei auch nicht den geringsten Vorteil.

Im Norden erlangte August von Sachsen die Krone Polens in einer Doppelwahl, bei der er über den Prinzen Conti siegte (1697). Den Erfolg verdankte er<102> dem Bemühen Flemmings, seines Ministers und Generals, dem Anrücken seiner Truppen und seinen Geschenken, die wirksamer waren als die großartigen Versprechungen des Kardinals Polignac. Der neue König von Polen hatte sich durch seine Ausgaben derart erschöpft, daß er genötigt war, die Gerichtsbarkeit der Abtei Quedlinburg und des Amtes Petersberg bei Halle an Friedrich III. zu verkaufen (1698).

Der Kurfürst benutzte die Unruhen in Polen und bemächtigte sich Elbings, um sich für eine Summe, die ihm die Polen schuldeten, schadlos zu halten102-1. Es kam zu einem Vergleich, wonach die Polen ihm eine Krone und Reichskleinodien verpfändeten, die noch heute in Königsberg aufbewahrt werden. Hierauf ließ der Kurfürst die Stadt räumen, behielt aber unter Zustimmung der Republik das Gebiet von Elbing in Besitz.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Europa alsbald von neuen Kriegswirren erschüttert. König Karl II. von Spanien starb (1700), und um seine Nachfolge entspann sich der Kampf. Die Häuser Bourbon und Österreich machten sie einander streitig.

Es war wohl versucht worden, den blutigen Kriegen vorzubeugen, zu denen diese Erbfolge Anlaß geben sollte. Ludwig XIV. hatte einen Teilungsvertrag mit den Seemächten vereinbart102-2. Karl II., den diese Abmachung empörte, hatte durch ein Testament den jungen Kurprinzen von Bayern102-3, seinen Großneffen, zum Erben all seiner Staaten eingesetzt. Aber alle Hoffnungen wurden zunichte: der Prinz von Bayern starb. Ein zweiter Teilungsvertrag wurde geschlossen102-4, der ebensowenig zur Ausführung kam wie der erste. Europas Schicksal stand auf Krieg.

Der Kaiser erhob Einspruch gegen jegliche Teilung. Er trat für die Unteilbarkeit der spanischen Monarchie ein und behauptete, da es sich um ein und dasselbe Herrscherhaus handle, das in zwei Linien geteilt sei, so hätten beide das Recht, einander nachzufolgen, die spanische Linie der österreichischen und die österreichische der spanischen. Kaiser Leopold und Ludwig XIV. standen im selben Grad der Verwandtschaft zum spanischen Königshaus. Beide waren Enkel Philipps III., und beide hatten Töchter Philipps IV. geheiratet. Das Recht der Erstgeburt war beim Haus Bourbon. Ludwig XIV. stützte seine Rechtsansprüche hauptsächlich auf das berüchtigte Testament Karls II., das der Kardinal Porto Carrero und sein Beichtvater ihn unterzeichnen ließen, als seine Hand schon im Todeskampf bebte102-5. Dies Testament veränderte das Antlitz Europas.

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Ludwig XIV. übertrug seine Rechte auf seinen Enkel Philipp von Anjou. Er hoffte, durch die Wahl eines Prinzen, der für den Thron Frankreichs nicht in Betracht kam, den Schwierigkeiten und Hindernissen zu begegnen, die Europas Eifersucht seiner Machterweiterung in den Weg legen konnte. Philipp ging nach Spanien und wurde von allen Fürsten mit Ausnahme Kaiser Leopolds als König anerkannt.

Zu Beginn des nun entstehenden Krieges befand sich Frankreich auf dem Gipfel seiner Macht. Es hatte all seine Feinde besiegt. Der Friede von Ryswik verkündete seine Mäßigung; Ludwig XIV. war gefürchtet und geachtet, seines Namens Glanz und Herrlichkeit breitete sich über öen ganzen Erdball aus. Frankreich glich einem Athleten, der allein zum Kampf gerüstet ist und einen Ringplatz betritt, auf dem noch kein Gegner erschienen. Für die Ausrüstung der Kriegsmacht, die zu Land und zur See gleichermaßen gewaltig war, wurde nichts gespart. Während seiner höchsten Kraftleistungen unterhielt Frankreich 400 000 Streiter. Allein die großen Feldherren waren tot. So kam es, daß Frankreich, bevor Villars' Genius hervortrat, 800 000 Arme hatte, aber keinen Kopf. So sehr trifft das Wort zu, daß das Geschick der Staaten oft nur von einem einzigen Mann abhängt!

Das Haus Österreich war nicht entfernt in so glücklicher Lage. Die Kriege, die es unaufhörlich führen mußte, hatten es fast erschöpft. Die Regierung war aus Ermattung in Schwäche versunken. Und trotz seiner Zugehörigkeit zum Deutschen Reich vermochte Österreich nichts ohne den Beistand der Holländer und Engländer. Dafür aber, daß es weniger Hilfsquellen und Truppen als Frankreich besaß, hatte es an der Spitze seiner Heere den Prinzen Eugen von Savoyen103-1.

Als König Wilhelm, der England und Holland regierte, den Tod Karls II. erfuhr, war er wie betäubt vor Überraschung und erkannte in einer Art Übereilung den Herzog von Anjou als König von Spanien an. Sobald er aber reiflich nachgedacht hatte, kehrte er zu seinem natürlichen Phlegma zurück und erklärte sich für das Haus Österreich, da die englische Nation es wollte und auch sein Interesse es zu fordern schien.

Der Norden war selbst in einen Krieg verwickelt, den Karl XII. gegen Dänemark führte. Die große Jugend des Schwedenkönigs hatte seinen Nachbarn die Kühnheit verliehen, ihn anzugreifen. Aber sie fanden einen Helden, der ungestümen Mut mit unversöhnlicher Rachsucht vereinte.

Friedrich III., der im Frieden lebte, nahm an der großen Allianz teil, die wider Ludwig XIV. geschlossen wurde. König Wilhelm war ihre Seele, der österreichische Erzherzog103-2 ihr Vorwand. Der Kurfürst nahm für seine Mitwirkung Subsidien an103-3, um seiner verschwenderischen Prachtliebe frönen zu können. Er hoffte, die Unterstützung, die er den Verbündeten lieh, werde ihm den Weg zum Königtum bahnen. Solcher Widersprüche ist der menschliche Geist fähig! Der Kurfürst, dessen Seele so<104> sich und eitel war, erniedrigte sich dazu, auf die Almosen von Fürsten zu rechnen, die er doch nur für seinesgleichen hielt. Alle Anerbietungen, die Frankreich ihm machte, um ihn von den Verbündeten zu trennen, waren nutzlos. Sein Entschluß stand fest; durch Subsidien, Neigung und ehrgeizige Hoffnungen fühlte er sich gebunden.

Unter diesen Umständen wurde zu Wien der Krontraktat abgeschlossen104-1, durch den der Kaiser sich verpflichtete, Friedrich III. als König von Preußen anzuerkennen, und zwar unter folgenden Bedingungen: Friedrich III. sollte ihm auf seine eigenen Kosten während des ganzen Krieges 10 000 Mann Hilfstruppen stellen und eine Kompagnie als Besatzung in Philippsburg unterhalten, ferner in allen Reichsangelegenheiten stets mit dem Kaiser gehen, ungeachtet der Königswürde seinen Verpflichtungen als Reichsfürst in jeder Weise nachkommen und schließlich auf die Subsidien verzichten, die der Wiener Hof ihm noch schuldete, sowie seine Wahlstimme für die männlichen Nachkommen Kaiser Leopolds abzugeben versprechen, „falls nicht gewichtige und unumgängliche Gründe die Kurfürsten nötigten, einen Kaiser aus einem anderen Hause zu wählen“.

Der Vertrag wurde unterzeichnet und ratifiziert. Rom schrie und Warschau schwieg. Der Deutsche Orden erhob Einspruch gegen den Akt und erkühnte sich, Preußen als sein Eigentum in Anspruch zu nehmen. Der König von England suchte nur nach Feinden Frankreichs und kaufte sie um jeden Preis. Er brauchte den Beistand des Kurfürsten für die große Allianz, und so war er einer der ersten, die ihn anerkannten. Auch König August, der noch damit beschäftigt war, seine Krone auf seinem eigenen Haupt zu befestigen, willigte ein. Dänemark, das nur Schweden fürchtete und beneidete, ließ sich leicht dazu herbei. Karl XII., der einen schwierigen Krieg zu führen hatte, hielt es nicht für angebracht, durch Streiterei um einen Titel die Zahl seiner Feinde zu vermehren. Und das Deutsche Reich wurde, wie vorauszusehen war, durch den Kaiser zur Bestimmung veranlaßt.

So nahm die große Frage, die bei den Räten des Kurfürsten Widerspruch gefunden hatte, an den auswärtigen Höfen, bei Freunden wie Feinden, einen guten Ausgang. Dazu bedurfte es aber des Zusammenwirkens von so außergewöhnlichen Umständen. Das Unternehmen war als chimärisch angesehen worden, doch bald urteilte man anders darüber. Als Prinz Eugen davon hörte, sagte er: „Der Kaiser sollte die Minister hängen lassen, die ihm einen so perfiden Rat gegeben haben.“

Die Krönung wurde im folgenden Jahr vollzogen. Der König, den wir von nun an Friedrich I. nennen, begab sich nach Ostpreußen, und bei der Krönungszeremonie der Salbung sah man, daß er sich selber die Krone aufs Haupt setzte104-2. Zum Gedächtnis dieses Ereignisses stiftete er den Orden vom Schwarzen Adler.

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Die Öffentlichkeit konnte jedoch von dem Vorurteil gegen das neue Königtum nicht loskommen. Der gesunde Menschenverstand der Masse wollte mit der Mehrung der Würde eine Mehrung der Macht verbunden sehen. Die, welche nicht zum Volk erhörten, dachten ebenso. Die Kurfürstin ließ sich gegenüber einer ihrer Hofdamen das Wort entschlüpfen: sie sei in Verzweiflung, in Preußen die Theaterkönigin ihrem Äsop gegenüber spielen zu müssen. An Leibniz schrieb sie: „Glauben Sie nicht, ich zöge die Kronen und Würden, von denen man hier soviel Wesens macht, dem Reiz der philosophischen Unterhaltungen vor, die wir in Charlottenburg105-1 geführt haben.“

Auf die dringenden Anregungen der Königin hin wurde zu Berlin die Königliche Akademie der Wissenschaften errichtet (1700), deren Haupt Leibniz ward. Man brachte Friedrich I. die Überzeugung bei, zu seinem Königtum gehöre auch eine Akademie, so wie man einem frisch Geadelten aufbindet, es schicke sich für ihn, eine Meute zu halten. An anderer Stelle soll von der Akademie noch ausführlicher gesprochen werden.

Nach der Krönung gab sich der König seinem Hang zu Prunk und Zeremonien rückhaltlos hin. Bei seiner Heimkehr aus Ostpreußen hielt er einen glänzenden Einzug in Berlin.

Während man sich so mit Festen und Feierlichkeiten vergnügte, kam die Nachricht: Karl XII., der Alexander des Nordens — der dem mazedonischen König in allem geglichen hätte, wäre ihm das Glück ebenso hold gewesen —, habe bei Riga einen völligen Sieg über die Sachsen davongetragen. Der König von Dänemark105-2 und der Zar hatten, wie gesagt, den jungen Helden angegriffen, der eine in Schweden, der andere in Livland. Karl XII. zwang den dänischen König in seiner Hauptstadt, Frieden zu schließen105-3. Von dort setzte er mit 8 000 Schweden nach Livland überschlug bei Narwa 80 000 Russen (1700) und besiegte 30 000 Sachsen beim Übergang über die Düna.

Die Flucht der Sachsen zog sich gegen die preußische Grenze hin. Friedrich I. geriet darob um so mehr in Unruhe, als der größte Teil seiner Truppen in den kaiserlichen Heeren focht, während der Krieg sich seinem neuen Königreich näherte. Mit Rücksicht auf die Fürsprache des Kaisers, Englands und Hollands versprach Karl XII. aber, Preußen gegenüber neutral zu bleiben.

Die folgenden Jahre waren die Triumphzeit des Königs von Schweden. Er verfügte unumschränkt über Polen; seine Unterhandlungen waren Befehle, seine Schlachten Siege. Allein die Siege, so glänzend sie waren, rieben die Sieger auf und nötigten den Helden, seine Heere oft zu ergänzen. Ein Nachschub schwedischer Truppen rückte in Pommern ein. Berlin geriet in Aufregung. Die Truppen durch<106>zogen nichtsdestoweniger die Kurmark und marschierten nach Polen, wohin sie beordert waren.

König Friedrich I. hob 8 000 Mann neuer Truppen aus. Statt sie aber für die Sicherheit seiner Staaten zu verwenden, sandte er sie nach Flandern zum Heer der Alliierten. Er selbst begab sich nach Kleve, um das Erbe Wilhelms von Oranien zu übernehmen, des Königs von England106-1, dessen Nachfolgerin auf dem englischen Thron Anna, die zweite Tochter König Jakobs, ward. Die Rechtsansprüche Friedrichs I. gründeten sich auf das Testament Friedrich Heinrichs von Oranien, der für den Fall, daß das Haus in der Manneslinie aussterben sollte, seine Tochter106-2, die Gemahlin des Großen Kurfürsten, zur Erbin seiner Besitzungen eingesetzt hatte. König Wilhelm hinterließ ein ganz entgegengesetztes Testament, dessen Vollstrecker die Generalstaaten sein sollten. Zum Erben bestimmte er den Fürsten Wilhelm Friso aus dem Hause Nassau. Die Erbschaft bestand aus dem Fürstentum Orange, aus Mörs und verschiedenen Herrschaften und Liegenschaften in Holland und Seeland.

Friedrich I. drohte, seine Truppen aus Flandern zurückzuziehen, wenn man ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren lasse. Die Drohung brachte den Holländern die Überzeugung bei, daß seine Ansprüche rechtmäßig seien. Es kam jedoch nur zu einem vorläufigen Vergleich, wonach die Erbschaft in zwei gleiche Hälften geteilt wurde. Sofort wurde dem König ein großer Diamant zugestellt, und er fand sich darein, seine Truppen in Flandern zu lassen. Ludwig XIV. setzte den Prinzen Conti in den Besitz des Fürstentums Orange. Friedrich I. fühlte sich dadurch schwer gekränkt. Er verstärkte sein Heer und nahm sogar Truppen von Gotha und Wolfenbüttel in seine Dienste. Bald danach erklärte er Frankreich den Krieg, weil das Heer von Bouffiers etliche Ausschreitungen im Klevischen begangen hatte. Ludwig XIV. spürte es nicht, daß er einen Feind mehr hatte. Der neue König tat viel, um seiner Leidenschaft zu genügen, aber nichts, um seine Interessen zu fördern. Bei jeder Gelegenheit bezeigte er seinen Haß gegen Frankreich. Den Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel nötigte er, seine Verbindung mit Ludwig XIV. aufzugeben, nachdem die Herzöge von Hannover und Celle106-3 die Truppen, die der Wolfenbüttler mit französischen Subsidien unterhielt, auseinandergesprengt hatten.

England machte damals erstaunliche Anstrengungen zugunsten des Hauses Österreich. Die englische Flotte trug Erzherzog Karl, den nachmaligen Kaiser, nach Spanien, und ein englisches Heer sollte es ihm erobern helfen. Die Begeisterung Europas für das Haus Österreich überstieg jedes Maß.

Im ganzen Verlauf des Erbfolgekriegs bewährten die preußischen Truppen rühmlich das Ansehen, das sie sich unter dem Großen Kurfürsten erworben hatten. Sie<107> eroberten Kaiserswerch am Rhein; im Gefecht bei Höchstädt107-1, als Styrum107-2 von Villars überrumpelt und geschlagen wurbe, führte der Fürst von Anhalt107-3 mit seinen 8 000 Preußen einen trefflichen Rückzug aus. Als er die Verwirrung und Flucht der Österreicher wahrnahm — so hörte ich ihn sagen —, ließ er seine Truppen Karree bilden und durchquerte so in guter Ordnung eine große Ebene, bis er bei Einbruch der Nacht einen Wald erreichte, ohne daß die französische Kavallerie einen Angriff gewagt hätte.

Der Erfolg der preußischen Truppen am Rhein und ihre gute Haltung in Schwaben setzten den König nicht über die Besorgnisse hinweg, die ihm die Nachbarschaft der Schweden einflößte. Nichts hielt ihnen damals stand. Das Genie Peters I., die Pracht Augusts des Starken waren ohnmächtig gegenüber dem Glück Karls XII. Der Held war zugleich kühner als der Zar und umsichtiger als der König von Polen. Peter war mehr für List als für Kühnheit, August mehr für Vergnügen als für Arbeit; Karl liebte den Ruhm mehr als den Besitz der ganzen Welt.

Die Sachsen wurden oft überfallen und geschlagen. Auf ihre Kosten hatten die Moskowiter die Kunst gelernt, sich rechtzeitig zurückzuziehen; ihre Kriegführung beschränkte sich auf Streifzüge. Einzig die schwedischen Heere waren bis dahin entschlossene Angreifer und Sieger. Aber Karls XII. unbeugsame Halsstarrigkeit ließ nimmer nach. Er wußte seine Pläne nur auf dem Weg der Gewalt zu verwirklichen; die Ereignisse wollte er ebenso bezwingen, wie er seine Feinde überwältigte. Der Zar und der König von Polen ersetzten diesen Enthusiasmus der Kühnheit durch Kabinettsintrigen. Sie riefen die Eifersucht Europas wach, erregten Neid gegen das Glück des jungen, ehrgeizigen Fürsten, der im Haß unversöhnlich war und gegen feindliche Könige nur eine Art der Rache kannte: Entthronung.

Friedrich I., der keine Truppen zur Verfügung hatte, ließ sich durch die Intrigen nicht abhalten, mit Karl XII., der ein siegreiches Heer in der Nähe hatte, ein Schutzbündnis zu schließen107-4. Friedrich I. und Stanislaus erkannten einander gegenseitig als Könige an. Der Vertrag mit Karl XII. blieb nur so lange in Kraft, als sein Glück ihn nicht im Stich ließ.

Wiewohl dies Bündnis König Friedrich Sicherheit schaffen sollte, versah er doch alle festen Plätze Preußens mit hinreichender Besatzung und sandte auch weitere Verstärkungen zum Heer der Alliierten nach Schwaben. Dort hatten die Preußen erheblichen Anteil am Gewinn der berühmten Schlacht bei Höchstädt107-5. Sie standen auf dem rechten Flügel unter dem Befehl des Fürsten von Anhalt und in dem Korps, das Prinz Eugen befehligte. Beim ersten Ansturm der Franzosen und Bayern wankten<108> Reiterei und Fußvolk der Kaiserlichen, die Preußen aber hielten dem Stoße stand und durchbrachen die feindlichen Linien. Prinz Eugen, den die schlechte Haltung der Österreicher empörte, stellte sich an die Spitze der Preußen und sagte, er wolle mit tapferen Leuten in den Kampf gehen, nicht mit Truppen, die Fersengeld gäben. Bekannt ist, daß Lord Marlborough beim Dorf Blindheim 27 Bataillone und 4 Dragonerregimenter gefangen nahm, und daß der Verlust der Schlacht den Franzosen Bayern und Schwaben kostete.

Lord Marlborough begab sich, als der glorreiche Feldzug beendet war, nach Berlin, um Friedrich I. zur Entsendung von Truppen nach Italien zu bestimmen. Der englische Feldherr, der die Entwürfe Karls XII. erraten hatte, als er eine Landkarte auf seinem Tisch ausgebreitet sah, durchschaute den Charakter Friedrichs I. leicht, sobald er einen Blick auf dessen Hof geworfen hatte. Er zeigte sich ganz erfüllt von Ergebenheit und Unterwürfigkeit vor dem König, schmeichelte geschickt seiner Eitelkeit und beeilte sich, ihm das Wasserbecken zu reichen, sobald er sich von der Tafel erhob. Friedrich konnte ihm nicht widerstehen. Die Schmeicheleien des Hofmanns erreichten, was das Verdienst des großen Feldherrn und die Geschicklichkeit des tiefgründigen Staatsmannes vielleicht nicht erlangt hätten. Die Frucht der Unterhandlung war, daß der Fürst von Anhalt mit 8 000 Mann nach Italien zog.

Der Tod der Königin Sophie Charlotte versetzte bald danach den ganzen Hof in Trauer. Sie war eine Fürstin von hervorragendem Verdienst. In ihr vereinigten sich alle Reize ihres Geschlechts mit geistiger Anmut und aufgeklärtem Verstand. In jungen Jahren hatte sie mit ihren Eltern Italien und Frankreich bereist und war für den Thron Frankreichs ausersehen worden. Auf Ludwig XIV. machte ihre Schönheit starken Eindruck. Politische Gründe vereitelten aber ihre Vermählung mit dem Herzog von Burgund108-1. In Preußen führte die Fürstin den geselligen Geist ein, echte Höflichkeit und die Liebe zu Kunst und Wissenschaft. Sie schuf, wie schon erwähnt, die Königliche Akademie. Sie berief Leibniz und viele andere Gelehrte an ihren Hof. Ihre Wißbegierde suchte den letzten Grund aller Dinge zu erfassen. Leibniz sagte ihr eines Tages, als sie ihn auf diesem Gebiet in die Enge trieb: „Es gibt keine Möglichkeit, Madame, Sie zufriedenzustellen. Sie wollen das Warum vom Warum wissen.“ Charlottenburg war der Sammelpunkt des guten Geschmacks. Ergötzlichkeiten jeder Art, unerschöpflich abwechselnde Feste machten den Aufenthalt genußreich und verliehen dem Hofe Glanz.

Sophie Charlotte war eine starke Seele. Ihre Religion war veredelt, ihre Gemütsart sanft, ihr Geist bereichert durch die Lektüre aller guten französischen und italienischen Bücher. Sie starb zu Hannover im Schoß ihrer Familie. Man wollte<109> einen reformierten Geistlichen an ihr Sterbebett führen. „Laßt mich sterben,“ sagte sie, „ohne zu disputieren!“ Eine Ehrendame, die sie sehr liebte, zerfloß in Tränen. „Beklagen Sie mich nicht,“ sprach die Königin; „denn meine Wißbegierde nach dem Ursprung der Dinge, den Leibniz mir nie zu erklären vermochte, nach dem Raum und dem Unendlichen, nach dem Sein und dem Nichts wird ja nun bald gestillt sein. Außerdem bereite ich dem König, meinem Gemahl, das Schau spiel einer feierlichen Beisetzung, wodurch er wieder einmal Gelegenheit erhält, seine Prachtliebe zu entfalten.“ Im Sterben empfahl sie ihrem Bruder, dem Kurfürsten von Hannover, die Gelehrten, deren Beschützerin sie gewesen, und die Künste, die sie gepflegt hatte. Friedrich I. fand in der Zeremonie ihrer Leichenfeier Trost über den Verlust einer Gattin, die er niemals genugsam hätte betrauern können.

In Italien entbrannte der Krieg mit neuer Heftigkeit. Die Preußen, die auf Lord Marlboroughs Betreiben dorthin marschiert waren, wurden unter Prinz Eugen bei Cassano geschlagen (1705), und dann bei Calcinato, als General Reventlow, der sie befehligte, dort vom Großprior Vendôme überrumpelt ward (1706). Prinz Eugen konnte wohl geschlagen werden, aber er wußte seine Verluste wieder wettzumachen, wie es einem großen Mann zukommt. Und der Mißerfolg geriet rasch in Vergessenheit, als er die berühmte Schlacht bei Turin109-1 gewann, an der die Preußen einen Hauptanteil hatten.

Der Herzog von Orleans hatte den Franzosen geraten, aus ihren Verschanzungen hervorzubrechen; aber sein Rat fand keinen Anklang. La Feuillade und Marsin hatten vom Hofe Weisungen, die, wie versichert wird, dahin gingen, keinesfalls eine Schlacht zu wagen. De Niederlage bei Höchstädt hatte den Staatsrat Ludwigs XIV. furchtsam gemacht. Die Franzosen wären den Verbündeten ums Doppelte überlegen gewesen, hätten sie diese außerhalb der Verschanzungen angegriffen. So aber waren sie ihnen nirgends gewachsen, weil die verschiedenen Stellungen, die sie zu verteidigen hatten, von ungeheurer Ausdehnung und überdies durch die Dora getrennt waren. Die Preußen, die den linken Flügel des Bundesheeres bildeten, griffen den rechten Flügel der französischen Verschanzung an, der sich an den Fluß lehnte. Der Fürst von Anhalt war schon am Rande des Schanzgrabens, und der Widerstand der Feinde begann die Wucht seines Ansturms zu hemmen, als drei Grenadiere sich an der Dora entlang schlichen und die Verschanzung an einer Stelle, wo sie nicht gut an den Fluß am gelehnt war, umgingen. Plötzlich erscholl im französischen Heere der Ruf: „Wir sind abgeschnitten!“ Das Heer verläßt seine Stellung, ergreift die Flucht. Gleichzeitig ersteigt der Fürst von Anhalt die Schanzen und gewinnt die Schlacht. Prinz Eugen beglückwünschte den König zu diesem Erfolg. Das Lob seiner Truppen mußte Friedrich um so mehr erfreuen, als es von einem so erprobten Kriegsmanne kam.

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Während des Kriegs machte der König einige friedliche Erwerbungen. Er kaufte die Grafschaft Tecklenburg in Westfalen vom Grafen Solms-Braunfels (1707). Als die Herzogin von Nemours starb, die im Besitz des Fürstentums Neuchâtel war, übernahm der Staatsrat von Neuchâtel die Regentschaft und erwählte einige seiner Mitglieder zur Prüfung der Rechtsansprüche, die auf der einen Seite der König von Preußen, auf der anderen sämtliche Angehörige des Hauses Longueville erhoben. Das Fürstentum wurde dem König zugesprochen, da er als Erbe des Hauses Oranien das stärkere Recht für sich habe. Ludwig XIV. lehnte sich gegen diesen Schiedsspruch auf, allein er hatte anderwärts so bedeutende Interessen zu verfechten, daß dergleichen kleine Streitfragen daneben belanglos wurden. Durch den Frieden von Utrecht wurde dem preußischen Königshause die Souveränität über Neuchâtel gesichert.

Karl XII. war zu dieser Zeit auf der Höhe seines Glückes angelangt. Er hatte August von Polen entthront und ihm zu Alt-Ranstädt, mitten in Sachsen, seine harten Friedensbedingungen diktiert (1706). Der König von Preußen wollte den Schwedenkönig bewegen, Sachsen zu verlassen. Er sandte seinen Hofmarschall Printzen110-1 zu ihm und ließ ihn bitten, den Frieden Deutschlands nicht durch seinen und seiner Truppen Aufenthalt zu stören. Karl XII. hatte bereits die Absicht, die Staaten eines Fürsten, den er bis zum äußersten gebracht, zu räumen und in Moskau mit dem Zaren dieselbe Szene noch einmal aufzuführen. Jedoch nahm er es übel, daß Printzen ihm mit einem derartigen Anliegen kam, und fragte ihn ironisch, ob die preußischen Truppen ebenso tüchtig seien wie die brandenburgischen. „Ja, Sire,“ antwortete der Gesandte, „sie setzen sich noch aus den alten Soldaten zusammen, die bei Fehrbellin fochten.“

Den Kaiser110-2 nötigte Karl XII., als er durch Schlesien kam, den Protestanten des Herzogtums hundertfünfundzwanzig Kirchen wiederzugeben (1707). Der Papst110-3 murrte darüber und sparte weder Proteste noch Klagen. Josef aber erwiderte ihm: wenn der König von Schweden ihm zugemutet hätte, er solle selber lutherisch werden, so wüßte er auch nicht recht, was dann geschehen wäre.

Dieselben Schweden, die damals der Schrecken des Nordens waren, stellten gemeinsam mit den Preußen und Hannoveranern die Ruhe in Hamburg wieder her, die durch eine Volkserhebung gestört worden war (1708). Friedrich I. schickte 4 000 Mann dorthin, um die Vorrechte der Schöffen und Bürgermeister aufrechtzuerhalten. Auch mit den Kölnern hatte er Händel, und zwar weil dort der Pöbel die Pforten des preußischen Residenten stürmte, der sich eine reformierte Kapelle eingerichtet hatte. Der König ließ Waren, die von Kölner Kaufleuten rheinabwärts geschickt wurden und Wesel passierten, beschlagnahmen und drohte, in seinen Staaten den katholischen Kultus zu verbieten, wie er es auch getan hatte, als der pfälzische Kurfürst110-4 die<111> Protestanten der Pfalz verfolgt hatte. Die Furcht vor diesen Vergeltungsmaßregeln brachte denn auch die Stadt Köln wieder zur Vernunft und lehrte sie, daß Toleranz eine Tugend ist, von der man bisweilen nicht ohne Gefahr abweicht.

Am Hofe Friedrichs I. herrschte damals die Intrige. Der Sinn des Königs schwankte zwischen den Kabalen seiner Günstlinge hin und her, wie ein von Wind und Gegenwind bewegtes Meer. Die ihm am nächsten standen, zeichneten sich nicht durch Begabung aus. Sie waren plump in ihren Kniffen und Ränken, in ihrem ganzen Treiben nicht sehr fein. Alle haßten einander und brannten insgeheim vor Begier, einander zu verdrängen. Einig waren sie sich nur in der Neigung, auf Kosten ihres Herrn sich zu bereichern. Der Kronprinz hatte Mühe, seine Unzufriedenheit über ihr Betragen zu unterdrücken.

Die Zeichen seines Mißfallens brachten die Höflinge auf den Plan, ihrem Ansehen eine neue Stütze zu geben. Sie überredeten den König, zu einer dritten Heirat zu schreiten, wiewohl er siech war, nur noch durch die Kunst der Ärzte lebte und mit einem Rest von Temperament den Lebensodem festhielt, der ihm entfliehen wollte. Marschall von Bieberstein111-1 führte den Anschlag aus. Er stellte dem König vor, der Kronprinz werde von seiner Gemahlin111-2 der Tochter des Kurfürsten Georg von Hannover, keine Kinder haben, obwohl sie eben damals schwanger war. Das Glück seines Volkes erfordere es, daß er ernstlich an die Befestigung seiner Nachfolge denke. Er sei noch rüstig, und durch die neue Heirat werde er sicher sein, daß seine Nachkommen die Krone trügen, deren Erwerbung ihm soviel Mühe gekostet habe. Dasselbe Geschwätz wurde von verschiedenen Persönlichkeiten wiederholt und überzeugte den guten Fürsten, daß er der rüstigste Mann in seinen Staaten sei. Die Ärzte bestimmten ihn vollends zur Heirat durch die Versicherung, seine Natur leide unter dem Zölibat. Man wählte für ihn eine Prinzessin von Mecklenburg-Grabow, mit Namen Sophie Luise, die nach Alter, Neigungen und Denkart durchaus nicht zu ihm paßte. Er hatte von dieser Verbindung keine andere Freude als die Hochzeitfeier, die mit asiatischem Prunk begangen wurde (1708). Im übrigen verlief die Ehe unglücklich.

Fortuna ward es endlich müde, die Launen Karls XII. zu beschirmen. Neun Jahre des Erfolgs hatte er genossen; die neun letzten seines Lebens waren eine einzige Verkettung von Schicksalsschlägen. Siegreich war er mit einem zahlreichen Heer eben nach Polen zurückgekehrt, beladen mit Schätzen und der sächsischen Beute (1707). Leipzig war das Kapua der Schweden. Mochten nun die Annehmlichkeiten Sachsens die Sieger verweichlicht haben, mochte die Glücksgunst dem König allzu viel Kühnheit eingeflößt und ihn über sein Ziel hinaus getrieben haben, fortan erlebte er jedenfalls nur noch furchtbares Mißgeschick.

Er wollte über Rußland wie über Polen verfügen und den Zaren entthronen, wie er August entthront hatte. In dieser Absicht nahte er den Grenzen Moskowiens,<112> wohin ihm zwei Wege offenstanden. Der eine führte durch Livland, wo alle Nachschübe aus Schweden ihn auf dem Seeweg leicht zu erreichen vermochten. Hier konnte er auch zur See bis an die neue Stadt112-1 vordringen, die der Zar damals am Gestade der Ostsee erbaute, und das Band für immer zerreißen, das Rußland mit Europa verbinden sollte. Der andere Weg durchquerte die Ukraine und führte durch pfadlose Wüsteneien nach Moskau. Karl XII. entschied sich für diesen, entweder weil er gehört hatte, man könne die Römer nur in Rom besiegen, oder weil gerade die Schwierigkeit der Unternehmung seinen Mut reizte, oder weil er auf den Kosakenfürsten Mazeppa zählte, der ihm versprochen hatte, die schwedische Armee mit Lebensmitteln zu versorgen und mit bedeutender Heeresmacht zu ihm zu stoßen. Der Zar erfuhr jedoch von den Ränken des Kosaken. Er zersprengte die Truppen, die Mazeppa sammelte, und bemächtigte sich seiner Magazine. Daher fand der König von Schweden, als er in der Ukraine ankam, nichts als schauerliche Wüste statt eines Landes, das Unterhalt im Überfluß bot, und statt eines mächtigen Bundesgenossen, der ihm Hilfstruppen zuführte, fand er einen Fürsten, der im Schwedenlager Zuflucht suchte.

Diese Unfälle schreckten Karl XII. nicht ab. Er belagerte Pultawa, als wenn es ihm an nichts gefehlt hätte. Er, der bis dahin unverwundbar gewesen, wurde jetzt am Bein verwundet, als er sich das Vergnügen machte, das elende Nest aus allzu großer Nähe zu besichtigen. Sein General Lewenhaupt, der ihm Lebensmittel, Munition und 13 000 Mann Verstärkung zuführen sollte, wurde vom Zaren dreimal geschlagen und in seiner Notlage gezwungen, die ganze Zufuhr zu verbrennen. Im Lager des Königs kam er mit nur 3 000 Soldaten an, die durch Strapazen entkräftet waren und die Not im Lager noch vermehrten. Bald näherte der Zar sich Pultawa. In der dortigen Ebene schlugen die beiden eigenartigsten Männer ihres Jahrhunderts jene berühmte Schlacht112-2. Karl XII.,der bis dahin als Schicksalslenker kein Hemmnis seines Willens gefunden hatte, tat alles, was von einem verwundeten, auf der Tragbahre liegenden Fürsten erwartet werden konnte. Peter Alexejewitsch, der bisher nur Gesetzgeber unter Menschikows Beistand gewesen war, bewies an diesem Tage, daß er die Fähigkeiten eines großen Heerführers besaß und von seinen Feinden das Siegen gelernt hatte. Den Schweden ward alles zum Verhängnis: die Verwundung ihres Königs, die ihn am Eingreifen hinderte; der Nahrungsmangel, der ihnen die Kraft zum Streiten nahm; das Irregehen eines detachierten Korps am Tage der Entscheidungsschlacht, die Zahl der Feinde und die Zeit, die sie damit verloren, Schanzen auszuwerfen und ihre Truppen vorteilhaft aufzustellen. Kurz, die Schweden wurden geschlagen und verloren in einem unglücklichen Augenblick die Früchte von neun Jahren, die so reich waren an Mühsalen und Wundern der Tapferkeit.

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Karl XII. sah sich gezwungen, seine Zuflucht bei den Türken zu suchen. Sein unversöhnlicher Haß blieb ihm auch in Bender treu. Vergeblich suchte er von dort aus durch seine Intrigen die Pforte gegen die Moskowiter aufzustacheln. So ward er das Opfer seines unbeugsamen Sinnes, der Verstocktheit hieße, wäre er nicht ein Held gewesen. Nach der Niederlage streckte das schwedische Heer am Ufer des Dnjeper die Waffen vor dem Zaren, wie das moskowitische Heer sie am Ostseeufer, nach der Schlacht bei Narwa, vor Karl XII. gestreckt hatte.

Als August von Sachsen seinen Gegner gestürzt sah, glaubte er sich seines Wortes und des Vertrags von Alt_Ranstädt ledig. Er besprach sich in Berlin mit dem König von Dänemark und Friedrich I., worauf er mit einem Heer wieder in Polen eindrang. Der König von Dänemark griff die Schweden in Schonen an. Friedrich I. ließ sich von den beiden Mächten nicht beirren, sondern blieb neutral.

In Polen wandten sich alle Anhänger der Schweden nun den Sachsen zu. Stanislaus war bei dem schwedischen Heer, das unter Krassows Befehl stand. Als der General sich von Moskowitern und Sachsen eingeschlossen sah, zog er durch die Neumark nach Stettin, ohne erst die Genehmigung Friedrichs I. einholen zu können, der solche Durchzüge und die Nachbarschaft so bedeutender Heere mit Verdruß sah.

Der König unternahm darauf eine Reise nach Königsberg und erlangte vom Zaren, der sich gleichfalls dorthin begab, die Zusage113-1, daß er den jungen Herzog von Kurland113-2, einen Neffen Friedrichs, wiedereinsetzen werde, vorausgesetzt, daß der Herzog die Nichte Peter Alexejewitschs113-3 heiratete.

Von seinen Truppen erhielt der König nur gute Nachrichten. Sie zeichneten sich in Flandern nicht minder aus als in Italien. Sie verrichteten unter dem Kommando des Grafen Lottum113-4 Wunder, in der Schlacht bei Oudenaarde wie bei der Belagerung von Lille (1708).

Die Franzosen waren durch den Mißerfolg ihrer Waffen, durch den Verlust von drei großen Feldschlachten hintereinander entmutigt und machten im Haag Friedensvorschläge (1709). Allein die Gärung der Geister war noch zu groß, Hoffnungen und Ansprüche beider Parteien gingen noch zu weit, als daß es möglich gewesen wäre, schon zu einer Einigung zu gelangen. Wären die Menschen der Vernunft zugänglich, wie würden sie dann wohl so lange erbitterte und beschwerliche Kriege führen, um früher oder später auf Friedensbedingungen zurückzukommen, die ihnen nur in den Augenblicken unerträglich erscheinen, wo die Leidenschaft sie beherrscht oder das Glück sie begünstigt?

Die Verbündeten eröffneten den Feldzug mit der Wegnahme von Tournai und der Schlacht bei Malplaquet113-5. Bei ihr war der preußische Kronprinz persönlich zu<114>gegen. An dem Siege hatte Graf Finckenstein114-1 großen Anteil. Er war mit seinen Preußen der erste, der in die französische Verschanzung eindrang. Er formierte seine Truppen auf der Brustwehr und deckte von dort aus die kaiserliche Reiterei, die von den Franzosen zweimal zurückgeschlagen wurde, so lange, bis Truppen in größerer Anzahl zu den seinen stießen und den Sieg besiegelten.

In Pommern erweckten die Schweden durch ihre Demonstrationen die Besorgnis, sie möchten in Sachsen eindringen (1710). Da der König von Preußen befürchtete, der Krieg könne schließlich in seine eignen Staaten hinüberschlagen, suchte er die Kriegswirren des Nordens zu beschwichtigen, traf aber lauter Maßnahmen, die sie leicht hätten vermehren können. Er regte die Aufstellung eines Neutralitätsheeres an, das aber niemals zusammengebracht wurde. Krassow war mit einem Waffenstillstand einverstanden. Als Karl XII. davon hörte, erhob er vom tiefsten Bessarabien her Einspruch gegen jede Neutralität. Der kaum entworfene Vertrag wurde gebrochen und teilte somit das Schicksal aller Staatshandlungen, die durch Not und Ohnmacht zu einer bestimmten Zeit zustande kommen, aber zu einer anderen Zeit durch die Macht der Umstände zunichte gemacht werden.

Was den Süden betrifft, so knüpfte Frankreich in Gertuydenberg die Friedensverhandlungen wieder an. Schon bei den ersten Besprechungen verpflichtete es sich, das Königtum Preußen und die Souveränität über Neuchâtel anzuerkennen. Das Friedenswerk kam indessen noch nicht zur Reife, und der Feldzug ging weiter. Die Preußen unter dem Fürsten von Anhalt belagerten Aixe und Douai und eroberten beide Plätze. Der König erklärte darauf, er werde die Stadt Geldern, in der er eine Besatzung hatte, nicht herausgeben, bevor die Spanier ihm nicht die Subsidien bezahlten, die sie ihm schuldeten. Beim Friedensschluß blieb er denn auch im Besitz Gelderns.

Damals starb der Herzog von Kurland, des Königs Neffe (1711). Die Moskowiter bemächtigten sich wiederum Kurlands. Sie wollten auch Elbing nehmen, da aber der König Rechte auf diese Stadt hatte114-2, wurde ein preußisches Bataillon als Besatzung dorthin gelegt.

Durchzug und Nachbarschaft so vieler Heere hatten die Pest nach Ostpreußen verschleppt. Nahrungsmangel begann sich lebhaft fühlbar zu machen und steigerte die Heftigkeit und das Gift der Seuche. Der König, dem die Not freilich nicht in ihrem ganzen Umfang offenbart wurde, ließ das Volk in seinem Unglück im Stich. Während seine Einkünfte und die Subsidien nicht einmal zur Bestreitung seiner Prachtliebe ausreichten, ließ er mehr als 200 000 Menschen elend zugrunde gehen, die er durch einige Freigebigkeit hätte retten können.

Den Kronprinzen empörte die Härte, die sein Vater gegen Ostpreußen zeigte. Er sagte den Grafen Wartenberg114-3 und Wittgenstein114-4 kräftige Worte, um dem<115> Volk, das an Elend und Seuche hinstarb, Lebensmittel und Hilfe zu verschaffen. Doch die beiden. Minister blieben unzugänglich. Sie schlugen es ihm rundweg ab, daß für 100 000 Taler Korn gekauft würde, um wenigstens die Bewohner von Königsberg zu unterstützen. Der Kronprinz war über die Abweisung heftig erbittert und beschloß, die gewissenlosen Minister zu verderben. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um sie zu beseitigen. Das Glück hat seine Rückschläge, der Hof seine Stürme. Die Partei der Kameke, die den Grafen Wartenberg um die Königsgunst beneidete, war entzückt, daß sie das Gemeinwohl zum Vorwand nehmen konnte, um ihre ehrgeizigen Pläne zu verfolgen. Ein junger Hofmann aus der Familie Kameke, der öfters mit dem König Schach spielte, wußte ihm so viele Beschuldigungen gegen beide Minister beizubringen und wiederholte das so oft, daß Wittgenstein auf die Festung Spandau geschickt und Wartenberg verbannt wurde115-1. Der König vergoß Tränen, als er sich von seinem Oberkammerherrn trennte, den er sehr liebte. Wartenberg zog sich mit einer Pension von 20 000 Talern in die Pfalz zurück und starb bald nach seinem Sturz.

Im Norden hatte Karl XII., wie schon berichtet, die Neutralität abgelehnt. Der Zar, die Könige von Polen und Dänemark benutzten das als Vorwand, um die Schweden in Pommern anzugreifen. Friedrich I. weigerte sich standhaft, ihrem Bündnis beizutreten. Er wollte seine Staaten nicht den Einfällen, Plünderungen und Zufälligkeiten des Krieges aussetzen. Er hoffte sogar, durch seine Neutralität Vorteil aus den Zwistigkeiten seiner Nachbarn zu ziehen. Der Beginn der kriegerischen Operationen war ihnen nicht günstig. Die Dänen hoben die Belagerung von Wismar auf, August die von Stralsund und Stettin.

Während Europa derart in Zuckungen lag, während Hoffnung, Eigennutz und Ehrgeiz Zwietracht in die Herzen beider Parteien säte, starb Kaiser Josef (1711). Das Reich wählte zu seinem Nachfolger Erzherzog Karl. Der war in Spanien zum König gekrönt worden, hatte die Schlacht von Almansa verloren (1707), war aus Madrid vertrieben worden und wurde jetzt gerade in Barcelona belagert.

Josefs Tod ebnete dem allgemeinen Frieden die Wege. Die Engländer begannen der endlosen Ausgaben müde zu werden. Je mehr die Wolken ihrer Begeisterung sich zerstreuten, um so klarer erkannten sie, um was sich dieser Krieg drehte. Sie kamen zu der Überzeugung, das Haus Österreich sei noch immer mächtig genug, wenn es seine Erblande, das Königreich Neapel, die Lombardei und Flandern behielte. So entschlossen sie sich zu Verhandlungen in Utrecht, die den Frieden herbeiführen sollten.

König Friedrich I., der den Streit um die manische Erbschaft durch einen endgültigen Vertrag aus der Welt schaffen wollte, ging nach Kleve, um die Angelegenheit mit dem Fürsten Friso zu ordnen. Allein der unglückliche Fürst ertrank beim Übersetzen über den Moerdijk, als er nach dem Haag unterwegs war. Dafür machte<116> Friedrich I. eine andere Erwerbung durch das Aussterben der Grafen von Mansfeld. Ihr Land wurde durch den König von Preußen und den Kurfürsten von Sachsen mit Beschlag belegt. Mansfeld fiel an Preußen, Eisleben an Sachsen.

Indessen rückte der Friedensschluß unmerklich näher. Die Verhandlungen zu Utrecht dauerten fort. Die Grafen Dönhoff, Metternich116-1 und Bieberstein116-2 begaben sich als Bevollmächtigte des Königs dorthin.

Während so über den Frieden verhandelt wurde, fand in England eine Umwälzung statt. Als ihr Urheber wurde in ganz Europa der Marschall Tallard bezeichnet, der als Gefangener in London weilte116-3. Ob nun der Marschall die Ursache war oder das, was man den Zufall nennt, jedenfalls wurde die Partei Marlbouroughs gestürzt116-4. Im englischen Volke gewannen die Freunde des Friedens die Oberhand. Den Befehl über die englischen Truppen in Flandern erhielt der Herzog von Ormond, der sich zu Beginn des neuen Feldzugs von den Verbündeten trennte. Prinz Eugen setzte die Offensive fort, obgleich seine Streitkräfte durch den Abzug der Engländer geschwächt waren. Den Preußen unter dem Fürsten von Anhalt wurde die Belagerung von Landrecies übertragen. Aber Villars marschierte nach Denain, stürmte das dortige Lager, in dem Lord Albemarle kommandierte, und schlug ihn, bevor Prinz Eugen ihm zu Hilfe eilen konnte116-5. Durch den Sieg kamen Marchienne, Quesnoy, Douai und Bouchain in die Gewalt der Franzosen.

Die Verbündeten folgten dem Beispiel der Engländer und dachten ernstlich an Frieden. Der Kaiser war der einzige, der den Krieg fortsetzen wollte. Entweder weil sein Staatsrat bei seiner gewohnten Langsamkeit noch nicht Zeit fand, sich anders zu entscheiden, oder weil der Kaiser sich stark genug glaubte, Ludwig XIV. allein zu widerstehen. Seine Lage verschlimmerte sich dadurch nur.

Friedrich I. ließ damals die holländische Besatzung von Mörs überrumpeln und behauptete seine Rechte auf den Platz durch seine Besitzergreifung.

Die friedliche Stimmung im Süden übertrug sich jedoch keineswegs auf den Norden. Der König von Dänemark drang ins Herzogtum Bremen ein und nahm Stade. Der Zar und der König von Polen versuchten eine Landung auf der Insel Rügen; sie scheiterte aber an den guten Maßnahmen der Schweden. Nicht glücklicher waren die nordischen Verbündeten bei der Belagerung von Stralsund, die sie wieder aufheben mußten. Bei Gabebusch in Mecklenburg trug Stenbock einen Sieg über Sachsen und Dänen davon. Als dann noch eine Verstärkung von 10 000 Schweden in Pommern ankam, wurde das ganze Land von den Feinden befreit. Die Dänen sahen sich zur Räumung Rostocks genötigt und übergaben die Stadt den Truppen des Königs von Preußen in seiner Eigenschaft als Direktor des niedersächsischen Kreises. Aber die Schweden vertrieben die Preußen aus Rostock.<117> Die Neutralität des Königs wurde dadurch nicht berührt. Er fuhr fort, zu unterhandeln, um die Geister zu versöhnen und die Unwetter zu beschwören, die sich um seine Staaten zusammenzogen.

Zu Beginn des Jahres 1713117-1 starb Friedrich I. an einer schleichenden Krankheit, die sein Leben seit langem bedroht hatte. Den Abschluß des Friedens und die Wiederherstellung der Ruhe in den Nachbarländern erlebte er nicht mehr.

Er war dreimal vermählt, zuerst mit einer Prinzessin von Hessen117-2 Sie schenkte ihm eine Tochter117-3, die den Erbprinzen von Hessen, den jetzigen König von Schweden, heiratete. Sophie Charlotte von Hannover, seine zweite Gemahlin, war die Mutter Friedrich Wilhelms, seines Nachfolgers. Die dritte, eine mecklenburgische Prinzessin, verstieß er, da sie wahnsinnig wurde.

So haben wir alle Ereignisse aus Friedrichs I. Leben an uns vorüberziehen sehen. Es bleibt uns nur noch übrig, einen raschen Blick auf seine persönliche Erscheinung und seinen Charakter zu werfen. Er war klein und verwachsen; seine Miene war stolz, seine Physiognomie gewöhnlich. Seine Seele glich den Spiegeln, die jeden Gegenstand zurückwerfen. Er war äußerst bestimmbar. Daher konnten diejenigen, die einen gewissen Einfluß auf ihn gewonnen hatten, seinen Geist nach Gefallen erregen oder beschwichtigen. Ließ er sich fortreißen, so geschah es aus Laune; war er sanft, so kam das von seiner Lässigkeit. Er verwechselte Eitelkeiten mit echter Größe. Ihm lag mehr an blendendem Glanz als am Nützlichen, das bloß gediegen ist. 30 000 Untertanen opferte er in den verschiedenen Kriegen des Kaisers und der Verbündeten, um sich die Königskrone zu verschaffen. Und er begehrte sie nur deshalb so heiß, weil er seinen Hang für das Zeremonienwesen befriedigen und seinen verschwenderischen Prunk durch Scheingründe rechtfertigen wollte. Er zeigte Herrschepracht und Freigebigkeit. Aber um welchen Preis erkaufte er sich das Vergnügen, seine Passionen zu befriedigen! Er verschacherte das Blut seines Volkes an Engländer und Holländer, wie die schweifenden Tartaren ihre Herden den Metzgern Podoliens für die Schlachtbank verkaufen. Als er nach Holland kam, um die Erbschaft König Wilhelms anzutreten, war er nahe daran, seine Truppen aus Flandern zurückzuziehen. Man lieferte ihm von der Erbschaft einen großen Brillanten aus, und die 15 000 Mann mußten sich im Dienst der Verbündeten umbringen lassen.

Die Vorurteile des Volkes scheinen der fürstlichen Prachtliebe günstig zu sein. Aber es ist ein Unterschied zwischen der Liberalität eines Bürgers und der eines Herschers. Ein Fürst ist der erste Diener und Beamte des Staates117-4. Ihm schuldet er Rechenschaft über die Verwendung der Steuern. Er erhebt sie, um den Staat durch die Truppen, die er hält, zu schützen, die ihm anvertraute Würde aufrechtzuerhalten,<118> Dienste und Verdienste zu belohnen, eine Art Ausgleich zwischen den Reichen und den Belasteten herzustellen, Unglücklichen jeder Art ihr Los zu erleichtern und endlich freigebig bei allem zu verfahren, was den Staatskörper im allgemeinen angeht. Hat der Herrscher einen aufgeklärten Geist und das Herz auf dem rechten Fleck, so wird er seine sämtlichen Ausgaben für das Staatswohl und die größtmögliche Förderung seines Volkes verwenden.

Die Freigebigkeit, die Friedrich I. liebte, war nicht von solcher Art, vielmehr nur Vergeudung, wie ein eitler und verschwenderischer Fürst sie übt. Seine Hofhaltung war eine der prächtigsten in Europa, seine Gesandtschaften waren nicht minder prunkvoll als die der Portugiesen. Er bedrückte die Armen, um die Reichen zu mästen. Seine Günstlinge erhielten hohe Gnadengehälter, während sein Volk im Elend schmachtete. Seine Bauten waren prachtvoll, seine Feste glänzend, seine Marställe und Dienerschaft zeugten eher von asiatischem Prunk als von europäischer Würde. Seine Gnadenbeweise schienen mehr durch den Zufall als durch gescheite Auswahl bedingt. Seine Bedienten machten ihr Glück, wenn sie die ersten Wallungen seines Zornes überstanden hatten. Ein Gut von 40 000 Talern Wert gab er einem Jäger, der ihm einen kapitalen Hirsch vor den Schuß brachte. Die Launenhaftigkeit, die bei seiner Verschwendung waltete, befremdet am stärksten, wenn man die Summe seiner Ausgaben und Einnahmen vergleicht und sich von seinem Leben ein einheitliches Bild macht. Dann sieht man mit Staunen Teile eines Riesenkörpers neben verdorrten, absterbenden Gliedern. Seine Domänen im Halberstädtischen wollte der König den Holländern verpfänden, um den berühmten Pitt kaufen zu können, den Brillanten, den Ludwig XV. zur Zeit der Regentschaft erwarb. Er verkaufte den Verbündeten 20 000 Mann, um das Ansehen zu genießen, daß er 30 000 Mann unterhalte. Sein Hof war wie ein großer Strom, der alle Bächlein in sich aufnimmt. Seine Günstlinge wurden mit Wohltaten überhäuft, seine Verschwendung kostete Tag für Tag ungeheure Summen, während Ostpreußen und Litauen der Hungersnot und der Seuche preisgegeben waren, ohne daß der freigebige Monarch sich herbeiließ, ihnen zu helfen. Ein geiziger Fürst ist für sein Volk wie ein Arzt, der einen Kranken in seinem Blut ersticken läßt. Der verschwenderische gleicht einem Arzt, der den Kranken so lange zur Ader läßt, bis er ihn getötet hat.

In seiner Zuneigung war Friedrich I. niemals beständig. Bald hatte er eine schlechte Wahl zu bereuen, bald fehlte es ihm an Nachsicht gegen menschliche Schwächen. Vom Baron Danckelman bis zum Grafen Wartenberg nahmen seine Günstlinge alle ein schlimmes Ende.

In seinem schwachen, abergläubischen Geist lebte eine außerordentliche Anhänglichkeit an den Calvinismus. Ihm hätte er gern alle übrigen Religionen zugeführt. Es ist anzunehmen, daß er die anderen verfolgt hätte, wären die Priester so schlau gewesen, die Verfolgungen mit Zeremonien zu verknüpfen. Er hat auch ein Gebetbuch verfaßt, das aber zu seiner Ehre nicht gedruckt worden ist.

<119>

Wenn Friedrich I. Lob verdient, so geschieht es deshalb, weil er seinen Staaten immer den Frieden erhalten hat, während die seiner Nachbarn vom Krieg verwüstet wurden; weil sein Herz im Grunde gut war und, wenn man will, weil er die eheliche Treue nicht verletzt hat. Alles in allem: er war groß im Kleinen und klein im Großen. Und sein Unglück wollte es, daß er in der Geschichte seinen Platz zwischen einem Vater und einem Sohne fand, die ihn durch überlegene Begabung verdunkeln.

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Friedrich Wilhelm I., zweiter König von Preußen
(1713 — 1740)

Friedrich Wilhelm wurde zu Berlin am 15. August 1688 geboren. Er war, wie wir bereits sagten, der Sohn König Friedrichs I. von Preußen und Sophie Charlottens, einer Prinzessin von Hannover.

Seine Regierung begann unter den günstigen Auspizien des Friedens. Dieser wurde zwischen Frankreich, Spanien, England, Holland und der Mehrzahl der deutschen Fürsten in Utrecht geschlossen120-1. Friedrich Wilhelm erlangte von Ludwig XIV. die Anerkennung seines Königtums, der Souveränität über das Fürstentum Neuchâtel und die Bürgschaft für die Gebiete von Geldern und Kessel als Entschädigung für das Fürstentum Orange, auf das er für sich und seine Nachkommen verzichtete. Frankreich und Spanien gestanden ihm gleichzeitig den Titel Majestät zu, den sie den Königen von Dänemark und Sardinien noch lange versagten.

Nach der Wiederherstellung des Friedens wandte sich die ganze Aufmerksamkeit des Königs auf die innere Verwaltung. Er arbeitete an der Wiederherstelltung der Ordnung in Finanzwirtschaft, Verwaltung, Rechtspflege und Heerwesen; denn diese Gebiete waren unter der vorangegangenen Regierung gleichermaßen verwahr<121>lost. Er besaß eine arbeitsame Seele in einem kraftvollen Körper. Es hat nie einen Mann gegeben, der für die Behandlung von Einzelheiten so begabt gewesen wäre. Wenn er sich mit den kleinsten Dingen abgab, so tat er das in der Überzeugung, daß ihre Vielheit die großen zuwege bringt. Alles, was er tat, geschah im Hinblick auf das Gesamtbild seiner Politik; er strebte nach höchster Vervollkommnung der Teile, um das Ganze zu vervollkommnen.

Er strich alle unnützen Ausgaben und verstopfte die Kanäle, durch die sein Vater die Mittel des öffentlichen Wohlstands abgelenkt hatte, um sie in eitlem und überflüssigem Aufwand zu verschwenden. Der Hof spürte die Reform zuerst. Der König behielt nur eine Anzahl von Personen, die für die Wahrung der Würde notwendig oder dem Staat nützlich waren. Von den hundert Kammerherren seines Vaters behielt er nur zwölf; die übrigen wurden Offiziere oder Diplomaten. Er beschränkte seine eigenen Ausgaben auf eine mäßige Summe, indem er sagte, ein Fürst müsse mit dem Gut und Blut seiner Untertanen sparsam umgehen. In dieser Hinsicht war er ein Philosoph auf dem Thron, wiewohl er nichts gemein hatte mit jenen Gelehrten, deren unfruchtbare Wissenschaft auf der Spekulation über abstrakte Gegenstände beruht, die sich unserer Erkenntnis offenbar entziehen. Er gab das Beispiel einer Sittenstrenge und Einfachheit, die der ersten Zeiten der römischen Republik würdig waren. Dem Prunk und den imposanten Äußerlichkeiten des Königtums war er feind. In seiner stoischen Tugend gönnte er sich nicht einmal die Nächstliegenden Annehmlichkeiten des Lebens. Seine einfachen Sitten, seine große Genügsamkeit bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu dem Hochmut und der Verschwendung Friedrichs I.

Ein politisches Ziel schwebte Friedrich Wilhelm bei seiner Reorganisation des Innern vor: er wollte sich durch, ein mächtiges Heer bei seinen Nachbarn in Respekt setzen. Georg Wilhelms Beispiel hatte ihn gelehrt, wie gefährlich es ist, sich nicht verteidigen zu können. Und das Beispiel Friedrichs I., dessen Truppen weniger ihm selbst als den sie bezahlenden Bundesgenossen gehörten, hatte ihn erkennen lassen, daß ein Herrscher nur in dem Maße geachtet wird, als er sich mächtig und furchtgebietend zu machen weiß. Er war der Demütigungen satt, die bald die Schweden, bald die Russen seinem Vater zugefügt hatten, indem sie ungestraft seine Staaten durchquerten. Er wollte sein Volk wirksam gegen die Unruhe seiner Nachbarn beschützen und sich zugleich in den Stand setzen, seine Anrechte auf die Erbfolge in Berg zu vertreten, die beim Tod des Kurfürsten von der Pfalz, des letzten Fürsten aus dem Hause Neuburg121-1, frei werden mußte121-2. Man ist zwar allgemein in dem Vorurteil befangen, der Plan einer militärischen Regierung sei nicht vom König selbst ausgegangen, sondern ihm durch den Fürsten von Anhalt eingegeben worden, aber wir<122> folgen dieser Meinung nicht, weil sie irrig ist. Ein so überlegener Geist wie der Friedrich Wilhelms durchdrang und erfaßte die größten Fragen. Besser als irgend einer von seinen Ministern oder Generalen kannte er die Interessen des Staates.

Wenn die größten Ideen durch einen Zufall hervorgerufen werden können, so ließe sich sagen, daß englische Offiziere Friedrich Wilhelm den Anstoß für die Pläne gaben, die er in der Folge ausführte. In seiner Jugend, als er die Feldzüge in Flandern mitmachte, fand er einmal, während der Belagerung von Tournai122-1, zwei englische Generale in lebhaftem Wortgefecht. Der eine behauptete, der König von Preußen würde ohne Subsidien Mühe haben, 15 000 Mann zu besolden; der andere behauptete, der König könne 20 000 unterhalten. Der junge Prinz geriet in Feuer und sagte ihnen: „Der König, mein Vater, unterhält 30 000, sobald er will.“ Die Engländer nahmen die Antwort für einen Augenblickseinfall eines ehrgeizigen jungen Mannes, der die Vorzüge seines Vaterlandes übertrieben herausstreicht. Friedrich Wilhelm aber bewies nach seiner Thronbesteigung, daß er nicht zuviel gesagt hatte. Seine gute Finanzwirtschaft ermöglichte es ihm, vom ersten Jahr seiner Regierung an sogar 50 000 Mann zu halten, ohne daß irgend eine Macht ihm Subsidien bezahlte.

Durch den Frieden von Utrecht waren die Kriegshändel, die den Süden in Atem hielten, teilweise beigelegt. Das hinderte aber nicht die Fortdauer des Kriegs im Norden zwischen Karl XII., der immer noch als Gefangener in Adrianopel122-2 war, und dem Zaren, König August von Polen und König Friedrich IV. von Dänemark, die sich gegen ihn verbündet hatten.

Friedrich Wilhelm wollte sich keinesfalls in die nordischen Kriegswirren mischen. Nach dem Vorbild seines Vaters beobachtete er strikte Neutralität. Die vorteilhafte Lage seiner Staaten, die Zahl seiner Truppen und das Bedürfnis nach seinem Beistand bewirkten, daß er von beiden Parteien umworben wurde. Er sah wohl, daß die Art und die Nähe des Krieges ihn über kurz oder lang zum Eingreifen nötigen würden. Aber er verlor nichts dabei, wenn er sich abwartend verhielt. Vielleicht auch wollte er erst sehen, nach welcher Seite das Glück sich wenden werde, bevor er Verpflichtungen auf sich nahm, die ihn nachher banden.

Das Verhängnis, vom gewöhnlichen Volk Zufall, von den Theologen Vorbestimmung genannt und von den Weisen als Folge menschlicher Unklugheit gedeutet, das Verhängnis, sage ich, versteifte sich noch immer darauf, Karl XII. zu verfolgen. Während er seine Zeit damit verlor, in Konstantinopel gegen den Zaren zu wühlen, zog sich sein General Stenbock, der an den unglücklichen Einwohnern Altonas unerhörte Grausamkeiten verübt hatte, beim Nahen der Moskowiter und Sachsen nach Tönningen zurück. Seine Absicht war, die Eider auf dem Eis zu überschreiten. Sein Unglück wollte, daß unvermutet Tauwetter eintrat. Da er für den Über<123>gang keine Brücke zur Verfügung hatte und sich von Feinden umringt sah, war er gezwungen, sich mit seinen 12 000 Mann gefangen zu geben.

Der Verlust dieser Truppen und die Schmach, die ihre Gefangennahme den schwebischen Waffen brachte, waren jedoch nur Vorläufer größeren Unglücks, das dem Schwedenreich drohte. Die schlechte Haltung des Generals Stenbock wirkte hauptsächlich auf Schwedisch-Pommern zurück. Die russischen und sächsischen Heere sahen keine Feinde mehr vor sich und schickten sich schon an, dort einzudringen. Pommern drohte von neuem der Kriegsschauplatz zu werden. Aus Furcht davor machten der Herzog-Regent von Holstein123-1 und General Wellingk, Statthalter von Pommern, dem König von Preußen den Vorschlag, Schwedisch-Pommern in Sequester zu nehmen123-2. Ihre Verlegenheit war um so größer, als sie keine Truppen zur Verteidigung der Provinz hatten. Aus Haß gegen die Moskowiter nahmen sie ihre Zuflucht zu einem so verzweifelten Rettungsmittel. Und der Haß machte sie so blind gegen die Interessen ihres Herrn, daß sie es lieber gesehen hätten, wenn ganz Pommern unter preußische Herrschaft gekommen wäre als nur ein einziges Dorf in den Besitz des Zaren.

Dem König dünkte das Anerbieten des Herzogs-Regenten und Wellingks sehr vorteilhaft. Mit Vergnügen erklärte er sich zur Sequestrierung Pommerns bereit123-3. Er sah darin das Mittel, den Frieden in der seinen Staaten benachbarten Provinz zu wahren. 20 000 Preußen setzten sich unverzüglich in Marsch und lagerten an der Grenze Pommerns. Zugleich begab sich Bassewitz, Minister des Herzogs von Holstein, in Begleitung des Generals Arnim123-4, den der König von Preußen entsandt hatte, nach Stettin und wies im Namen Wellingks den dortigen Kommandanten Meyerfeldt an, die Stadt den Preußen auszuliefern. Meyerfeldt, der die Denkart seines Herrn kannte, weigerte sich, zu gehorchen, und verlangte Frist, um von der Regentschaft in Stockholm positive Verhaltungsmaßregeln zu erbitten. Meyerfeldts Weigerung war ein authentisches Zeugnis dafür, daß Wellingk sich zuviel Autorität angemaßt hatte und aus Übereilung weiter gegangen war, als er durfte und seine Vollmacht reichte. Der König, der die Sequestrierung bloß aus Gefälligkeit übernommen hatte, ließ nun davon ab, ohne die mindeste Verstimmung kundzugeben. Er zog seine Truppen sogleich zurück und überließ Pommern seinem Schicksal. Für die Schweden war es rühmlicher, Pommern im Kampf zu verlieren, als es mit Hilfe der Sequestrierung zu behalten.

Menschikow hatte Stenbock in Holstein entwaffnet und fiel nun mit den Moskowitern und Sachsen über Pommern her. Sofort belagerte er Stettin, ließ die Stadt<124> bombardieren und setzte ihr so heftig zu, daß sie nach wenigen Tagen vor der Kapitulation stand. Bassewitz, Wellingk und Meyerfeldt glaubten jetzt noch, Karl XII. einen guten Dienst zu leisten, wenn sie den Platz in die Hände des Königs von Preußen gaben. Es wurden 2 000 Preußen und ein Bataillon holsteinischer Truppen als Besatzung in die Stadt gelegt.

Die Verbündeten stimmten der Sequestrierung zu, unter der Bedingung, daß der König von Preußen die Schweden hindere, von Pommern aus in Polen einzufallen124-1. Die Republik Polen verpflichtete sich ebenso, die Neutralität einzuhalten. Zur Beseitigung aller Bedenken, die in der Angelegenheit bei den Verbündeten noch bestehen konnten, bezahlte ihnen der König 400 000 Taler. Menschikow, der seinen Herrn vielleicht verkauft haben würde, wenn der König ihn hätte kaufen wollen, erhielt von diesem eine Domäne und einen Ring von hohem Wert. Vom Pastetenbäcker war er zum Premierminister und Generalissimus des Zaren emporgestiegen. Er und sein ganzes Volk waren so barbarisch, daß in ihrer Sprache gar kein Ausdruck für Ehre und Treue zu finden war.

Karl XII., die Könige von Dänemark, von Polen und der Kaiser waren gleich unzufrieden mit der Beschlagnahme Pommerns. Der König von Schweden deshalb, weil er sehr wohl begriff, daß er Pommern verlor oder auch noch den König von Preußen unter seinen zahlreichen Feinden sehen müßte. Die Könige von Dänemark und Polen hatten sich freilich vorgenommen, Karl XII. seiner Provinzen zu berauben. Aber ganz erfüllt von diesem einzigen Ziel ihrer Rache, hatten sie die Teilung ihrer Eroberungen noch nicht geregelt. Voller Neid sahen sie nun, wie der König von Preußen durch die Sequestrierung in den Besitz Pommerns gelangte und so die ganzen Früchte des Krieges einheimste, ohne dessen Wechselfälle mit ihnen geteilt zu haben.

Der Kaiser, der aus Spanien vertrieben war und allein einen unglücklichen Krieg gegen Frankreich zu führen hatte, war durch seine Mißerfolge verbittert und bemerkte mit Kummer, daß Friedrich Wilhelm Erwerbungen machte, während er nichts als Verluste erlitt. Indessen, Stettin war ausgeliefert, das Geld bezahlt, Menschikow bestochen, und überdies hatte der König von Preußen die nötige Macht hinter sich. Diese Gründe zwangen seine Nachbarn, ihre Eifersucht zu unterdrücken und ihn weiter rücksichtsvoll zu behandeln.

Der König von Schweden schrieb aus dem tiefsten Bessarabien an den König von Preußen, er erhebe Einspruch gegen Wellingks Verhalten. Die 400 000 Taler, die seinen Feinden ausgezahlt seien, werde er niemals erstatten und zeitlebens die Sequestrierung nicht unterschreiben. So schroff das Vorgehen Karls XII. auch war, Friedrich Wilhelm ergriff doch, in Gemeinschaft mit dem Kaiser, die verständigsten Maßnahmen zur Wiederherstellung des Friedens. Beide Fürsten regten einen Kon<125>greß an, der in Braunschweig zusammentreten sollte. Aber ihr Vorschlag scheiterte an der Halsstarrigkeit des Schwedenkönigs, sowie am Haß des Zaren und des Königs von Polen, die in der Schule Karls XII. gelernt hatten, ihrem Rachedurst keine Schranken zu setzen.

Während also im Norden die Zwietracht kein Ende nahm, erwarb Friedrich Wilhelm das Reichslehen Limpurg125-1. Die Anwartschaft darauf hatte Friedrich I. vom Kaiser zum Dank für die Abtretung des Kreises Schwiebus erhalten125-2.

Im Süden herrschte Philipp V. bereits friedlich über Spanien, und Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen, der durch den Utrechter Frieden als König von Sizilien anerkannt war, hatte sich in Palermo trotz den Drohungen des Kaisers und dem Wehklagen des Papstes krönen lassen. Ludwig XIV., der nun mit dem größten Teil Europas seinen Frieden gemacht hatte, drang stark auf Karl VI. ein, der sich in seinem Trotz gegen den Frieden sträubte. Im Verlauf des Feldzugs konnte Prinz Eugens Geschicklichkeit nicht verhüten, daß Villars von Landau und Freiburg Besitz ergriff.

Der Kaiser führte den Krieg viel mehr aus Stolz als aus Vernunftgründen. Er allein war zu schwach, Ludwig XIV. standzuhalten. Seine Truppen waren zusammengeschmolzen, seine Hilfsquellen erschöpft, und die Börse der Seemächte war für ihn geschlossen. Der Mißerfolg dieses Feldzugs und die Furcht vor einer noch unglülicheren Zukunft brachten ihn zu der Erkenntnis, daß Ansprüche ohne dahintestehende Macht nichtig sind, daß die politischen Wetterregeln gebieten, bei Sturm die Segel zu streichen und sie beizusetzen, wenn der Wind günstig ist. Für diesmal beugte sich der österreichische Hochmut der Notwendigkeit.

Eugen und Villars trafen zu Rastatt im Markgrafentum Baden zusammen. Sie einigten sich über die Präliminarien und ermöglichten so die Eröffnung des Kongresses zu Baden in öer Schweiz, wo am 7. September 1714 der Friede unterzeichnet ward. Der Kaiser trat Landau an Frankreich ab, erkannte Philipp V. an und entsagte seinen Ansprüchen auf Spanien. Ludwig XIV. gab seine rechtsrheinischen Eroberungen wieder heraus, versprach die Befestigungen von Hüningen zu schleifen und den Kaiser im Besitz des Königreichs Neapel, Mailands und Mantuas nicht zu stören; ferner erkannte er das neunte Kurfürstentum125-3 an. Man vereinbarte endlich, die Streitigkeiten über die Barriere von Flandern durch ein besonderes Abkommen zu regeln125-4.

Zu jener Zeit starb die Königin von England125-5 nach langer, qualvoller Krankheit. Einige ihrer Minister hatten nutzlose Anstrengungen gemacht, um den Prätendenten125-6 zu ihrem Nachfolger zu berufen. Georg von Hannover, der Enkel der pfälzischen Prinzessin125-7, die Jakobs I. Tochter war, wurde zum König von England proklamiert<126> und nach dem Wunsche der ganzen Nation auf den Thron erhoben. Ihn sahen wir England regieren, indem er die Freiheit äußerlich respektierte und die Gelder, die das Parlament ihm bewilligte, zu dessen Bestechung benutzte. Er war ein König ohne Prunk, ein Staatsmann ohne Falschheit und erwarb sich durch sein Benehmen das Vertrauen ganz Europas.

Nachdem wir von der politischen Lage des Südens gesprochen, ist es Zeit, zum Norden zurückzukehren, wo die Ereignisse sich immer mehr verwickelten und die Verwirrung höher stieg als je zuvor. Karl XII. war endlich seines beispiellosen Eigensinns müde, durch den er sich zu Demotika auf dem Krankenlager festhalten ließ, um die Pforte wider den Zaren aufzureizen, während seine Feinde sich seine Abwesenheit zunutze machten, seine Heere vernichteten und ihm die reichsten Provinzen nahmen. Jetzt ging Karl XII. ganz unvermittelt aus feiner Tatenlosigkeit zur angespanntesten Tätigkeit über. Er verließ Demotika, reiste mit staunenswerter Schnelligkeit, ritt durch die Erblande des Kaisers, durch Franken, Mecklenburg und kam am elften Tag in Stralsund an126-1, als man ihn dort am wenigsten erwartete.

Sein erster Schritt war, gegen die Beschlagnahme von Stettin Einspruch zu erheben und zu erklären: da er kein Abkommen unterzeichnet habe, sei er keineswegs zur Anerkennung dessen verpflichtet, was seine Generale in seiner Abwesenheit getan hätten. Bei einem Charakter, wie dem seinen, gab es keine anderen Argumente als Gewalt. Friedrich Wilhelm ließ Karl XII. mitteilen, er werde nicht dulden, daß die Schweden in Sachsen eindrängen, und ließ gleichzeitig eine ansehnliche Truppenmacht nach Stettin vorrücken. Die Schweden schenkten den Vorstellungen des Königs von Preußen so wenig Beachtung, daß dieser sich genötigt sah, dem Bündnis der Russen, Sachsen und Hannoveraner beizutreten, um seine Abmachungen gegen die Hartnäckigkeit Karls XII. zu behaupten126-2. Der schwedische König bemächtigte sich Anklams, Wolgasis und Greifswalds, wo eine preußische Besatzung lag. Mit einem Rest von Mäßigung schickte er sie heim, ohne eine Gewalttätigkeit gegen sie zu begehen. Aber die Mäßigung war bei seiner heftigen Natur nur vorübergehend. Zu Beginn des folgenden Feldzugs (1715) vertrieben die Schweden die Preußen von der Insel Usedom und nahmen ein Detachement von 500 Mann kriegsgefangen. Durch diese Feindseligkeit brachen sie die Neutralität Preußens und wurden die Angreifer. Der König, der eifersüchtig über seine Ehre wachte, war empört über das Vorgehen der Schweden. Doch obwohl er im ersten Augenblick den Schimpf, der ihm angetan ward, kaum zu erwägen vermochte, konnte er sich nicht enthalten, zu rufen: „Oh, daß ein König, den ich schätze, mich zwingen muß, sein Feind zu werden!“ Damals befand sich Flemming in Berlin, derselbe, der durch seine Intrigen August von Sachsen,<127> seinen Herrn, zum König von Polen gemacht hatte127-1 und durch seine schlechte Heerführung schuld an dessen Entthronung war. Als Flemming von dem Neutralitätsbruch der Schweden hörte, begab er sich sogleich zum König von Preußen und nutzte die ersten Augenblicke seines Zornes so trefflich aus, daß er ihn in derselben Stunde dahin brachte, Karl XII. den Krieg zu erklären.

Schon im Monat Juni stießen 20 000 Preußen zu den Sachsen und Dänen in Pommern. Der König begab sich nach Stettin. Das Bataillon holsteinischer Truppen, das dort als Besatzung stand, wurde entwaffnet. Hierauf ließ er sich von der Bürgerschaft den Treueid leisten und stellte sich dann persönlich an die Spitze seines Heeres.

Europa sah nun einen König, der von zwei Königen in Person belagert wurde. Wer dieser König war Karl XII. und hatte unter seinem Befehl 15 000 kriegsgewohnte Schweden, deren Begeisterung für das Heldentum ihres Fürsten bis zur Vergötterung ging. Außerdem kämpfte sein Ruhm und das allgemeine Vorurteil für ihn. Im Heer der Verbündeten prüfte der König von Preußen alle Pläne, entschied über die Operationen und bewog die Dänen, sich darein zu fügen. Der König von Dänemark, ein schlechter Soldat mit geringer Neigung zum Kriegswesen, war nur darum bei der Belagerung von Stralsund erschienen, weil er dort das Schauspiel von Karls XII. Demütigung zu genießen hoffte.

Unter den beiden Königen stand der Fürst von Anhalt als die Seele aller militärischen Operationen. Er war ein Mann von heftigem und eigenwilligem Charakter, in seinen Unternehmungen lebhaft, aber einsichtsvoll. Zu heldenmütiger Tapferkeit gesellte sich bei ihm die Erfahrung aus Prinz Eugens besten Feldzügen. Er war rauh von Sitten, von unbändigem Ehrgeiz, ein gründlicher Kenner der Velagerungskunst, ein glücklicher Kriegsmann und schlechter Bürger. Alles dessen, was Marius und Sulla taten, wäre auch er fähig gewesen, wenn das Schicksal sich ihm in seinem Ehrgeiz ebenso günstig erwiesen hätte wie jenen Römern. Die dänischen Heerführer dagegen waren Prahler, ihre Minister Pedanten.

Das so zusammengesetzte Heer begann also die Belagerung von Stralsund. Die Stadt liegt am Strande der Ostsee. Die schwedische Flotte konnte sie daher mit Lebensmitteln, Munition und Truppen versorgen. Stralsund ist durch seine Lage sehr stark. Ein unwegsamer Sumpf schützt zwei Drittel seines Umkreises. Die einzige Seite, von der es zugänglich ist, wurde durch eine treffliche Verschanzung gesichert, die nördlich am Meeresufer begann und sich südlich bis zu dem Sumpf hinzog. In der Verschanzung lagen 12 000 Schweden, und Karl XII. stand an ihrer Spitze. Die große Anzahl der zu überwindenden Hindernisse nötigte die Belagerer, sie nach und nach hinwegzuräumen.

Die erste Aufgabe war, die schwedische Flotte von der pommerschen Küste zu entfernen, um Karl XII. jegliche Unterstützung, die er aus Schweden erwarten konnte,<128> zu rauben. Aber der König von Dänemark wollte das Geschwader, das er in jenen Gewässern hatte, keinem Kampf aussetzen. Diese Voraussetzung der Belagerung führte zu langwierigen Verhandlungen. So leicht es ist, einem scharfsichtigen Menschen die Notwendigkeit einer Sache mit guten Gründen zu beweisen, so schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, ist es, einen beschränkten Geist zu überzeugen, der sich selbst nicht traut und Furcht hat, die anderen möchten ihn irreleiten. Der Einfluß des Königs von Preußen auf den Geist des Dänenkönigs zwang diesen doch endlich zum Nachgeben, und so ward er Augenzeuge des Sieges, den sein Admiral über das schwedische Geschwader davontrug. Beide Könige waren Zuschauer der Seeschlacht, die eine Meile von der Küste stattfand und das Meer für die Verbündeten frei machte. Darauf unternahmen die Preußen unter General Arnim eine Landung auf der Insel Usedom, verzagten die Schweden und eroberten das Fort Peenemünde mit der blanken Waffe.

Als dies Hindernis beseitigt war, rüstete man sich zur Erstürmung der Schanzen. Zum Unglück für die Schweden fand sich ein preußischer Offizier, der den Angriff, die schwierigste und entscheidendste Aufgabe, bei der ganzen Belagerung, erleichterte. Der Offizier namens Gaudy, hatte zu der Zeit, da er auf der Stralsunder Schule den Unterricht genoß, oft in der Meerenge gebadet und erinnerte sich, daß sie in der Nähe der Verschanzung weder tief noch schlammig war. Um ganz sicher zu gehen, prüfte er nächtlicherweile nach. Er fand, daß man die Stelle durchwaten, die Verschanzung linker Hand umgehen und den Feind in der Flanke und im Rücken packen konnte128-1.

Der Plan wurde mit Erfolg durchgeführt. Die Schweden wurden bei Nacht angegriffen. Während ein Korps geradeaus auf die Verschanzung losmarschierte, zog ein anderes nahe am Ufer durchs Meer und stand in ihrem Lager, ehe sie dessen gewahr wurden. Durch die Überrumpelung, die bei allen nächtlichen Angriffen unausbleibliche Verwirrung, und vor allem durch das starke Korps, das ihnen in die Flanke fiel, wurden sie rasch in wilde Flucht getrieben. Sie verließen ihre Verschanzung und retteten sich in die Stadt. Karl XII. war in Verzweiflung, daß seine Truppen ihn im Stich ließen. Er wollte allein kämpfen. Seine Generale retteten ihn nur mit Mühe vor den nachsetzenden Belagerern. Alles, was nicht schleunigst Stralsund erreichte, ward getötet oder gefangen genommen. Mehr als 400 Mann fielen dabei in die Hände der Preußen.

Um die Stadt Völlig abzuschneiden, wurde nunmehr beschlossen, die Insel Rügen zu besetzen, da die Belagerten von dort noch einige Unterstützung erhalten konnten. Der Fürst von Anhalt setzte auf Transportschiffen mit 20 000 Mann über die Meer<129>enge, die Pommern von der Insel trennt129-1. Die Flotte wahrte dabei die Schlachtordnung, wie die Truppen sie zu Land innehatten. Man stellte sich, als wolle man die Insel an der Ostseite anlaufen. Plötzlich aber ließ der Fürst von Anhalt die Schiffe nach links wenden und landete seine Truppen in dem kleinen Hafen von Stresow, wo der Feind ihn durchaus nicht erwartete. Er stellte seine Truppen bogenförmig auf, sodaß die beiden Flügel sich an das Meer lehnten. In großer Schnelligkeit ließ er Schanzen auswerfen und mit spanischen Reitern besetzen. Seine Schlachtordnung war diese: zwei Infanterietreffen verteidigten die Verschanzung; die Reiteret bildete das dritte Treffen, mit Ausnahme von sechs Schwadronen, die er außerhalb seiner Schlachtfront bereit hielt, um dem Feind in die linke Flanke zu fallen, wenn er von jener Seite her angreifen sollte.

Karl XII. ließ sich durch die Kriegslist des Fürsten von Anhalt täuschen und langte nicht rechtzeitig an, um sich der Landung zu widersetzen. Da er die Bedeutung der Insel kannte, setzte er sich, wiewohl er nur 4 000 Mann hatte, gegen den Fürsten von Anhalt in Bewegung, und zwar bei Nacht, weil er seine geringe Truppenzahl dem Gegner verbergen wollte, und weil er hoffte, ihn zu überraschen. Er marschierte mit dem Degen in der Hand an der Spitze seiner Infanterie und führte sie bis an den Schanzgraben. Mit eigenen Händen riß er spanische Reiter heraus, die ihn umsäumten. Er wurde beim Angriff leicht verwundet; General Düring fiel an seiner Seite.

Die geringe Anzahl seiner Truppen, das Dunkel der Nacht, die Attacke der sechs preußischen Schwadronen gegen die Flanke der Schweden, die Hindernisse der mit spanischen Reitern besetzten Verschanzung und vor allem die Verwundung des Königs: all diese Umstände zusammen brachten die Schweden um die Früchte ihrer Tapferkeit. Das Glück hatte sich von der schwedischen Nation abgewandt. Alles verschwor sich zu ihrem Niedergang.

Der verwundete König hatte sich zurückgezogen, um sich verbinden zu lassen. Seine geschlagenen Truppen flüchteten. Am folgenden Morgen fielen bei der Schanze Alte Fähre 1 200 Schweden in die Hände der Preußen. Die Insel Rügen wurde von den Verbündeten völlig besetzt. Sehr betrauert wurde der tapfere Oberst Wartensleben, der an der Spitze der preußischen Gensdarmes den Tod fand129-2. Er hatte viel zur Niederlage der Schweden beigetragen.

Karl XII. verließ nach diesem Mißerfolg Rügen und fuhr wieder nach Stralsund hinüber. Die Stadt war nicht mehr weit von der Übergabe. Bis zum Gegenwall waren die Belagerer vorgedrungen und schickten sich bereits an, ihren Minengang gegen den Hauptgraben vorzuschieben. Im Charakter des Königs von Schweden lag es, Schicksalsschlägen störrischen Eigensinn entgegenzusetzen. Er wollte dem<130> Schicksal Trotz bieten und in eigner Person die Bresche verteidigen, wenn die Belagerer den Hauptsturm unternahmen. Seine Generale warfen sich ihm zu Füßen und beschworen ihn, sich nicht so nutzlos preiszugeben. Als sie sahen, daß sie ihn durch Bitten nicht umzustimmen vermochten, stellten sie ihm die Gefahr vor Augen, die ihm drohe, wenn er in die Hände seiner Feinde fiele. Das bestimmte ihn endlich, die Stadt zu verlassen. Er bestieg einen leichten Kahn und fuhr im Schutze der Nacht mitten durch die dänische Flotte, die den Hafen von Stralsund blockierte. Mit Mühe und Not gelangte er an Bord eines seiner Kriegsschiffe, das ihn nach Schweden brachte.

Vierzehn Jahre vorher war er aus seinem Königreich ausgezogen als ein Eroberer, der im Begriff steht, die Welt im Siegeslaufe zu unterwerfen. Als Flüchtling kehrte er nun heim, von seinen Feinden verfolgt, seiner schönsten Provinzen beraubt und von seinem Heer verlassen.

Sobald der König von Schweden fort war, dachte die Stadt Stralsund an nichts als an Übergabe. Die Besatzung kapitulierte am 23. Dezember. General Dücker, Kommandant von Stralsund, sandte nach dem Hauptquartier des Königs von Preußen, um die Einzelheiten der Kapitulation zu vereinbaren. Die Besatzung gab sich kriegsgefangen. Zwei preußische Bataillone, ebenso viele Sachsen und ebenso viele Hannoveraner ergriffen Besitz von der Stadt. Aus sämtlichen Schweden, die im Lauf des Feldzugs gefangen genommen waren, bildete der König von Preußen ein neues Infanterieregiment und gab es dem Prinzen Leopold von Anhalt, dem zweiten Sohn des Fürsten, der das Heer des Königs befehligte.

Nach dem Krieg teilten sich die Sieger in den Balg des Besiegten. Der König von Preußen behielt den Teil von Pommern zwischen der Oder und der Peene, einem Flüßchen, das in Mecklenburg entspringt und sich bei Peenemünde ins Meer ergießt. Das übrige Pommern zwischen der Peene und Mecklenburg fiel durch den Frieden von Stockholm (1720) an Schweden zurück. König Georg von England kaufte die Herzogtümer Bremen und Werden, die der König von Dänemark von den Schweden erobert hatte. Das Haus Hannover hat sie noch heute in Besitz.

Obwohl der Friede noch nicht geschlossen war, erfreute sich Friedrich Wilhelm schon ruhig seiner Eroberungen. Er ging nach Ostpreußen, ließ sich aber nicht krönen130-1. Er war der Meinung, diese eitle Zeremonie eigne sich besser für Wahlkönigreiche als für Erbkönigreiche. Da er alle Äußerlichkeiten des Königtums verachtete, lag es ihm um so mehr am Herzen, die wahren Königspflichten zu erfüllen. Er bereiste Ostpreußen und Litauen und faßte den Entschluß, diese durch die Pest entvölkerten Länder aus ihrem Elend zu neuer Blüte zu erheben.

Um die Reihe der Begebenheiten nicht zu unterbrechen, haben wir die Hauptereignisse des pommerschen Feldzugs im Zusammenhang berichtet. Es ist nun an der<131> Zeit, auf die Wandlungen zu blicken, die sich während des Krieges im übrigen Europa vollzogen, und zu sehen, wie die politischen Beziehungen der Mächte sich trübten und Anlaß zu neuen Gruppierungen gaben.

Durch den Tod Ludwigs XIV. (1715) erhielt die Regierung Frankreichs ein ganz neues Gesicht. Von der zahlreichen Nachkommenschaft des Monarchen war nur sein Urenkel übrig geblieben, der noch in der Wiege lag131-1. Der Urgroßvater hatte seinen legitimierten Sohn, den Herzog von Maine, zum Präsidenten des Regentschaftsrates eingesetzt. Aber dem König, der bei Lebzeiten so unumschränkt geherrscht hatte, wurde nach seinem Tode schlecht gehorcht. Das Parlament urteilte über die Ansprüche des Herzogs von Orleans131-2 und des Herzogs von Maine, oder richtiger gesagt: es erhob sich zum Schiedsrichter über den letzten Willen des verstorbenen Königs und entschied, daß Philipp von Orleans als erster Prinz von Geblüt unzweifelhaftes Anrecht auf die Regentschaft habe.

Die Politik des neuen Regenten setzte sich zwei Hauptziele. Das eine war die Aufrechterhaltung des Friedens mit seinen Nachbarn. Dadurch wurde er bewogen, sich mit dem Kaiser freundschaftlich zu stellen und eine innige Verbindung mit dem König von England einzugehen. Das andere Ziel war die Abtragung der Kronschulden, die ungeheuer angewachsen waren. Das gab Veranlassung zu dem Lawschen System131-3. Sein Plan war sehr nützlich, schlug aber durch Mißbrauch zum Unheil aus.

Der Regent war ein Mann von hoher Begabung, doch hatte er auch die Fehler lebhafter und kühner Naturen. Die weitgreifendsten Ideen kamen ihm so einfach vor wie die alltäglichen. Rückhaltlos überließ er sich den Regungen seiner feurigen Phantasie, die ihm die Dinge oft in verzerrender Vergrößerung darstellte. Er war für die Künste geschaffen und pflegte sie, hatte aber auch die Schwächen der Helden. Sein Temperament verleitete ihn zur Galanterie. Er machte den Abbe Dubois zum Kardinal, nicht sowohl wegen seines Verdienstes um den Staat, als vielmehr, weil er der geheime Diener seiner Passionen war. Die Verleumdung wagte es, den menschlich milden Fürsten des scheußlichsten Frevels zu bezichtigen, des Planes nämlich, sein Mündel, den König zu vergiften. Ein nutzbringendes Verbrechen flößt edlen Seelen freilich nicht geringeren Abscheu ein als eine sinnlose Untat; aber die wahre Verteidigung des Regenten ist doch, daß Ludwig XV. zur Regierung gelangte.

Um Frankreich den Frieden zu sichern und jede Gelegenheit zu Streitigkeiten aus dem Weg zu räumen, schloß der Regent zu Antwerpen den Barriere-Traktat (1715). Dadurch erhielten die Holländer das Recht, in Namur, Veurne, Tournai, Ypern, Menin und das Fort Knocke Besatzungen zu legen131-4, für deren Unterhalt das Haus Österreich jährlich 600 000 Gulden aufzubringen hatte. Dagegen verzichtete Hol<132>land auf jede innere Einmischung in den ehemals spanischen Niederlanden, deren ganzer Besitz Kaiser Karl VI. verblieb.

Die Kriege, die weiterhin aufeinander folgten, brachten Europa um die Früchte des Friedens. Seit dem Jahre 1715 waren die Türken in Morea eingedrungen und hatten es den Venezianern entrissen. Der Papst, der für Italien fürchtete, beschwor den Kaiser, den Schutz der Christenheit zu übernehmen. Karl VI. zog in Ungarn Truppen zusammen, um den Venezianern durch eine Diversion gegen die Türken Beistand zu leisten.

Prinz Eugen hatte im Jahre 1716 den Großwesir bei Peterwardein geschlagen. Im folgenden Jahr unternahm er die Belagerung von Belgrad und befestigte sein Lager durch eine starke Verschanzung. Die Türken zogen heran, um das Heer des Prinzen Eugen zu belagern. Sie begnügten sich nicht damit, es zu blockieren; sie rücken auch vermittelst Laufgräben vor. Eugen ließ sie erst einen Bach überschreiten, der sie von seinem Lager trennte. Dann, am 16. August, rückte er aus seinen Verschanzungen vor, griff die Türken an, schlug sie und eroberte ihre Kanonen, ihr Gepäck, mit einem Wort: ihr ganzes Lager. Belgrad hatte auf keinen Ersatz mehr zu hoffen und ergab sich dem Sieger. Feldmarschall Starhemberg, ein Neider des Prinzen, erhob Klage wider sein Vorgehen, das er für unvorsichtig erklärte. Er vertrat seine Meinung mit solchem Nachdruck, daß nicht viel fehlte, und der Kaiser hätte den Helden Deutschlands vor ein Kriegsgericht stellen lassen, weil er das kaiserliche Heer der Gefahr ausgesetzt habe, rettungslos zugrunde zu gehen. Allein Eugens Ruhm strahlte so hell, daß er Neid und Neider verdunkelte.

Im folgenden Jahr (1738) schlossen die Türken zu Passarowitz Frieden und traten dem Kaiser Belgrad, sowie das ganze Banat Temesvar ab. Die Venezianer, die den Eroberungen Karls VI. nur zum Vorwand gedient hatten, mußten die Erwerbungen des Kaisers mit dem Verlust von Morea bezahlen. Zu spät merkten sie, daß der Beistand eines mächtigen Verbündeten immer gefährlich ist.

Karl VI. hatte den Krieg kaum hinter sich, als er schon wieder mit anderen Feinden kämpfen mußte. In Spanien war ein Mann von umfassendem und unternehmendem Geist emporgekommen, tief, kühn, um Hilfsmittel nie verlegen, mit einem Wort: geschaffen, um Reiche groß zu machen oder an den Rand des Abgrunds zu bringen. Das war der Abbé Alberoni, ein Italiener von Geburt. Der Herzog von Vendôme hatte ihn nach Spanien mitgebracht, wo er seine Geschicklichkeit sofort dadurch erwies, daß der Kardinal del Giudice, der die Regierung in Händen hatte, entlassen ward und er selbst dessen Platz einnahm. Mit Riesenschritten stieg Alberoni empor. Er schmeichelte sich bei der Königin132-1, einer Prinzessin von Parma, ein und unterstützte sie in ihrem Plane, ihre Söhne auf italienische Throne zu setzen. Die Flotte, die der König von Spanien anfangs zur Unterstützung der Venezianer<133> bestimmt hatte, wurde zur Eroberung Sardiniens, das dem Kaiser gehörte, verwendet. Cagliari fiel in die Gewalt der Spanier, und binnen kurzem war die ganze Insel unterworfen (1717).

Die Vorstellungen Englands und Frankreichs hinderten die Königin von Spanien nicht an der Verfolgung der Pläne, die Alberoni, jetzt Kardinal, ihr eingab. Insgeheim hatte die Königin beschlossen, soviel wie irgend möglich von Italien zu erobern. Der Kaiser hatte sich durch Englands dringendes Anraten bestimmen lassen, den Infamen Don Carlos mit Toskana, Parma und Piacenza zu belehnen133-1. Allein Philipp V. versteifte sich auf das Königreich Neapel.

Dieser zügellose Ehrgeiz einer neu erstandenen Macht bewog den Kaiser, mit den Königen von Frankreich und England die Quadrupelallianz zu schließen, um den Unternehmungen Philipps einen mächtigen Damm entgegenzusetzen (1718). Die Holländer, die dem Bündnis beitreten sollten, sparten sich für die Vermittlung auf und wurden durch den Herzog von Savoyen133-2 ersetzt.

Dieser gewaltige Bund änderte nichts an Alberonis Plänen noch an der Entschlossenheit der Königin von Spanien noch an der Begierde ihres königlichen Gemahls, seine Familie zu versorgen. Während Europa glaubte, die spanische Flotte sei nach Neapel bestimmt, landete sie in Palermo, und die Stadt ergab sich. Der Marquis de Lede nahm den Titel eines Vizekönigs von Sizilien an. Indessen erschien Admiral Byng mit zwanzig englischen Schiffen im Mittelmeer und schlug die spanische Flotte in der Meerenge von Messina133-3. Doch obwohl er vierzehn ihrer schönsten Schiffe genommen hatte, konnte er den Marquis de Lede doch nicht hindern, Messina zu erobern. Der Herzog von Savoyen entschloß sich notgedrungen, mit dem Kaiser zu tauschen und Sizilien für das Königreich Sardinien zu geben (1720), dessen Namen er in der Folge annahm.

Alberonis Genius wurde von einer einzelnen Unternehmung nicht hinreichend in Anspruch genommen. Er war vielseitig genug, um mehrere auf einmal zu planen. Seine Entwürfe erstreckten sich nach allen Richtungen, gleich den Minengängen mit mehreren auseinanderstrebenden Ästen, die sich weit ins Feld vorschieben, nacheinander losgehen und den Feind in die Luft sprengen, wo er sich dessen am wenigsten versieht. Eine Mine war in Italien geplatzt, eine zweite ward in Frankreich ausgeblasen.

Es war die berüchtigte Verschwörung, die der Fürst Cellamare133-4 gegen den Regenten ins Werk setzte. Nach diesem Plan sollte Spanien eine Flotte an der Küste der Bretagne landen, die Mißvergnügten von Poitou aufnehmen, den König und den Herzog von Orleans gefangen setzen, die Generalstnde, in denen sich die Nation<134> verkörperte, einberufen und den König von Spanien zum Vormund Ludwigs XV. und Regenten von Frankreich ernennen lassen. Ein eigentümlicher Zufall brachte den Plan zum Scheitern.

Der Geheimschreiber des Fürsten Cellamare gehörte zu den Kunden der Fillon, einer Person, die sehr bekannt dafür war, daß in ihrem Hause heimliche Orgien gefeiert wurden. Der Regent und der Kardinal Dubois hatten sich schon mehr als einmal der Geschicklichkeit dieses Weibes bedient. Eines Tages fand die Fillon den spanischen Geheimschreiber in grüblerischer Laune, die ihm sonst nicht eigen war. Da sie ihm den Grund seiner Verstimmung nicht zu entlocken vermochte, hetzte sie ihm ein geschickes und verschlagenes Mädchen auf den Hals, das ihn zum Trinken und zum Reden brachte. In seiner Trunkenheit durchsuchte ihn das Mädchen. Die Papiere, die er bei sich hatte, schienen der Fillon so bedeutungsvoll, daß sie sie augenblicklich dem Regenten brachte. Der ließ den Geheimschreiber auf der Stelle verhaften. Alle Teilnehmer der Verschwörung wurden entdeckt. Fünf bretonischen Edelleuten kostete es das Leben; der Herzog von Maine, Kardinal Polignac und etliche vornehme Herren wurden verbannt. Der Hof sandte Truppen in die Bretagne. Als der Herzog von Ormond134-1 sich mit der spanischen Flotte dort zeigte, rührte sich nichts. Die Ruhe des Regenten wurde niemals so erschüttert wie durch dies Ereignis. Einige behaupteten sogar, er habe an Abdankung gedacht, aber Kardinal Dubois sei fest geblieben und habe ihn von seinem Vorhaben abgebracht; denn der Kardinal habe nicht genug bewundern können, welche Wege die Vorsehung eingeschlagen hätte, um dem Herzog von Orleans die Regentschaft zu erhalten. Europa glich einem aufgewühlten Meer, das nach dem Sturme grollt und sich nur allgemach besänftigt.

Karl XII. war durch die Schicksalsschläge nicht von seiner Leidenschaft geheilt worden. Sein Groll, der mit ihm nach Schweden gezogen war, brach wider Dänemark los. Vom Erbprinzen von Hessen begleitet, der kurz zuvor des Königs Schwester, Prinzessin Ulrike Eleonore, geheiratet hatte134-2, griff Karl Norwegen an und eroberte Christiania. Da er aber die Zitadelle von Friedrichshall nicht bezwingen konnte und Mangel an Lebensmitteln litt, gab er seine Eroberung auf.

Besorgnis vor den Russen hatte ihn in Schonen zurückgehalten. Jedoch unternahm er im Jahr 1718 einen abermaligen Einfall nach Norwegen. Während der Belagerung von Friedrichshall wurde er im Laufgraben getötet134-3. Seine große Tapferkeit ward sein Unheil: ein Falkonettschuß aus einem elenden Neste endete das Leben Dessen, vor dem der Norden erzitterte. Seine Kühnheit grenzte ans Heldenhafte. Er wäre der größte Mann seines Jahrhunderts gewesen, hätte er Mäßigung und Gerechtigkeit besessen. Des Königs Tod gab das Zeichen zum Waffenstillstand. Die Schweden brachen die Belagerung von Friedrichshall ab und zogen sich über ihre Grenze zurück. Die Dänen folgten ihnen nicht.

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Mit Karl XII. kamen auch seine Rachepläne zur Ruhe. Er hatte sich noch mit den weitreichendsten Entwürfen getragen. In seiner Erbitterung gegen König Georg von England, der ihm die Herzogtümer Bremen und Verden entrissen hatte, war er im Begriff, ein Bündnis mit dem Zaren zu schließen, um das Haus Hannover aus England zu vertreiben und den Prätendenten135-1 dort einzusetzen. Görtz, der Nachfolger des Grafen Piper im schwedischen Ministerium, war für den Norden dasselbe, was Alberoni für den Süden war: seine Intrigen hielten alle europäischen Kabinette in Bewegung. Seine Pläne beschränkten sich nicht auf Europa. Er war geschaffen, der Minister Alexanders oder Karls XII. zu werden; um aber seine großartigen Pläne ausführen zu können, überbürdete er Schweden mit Steuern. Das Elend des Volkes und die Königsgunst, deren er sich erfreute, zogen ihm den Haß der Menge zu. Sobald sich die Nachricht vom Tod des Königs verbreitete, machte die Nation seinem Minister den Prozeß. Die Mißgunst erfand ein neues Verbrechen, um ihn zu belasten: er wurde angeklagt, die Nation beim König verleumdet zu haben, und hingerichtet (1719). Durch solche Bestrafung von Görtz schändeten die Schweden mittelbar den Ruhm eines Helden, dessen Andenken sie noch jetzt verehren. Aber das Volk ist ein Ungeheuer, das sich aus Widersprüchen zusammensetzt. Ungestüm springt es von einem Extrem zum anderen übet und achtet in seinen Launen nicht darauf, ob es Laster und Tugend beschützt oder in den Staub zieht. Den frei gewordenen Thron Schwedens bestieg Ulrike Eleonore, die Schwester Karls XII. und Gemahlin des Erbprinzen von Hessen-Kassel.

Friedrich Wilhelm konnte die Tränen nicht zurückhalten, als er den vorzeitigen Tod Karls XII. erfuhr. Er hegte Achtung vor den hohen Fähigkeiten des Königs, und nur mit Bedauern, unter einer Art Zwang war er sein Feind geworden.

Das Beispiel Karls XII. hatte vielen kleinen Fürsten Deutschlands den Kopf verdreht, wiewohl sie zu schwach waren, sein Vorbild nachzuahmen. Herzog Karl Leopold von Mecklenburg verfolgte den ehrgeizigen Plan, ein Heer aufzustellen. Um die Kosten dafür aufzubringen, bedrückte er seine Untertanen maßlos. Die Steuerlast ward so schwer, daß der Adel außer sich geriet und in Wien Klage erhob. Der dortige hannoversche Gesandte, Graf Bernstorff135-2, ein geborener Mecklenburger, verlieh ihnen Nachdruck und setzte beim Kaiser einen fulminanten Erlaß gegen den Herzog durch. Der hatte zwar eine Nichte des Zaren135-3 geheiratet, um sich eines mächtigen Schutzes zu versichern, aber das hielt den Kaiser nicht ab, auf Bernstorffs Betreiben den Kurfürsten von Hannover und den Herzog von Braunschweig zu beauftragen, Mecklenburg in Sequester zu nehmen.

Der König von Preußen beschwerte sich in Wien, daß dieser Auftrag nicht an ihn als Direktor des niedersächsischen Kreises ergangen sei. Der Kaiser antwortete: die<136> Sequestrierung dem König zu übertragen, sei gegen die Reichsgesetze, da er selbst die Anwartschaft auf Mecklenburg habe136-1. Der Zar erklärte darauf, er werde niemals dulden, daß ein Fürst, der in seine Familie hineingeheiratet habe, unterdrückt werde. Friedrich Wilhelm mußte sich in der Angelegenheit vor allem deshalb Zurückhaltung auferlegen, weil der König von England so klug war, bei den Friedensverhandlungen, die Preußen in Schweden führte, den Vermittler zu spielen. Dieser mußte damals also mit großer Schonung behandelt werden. So kam es, daß die Hannoveraner die Durchführung der Sequestrierung behielten, deren Kosten sie auf etliche Millionen berechnen. In diesem Zustand verblieb die Sache, und jetzt, da wir diese Geschichte schreiben, hat sich noch nichts daran geändert.

Wiewohl der Friede zwischen Preußen und Schweden noch nicht geschlossen wurde, war er doch so gut wie hergestellt. Der König, der die Ruhe seines Staates gesichert sah, begann nun erst wahrhaft zu regieren, das heißt, für das Glück seines Volkes zu sorgen. Er haßte die unruhigen Geister, deren ungestüme Leidenschaften so weit um sich greifen, als die Macht der Ränke reicht. Er strebte keineswegs nach dem Ruf der Eroberer, die nichts als den Ruhm lieben, wohl aber nach dem der Gesetzgeber, die nichts anderes vor Augen haben als das Gute und die Tugend. Der geistige Mut, der zur Abstellung von Mißbräuchen und zur Einführung nützlicher Neuerungen in der Verwaltung so notwendig ist, verdiente nach seiner Meinung den Vorzug vor der Tapferkeit aus Temperament, die den größten Gefahren trotzt, ohne Furcht zwar, doch oft auch ohne Bewußtheit. Die Spuren, die sein weises Wirken in seinem Lande hinterließ, werden dauern, solange der preußische Staat besteht136-2.

Friedrich Wilhelm verwirklichte nun sein militärisches System und verknüpfte es so innig mit der ganzen übrigen Organisation, daß man an das Heerwesen nicht rühren konnte, ohne den Staat selbst der Gefahr des Umsturzes auszusetzen. Um die Weisheit dieses Systems beurteilen zu können, wird es vielleicht nicht unnütz sein, den Gegenstand hier ein wenig näher zu erörtern.

Seit der Regierung Friedrichs I. hatten sich eine Menge von Mißbräuchen in den Abgaben eingeschlichen. Sie waren ein Gegenstand der Willkür geworden. Im ganzen Staat wurde der Ruf nach einer Reform laut. Bei der Untersuchung zeigte es sich, daß keinerlei Grundsatz für die Einschätzung der Kontribution136-3 bestand, daß für die Grundbesitzer an manchen Orten die Abgaben auf demselben Fuß belassen waren, auf dem sie vor dem Dreißigjährigen Krieg gestanden hatten, während alle Eigentümer der zahlreichen Ländereien, die seitdem angebaut waren, verschieden besteuert wurden. Um die Lasten im richtigen Verhältnis abzustufen, ließ der König alle anbaufähigen Felder genau vermessen und stellte innerhalb der verschiedenen Klassen <137>von gutem und schlechtem Boden die Gleichheit der Kontribution wieder her. Da die Lebensmittel seit der Regierung des Großen Kurfürsten stark im Preise gestiegen waren, steigerte er auch die Abgaben, sodaß sie den neuen Preisen entsprachen. Dadurch erhöhte er seine Einkünfte bedeutend.

Um aber mit der einen Hand wieder auszustreuen, was er mit der anderen einzog, stellte er neue Infanterieregiments auf und vermehrte seine Kavallerie. Dadurch wuchs das Heer auf 60 000 Mann an. Die Truppen verteilte er über all seine Provinzen, sodaß das Geld, das diese an den Staat bezahlten, durch die Truppen beständig zu ihnen zurückfloß. Um den Landmann nicht mit dem Unterhalt der Soldaten zu belasten, wurde das ganze Heer, Kavallerie wie Infanterie, in die Städte gelegt. Dadurch nahmen die Akzise-Einkünfte zu, die Disziplin der Truppen befestigte sich, die Preise der Waren stiegen, und unsere Wolle, die wir zuvor an das Ausland verkauften und von dort als verarbeitete Ware zurückkauften, verließ nun das Land nicht mehr. Das ganze Heer wurde regelmäßig alle Jahre neu eingekleidet, und Berlin bevölkerte sich mit einer guten Anzahl Arbeiter, die nur von ihrem Gewerbe leben und nur für die Truppen arbeiten. Die Manufakturen wurden gediegen eingerichtet, kamen in Blüte und versorgten einen großen Teil der nordischen Völker mit Wollstoffen. Das Heer, das schon im Jahre 1718 nahezu 60 000 Mann stark war, sollte dem Staate durch die große Zahl der Aushebungen, deren es bedurfte, nicht zur Last fallen. Daher erließ der König eine Verordnung, durch die jeder Hauptmann verpflichtet wurde, im Reich Leute anzuwerben. Ein paar Jahre später bestanden die Regimenter nur zur einen Hälfte aus Bürgern, zur anderen aus Ausländern.

Der König bevölkerte Ostpreußen und Litauen, wo die Pest verheerend gehaust hatte, aufs neue. Aus der Schweiz, aus Schwaben und der Pfalz ließ er Kolonisten kommen und half ihnen mit ungeheuren Kosten, sich anzusiedeln. Mit nicht geringem Aufwand an Zeit und Mühe gelang es ihm schließlich, die verwüsteten Lande mit neuen Wohnstätten und neuen Einwohnern zu versehen, nachdem sie eine Zeitlang aus der Zahl der bewohnten Länder gestrichen waren. Alljährlich bereiste er jede Provinz, ermutigte in diesem periodischen Kreislauf überall den Gewerbfleiß und begründete den Wohlstand. Viele Fremde wurden ins Land gezogen. Diejenigen, die in den Städten Manufakturen errichteten oder neue Kunstfertigkeiten lehrten, wurden durch Vorrechte, Privilegien und Belohnungen angefeuert.

Ränkesucht und Bosheit eines einfachen Privatmannes störten für einige Zeit die Ruhe, deren sich der Hof und der Staat erfreuten. Der Unglückselige war ein ungarischer Edelmann namens Klement. Er hoffte, durch abgefeimte Schurkereien sein Glück zu machen. Er war vom Prinzen Eugen und dann vom Feldmarschall Flemming in untergeordneten Geschäften verwendet worden. Durch Betrügereien war es ihm gelungen, Mißhelligkeiten zwischen dem kaiserlichen und dem sächsischen Hof zu erregen. Da er nur von Ränken lebte, hatte er oft neue Gimpel nötig.<138> So entschloß er sich, seine Brandschatzungen auf die Börse des Königs von Preußen auszudehnen. Er kam also nach Berlin (1718) und führte sich beim Hofe damit ein, daß er sich erbot, Geheimnisse von der allergrößten Bedeutung zu enthüllen. Seine Geheimnisse bestanden in einer angeblichen Verschwörung zwischen dem Kaiser und dem König von Polen. Die Hauptpersonen des Berliner Hofes sollten darein verwickelt sein. Klewent versicherte, die Mißvergnügten seien durch den Köder des Reichtums und durch Verlockung ihres Ehrgeizes bestochen worden. Der Plan der Verschwörung lief nach seiner Behauptung darauf hinaus, den König in seinem Jagdschloß Wusterhausen, wo er regelmäßig zwei Herbstmonate verbrachte, gefangen zu nehmen und dem Kaiser auszuliefern. Das Projekt erhielt eine gewisse Wahrscheinlichkeit durch den Umstand, daß Wusterhausen nur vier Meilen von der sächsischen Grenze entfernt lag und der König dort ohne militärischen Schutz war.

Friedrich Wilhelm begegnete den Eröffnungen anfänglich mit Verachtung. Wankend ward er erst, als ihm Klementt einen Brief des Prinzen Eugen zeigte, der des Verschwörerplanes voll war. Der verbrecherische Mensch machte sich anheischig, alles, was er vorgebracht hatte, dem König vollkommen überzeugend zu beweisen, und zeigte ihm zu diesem Zweck Briefe des Fürsten von Anhalt, des Generals Grumbkow138-1 und anderer hoher Herren vom Hofe. Seine freche Verwegenheit hatte so großen Erfolg, daß der König in quälenden Argwohn und fortwährendes Mißtrauen verfiel. Endlich nahm er sich vor, persönlich die Probe zu machen, ob Klement die Schrift der Persönlichkeiten, die er anklagte, erkennen würde. Ein Pack Briefe von verschiedener Hand wurde auf einem Tisch ausgebreitet und dem Betrüger aufgegeben, die Handschriften herauszufinden. Er irrte sich dabei, und seine Schurkerei kam ans Licht. Im Gefängnis gestand er, Schrift und Siegel des Prinzen Eugen gefälscht zu haben. Er erhielt den gerechten Lohn seiner niederträchtigen Betrügereien: er wurde hingerichtet (1720).

Indes gingen diese falschen Beschuldigungen nicht vorüber, ohne einige Begünstigte zu stürzen und für eine Weile Mißtrauen und Verdacht zu säen. Verleumdung dringt leichter in den Sinn der Fürsten als Rechtfertigung. Sie kennen die Menschen genug, um zu wissen, daß es fleckenlose Tugend kaum gibt, und sehen so viel Beispiele von der Bösartigkeit des Menschenherzens, daß sie der Täuschung mehr ausgesetzt sind als Privatleute, die fern von der großen Welt leben. Klements Lügen waren übrigens einigermaßen glaubhaft geworden durch die Verschwörung des Fürsten Cellamare, die noch in ganz frischer Erinnerung war.

Die Verschwörung Cellamares, die weit mehr auf Wirklichkeit beruhte als die Klements, zog auch sehr viel bedeutsamere Folgen nach sich. Mit Hilfe der kurz zuvor geschlossenen Quadrupelallianz war es dem Regenten ein leichtes, sich für die Unter<139>nehmungen des Kardinals Alberoni zu rächen, ohne die geringste Gefahr zu laufen. Er versäumte die Gelegenheit nicht. Als er Spanien den Krieg erklärte, ließ er verkünden, er habe es nur auf den Premierminister abgesehen. Berwick, der Führer des französischen Heeres, nahm San Sebastian und Fuenterrabia, während die englische Flotte die Häfen San Antonio und Vigo zerstörte und Mercy, der mit dem Heer des Kaisers nach Sizilien übersetzte, den Marquis de Lede zur Aufhebung der Belagerung von Melazzo zwang und Syrakus, Stadt und Zitadelle, zurückeroberte.

Der König von Spanien zog mit seinem Heer an die Grenzen seines Reiches. Er führte eine Kolonne seiner Truppen, die Königin führte die zweite und der Kardinal die dritte. Allein sie waren alle drei nicht zu Heerführern geschaffen, und der König, durch die schlimme Wendung entmutigt, die der Anfang des Krieges für ihn nahm, opferte lieber seinen Minister, als daß er seine Monarchie größeren Fährlichkeiten aussetzte139-1. Es war in der Tat das einzige Mittel, um Europa wieder einen dauerhaften Frieden zu verschaffen. Dem Kardinal Alberoni hätte man zwei Welten wie die unsere zum Umstürzen geben können, er hätte noch eine dritte verlangt. Seine Entwürfe gingen allzusehr ins Maßlose, seine Phantasie war zu üppig: er hatte beschlossen, den Kaiser aus Italien zu vertreiben, seinen Herrn zum Regenten von Frankreich zu machen, und um den Prätendenten139-2 wieder auf den Thron Englands zu setzen, wollte er Karl XII. gegen König Georg aufstacheln und Türken und Russen auf Kaiser Karl VI. hetzen. Der Grund, weshalb alle derartig weitgedehnten Pläne der Ehrgeizigen scheitern, scheint der zu sein, daß in der Politik wie in der Mechanik die einfachen Maschinen einen außerordentlichen Vorzug vor den allzu komplizierten voraushaben: je verwickelter die Triebwerke für ein und dieselbe Bewegung sind, um so weniger sind sie zu brauchen.

Alberonis Begeisterung übertrug sich keineswegs auf die Fürsten, die seinen Plan ausführen sollten; er selbst war von seinen Ideen lebhaft durchdrungen, die anderen wurden von ihnen nur leicht berührt. Wenn der gesunde Menschenverstand sich wirklich einmal in die gefahrenreiche Bahn der Phantasie ziehen läßt, so verweilt er doch nicht lange darin: das Nachdenken hemmt ihn, die Voraussicht macht ihn scheu, und oft entmutigen ihn die Hindernisse. Das sollte Alberoni an den Fürsten erfahren, die er in seine Pläne verstricken wollte. Er geriet selber in die Falle, die er der Ruhe Europas gestellt hatte. Mit den Pässen der Mächte, die er am schwersten gekränkt hatte, kehrte er nach Italien zurück. Eine Feuersbrunst, die Europa verhängnisvoll werden konnte, wurde verhütet, indem die Fackel ausgelöscht wurde, die den Brand entfachen sollte. Alberonis Sturz brachte Spanien wieder in sein wahres Gleichgewicht. Es suchte die Freundschaft Frankreichs und trat um der aufrichtigen Versöhnung willen selber der Quadrupelallianz bei (1720).

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So gelang es dem Regenten zwar, die Händel zwischen Frankreich und Spanien rühmlich zu beenden, aber er hatte nicht das Glück, sein Land vor einem Zusammenbruch zu bewahren, der größer und allgemeiner war als die schlimmen Folgen langer, verderblicher Kriege. Das Lawsche System hatte die Vorliebe der Franzosen für das Wertpapier bis zur Tollheit gesteigert. Als einige jählings ihr Glück machten, kam es wie ein Rausch über das Volk. Es trieb die Dinge auf die Spitze, bis alles verloren war.

Im Jahre 1716 war Law Direktor der Staatsbank geworden140-1. Von da ab begann er, sein berüchtigtes System zu entwickeln. Er rief die Occident- oder Mississippi-Kompagnie ins Leben und die Bank, deren Schutzherr und zugleich Eigentümer der König von Frankreich war. Die Absicht des Regenten und Laws war, die Fonds des Landes zu verdoppeln, indem sie den Kredit des Papiers durch das wirklich vorhandene Bargeld aufrechterhielten, dann aber allmählich das Bargeld in die Truhen des Königs abzuführen.

Das Edikt vom 27. Februar 1720 verbot den Bürgern bei schwerster Strafe, mehr als fünfhundert Limes an barem Gelde im Haus zu haben. Den ersten Aktien folgten neue, die man Töchter nannte; zuletzt brachten die Töchter Enkelinnen zur Welt, und das Papiergeld, das auf diese Weise geschaffen wurde, stieg auf drei Milliarden und siebzig Millionen. Alle Staatsschulden wurden mit Scheinen, die an einer bestimmten Ecke gestempelt waren, bezahlt. Die Grundlagen des Gebäudes waren ursprünglich nur für ein bestimmtes Verhältnis berechnet. Man wollte es aufs Doppelte und Vierfache erhöhen; da brach es zusammen, verwickelte das ganze Reich in seinen Sturz und riß gleichzeitig auch den Architekten, der es gebaut hatte, mit sich. Law war mehr denn einmal in Gefahr, vom Volk gesteinigt zu werden, als sein Papier ins Sinken kam. Schließlich verließ er Frankreich, unter Verzicht auf das Amt des Generalkontrolleurs der Finanzen, das ihm zu Beginn des Jahres verliehen worden war, und auf die großen Besitztümer; die er im Königreich hatte. Law war nicht reich, als er nach Frankreich kam, nicht reicher, als er es verließ. Er nahm seine Zuflucht nach Venedig, wo er sein Leben in Armut beschloß.

In wenigen Epochen führt uns die Geschichte binnen so kurzer Frist so viele gedemütigte Ehrgeizige vor. So rasch ein Görtz, ein Alberoni, ein Law durch Glücksgunst emporgestiegen waren, so jäh war ihr Sturz. Aber der Ehrgeiz hört auf einen Rat; an Abgründen entlang führt ihn sein Weg in die Irre.

Nach dem Sturz von Alberoni und Görtz atmeten der Süden und Norden Europas gleichermaßen auf. Der Friede, über den der König in Stockholm unterhandeln ließ, gelangte endlich zum Abschluß (1720). Dabei verringerte Friedrich Wilhelm seine Vorteile durch seine Mäßigung. Nach der Gepflogenheit der Minister<141> ließ Jlgen141-1 nicht ab, ihm vorzustellen, er müsse seinen Vorteil wahrnehmen. Wenn er sich weiter darauf versteife, werde Schweden gezwungen sein, ihm die Insel Rügen und die Stadt Wolgast abzutreten. Ebenso könne er bei den Dänen die Befreiung vom Sundzoll durchsetzen. Die Antwort des Königs befindet sich in den Archiven. Mit eigener Hand schrieb er: „Ich bin zufrieden mit dem Schicksal, das ich dank der Gnade des Himmels genieße, und will mich niemals auf Kosten meiner Nachbarn vergrößern.“ Er bezahlte Schweden zwei Millionen für die Einverleibung Pommerns, sodaß diese Erwerbung eher einen Kauf als eine Eroberung bedeutete.

Der König von England, der durch seine Vermittlung den Stockholmer Frieden beschleunigt hatte, machte bald danach seinen Frieden mit Spanien. Philipp V. trat Gibraltar und Port Mahon an England ab141-2, unter der Bedingung, daß König Georg sich nicht mehr in die Angelegenheiten Italiens einmische.

In Wien blickte man verstimmt und mißgünstig auf die Erfolge des Königs von Preußen. Das Haus Österreich wünschte, daß die deutschen Fürsten, die es als seine Vasallen betrachtet, ihm gegen seine Feinde Dienste leisteten, nicht aber, daß sie ihre Stärke zur eignen Ausbreitung benutzten. Der Große Kurfürst hatte dem Kaiser zur Seite gestanden, weil ihre Interessen oft Hand in Hand gingen. König Friedrich I. hatte ihn unterstützt, weil es seinen Vorurteilen entsprach und weil er die Anerkennung als König von Preußen erreichen wollte. Da Friedrich Wilhelm bisher weder Vorurteile noch Interessen hatte, die ihn so eng an das Haus Österreich fesselten, stellte er ihm für die Kriege in Ungarn und Sizilien keine Hilfstruppen. Er war durch keinen Vertrag an den Kaiser gebunden. Überdies entschuldigte er sich mit dem Vorwand, er habe neue Unternehmungen von seiten der Schweden zu befürchten. Im Grunde war er nur zu weitblickend, um seine eignen Ketten zu schmieden, indem er am Wachstum des Hauses Österreich mitarbeitete, das auf die unumschränkte Herschaft über Deutschland ausging.

Friedrich Wilhelms weise und maßvolle Politik wandte sich gänzlich dem inneren Ausbau seiner Staaten zu. Er hatte sich eine anmutige Residenz in Potsdam geschaffen, das ursprünglich nur ein Fischerdörfchen war. Er machte daraus eine schöne, große Stadt. In ihr erblühten Künste jeder Art, von den alltäglichen bis zu denen, die dem raffinierten Luxus dienen. Leute aus Lüttich, die er durch seine Freigebigkeit angezogen hatte, errichteten dort eine Waffenfabrik, die nicht allein das preußische Heer, sondern auch die Truppen einiger nordischen Mächte versorgte. Bald wurden in Potsdam auch Sammete so schön wie in Genua hergestellt. Alle Ausländer, die ein Gewerbe verstanden, wurden in Potsdam aufgenommen, angesiedelt und belohnt. Der König errichtete in der Stadt, deren Gründer er war, ein großes Militärwaisen<142>haus, wo alljährlich 2 500 Soldatenkinder Unterkunft finden und alle Berufsarten erlernen können, zu denen sie Anlage zeigen. Desgleichen baute er eine Anstalt für Mädchen, die dort zu Arbeiten erzogen werden, wie sie ihrem Geschlecht ziemen142-1. Durch diese mildtätigen Einrichtungen linderte er das Elend der Soldaten, die für eine Familie zu sorgen hatten, und verschaffte den Kindern eine gute Erziehung, die sie von ihren Vätern nicht erhalten konnten. Im selben Jahr vermehrte er das Kadettenkorps, worin dreihundert junge Edelleute zum Waffendienst vorgebildet werden. Einige alte Offiziere wachen über ihre Erziehung. Lehrer bringen ihnen Kenntnisse bei und unterweisen sie in den körperlichen Übungen, mit denen Personen von Stande vertraut sein müssen.

Keine Sorge ist des Gesetzgebers würdiger als die um die Erziehung der Jugend142-2. In zartem Alter sind die jungen Pflanzen noch empfänglich für Eindrücke aller Art. Flößt man ihnen Liebe zur Tugend und zum Vaterland ein, so werden sie gute Bürger. Und die guten Bürger sind das beste Bollwerk der Staaten. Verdienen die Fürsten dafür unser Lob, daß sie ihre Völker mit Gerechtigkeit regieren, so gewinnen sie sich unsere Liebe, indem sie ihre Fürsorge auf die Nachkommenschaft ausdehnen.

Im selben Jahr (1722) sandte der König den Grafen Truchseß142-3 nach Frankreich zur Beglückwünschung Ludwigs XV., der das mündige Alter erreicht hatte und zu Rheims gesalbt wurde.

Die Verleumdungen gegen den Herzog von Orleans hatten im Volk so starken Eindruck gemacht, daß Frankreich jeden Tag auf den Tod seines Königs gefaßt war. Statt dessen sah es unvermutet das Ende des Regenten eintreten (1723). Der Herzog<143> hatte es versäumt, sich um die gewohnte Zeit die Ader schlagen zu lassen, und wurde in den Armen der Frau von Phalaris vom Schlage getroffen, in einem Augenblick der Ekstase, der es zweifelhaft ließ, ob er mit freudiger oder schmerzlicher Empfindung den Geist aufgegeben hatte. Als König August von Polen die näheren Umstände dieses Todesfalls erfuhr, sprach er die Worte der Schrift: „O daß meine Seele den Tod dieses Gerechten sterbe!“ Kardinal Dubois war dem Regenten einige Monate vorangegangen; im Volke hieß es nun, er sei vorausgereist, um dem Regenten bei einer Fillon der anderen Welt Quartier zu bestellen.

Die Regentschaft fand mit dem Tod des Herzogs von Orleans ihr Ende, und der Herzog von Bourbon ward Premierminister.

Der Wechsel in der Regierung Frankreichs und einige Unternehmungen des Hauses Österreich, die den Friedensverträgen zuwiderliefen, führten eine Änderung im ganzen politischen System Europas herbei. Es handelte sich um folgendes: Der Kaiser hatte den Kaufleuten von Ostende Vollmachten zum Handel mit Indien ausstellen lassen143-1. Das erregte die Aufmerksamkeit aller handeltreibenden Nationen. Frankreich, England und Holland wurden durch den für sie gleich nachteiligen Plan heftig beunruhigt und vereinigten sich, um die Unterdrückung der neuen Handelskompagnie zu fordern. Aber der Wiener Hof ließ sich dadurch nicht aus seiner Ruhe bringen und wollte sein Handelsprojekt stolzen Mutes durchführen.

Man nahm seine Zuflucht zur gütlichen Aussprache. Sie erschien als das rechte Mittel zur Beendigung dieses Zwists und zum Ausgleich anderer Interessengegensätze, wie sie hinsichtlich der Eventual-Erbfolge in Parma und Piacenza143-2 bestanden. Es wurde ein Kongreß nach Cambrai berufen (1724). Aber niemand wollte von seinem Standpunkt weichen. Die Gesandten disputierten, wie billig, mit Feuereifer. Jeder stützte seine Sache mit Argumenten, auf die es nach seiner Meinung keine Erwiderung gab. Die Gasthausbesitzer und Weinhändler bereicherten sich, die Fürsten bezahlten die Kosten, und der Kongreß ging auseinander, ohne irgend etwas entschieden zu haben.

Während die Staatsmänner vergeblich so bedeutende Fragen erörterten, entzog sich Philipp V. der Aufsicht seiner Gattin und dankte plötzlich zugunsten seines Sohnes Ludwig ab. Um ihm die Krone zu verschaffen, deren er sich nun freiwillig begab, hatte Frankreich so viele Schätze vergeudet! Allein der Tod seines Sohnes drückte dem König die Zügel der Regierung wieder in die Hand und ließ ihm keine Zeit, seiner Abdankung nachzutrauern143-3.

Kaum hatte er den Thron wieder bestiegen, als er ohne Englands Vorwissen einen Handelsvertrag mit dem Kaiser schloß143-4. Graf Königsegg, Karls VI. Botschafter<144> in Madrid, hatte die Königin von Spanien durch den Vorschlag der Vermählung des Infanten Don Carlos mit der Erzherzogin Maria Theresia, der Erbin des Hauses Österreich, geködert. Die Hoffnung, in ihren Häusern alle Besitzungen Karls V. wieder zu vereinigen, bewog die Königin und den König von Spanien, dem Kaiser sehr vorteilhafte Bedingungen zu machen.

König Georg hegte den Argwohn, der Vertrag enthalte geheime Vereinbarungen zugunsten des Prätendenten. Frankreich war ungehalten, weil Spanien es dem Kaiser durch seine Subsidien ermöglichte, die Ostender Kompagnie durchzusetzen. Der König von Preußen war durch mehrere heftige Dekrete gekränkt, die Karl VI. ihm wegen gewisser Zinsforderungen an die Magdeburger Lehngüter gesandt hatte. Da alle drei Mächte Beschwerden gegen den Wiener Hof hatten, mußten die Bande, die sie miteinander knüpften, um so haltbarer sein, als sie auf ihren Sonderinteressen beruhten. Diese Einheit der Anschauungen führte zum Vertrag von Hannover144-1.

Der Form nach war es ein Schutzbündnis und beruhte auf gegenseitigen Garantieleistungen. Frankreich und England verpflichteten sich in einer unbestimmten Fassung, die alle möglichen Auslegungen zuließ, zur Vermittlung nach dem Tode des Kurfürsten von der Pfalz, damit Preußens Rechte auf die Erbfolge in Berg in keiner Weise geschmälert würden144-2. Schweden, Dänemark und Holland traten dem Vertrag nachträglich bei. Frankreich und England wollten in Wirklichkeit dem Haus Österreich zu Leibe. Zu diesem Zweck hofften sie, sich des Königs von Preußen zu bedienen, um dem Kaiser Schlesien wegzunehmen. Friedrich Wilhelm war nicht abgeneigt, die Ausführung des Planes auf sich zu nehmen. Er verlangte nur, daß eine einzige Brigade Hannoveraner zu seinen Truppen stieße, damit er sich nicht ganz allein in ein so bedeutsames Unternehmen einließe, oder aber daß die Verbündeten mit ihm eine Diversion gegen Österreich verabredeten, die sie von einer anderen Seite her zur selben Zeit ins Werk setzen sollten, wenn er die Operationen in Schlesien begänne. Diese Alternative war vernünftig; doch der König von England wollte sich nicht unzweideutig dazu erklären.

Als die Verbündeten kaum ihren Vertrag in Hannover unterzeichnet hatten, kam in Wien ein anderes Bündnis zwischen dem Kaiser, dem König von Spanien, dem Zaren144-3 und einigen deutschen Fürsten zustande. Durch solche großen Bünde, die Europa in zwei mächtige Parteien spalten, wird das Gleichgewicht der Kräfte aufrechterhalten; die Stärke der einen hält die Macht der anderen in Respekt. So beugt die Klugheit geschickter Staatsmänner oft Kriegen vor und erhält den Frieden selbst dann noch, wenn der Krieg schon vor der Tür sieht.

Sobald der Zar den Wiener Vertrag unterzeichnet hatte, erhob er beim König von Preußen eindringliche Vorstellungen wegen seiner Parteinahme. Unter Drohungen,<145> die mit höflichen Redensarten verbrämt waren, gab er ihm zu verstehen, daß er nicht gleichgültig zusehen werde, wenn die Erblande des Kaisers angegriffen würden.

Unter diesen Umständen starb Peter I. und hinterließ der Welt den Ruf nicht sowohl eines großen als eines außergewöhnlichen Mannes, der unter den Grausamkeiten eines Tyrannen die Tugenden eines Gesetzgebers barg. Kaiserin Katharina, seine Gattin, übernahm seine Nachfolge.

Sie war eine geborene Livländerin von niedrigster Herkunft, Witwe eines schwedischen Unteroffiziers und nacheinander die Mätresse mehrerer russischer Offiziere, dann Menschikows. Schließlich verliebte sich der Zar in sie und eignete sie sich an. Im Jahre 1711, als er sich mit seinem Heer dem Pruth näherte, setzten die Türken über den Fluß und verschanzten sich gegenüber seinem Lager. Er hatte 200 000 Feinde vor sich und im Rücken einen Fluß, den er nicht überschreiten konnte, da es an Brücken fehlte. Der Großwesir griff ihn zu wiederholten Malen an. Als seine Truppen mehrmals zurückgeschlagen waren, änderte er seinen Plan. Durch die Aussage eines Überläufers erfuhr er, daß das moskowitische Heer unter furchtbarem Mangel zu leiden hatte und im Lager des Zaren nur noch für wenige Tage Lebensmittel vorhanden waren. Daraufhin begnügte er sich damit, die Russen zu blockieren. Gerade das hatte Peter I. am meisten gefürchtet. Sein Heer war beinahe aufgerieben. Ihm blieben kaum 30 000 Mann, und die waren vom Elend niedergedrückt, vom Hunger entkräftet, ohne Hoffnung und folglich mutlos. In dieser verzweifelten Lage faßte der Zar einen Entschluß, der seiner Seelengröße würdig war. Er gab dem Feldmarschall Scheremetjew Befehl, das Heer solle sich bereit halten, am nächsten Morgen mit dem Bajonett sich einen Weg durch die Feinde zu bahnen. Hierauf ließ er alles Gepäck verbrennen und zog sich, von Schmerz überwältigt, in sein Zelt zurück. Katharina allein behielt inmitten der allgemeinen Verzweiflung den Kopf oben, während jedermann auf Tod oder Sklaverei gefaßt war. Ihr Mut strafte ihr Geschlecht und ihre Herkunft Lügen. Sie hielt Rat mit den Generalen und beschloß, die Türken um Frieden zu bitten. Der Kanzler Schaffirow setzte den Brief Peters I. an den Wesir auf, und mit Zärtlichkeiten, Bitten und Tränen brachte Katharina den Zaren dazu, ihn zu unterzeichnen. Darauf raffte sie alle Schätze zusammen, die sie im Lager noch auftreiben konnte, und schickte sie dem Wesir.

Nach mehrmaliger Abweisung taten die Geschenke ihre Wirkung. Der Friede ward geschlossen. Durch die Abtretung von Azow an die Türken zog sich Peter I. aus einer Lage, die ebenso gefahrvoll war wie jene, in die Karl XII. bei Pultawa, dem Wendepunkt seines Glückes, geriet. Die Dankbarkeit des Zaren entsprach dem Dienst, den Katharina ihm erwiesen hatte. Er fand sie wert, den Staat zu regieren, den sie gerettet hatte. Er erklärte sie für seine Gemahlin, und sie ward zur Kaiserin gekrönt. Sie regierte Rußland mit Klugheit und Festigkeit und hielt sich an die Verpflichtungen, die der Zar mit Kaiser Karl VI. eingegangen war.

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Während ganz Europa sich wappnete, heiratete Ludwig XV. die Tochter Stanislaus Leszczynskis, des entthronten Königs von Polen146-1. Der Herzog von Bourbon, der die Königin von Frankreich ausgewählt hatte, vermählte sich kurz danach mit der Prinzessin von Hessen-Rheinfels146-2, die von rührender Schönheit war. Es wird behauptet, der König von Frankreich habe danach zu ihm gesagt, er wähle besser für sich selbst als für andere. Indessen zeigte die Königin von Frankreich nachmals, daß sie durch Herz und Charakter Ersatz gab für die flüchtigen Reize einer Schönheit, die der geringste Zufall vernichten kann.

Das ganze Jahr 1726 verstrich unter Kriegsvorbereitungen. Drei moskowitische Linienschiffe kamen nach Spanien und überwinterten dort im Hafen San Andrea. Die Engländer schickten drei Flotten in See. Die eine segelte nach Indien, die zweite nach den spanischen Küsten und die dritte nach der Nordsee. Frankreich vermehrte seine Regimenter und schuf eine Miliz von 600 000 Mann.

Der König von Preußen befand sich in einer schwierigen und mißlichen Lage. Er sah sich am Vorabend eines Krieges, bei dem er am meisten aufs Spiel setzte, ohne des Beistands seiner Verbündeten sicher zu sein. Er war dem Einbruch der Mokowiter ausgesetzt und sollte einen Plan vollstrecken, den man ihm verhehlte. Die Provinzen, die erobert werden sollten, waren bestimmt; aber die Teilung, die danach zu geschehen hatte, war nicht geregelt. Kurz, um alles zu sagen, dem hannoverschen Minister König Georgs beliebte es, den König von Preußen wie eine untergeordnete Macht zu behandeln. Soviel Gefahren, sowenig Gewinn in Aussicht, dazu diese maßlose Arroganz: das erfüllte den König mit Widerwillen gegen den gebieterischen Ton, in dem seine Verbündeten mit ihm zu verkehren beliebten. Von nun an sann er darauf, seine Bürgschaften anderwärts zu finden.

Dies Jahr brachte den Premierministern Unheil. In Madrid wurde der Herzog von Ripperda entlassen und verhaftet, weil er den Wiener Vertrag geschlossen hatte. Er entfloh aus dem Gefängnis und ging zum Kaiser von Marokko, wo er bald hernach starb. Der Herzog von Bourbon erfuhr ein milderes, aber beinahe ähnliches Schicksal. Der ehemalige Bischof von Frejus, der Erzieher des Königs von Frankreich146-3, brachte es durch seine Geschicklichkeit zuwege, daß der Herzog verbannt wurde. Der Erzieher ward Premierminister und Kardinal. Seine ersten Amtshandlungen waren darauf gerichtet, das Volk von dem Druck der Steuern zu befreien, der schwer auf ihm lastete. Er tat viel Gutes für die königlichen Finanzen, in denen er Sparsamkeit einführte; aber das Heerwesen und namentlich die Flotte, die er vernachlässigte, kamen dabei um so schlechter fort. Schmiegsam, furchtsam und verschlagen, wie er war, behielt er auch in seiner Tätigkeit als Minister die Fehler eines Priesters bei. Es ist eine alte Wahrheit, daß das Amt den Mann ehrt, aber nicht ändert. Noch ein Mißgeschick könnten wir berichten: Erhebung und Sturz<147> des Grafen Moritz von Sachsen, der durch die Wahl der Stände Herzog von Kurland geworden, von den Russen aber mit Gewalt aus seinem Land vertrieben wurde147-1. Es ist derselbe Graf von Sachsen, den wir als glänzenden Führer der Heere Ludwigs XV. kennen und dessen hohe Gaben die vornehmste Abkunft aufwiegen.

Im Jahre 1727 verlor Europa zwei gekrönte Häupter. Die Kaiserin Katharina starb, und ihr Nachfolger ward Peter Alexejewitsch, ein Enkel Peters I. Er war noch ein Kind und wuchs unter den Augen einiger Bojaren auf, die den alten Bräuchen ihres Volkes anhingen und dem jungen Fürsten eine Vormundschaft ohne Ende bereiteten. In England folgte Georg II. auf seinen Vater, der eben gestorben war.

Friedrich Wilhelm und Georg II. waren zwar großenteils zusammen aufgewachsen und außerdem Schwäger, aber von zarter Jugend an konnten sie einander nicht ausstehen. Als beide auf dem Thron saßen, drohte der persönliche Haß, die starke Antipathie zwischen ihnen Unheil über ihre Völker zu bringen. Der König von England nannte den König von Preußen „mein Bruder Korporal“; Friedrich Wilhelm nannte den König Georg „mein Bruder Komödiant“. Die feindselige Gesinnung übertrug sich bald von den Personen auf die Staatsgeschäfte und verfehlte nicht, bei den größten Ereignissen mitzuspielen. Es liegt im Los aller menschlichen Dinge, daß sie von leidenschaftlichen Menschen gelenkt und daß ursprünglich kindliche Beweggründe zum Ausgangspunkt für eine Reihe von Vorgängen werden, die zu den größten Umwälzungen führen.

Bald nach Georgs II. Thronbesteigung kam Graf Seckendorff nach Berlin147-2. Als General diente er gleichzeitig dem Kaiser und Sachsen. Schmutziger Eigennutz beherrschte ihn; seine Manieren waren grob bis zum Flegelhaften; die Lüge war ihm so zur Gewohnheit geworden, daß er darüber den Gebrauch der Wahrheit verlernt hatte: eine Wuchererseele, die sich bald in dem Soldaten, bald in dem Diplomaten offenbarte. Nichtsdestoweniger bediente sich die Vorsehung gerade dieser Persönlichkeit, um den Vertrag von Hannover zu zerreißen. Seckendorff hatte in Flandern die Belagerung von Tournai mitgemacht und die Schlacht bei Malplaquet, an der auch der König teilgenommen hatte. Friedrich Wilhelm hatte eine ganz besondere Vorliebe für alle Offiziere, die er in jenem Krieg kennen gelernt hatte. Im Gespräch mit dem General beklagte er sich, daß seine Verbündeten ihm viel Grund zur Verstimmung gäben. Seckendorff ging sofort darauf ein, und es fiel ihm nicht schwer, die schlimmen Praktiken Frankreichs und namentlich Englands zu verdammen. Er stellte den Kaiser als einen Fürsten hin, der seine Verbindlichkeiten ernster nehme und als Freund zuverlässiger sei. Er malte dem König alle Vorteile<148> einer Verbindung zwischen Preußen und Österreich aus und eröffnete ihm die verlockende Aussicht, der Kaiser werde ihm bereitwillig jede Sicherheit für den völligen Besitz des bergischen Erbes gewähren. Kurz, er wußte den König mit solcher Geschicklichkeit für sich einzunehmen, daß er ihn bewog, zu Wusterhausen148-1 einen Vertrag mit dem Kaiser zu unterzeichnen. Er bestand aus gegenseitigen Garantien und einigen Artikeln über den Salzhandel, den Brandenburg auf der Oder mit Schlesien unterhält.

Der Vertrag war kaum geschlossen, als in Deutschland ein neuer Krieg auszubrechen drohte, und zwar zwischen den Königen von Preußen und England (1729). Die Frage, die den Anlaß gab, war so bedeutungslos, daß sie nur solchen Fürsten zum Vorwand dienen konnte, die darauf erpicht sind, einander zu schädigen148-2. Der Streit entstand wegen der nicht regulierten Grenzen zweier kleiner Wiesen, die an der Landscheide zwischen der Altmark und dem Herzogtum Celle lagen, und wegen ein paar hannoverscher Bauern, die von preußischen Offizieren angeworben waren. Der König von England, der damals in Hannover war, griff zu Repressalien und ließ vierzig preußische Soldaten verhaften, die, mit Pässen versehen, durch sein Land kamen. Beide Fürsten suchten nach Scheingründen, um sich zu entzweien, wiewohl die Könige sich mitunter selbst diese Mühe noch sparen. Der König von Preußen sah durch den Streit um die kleinen Wiesen und durch die Festnahme der vierzig Soldaten seine Ehre angetastet und gab sich seinem alten Grolle hin. Der Kaiser schürte das Feuer. Er hätte gern gesehen, daß die beiden mächtigsten Fürsten Deutschlands sich gegenseitig zugrunde richteten. Er versprach eine Unterstützung von 12 000 Mann. Der König von Polen, der gegen den von England verstimmt war, bot 8 000 Mann an.

Ganz Preußen war schon in Bewegung. In ununterbrochener Folge zogen die Truppen nach der Elbe. Hannover erzitterte. Georg, der auf einen Krieg nicht gefaßt war, wandte sich mit der dringenden Bitte um Hilfstruppen an Schweden, Dänemark, Hessen und Braunschweig, die Empfänger englischer Subsidien. Auch in Frankreich, Rußland und Holland schlug er Lärm. Um den König von Preußen zum Bruche zu drängen, verbürgte sich der Kaiser für alle preußischen Besitzungen an der Weser und am Rhein. Die Angelegenheit schien außerordentlich ernst werden zu wollen, als sie unvermutet ein anderes Gesicht bekam. Der König berief seinen Staatsrat zusammen, der aus seinen ersten Staatsmännern und ältesten Generalen bestand. Ihnen legte er die Lage dar und wünschte ihre Meinung zu hören. Feldmarschall Natzmer148-3, ein jansenistischer Protestant, hielt eine lange Rede, worin er es beklagte, daß die protestantische Religion durch den Hader der beiden einzigen deutschen Fürsten, die ihre Schutzherren waren, dem Untergang nahe sei.<149> Die Minister wiesen darauf hin, der kaiserliche Hof müßte geheime Gründe haben, wenn er so arglistig zum Kampfe hetze, zumal in einer Frage, die an sich so unbedeutend sei und sich noch immer gütlich beilegen lasse. Ein Herrscher, der Ratschläge anhört, ist auch imstande, sie zu befolgen. Der König errang an jenem Tag einen schöneren Sieg über sich selbst, als er über seine Feinde hätte davontragen können: er überwand seine Leidenschaften zum Besten seines Volkes. Beide Parteien wählten die Herzöge von Braunschweig und von Gotha zur Beilegung der kleinen Zwistigkeiten.

Der Kaiser tat sein Möglichstes, um die Unterhandlung zu durchkreuzen; aber sie wurde rasch zu Ende geführt. Die preußischen Soldaten wurden freigelassen, die hannoverschen Bauern herausgegeben, und in der Streitfrage der Wiesen verglich man sich. Gütliche Einigungen dieser Art sind um so vernünftiger, als die Herrscher auch nach den glücklichsten Kriegen früher oder später doch ein gleiches tun müssen, ohne größere Vorteile zu erzielen. Das Beispiel von Mäßigkeit, das Friedrich Wilhelm hier gegeben hat, steht in der Geschichte vielleicht einzig da.

Dem König lag das Wohl seiner Untertanen stets mehr am Herzen als sein persönlicher Ehrgeiz. So gründete er in Berlin die Charité nach dem Vorbild des Pariser Hôtel Dieu und baute die Friedrichstadt, die durch ihren Umfang, die regelmäßige Anlage ihrer schnurgerade gezogenen Straßen und die Schönheit ihrer Gebäude die Altstadt weit übertrifft. Dort hatte er auch das Vergnügen, den König von Polen zu empfangen. Die Zusammenkunft der beiden Herrscher verlief unter prunkvollen Festlichkeiten.

Unterdessen wurde unaufhörlich verhandelt, um Kriegswirren vorzubeugen. Die Mächte kamen überein, einen Kongreß in Soissons abzuhalten. Er wurde von allen Höfen beschickt, die an den Verträgen von Hannover und Wien beteiligt waren (1728). Frankreich und England machten Spanien so günstige Anerbietungen, daß es den Interessen des Kaisers entfremdet wurde. Eine Folge des Kongresses von Soissons war der Vertrag von Sevilla (1729). Seine Einzelheiten sind sehr bemerkenswert, da sie Spanien den Weg nach Italien eröffnen. England verpflichtet sich darin, das Recht der Erbfolge in Parma und Piacenza dem Infamen Don Carlos zuzuerkennen149-1, und zwar in Anbetracht der Vorteile, die Spanien den Engländern durch das Monopol des Negerhandels nach den Kolonien einräumt.

Der König von Polen, der 1728 nach Berlin gekommen war, wollte auch seinen eignen Prunk vor den Augen Friedrich Wilhelms entfalten und gab ihm rein miltärische Feste (1730). Er zog seine Truppen, 23 000 Mann stark, im Lager bei Radewitz, einem Dorf an der Elbe, zusammen. Die Manöver, die er von ihnen ausführen ließ, waren ein Abbild römischer Kriegführung, vermischt mit den Visionen des Chevalier Folard149-2. Die Kenner sahen in diesem Feldlager eher ein theatralisches Schauspiel als ein echtes Sinnbild des Krieges.

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Während man sich derart demonstrativ Beweise gegenseitiger Freundschaft zu geben suchte, intrigierte König August an allen Höfen Europas, um Friedrich WilHelm die bergische Erbschaft zu entreißen und sie an das Haus Sachsen zu bringen. Das Lager bei Radewitz, die ganze Prachtentfaltung, die falschen Beweise von Wertschätzung waren lauter Kunstgriffe, durch die der König von Polen Friedrich Wilhelm einzuschläfern glaubte. Der aber durchschaute die Beweggründe und empfand nur um so mehr Abscheu vor soviel Falschheit. In der Politik scheint eine solche Handlungsweise ja erlaubt, nicht aber in der Moral. Und genau genommen, ist der Ruf eines Schurken ebenso entehrend für den Fürsten selbst, wie nachteilig für seine Interessen.

Man glaubte, ähnliche Erwägungen hätten dem König Viktor Amadeus II. von Sardinien seine Herrschaft verleidet. In der Tat aber war an seiner Abdankung150-1 nur die Liebe zu Frau von San Sebastian schuld, die er nachher zu Chambery heiratete. Man behauptet, er habe immer das selbstherrliche Wesen beibehalten, das er als König besaß, und als er einmal gegen den Herzog von Ormea und andere Minister verstimmt war, habe er seinen Sohn zwingen wollen, sie zu entlassen. Ormea, der von Viktor Amadeus' Absichten erfuhr, hielt seinen Sturz für unvermeidlich, wenn er ihm nicht zuvorkam. Er ging zum regierenden König und redete ihm ein, sein Vater konspiriere und wolle wieder den Thron besteigen. Und wirklich setzte er dem König derart zu, daß der Vater festgenommen und in das Schloß von Chambéry gebracht wurde, wo er starb. Ein Herrscher ist sehr zu beklagen, wenn er sich seinem Vater gegenüber in so peinvoller Lage befindet, daß er gegen die Natur, gegen Interesse und Ruhm kämpfen muß.

In Rußland starb im selben Jahr der junge Zar Peter II. Er war mit einer Fürstin Dolgoruki verlobt. Das Haus Dolgoruki hegte die Absicht, die fürstliche Verlobte auf den Thron zu erheben. Aber die Nation wollte einmütig, daß das Zepter im Hause Peters I. bliebe. Es wurde der Herzogin-Witwe Anna von Kurland150-2 angeboten, und sie nahm es an. Anfangs schränkten die Russen ihre Machtbefugnis ein. Aber die Familie Dolgoruki ward gestürzt, und die Kaiserin erlangte despotische Macht. Wie ihre Vorgänger hielt sie die Verbindung aufrecht, die seit langem zwischen Rußland und dem Haus Österreich bestand.

Der Kaiser vergaß bald die Dienste, die der König von Preußen ihm erwiesen hatte, als er das Bündnis mit Hannover aufgab. Er einigte sich mit dem König von England und belehnte ihn mit dem Herzogtum Bremen und der Landschaft Hadeln, ohne sich um Preußens Interessen zu kümmern. Der Undank ist eine entwertete Münze, die aber trotzdem überall Kurs hat.

Der Tod so vieler Herrscher, der Wechsel so vieler Minister, die Wiederanknüpfung und Abänderung so vieler Bündnisse brachten in Europa ganz neue Gruppierungen<151> hervor. England, das mit Spanien und Österreich ausgesöhnt war, ließ eine zahlreiche Flotte zu der spanischen stoßen, um Don Carlos nach Italien zu führen. Zu Beginn des Jahrhunderts hatte Großbritannien sich ruiniert, um die Spanier aus dem Königreich Neapel und aus der Lombardei zu verjagen; denn allzu bedrohlich erschien ihm Philipps V. Macht, wenn er diese Lande behielt. Kaum zwanzig Jahre später führten die englischen Schiffe die Spanier nach Italien zurück und gaben dem Infamen Don Carlos das Herzogtum Parma und Piacenza, dessen letzter Besitzer eben gestorben war (1731).

Um dieselbe Zeit empörte sich Korsika gegen die Zwingherrschaft der Genuesen. Der Kaiser sandte diesen Hilfstruppen, die die Empörer zum Gehorsam zurückführten. Es kam aber noch oft zu Aufständen, bis die Korsen im Jahre 1736 einen Abenteurer, Theodor von Neuhof, zu ihrem König ausriefen. Man mutmaßte, daß der Herzog von Lothringen, der nachmalige Kaiser, die Empörung heimlich förderte. Doch wurde Korsika mit dem Beistand der Franzosen wieder vollkommen unterworfen.

Damals glaubte man, Italien sei von einem neuen Krieg bedroht. Die Königin von Spanien, die immer ruhelos, immer unternehmungslustig war, machte große Rüstungen. Statt indessen in Italien einzufallen, gingen die Truppen nach Afrika und bemächtigten sich Orans. Die Königin von Spanien erhielt ein päpstliches Breve, das den Klerus zur Zahlung des Zehnten verpflichtete, solange der Krieg gegen die Ungläubigen dauerte. Seitdem nahm die Königin sich vor, den Krieg ewig währen zu lassen. Sie opferte alle Jahre an die hundert Spanier, die in Scharmützeln gegen die Mauren umkamen, und blieb im Besitz des Kirchenzehnten, der eine sehr bedeutende Einnahme für die Krone bildet. So wurden die Herren von Peru und Potosi aus Geldmangel zu Almosenempfänger der Priester ihres Reiches.

Nach all diesen Abschweifungen ist es an der Zeit, auf Berlin zurückzukommen. Dort hatte sich Seckendorff durch seine Ränke erhöhten Einfluß verschafft. Am liebsten hätte er den Hof vollständig beherrscht. In diesem Bestreben schlug er dem König eine Aussprache mit dem Kaiser vor, der sich nach Prag begeben hatte (1732). Er hoffte, sich während des dortigen Aufenthalts so nützlich zu machen, daß des Königs Vertrauen zu ihm sich noch unendlich steigern müßte. Der König, der die Gradheit seines Wesens auch auf die Geschäfte übertrug, war ohne weiteres mit der Reise einverstanden. Er traf keinerlei Abrede, weder über das, was man abmachen wollte, noch über die Etikette, die er verachtete. Sein Beispiel zeigt, daß Treu und Glaube und andere Tugenden in unserem verderbten Jahrhundert nicht aufkommen können. Die Staatsmänner haben die Ehrlichkeit ins Privatleben verbannt. Sie glauben sich so erhaben über die Gesetze, deren Befolgung sie von den anderen verlangen, daß sie ihrem verderbten Herzen rückhaltlos folgen. Die schlichte Sittlichkeit des Königs fiel also der kaiserlichen Etikette zum Opfer.

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Die Garantie der bergischen Erbschaft, die Seckendorff dem König im Namen des Kaisers förmlich versprochen hatte, ging in Rauch auf152-1. Und die kaiserlichen Minister waren so gegen Preußen eingenommen, daß Friedrich Wilhelm ganz klar sah: wenn es in Europa einen Hof gab, der darauf aus war, seinen Interessen entgegenzuarbeiten, so war es sicher der Wiener Hof. Der König war zum Kaiser gegangen wie Solon zu Krösus. Er kehrte nach Berlin zurück, noch immer reich an eigener Ehrenhaftigkeit. Die spitzfindigsten Krittler konnten seinem Verhalten nichts anderes vorwerfen als übergroße Rechtschaffenheit. Die Zusammenkunft hatte das gleiche Schicksal wie die meisten Monarchenbesuche: sie hatte die Freundschaft zwischen beiden Höfen abgekühlt oder, um es kurz zu sagen, ausgelöscht. Voller Verachtung für die Treulosigkeit und den Hochmut des kaiserlichen Hofes schied Friedrich Wilhelm von Prag. Und die Minister des Kaisers mißachteten einen Herrscher, der in seiner Vorurteilslosigkeit auf Rang und Titel nichts gab. Sinzendorff152-2 fand die Ansprüche des Königs auf die bergische Erbschaft zu ehrgeizig, und der König fand die Weigerung der Minister zu plump. In seinen Augen waren sie Schurken, die ungestraft ihr Wort brachen.

Ungeachtet so vieler Gründe zur Unzufriedenheit verheiratete der König seinen ältesten Sohn aus Gefälligkeit gegen den Wiener Hof mit einer Prinzessin von Braunschweig-Bevern, einer Nichte der Kaiserin152-3.

Während der Hochzeitfeier kam die Nachricht, daß der König von Polen in Warschau gestorben war152-4. Als der Tod ihn überraschte, war er mit den weitaussehendsten Entwürfen beschäftigt. Er wollte seine Herrschaft in Polen erblich machen. Zu diesem Zweck hatte er sich eine Teilung Polens ausgedacht, um die Eifersucht der Nachbarmächte zu beschwichtigen. Zur Ausführung seines Planes bedurfte er des Königs von Preußen. Er bat, ihm Feldmarschall Grumbkow zu senden, um sich ihm zu eröffnen. Der König von Polen wollte Grumbkow durchschauen und dieser ihn. In dieser Absicht machten sie sich gegenseitig betrunken. Die Folge war König Augusts Tod, während Grumbkow sich eine Krankheit zuzog, von der er sich nie mehr erholte. Friedrich Wilhelm war scheinbar auf Augusts Pläne eingegangen; da er aber deren gefährliche Folgen sehr wohl erkannte, suchte er ihnen entgegenzuarbeiten und setzte sich zu dem Zweck mit dem Kaiser und der Zarin ins Einvernehmen. Sie einigten sich dahin, das Haus Sachsen vom polnischen Thron auszuschließen und ihn dem Prinzen Emanuel von Portugal zuzuwenden152-5. Allein der Tod, der Mann und Plan vernichtete, gab den polnischen Angelegenheiten eine ganz andere Wendung.

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Der kaiserliche Hof wollte Sachsen auf seine Seite ziehen und versprach, öie Wahl von Augusts Sohn auf den polnischen Thron mit Waffengewalt zu unterstützen, vorausgesetzt, daß er das von Karl VI. erlassene Hausgesetz garantierte, das als Pragmatische Sanktion153-1 in Europa so wohlbekannt ist. August III. hatte Glück: die Kaiserin von Rußland warf sich zu seiner Beschützerin auf, da sie fürchtete, Stanislaus Leszczynski153-2 werde sonst unter Ludwigs XV. Beistand wieder den polnischen Thron besteigen. Von allen Bewerbern um die Krone Polens war Stanislaus für Preußens Interessen der annehmbarste. Frankreich versuchte den König zum Einmarsch von Truppen in Polnisch-Preußen zu bewegen. Er sollte das Land in Sequester nehmen, wie er es früher mit Pommern getan hatte153-3. Aber Friedrich Wilhelm wollte nichts auf den Zufall ankommen lassen. Er fürchtete, sich in einen Krieg zu verwickeln, der ihn zu weit führen konnte und seine Streitkräfte nach einer anderen Richtung abgelenkt hätte, während der Kurfürst von der Pfalz, der kränklich und bereits hochbejahrt war, vielleicht starb153-4. Er hielt seine Anrechte auf die Erbfolge in Jülich153-5 für wohlbegründet und die Unternehmung gegen Polnisch-Preußen für rechtswidrig.

Der polnische Wahltag, der in Warschau zusammentrat, erwählte Stanislaus einstimmig zum König von Polen, trotz der Ränke des Wiener und Petersburger Hofes und trotzdem österreichische und russische Heere die Republik bedrohten. Einige Woywoden, die zu Sachsen hielten, gingen über die Weichsel nach dem Dorf Praga, versammelten sich dort in einem Gasthaus und wählten Kurfürst August von Sachsen zum König. Daraufhin rückten die moskowitischen Truppen gegen Warschau vor. Auf die Ruhe folgte der Sturm. Stanislaus stieg zum zweitenmal von Polens Thron, auf den ihn die Stimme einer freien Nation berufen hatte, und floh nach Danzig, wo Münnich ihn mit den Russen und Sachsen belagerte (1734). Eine polnische Dame namens Massalska feuerte den ersten Kononenschuß vom Wall auf die Belagerer ab, um die Bürgerschaft zu heldenmütiger Verteidigung fortzureißen. Ludwig XV. schickte seinem Schwiegervater drei Bataillone zu Hilfe: zu spät, um Dan zig zu retten, doch früh genug für das Unheil, das ihrer harrte. Ihr Führer, Marquis Plélo, fiel. Die drei Bataillone, die auf einer Insel gelandet waren, konnten ihre Schiffe nicht wieder erreichen. Da es ihnen an Lebensmitteln fehlte, wurden sie gefangen genommen und nach Petersburg gebracht.

Hierauf griffen die Russen die Befestigungen auf dem Hagelsberg an, wobei sie 4 000 Mann verloren. Die Stadt, die von inneren Zwistigkeiten zerrissen war und sonst keine Hilfe mehr zu erwarten hatte, stand dicht vor der Kapitulation. In allerletzter Stunde, am Vorabend der Übergabe, ergriff Stanislaus die Flucht. Unter<154>wegs hatte er das bitterste Elend zu erdulden. Die Russen verfolgten ihn. Unter den schrecklichsten persönlichen Gefahren und den seltsamsten Abenteuern langte er, als Bauer verkleidet, in Marienwerder an und begab sich von dort nach Königsberg, nachdem der König ihm seinen Schutz zugesichert hatte.

Die polnischen Wirren zogen ganz Europa in Mitleidenschaft. Sobald man in Versailles erfuhr, daß der Kaiser bei Glogau Truppen versammle und die Russen in Polen eingerückt seien, erklärte Frankreich dem Kaiser den Krieg154-1. Ein Manifest verkündete, der Krieg richte sich nur gegen den Kaiser und nicht gegen das Reich. Aber im Widerspruch dazu nahmen die französischen Heere, nachdem sie bei Straßburg über den Rhein gegangen waren, die Reichsfestung Kehl. Diesen Fehler, den Kardinal Fleury leicht hätte vermeiden können, benutzten Frankreichs Feinde und zogen schlimme Folgerungen daraus. Lag es doch in ihrem eigenen Interesse, Frankreich zu verdächtigen! Zugleich entbrannte der Krieg in Italien. Die französischen Truppen vereinigten sich bei Vercelli mit den sardinischen und nahmen Pavia, Mailand, Pizzighettone und Cremona ein. Der Marquis von Montemar stieß zu den Verbündeten, und die Spanier rüsteten sich zur Eroberung des Königreichs Neapel.

England war in diesen Krieg zwar nicht verwickelt, wurde aber durch innere Wirren erschüttert. Georg II. hatte den Plan gefaßt, sich zum völligen Selbstherrscher von Großbritannien zu machen. Das konnte er nicht mit offener Gewalt erreichen, sondern nur heimlich und auf Umwegen. Durch die Einführung der Akzise in England154-2 wollte er der Nation Fesseln anlegen. Wäre die Sache geglückt, so hätte der König ein festes, gesichertes Einkommen gehabt, durch das er das Militär verstärken und seine Macht befestigen konnte. Walpole schlug die Einführung der Akzise einigen Parlamentsmitgliedern vor, deren er sicher zu sein glaubte. Sie aber erklärten ihm: er bezahle sie zwar für die gewöhnlichen Dummheiten; das gelte aber nicht für die außerordentlichen, zu denen die Akzise gehöre.

Trotz dieser Vorstellungen brachte Walpole die Sache vor das Parlament und trat mit solchem Nachdruck dafür ein, daß seine Beredsamkeit über Pulteney und die dem Hofe feindliche Kabale siegte. Ja, sein Sieg schien so vollständig, daß die Akzisebill mit großer Stimmenmehrheit durchging. Am nächsten Tag drohte in der Stadt ein Aufruhr zu entstehen. Die Standesherren und die vornehmsten Kaufleute überreichten dem König eine Adresse, in der sie die Unterdrückung der Bill forderten. Obwohl das Parlament von Wachen umstellt war, rottete sich eine große Volksmenge zusammen, die aufrührerische Rufe ausstieß und die Leute des Königs zu beschimpfen begann. Es fehlte nur noch ein Führer, und der Aufstand war da.

Walpole sah ein, daß die Sache ernst wurde. Er hielt es daher für geraten, nachzugeben. Er kassierte die Bill auf der Stelle und verließ das Parlament, in einen<155> schäbigen Mantel gehüllt, der ihn unkenntlich machte, mit dem Rufe: „Freiheit, Freiheit! Keine Akzise!“ Der König, den er in St. James fand, war dabei, sich von Kopf zu Fuß zu rüsten. Er hatte den Hut aufgesetzt, den er bei Malplaquet getragen, und prüfte sein Schwert, mit dem er bei Oudenaarde gefochten hatte. An der Spitze seiner Garden, die sich im Schloßhof versammelten, wollte er mit bewaffneter Hand die Akzisebill durchsetzen. Walpole hatte die denkbar größte Mühe, das Ungestüm des Königs zu dämpfen. Mit der hochherzigen Kühnheit des Engländers, der seinem Herrn ergeben ist, stellte er ihm vor, daß es nicht an der Zeit sei, zu kämpfen, sondern zwischen der Bill und der Krone zu wählen. Endlich fiel das Steuerprojekt. Der König war höchst unzufrieden mit seinem Parlament und verlor das Vertrauen zu seiner Machtvollkommenheit, mit der er beinahe eine trübe Erfahrung gemacht hätte. Diese inneren Unruhen hinderten ihn damals an der Einmischung in den deutschen Krieg.

Wie schon erwähnt, hatten die Franzosen Kehl eingenommen. Damit war der Bruch vollzogen. Der Kaiser, dem Frankreich das Spiel so leicht gemacht hatte, brachte das Reich ohne große Mühe auf seine Seite155-1. Er forderte den König von Preußen zu der Hilfeleistung auf, die im Bündnis von 1728 bestimmt worden war, und drohte, im Fall der Weigerung die Garantie für das Herzogtum Berg zurückzuziehen. Der König war bei den polnischen Wirren neutral geblieben, obgleich Stanislaus Leszczynskis Interessen auch die seinen waren. Jetzt trat er auf die Seite des Kaisers, wiewohl gegen sein eignes Interesse. Er kannte keine andere Politik als die der Rechtschaffenheit und kam seinen Verpflichtungen so gewissenhaft nach, daß bei ihrer Erfüllung sein Vorteil und sein Ehrgeiz niemals in Frage kamen. Dank diesen Grundsätzen ließ er 10 000 Mann an den Rhein marschieren. Sie fochten während des Kriegs unter Prinz Eugen von Savoyen.

Zu Beginn des Frühlings (1734) stürmte Marschall Berwick die Ettlinger Linien, die der Herzog von Bevern155-2 während des Winters hatte auswerfen lassen, und belagerte Philippsburg. Prinz Eugen, der kaum 20 000 Mann zur Hand hatte, zog sich auf Heilbronn zurück und erwartete dort die Ankunft der Hilfstruppen, die man ihm versprochen hatte. Dann kehrte er wieder um und lagerte bei dem Dorfe Wiesenthal, einen Kanonenschuß weit von der französischen Verschanzung.

Der König begab sich, vom Kronprinzen begleitet, zum kaiserlichen Heere, teils aus Neugier, teils wegen seiner außerordentlichen Anhänglichkeit an seine Truppen. Dort sah er, daß auch Helden wie die übrigen Menschen der Hinfälligkeit unterworfen sind: er fand bei dem Heere nur noch den Schatten des großen Eugen. Der Held hatte sich selbst überlebt. Er scheute sich, seinen wohlbefestigten Ruf dem Zufall einer achtzehnten Schlacht preiszugeben. Ein kühner Jüngling hätte die französische Verschanzung angegriffen; sie war kaum angefangen, als das Heer nach Wiesen<156>thal kam. Die französischen Truppen lagen so nahe bei Philippsburg, daß ihre Kavallerie nicht Platz genug hatte, um sich zwischen der Stadt und dem Lager in Schlachtordnung aufzustellen, ohne schwer unter dem Artilleriefeuer zu leiden. Auch hatte sie nur eine Verbindungsbrücke über den Rhein. Wäre also die Verschanzung überwältigt worden, so wäre das ganze französische Heer, da es keinen Rückzugsweg hatte, unfehlbar zugrunde gegangen. Aber das Schicksal der Reiche hatte es anders bestimmt. Die Franzosen eroberten Philippsburg unter den Augen des Prinzen Eugen, ohne daß jemand dagegen einschritt (18. Juli). Berwick wurde durch einen Kanonenschuß getötet, und Feldmarschall d'Asfeld übernahm das Kommando. Der König, dessen Gesundheit durch die Strapazen völlig erschüttert war, zog sich den Keim einer Wassersucht zu und mußte das Heer verlassen. Der Rest des Feldzugs verlief in ewigen Hin- und Hermärschen, die zu garnichts führten, zumal der Rhein die Franzosen und Kaiserlichen trennte.

In Italien nahmen die Franzosen Tortona, schlugen den Marschall Mercy bei Parma und bemächtigten sich fast der ganzen Lombardei. Indessen entwarf der Prinz von Hildburghausen156-1 einen Plan zur Überrumpelung des französischen Heeres, das am Secchia-Ufer lagerte. Der Plan wurde vom Feldmarschall Königsegg ausgeführt: Coigny und Broglie wurden bei Nacht angegriffen, überrumpelt und verjagt. Der König von Sardinien machte ihren Fehler durch seine Klugheit wett, und die Verbündeten siegten bei Guastalla über die Österreicher.

Gleichzeitig drang Don Carlos ins Königreich Neapel ein und nahm die Huldigung des Landes entgegen. Montemar befestigte dessen Thron durch den Sieg bei<157> Bitonto. Visconti157-1 und die Österreicher wurden aus Neapel vertrieben, und Montemar schritt nach der Eroberung des Königreichs zu der von Sizilien. Er nahm Syrakus und machte sich zum Herrn von Messina, das nach ziemlich tapferer Verteidigung kapitulierte.

In der Lombardei wurden die Österreicher noch bei Parma geschlagen. Am Rhein verlief der Feldzug noch ergebnisloser als im Jahre zuvor. Das kaiserliche Heer wurde durch einen Nachschub von 10 000 Russen verstärkt. Der ruhelose Seckendorff erhielt vom Prinzen Eugen ein Detachement von 40 000 Mann, mit dem er an die Mosel marschierte. Bei der Abtei Klausen stieß er auf das französische Heer. Die Nacht rief Verwirrung und Aufregung in beiden Lagern hervor. Auf beiden Seiten wurde geschossen, ohne daß der Feind sich zeigte157-2. Am folgenden Tag ging Coigny wieder über die Mosel und bezog sein Lager unter den Mauern von Trier. Seckendorff folgte ihm. Beide Feldherren erfuhren in ihrem dortigen Lager, daß die Friedenspräliminarien zwischen dem Kaiser und Frankreich unterzeichnet seien157-3.

Die Unterhandlungen waren insgeheim zwischen dem Grafen von Wied157-4 und du Theil geführt worden. Beide hatten sich dahin geeinigt, daß August III. von seiten Frankreichs als König von Polen anerkannt werde. Stanislaus sollte auf all seine Ansprüche an die polnische Krone verzichten und dafür das Herzogtum Lothringen erhalten, das nach seinem Tod an Frankreich fallen würde. Als Entschädigung für diese Abtretung erhielt der Herzog von Lothringen157-5, Karls VI. Schwiegersohn, das Großherzogtum Toskana. Ferner erkannte der Kaiser Don Carlos als König beider Sizilien an und erhielt zur Entschädigung die Herzogtümer Parma und Piacenza. Außerdem verpflichtete er sich zur Abtretung des Gebiets von Vigevano an den König von Sardinien. Dafür garantierte ihm Ludwig XV. die Pragmatische Sanktion157-6.

Der Kaiser und Frankreich schlossen Frieden, ohne ihre Verbündeten zu befragen, deren Interessen sie vernachlässigten. Der König von Preußen beklagte sich, daß der Wiener und Versailler Hof kein Abkommen zur Sicherung seiner Erbfolge in Berg getroffen hätten.

Von der Wassersucht hatte sich der König erholt. Allein seine Kräfte waren so geschwächt, daß sein Körper seine Willensregungen nicht mehr unterstützte. Indes hatte er noch die Freude, die neue Kolonie, die er seit 1732 in Ostpreußen geschaffen hatte, gedeihen zu sehen. Mehr als 20 000 Protestanten hatten das Bistum Salzburg verlassen. Der Erzbischof Firmian hatte einige dieser Unglücklichen mit mehr Fanatismus als Klugheit verfolgt: die Lust, ihr Vaterland zu verlassen, gewann<158> Macht über das Volk und ward epidemisch. Die Auswanderung vollzog sich zuguterletzt mehr aus Freiheitsdrang als aus Anhänglichkeit an eine Sekte. Der König siedelte die Salzburger in Ostpreußen an. Ohne die Motive ihrer Landesflucht zu untersuchen, bevölkerte er mit ihnen Gegenden, die unter der Regierung seines Vaters die Pest verheert hatte.

Der europäische Krieg war kaum beendet, als sofort ein neuer aufflammte, diesmal an den Grenzen Europas und Asiens. Die Tartaren, die unter türkischer Schutzherrschaft leben, machten häufig Einfälle in Rußland. Die Beschwerden der Zarin in Konstantinopel setzten den Feindseligkeiten kein Ziel. Schließlich ward sie dieser Kränkungen überdrüssig und schaffte sich selber ihr Recht. Lacy rückte gegen die Tartaren vor und nahm Azow. Münnich drang in die Krim ein, erstürmte die Befestigungen von Perekop und bemächtigte sich der Stadt, eroberte Bachtschisarai und verwüstete die ganze Tartarei mit Feuer und Schwert (1736). Doch bei dem Mangel an Wasser und Lebensmitteln und der sengenden Hitze jenes Klimas kamen viele Moskowiter ums Leben. In seinem Ehrgeiz achtete Münnich die Zahl der Soldaten, die er seinem Ruhm opferte, für nichts. Aber seine Armee schmolz zusammen, und das Übermaß des Elends, das die Russen erdulden mußten, machte die Sieger den Besiegten gleich.

Zu jener Zeit (1737) starb der letzte Herzog von Kurland aus dem Hause Kettler. Die Stände wählten zum zweitenmal den Grafen von Sachsen158-1, aber die Kaiserin von Rußland erhob Biron158-2 zum Herzog. Das war ein kurländischer Edelmann, der in persönlichen Beziehungen zur Kaiserin stand und kein anderes Verdienst hatte als das Glück, ihr zu gefallen.

Die Heere der Zarin blieben auch weiterhin siegreich gegen die Türken. Münnich belagerte Oczakow, das von 3 000 Janitscharen und 7 000 Bosniaken verteidigt wurde. Durch eine der Bomben, die er schleudern ließ, geriet zufällig das große Pulvermagazin der Stadt in Brand. Es flog augenblicklich in die Luft, und zugleich stürzten die meisten Häuser ein. Diesen Augenblick benutzte Münnich zum Hauptsturm auf die Stadt. Die Türken hatten sich von ihrer Bestürzung noch nicht erholt und konnten sich auf den engen Wällen dicht bei den brennenden Gebäuden nicht verteidigen. Sie wußten nicht, sollten sie erst die Feuersbrunst löschen oder den Sturm der Moskowiter abschlagen. In diesem Wirrwarr wurde die Stadt mit der blanken Waffe genommen, und die zügellose Soldateska verübte jegliche Grausamkeit, deren blinde Wut fähig ist.

Die ersten Erfolge der Russen über die Türken erweckten den Ehrgeiz der Österreicher. Man redete dem Kaiser ein, das sei der gegebene Augenblick, um die Türken von Ungarn aus anzugreifen. Wenn die Russen sie gleichzeitig vom Schwarzen Meer aus bedrängten, sei es um das osmanische Reich geschehen. Man setzte sogar<159> Prophezeiungen in Umlauf, nach denen die Schicksalsstunde des Halbmonds gekommen sei. Der Aberglaube tat das seine: der Beichtvater hielt dem Kaiser vor, es sei Pflicht eines katholischen Herrschers, den Feind der Christenheit auszurotten. All diese verschiedenen Einflüsterungen gingen eigentlich nur von der Kaiserin159-1, von Bartenstein159-2, Seckendorff und dem Prinzen von Hildburghausen aus, die sich zusammengetan hatten und insgeheim alle Hebel in Bewegung setzten. Haß und höfische Ränke führten den Entschluß zu diesem Krieg ohne jeden stichhaltigen Grund herbei. Der Kaiser selbst war einigermaßen erstaunt, sich in ihn verwickelt zusehen.

Der Großherzog von Toskana und frühere Herzog von Lothringen wurde zum Generalissimus der kaiserlichen Heere ernannt. Seckendorff kommandierte unter ihm oder, besser gesagt, er hatte das eigentliche Kommando. Zu Beginn des Feldzuges (1737) nahmen die Kaiserlichen Nissa; darauf beschränkte sich aber ihr ganzes Kriegsglück. Der Prinz von Hildburghausen ließ sich mit seinem Detachement bei Banjaluka schlagen. Khevenhüller hob die Belagerung von Widdin auf. Die Türken überschritten den Timok, bedrängten ihn heftig und griffen seine Nachhut an. Dost Pascha159-3 gewann Nissa zurück, und der Kaiser ließ Doxat enthaupten, der den Platz übergeben hatte, ohne ernsten Widerstand zu leisten.

Gegen Ende des Jahres starb die Königin von England159-4, die sich als Beschützerin der Gelehrten eines guten Rufes erfreute.

Der Feldzug von 1738 war für die Russen und Österreicher gleich unglücklich. Umsonst versuchte Münnich, in der Richtung von Bender nach Bessarabien vorzudringen. Das Land war durch die Tartaren verwüstet; er wagte sich nicht tiefer hinein, da er für seine Truppen dasselbe Unheil befürchtete, das den Schweden dort widerfahren war159-5. In Oczakow richtete die Pest außerordentliche Verheerungen an und zwang ihn, die Stadt zu verlassen. In der Krim vermochte Lacy keine Fortschritte zu machen.

Die schlimme Wendung, die der Krieg in Ungarn nahm, machte den Kaiser verzagt. Er trauerte um den großen Eugen, der im Jahr 1736 gestorben war, und dem er den Ruhm seiner Regierungszeit verdankte. „Ist denn das Glück des Staates“, sagte er, „mit dem Helden gestorben?“ Da er indessen über den unglücklichen Verlauf des Krieges erbittert war, so hielt er sich an seine Heerführer. Seckendorff wurde auf der Festung Graz gefangen gesetzt, und den Befehl über das Heer in Ungarn erhielt Königsegg.

Die Kaiserlichen wurden in mehreren Treffen geschlagen. Die Türken nahmen Alt-Orsowa und Mehadia. Sie schritten auch zur Belagerung von Neu-Orsowa, hoben sie aber wieder auf, da sie bei Kornia zurückgeschlagen wurden. Da jedoch<160> Königsegg sich nach seinem Siege ungeschickterweise zurückzog, so konnten sie die Belagerung wieder aufnehmen. Neu-Orsowa hielt sich nicht lange; die Türken eroberten dort das ganze schwere Geschütz des Kaisers. Es kam dann noch zu einer zweiten Schlacht bei Mehadia, die aber ebensowenig eine Entscheidung brachte wie die erste, in der die Österreicher den kürzeren zogen. Der Kaiser war über seine Verluste empört, wußte aber nicht, wen er dafür verantwortlich machen sollte. Er strafte seine Generale, während er doch die Feldzugspläne von vornherein hätte verwerfen müssen.

Wie die Erfahrung in den Kriegen in Ungarn gezeigt hat, sind alle Heere, die sich von der Donau fortbegeben, dem Mißerfolg ausgesetzt, weil sie sich damit von ihrem Lebensunterhalt entfernen. Als Eugen mit den Türken Krieg führte, tellte er sein Heer niemals. Seitdem ward das anders. Das Verlangen der bei Hofe gut angeschriebenen Generale, getrennte Korps zu befehligen, brachte es dahin, daß das ganze Heer in Detachements zersplittert wurde und nirgends mehr machtvoll auftrat. Die alten Grundsätze wurden vernachlässigt, und die Generale waren um so mehr zu beklagen, als der Hof sie durch die ewigen widerspruchsvollen Befehle, die er ihnen sandte, von einer Ungewißheit in die andere warf. Königsegg wurde ebenso wie sein Vorgänger des Kommandos enthoben; zum Troste machte man ihn zum Oberhofmeister der Kaiserin. Olivier Wallis trat an seine Stelle. Er schrieb an den König von Preußen: „Der Kaiser hat mir den Oberbefehl über sein Heer anvertraut. Der erste, der ihn vor mir führte, sitzt im Gefängnis; der, dem ich nachfolge, ist Eunuch des Serails geworden; für mich bleibt am Schluß meines Feldzugs nur eins: geköpft zu werden.“

Die kaiserliche Armee versammelte sich, 60 000 Mann stark, bei Belgrad (1739). Das türkische Heer war mehr als doppelt so zahlreich. Wallis marschierte auf den Feind los, ohne dessen Stärke genau zu kennen. Ohne irgend einen Schlachtplan zu entwerfen, griff er mit seiner Kavallerie eine starke Janitscharenabteilung durch einen Hohlweg an. Der Feind war in Weinbergen und Hecken bei dem Dorfe Grocka postiert. Wallis ward in dem Engpaß geschlagen, bevor seine Infanterie herauskommen konnte. Sie wurde mit der gleichen Unbesonnenheit zur Schlachtbank geführt. Die Türken konnten aus gedeckter Stellung auf sie schießen. Bei Sonnenuntergang zogen sich die Kaiserlichen zurück und ließen 20 000 Mann auf dem Platze. Hätte das türkische Heer sie verfolgt, so wäre Wallis mit seiner ganzen Truppenmacht verloren gewesen. Der Feldmarschall war ob seines Unglücks so bestürzt, daß er, statt sich zu besinnen, Fehler über Fehler machte. Wiewohl Neipperg mit einem großen Detachement zu ihm gestoßen war, glaubte er sich erst hinter den Wällen von Belgrad in Sicherheit, und auch Belgrad gab er noch auf und ging über die Donau zurück, als der Großwesir nahte. Die Türken fanden auf ihrem Weg keinen Widerstand mehr und belagerten Belgrad.

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Den Mißerfolgen der Kaiserlichen hielten die Fortschritte der Russen das Gegengewicht. Das moskowitische Heer hatte unter Münnichs Führung mehr Glück. Es schlug die Türken bei Chozim, eroberte die Stadt und drang durch die Moldau in die Walachei ein, um sich mit den kaiserlichen Heeren in Ungarn zu vereinigen. Aber der Kaiser war der Unglücksfälle und des Krieges, der ihn mit Schmach bedeckte, überdrüssig; er nahm seine Zuflucht zu Frankreichs Vermittlung, um den Frieden in die Wege zu leiten. Villeneuve, der französische Gesandte an der Pforte, begab sich ins türkische Lager, und die Russen, die durch diesen Schritt in Besorgnis gerieten, sandten einen Italiener namens Cagnoni dorthin.

Karl VI. beauftragte Feldmarschall Neipperg mit den Unterhandlungen. Der Kaiser und der Großherzog von Toskana drangen beide auf rasche Beendigung. Der Feldmarschall hatte Befehl, um jeden Preis Frieden zu schließen. Er war so unvorsichtig, sich ohne jede Sicherheit zu den Türken zu begeben, selbst ohne die Pässe, die man bei solchen Anlässen stets verlangt. Er wurde gefangen genommen und unterzeichnete aus Angst einen voreiligen Frieden, der dem Kaiser das Königreich Serbien und die Stadt Belgrad kostete161-1. Cagnonis festes Auftreten dagegen machte Eindruck auf den Wesir. Der Italiener war so geschickt, gleichzeitig den Frieden für die Moskowiter zustande zu bringen. Die Bedingung war, daß die Zarin Azow und alle übrigen Eroberungen herausgab.

Olivier Wallis hatte sich in seiner Vorhersage nicht sehr geirrt. Er wurde auf der Festung Brunn gefangen gesetzt. Feldmarschall Neipperg, der noch weniger schuldig war, wurde auf die Zitadelle von Raab gebracht. Außer den Befehlen des Kaisers hatte er positive Weisungen vom Großherzog erhalten, das Friedenswerk zu beschleunigen. Der Großherzog fürchtete, der Kaiser, sein Schwiegervater, werde vor Beendigung des Krieges sterben und das werde ihm wegen der strittigen Thronfolge in den Erblanden neue Feinde auf den Hals Hetzen, denen er dann nicht mehr standhalten könnte.

Alsbald brach im Süden ein neuer Krieg zwischen England und Spanien aus, und zwar wegen des Schleichhandels, den die englischen Kaufleute in den unter spanischer Herrschaft stehenden Häfen trieben. Der Streitgegenstand entsprach ungefähr einer Summe von jährlich 50 000 Pistolen. Um sie sich zu wahren, gab jede von beiden Parteien mehr als zehn Millionen aus.

Der König von Preußen hatte an all diesen Kriegen nicht teilgenommen, weder Truppen gestellt noch Subsidien von irgend jemand empfangen. Im übrigen lebte er seit dem Anfall von Wassersucht, den er 1734 erlitten hatte, nur noch durch die Kunst der Ärzte. Gegen Ende des Jahres 1739 verfielen seine Kräfte immer mehr. In diesem kränklichen Zustand traf er ein Abkommen mit Frankreich161-2, das<162> ihm das Herzogtum Berg garantierte, ausgenommen die Stadt Düsseldorf nebst einem Streifen von einer Meile Breite am ganzen Rheinufer entlang. Er begnügte sich mit dieser Teilung um so eher, als seine schwindende Lebenskraft ihm keine Hoffnung mehr ließ, ansehnlichere Erwerbungen zu machen.

Die Wassersucht, die ihn plagte, nahm erheblich zu. Am 31. Mai 1740 starb er mit der Festigkeit eines Philosophen und der Ergebung eines Christen. Bis zum letzten Atemzuge bewahrte er eine bewundernswerte Seelenstärke. Er ordnete seine Angelegenheiten als Staatsmann, verfolgte die Fortschritte seiner Krankheit wie ein Arzt und triumphierte als ein Held über den Tod.

Er hatte im Jahre 1706 Sophie Dorothea geheiratet, eine Tochter Georgs von Hannover, des späteren Königs von England. Dieser Ehe entsprossen Friedrich II., der sein Nachfolger ward; die drei Prinzen August Wilhelm, Heinrich und Ferdinand; Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth; Friederike, Markgräfin von Ansbach; Charlotte, Herzogin von Braunschweig; Sophie, Markgräfin von Schwedt; Ulrike, Königin von Schweden; Amalie, Äbtissin von Quedlinburg.

Die Minister veranlaßten Friedrich Wilhelm, vierzig Verträge oder Abkommen zu unterzeichnen, deren Aufzählung wir uns erspart haben; weil sie zu nichtig sind. Von der maßvollen Art des Königs waren die Minister so weit entfernt, daß sie weniger an die Würde ihres Herrn dachten als an die Mehrung der Einkünfte aus ihren Ämtern.

Ebenso haben wir die häuslichen Kümmernisse dieses großen Fürsten mit Stillschweigen übergangen: um der Tugenden eines solchen Vaters willen muß man einige Nachsicht mit den Fehlern seiner Kinder haben.

Die Politik des Königs war stets untrennlich von seiner Gerechtigkeit. Er war weniger auf Mehrung seines Besitzes bedacht als auf dessen gute Verwaltung, stets zu seiner Verteidigung gerüstet, aber niemals zum Unheil Europas. Das Nützliche zog er dem Angenehmen vor. Er baute im Überfluß für seine Untertanen und wandte nicht die bescheidenste Summe an seine eigene Wohnung. Er war bedachtsam im Eingehen von Verbindlichkeiten, treu in seinen Versprechungen, streng von Sitten, streng auch gegen die Sitten der anderen. Unnachsichtig wachte er über die militärische Disziplin, und den Staat regierte er nach denselben Grundsätzen wie sein Heer. Von der Menschheit hatte er eine so hohe Meinung, daß er von seinen Untertanen den gleichen Stoizismus verlangte wie von sich selbst.

Friedrich Wilhelm hinterließ bei seinem Tod ein Heer von 66 000 Mann162-1, das er durch seine sparsame Wirtschaft unterhielt, gesteigerte Staatseinkünfte, einen woh gefüllten Staatsschatz und in all seinen Geschäften eine wunderbare Ordnung.

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Wenn es wahr ist, daß wir den Schatten der Eiche, der uns umfängt, der Kraft der Eichel verdanken, die den Baum sprossen ließ, so wird die ganze Welt darin übereinstimmen, daß in dem arbeitreichen Leben dieses Fürsten und in der Weisheit seines Wirkens die Urquellen des glücklichen Gedeihens zu erkennen sind, dessen sich das königliche Haus nach seinem Tode erfreut hat.

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Der politische Zustand Brandenburgs einst und jetzt

I
Innere Verfassung

Als Brandenburg heidnisch war, wurde es von Druiden regiert, wie ganz Deutschland in alter Zeit. Die Herrscher der Vandalen, Teutonen und Sueben waren eigentlich die Feldherren ihrer Völker; man nannte sie „Fürsten“, was „Führer“ bedeutet. Die Kaiser, die diese Barbaren unterwarfen, setzten an den Grenzen Statthalter ein, „Markgrafen“ genannt, um das kriegerische und auf seine Freiheit stolze Volk im Zaum zu halten. Aus jenen fernen Zeiten sind so wenige Überlieferungen auf uns gekommen, daß wir, um nicht Sage und Geschichte zu vermengen, uns hier nur mit der Verfassung der Kurmark unter den Hohenzollern beschäftigen wollen. Als die Burggrafen von Nürnberg in die Mark kamen (1412), verweigerten ihnen die unter den früheren Herrschern zügellos gewordenen Edelleute die Huldigung. Von dem Adel, dessen Unabhängigkeit die pommerschen Herzöge unterstützten, drohte dem Kurfürsten Gefahr. Die großen Geschlechter waren mächtig. Sie bewaffneten ihre Untertanen, bekriegten einander und beraubten die Reisenden auf den Landstraßen. Starke, mit Gräben umzogene Burgen dienten ihnen als Schlupfwinkel. Diese kleinen Tyrannen teilten sich in die Herrschermacht und bedrückten ungestraft die Bauern. Da es niemanden gab, dessen Autorität fest genug gestanden hätte, um den Gesetzen Geltung zu verschaffen, herrschte allgemeine Anarchie und größtes Elend im Lande. Die Hauptaufsässigen waren die Familien Quitzow, Putlitz, Bredow, Holtzendorff, Uchtenhagen, Torgow, Arnim, Rochow und Hohenstein. Mit ihnen hatte es Kurfürst Friedrich I. zu tun.

Obgleich Friedrich sich die Stände unterwarf, blieben sie doch stets Herren der Regierung. Sie bewilligten Gelder, setzten die Abgaben fest, bestimmten die Zahl der Truppen, die nur im Notfalle ausgehoben wurden, und besoldeten sie. Sie wurden bei allen Maßnahmen zur Landesverteidigung zu Rate gezogen, und unter ihrem Einfluß stand die Übung der Gesetze und die innere Verwaltung.

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Die Geschichte liefert uns mehr als ein Beispiel von der Macht Her Stände. Kurfürst Albrecht Achilles brauchte 100 000 Dukaten. Er ersuchte die Stände, diese Summe aufzubringen. Zu dem Zweck belegten sie das Bier mit einer Steuer, die sie jedoch nur auf sieben Jahre bewilligten165-1. Später wurde sie erhöht. Sie wurde der Anfang dessen, was wir die „Landschaft“ oder „Allgemeine Bank“ nennen165-2.

Zur Zeit des Kurfürsten Joachim I. erhoben die Stände eine Steuer von den Mühlen, Meierhöfen und Schäfereien zur Ausrüstung von 200 Reitern, die der Kurfürst dem Kaiser für den Türkenkrieg stellte.

Unter Joachim II. war die Macht der Stände so groß, daß sie einige Ämter, auf die der Kurfürst Anleihen aufgenommen hatte, unter der Bedingung einlösten, daß weder er noch seine Nachfolger sie künftig beleihen oder veräußern dürften. Der Kurfürst holte in allen Fragen ihren Rat ein und versprach ihnen sogar, ohne ihre Zustimmung nichts zu unternehmen. Die Stände setzten sich mit Karl V. in Verbindung und erklärten es für unangebracht, daß der Kurfürst sich zum Reichstag begäbe, und Joachim II. verzichtete auf die Reise.

Johann Sigismund und Georg Wilhelm verhandelten mit ihnen über die Frage der Erbfolge in Jülich und Berg165-3. Die Stände ernannten vier Abgeordnete, die den Hof begleiteten, um ihm beratend zur Seite zu stehen und an den Unterhandlungen teilzunehmen, wie auch zur Unterstützung der Kurfürsten, wenn es die Umstände verlangten.

Georg Wilhelm berief die Stände zum letztenmal, um sie zu befragen, ob sie es für gut hielten, daß er sich mit den Schweden verbündete und ihnen die festen Plätze auslieferte, oder ob er sich der Partei des Kaisers anschließen sollte165-4. Seitdem riß Schwarzenberg, der allmächtige Minister eines schwachen Fürsten, alle Autorität des Herrschers und der Stände an sich. Er legte aus eigener Machtvollkommenheit Steuern auf. Den Ständen blieb von ihrem Einfluß, den sie niemals mißbraucht hatten, nichts als das Verdienst einer blinden Unterordnung unter die Befehle des Hofes.

Bis zur Regierung Joachim Friedrichs hatten die Kurfürsten keine andern Berater gehabt als die Stände. Joachim Friedrich schuf einen Geheimen Rat165-5 aus den bisherigen Verwesern der Justiz und der Finanzen, der Reichsgeschäfte und dem Hofmarschall; den Vorsitz führte ein Statthalter. Dieser Geheime Rat war die oberste Instanz für die Gerichtsbarkeit, für Zivil- und Militärangelegenheiten wie für Polizeiverordnungen. Er setzte die Instruktionen für die Gesandten an den auswärtigen Höfen auf. Zwang eine Reise oder ein Krieg den Kurfürsten zum Verlassen seines Landes, so versah der Geheime Rat alle Obliegenheiten des Herrschers. Er<166> erteilte fremden Ministern Audienzen. Mit einem Wort, er besaß die gleiche Macht wie eine Vormundschaftsregierung während der Minderjährigkeit eines Fürsten.

Die Macht des Premierministers und des Geheimen Rates war fast unumschränkt. Unter Georg Wilhelm hatte Graf Schwarzenberg seine Autorität derart gesteigert, daß sie derjenigen der Hausmeier unter den merovingischen Königen gleichkam. Aber er trieb so ungeheuerlichen Mißbrauch damit, daß Kurfürst Friedrich Wilhelm von keinem Premierminister mehr wissen wollte. In der Instruktion von 1651 teilte er jedem Minister seinen besonderen Wirkungskreis zu und stellte zwei Räte in jeder Provinz an, die diese zu verwalten und Rechenschaft zu legen hatten.

Friedrich Wilhelm residierte während der ersten Jahre seiner Regierung in Königsberg in Preußen. Er versah den Geheimen Rat, der in Berlin blieb, mit weitgehenden Instruktionen, der Zeit und den Umständen gemäß. Die Truppen erhielten ihre Befehle von den rangältesten Generalen der Provinz. Die Festungskommandanten unterstanden unmittelbar dem Herrscher.

Beim Tode des Kanzlers Götze166-1 wurde diese Würde abgeschafft, und Otto von Schwerin wurde Oberpräsident des Geheimen Rats (1658)166-2. Die Staatsgeschäfte waren derart verteilt, daß alles, was die Gesetze betraf, vor den Justiz-Staatsrat kam, an dessen Spitze ein Präsident stand. Die Rechtsprechung über die Hofbeamten lag dem Schloßhauptmann ob. Die Finanzen des Kurfürsten wurden von der Domänenkammer verwaltet, die in verschiedene Abteilungen zerfiel; ihre Oberleitung hatte Baron Meinders166-3 und nach ihm Jena166-4.

Ein Konsistorium, das zur Hälfte aus Geistlichen, zur Hälfte aus Laien bestand, verwaltete die kirchlichen Angelegenheiten. Außer den genannten Körperschaften gab es noch eine Lehnskanzlei, die über alle Lehnssachen entschied.

Unter Friedrich I.166-5 blieb so ziemlich alles beim alten, nur mit dem Unterschied, daß er sich stets von seinen Ministem beherrschen ließ. Danckelman, sein früherer Erzieher, wurde Herr des Staates. Nach seinem Sturze folgte ihm Graf Wartenberg in Gunst und Macht166-6. Und ihn hätte Kameke166-7 als Oberkammerherr abgelöst, hätte der Tod des Königs seinem Aufstieg nicht ein Ende gemacht.

Friedrich Wilhelm I. änderte die Form des Staates und der Regierung vollständig. Er beschränkte die Macht der Minister. Nachdem sie zu Lebzeiten seines Vaters die Rolle des Herrn gespielt hatten, wurden sie seine Untergebenen. Die auswärtigen Angelegenheiten wurden Jlgen166-8 und Knyphausen166-9 übertragen. Sie unterhielten den Verkehr mit den fremden Gesandten und korrespondierten mit den preußischen Vertretern an den verschiedenen europäischen Höfen. Sie hatten vor allem die Reichsangelegenheiten, die Grenzfragen zu erledigen und die Rechtsansprüche des Herrscher<167>Hauses zu vertreten. Der Minister von Coccej167-1 stand als Großkanzler ander Spitze der Justiz. Unter ihm leitete Arnim167-2 das Appellationsgericht und die Zivilgerichtsbarkeit in Preußen und Ravensberg, Ratsch167-3 die Kriminaljusiiz.

Oberhofmarschall Printzen167-4 wurde Präsident des Oberkonsistoriums und führte die Aufsicht über Universitäten, fromme Stiftungen, Domkapitel und die Angelegenheiten der Juden.

Von allen Verwaltungszweigen war das Finanzwesen am meisten vernachlässigt. Der König schuf hier eine ganz neue Ordnung. Im Jahre 1723 errichtete er das Generaldirektorium. Diese Behörde zerfällt in vier Abteilungen, deren jeder ein Staatsminisier vorsteht. Ostpreußen, Pommern und die Neumark bildeten nebst dem Postwesen die erste Abteilung unter Grumbkow167-5. Die Kurmark, das Herzogtum Magdeburg, die Grafschaft Ruppin und das Kriegskommissariat bildeten die zweite Abteilung unter Kraut167-6. Die dritte unter Görne167-7 bestand aus den Rhein- und Weserlanden nebst den Salinen. Die vierte endlich, unter Viereck167-8 umfaßte das Fürstentum Halberstadt, die Grafschaft Mansfeld, die Manufakturen, das Stempel-und Münzwesen.

Der König vereinigte das Kommissariat mit dem Finanzdepartement167-9. Früher hatten diese Behörden vierzig Advokaten beschäftigt, um die Prozesse in Gang zu halten, die sie miteinander führten. Dabei wurden die Geschäfte selbst vernachlässigt. Seit ihrer Vereinigung arbeiteten sie gemeinschaftlich zum Wohle des Staates.

Unter diesen Hauptdepartements errichtete der König in jeder Provinz ein Justiz-und ein Finanzkollegium167-10, die den Ministem unterstellt waren. Die Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Justiz und der Finanzen erstatteten täglich Bericht an den König, der als oberste Instanz in allen Fragen entschied. Während seiner ganzen Regierung wurde nicht das kleinste Edikt ohne seine Unterschrift veröffentlicht; auch die kleinste Instruktion verfaßte er selbst.

Er verwandelte alle Lehen in freien Besitz, wofür die Inhaber eine jährliche Abgabe an den Staat zu zahlen hatten167-11.

Friedrich Wilhelm verwandte 4 500 000 Thaler auf die Wiederherstellung Litauens, 6 Millionen auf den Wiederaufbau der Städte seines Landes, auf die Vergrößerung Berlins und die Gründung Potsdams. Er kaufte für 5 Millionen Landgüter, die er zu seinen Domänen schlug.

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Wie Du aus diesem Auszug ersehen kannst168-1, bedarf es der Zeit, um zu etwas Gescheitem zu kommen. Wie viele Jahrhunderte mußten verfließen, bis das preußische Staatsgebiet günstige Gestalt gewann und Ordnung und Gerechtigkeit herrschten! Prüfen wir nun den Ursprung von Preußens Wachstum und die Ursachen, die am meisten dazu beitrugen. Um zu einem sicheren Urteil zu gelangen, will ich im folgen, den die Entwicklung des Finanzwesens von Zeitalter zu Zeitalter, von Regierung zu Regierung ausführlich darlegen. Das soll im nächsten Abschnitt geschehen.

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II
Allmähliche Gebietserweiterung Brandenburgs
Zunahme und Fortschritte der Finanzen

Ursprünglich bestand die Kurmark nur aus der Alt-, Mittel- und Uckermark und der Priegnitz. Außer Betracht bleiben die fränkischen Besitztümer, die bald dazu gehörten, bald abgetrennt wurden zugunsten einer Seitenlinie, die sie noch heute besitzt169-1.

Nach dem Tode des Grafen Wichmann von Lindow, seines Lehnsmannes, zog Joachim I. die Grafschaft Ruppin ein169-2. Sein Sohn, Joachim II., trat zum Protestantismus über und säkularisierte die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Lebus169-3. Er ermaß wohl nicht ganz, wie vorteilhaft die Reformation für seine Nachfolger sein würde. Und doch trug sie viel zu der späteren Vergrößerung des Hauses Brandenburg bei. Johann Georg erbte die Neumark von seinem Oheim, Markgraf Johann, der kinderlos starb169-4. Johann Sigismund oder vielmehr Georg Wilhelm erbte Preußen, das Herzogtum Kleve und die Grafschaften Mark und Ravensberg von seiner Mutter, der Tochter Maria Eleonores von Kleve, die ihrerseits durch den Tod des letzten Herzogs von Kleve, der ohne männliche Erben starb, in den Besitz jener Länder gelangt war169-5. Preußen erbte er durch den Tod Albrecht Friedrichs von Brandenburg, genannt der Einfältige, des letzten Herzogs169-6.

Bisher sehen wir nur Erwerbungen durch Erbschaften oder günstige Eheschließungen. Der Große Kurfürst dehnte seine Macht durch Waffengewalt und Unterhandlungen aus. Im Westfälischen Frieden erwarb er Hinterpommern und wurde für Vorpommern durch die Säkularisation der Bistümer Magdeburg, Halberstadt und Minden entschädigt169-7. Er erntete die Früchte der Reformation. Durch Waffenglück machte er sich zum souveränen Herrscher von Preußen, das bisher unter polnischer Lehnshoheit gestanden hatte169-8. Die Republik Polen erkaufte seine Freundschaft durch Abtretung der Ämter Lauenburg und Bütow169-9. Später verpfändeten die Polen ihm auch das Gebiet von Elbing169-10 und die Herrschaft Draheim für eine ihnen vorgeschossene Summe. Ferner gewann er das Fürstentum Halberstadt und dessen Afterlehen, die Grafschaft Regenstein. Er legte eine Besatzung nach Greetsyhl und faßte dadurch Fuß in Ostftresland, auf das er Anwartschaft hatte169-11.

Ohne Zweifel verdankt das Haus Brandenburg dem Großen Kurfürsten die Macht, zu der es gelangt ist. Aus diesen Beispielen ersiehst Du, daß es die Menschen sind, die<170> die Staaten machen, und daß alle Schöpfer neuer Monarchien große Geister waren, die die Natur nur von Zeit zu Zeit und gleichsam mit Anstrengung hervorbringt.

Friedrich I. kaufte von König August von Polen die Grafschaft Hohenstein und die Ämter Quedlinburg und Petersberg170-1. Auf gleiche Weise erwarb er die Herrschaften Serrey und Tauroggen in Polen. Nach dem Tode König Wilhelms erbte er die Grafschaft Lingen und das Fürstentum Mörs, Herstal und einige andere Besitzungen in Holland170-2. Er kaufte die Grafschaft Tecklenburg; Neuchâtel schloß sich aus freien Stücken an Preußen an170-3. Schließlich brachte Friedrich I. die Königswürde an sein Haus. Das war ein Same des Ehrgeizes, der in der Folge aufgehen sollte.

Friedrich Wilhelm I. erwarb das Herzogtum Geldern im Frieden von Utrecht170-4, Vorpommern mit Stettin nebst den Inseln Usedom und Wollin im Frieden zu Stockholm, der 1720 unterzeichnet ward170-5.

Du übersiehst nun mit einem Blick alle Erwerbungen des Hauses Brandenburg, siehst, wie es mit Riesenschritten seiner Größe entgegenging. Es ist eine ununterbrochene Kette von Glücksfällen. Alle Herrscher scheinen von Geschlecht zu Geschlecht stets das gleiche Ziel vor Augen gehabt zu haben, obwohl sie zu seiner Erreichung verschiedene Wege einschlugen. Staatsklughelt allein leitet Johann Sigismund. Er gründet seine Hoffnung auf eine reiche Heirat, deren Früchte sein Sohn Georg Wilhelm erntet. Friedrich Wilhelm, groß in seinen Ideen und kühn in seinen Unternehmungen, findet Hilfsmittel in einem Lande, das sein Vorgänger für verloren hielt. Er schafft sich einen gesicherten Ruf — die Hauptsache für alle Herrscher —, macht Eroberungen, gibt sie großmütig wieder heraus und verdankt alle seine ErWerbungen offenbar nur seiner Tüchtigkeit und der Achtung ganz Europas. Sein großer Machtzuwachs begann Neid zu erregen. Das Schicksal mußte ihm einen friedliebenden Nachfolger bescheren, damit die Nachbarn sich beruhigten und sich allmählich daran gewöhnten, Preußen unter die Großmächte zu rechnen. Friedrich I. machte zwar einige Erwerbungen, sie waren aber zu unbedeutend, um die Blicke Europas auf sich zu lenken. Selbst seine Schwächen schlugen zum Vorteil seines Hauses aus. Seine Eitelkeit brachte ihm die Königswürde ein, die anfangs ganz chimärisch erschien, in der Folge jedoch die ihr fehlende feste Grundlage erhielt. Friedrich Wilhelm I. eroberte Stettin, ließ es aber bei dieser Erwerbung nicht bewenden, sondern widmete sich den inneren Reformen und vergrößerte seine Macht durch emsigen Fleiß fast ebensosehr, wie irgend einer seiner Vorfahren durch andere Mittel.

Um die Fortschritte in den Finanzen Friedrich Wilhelms recht zu beurteilen, muß ich für einen Augenblick weiter zurückgreifen, um dann schrittweise bis zu seiner weisen Verwaltung zu kommen. Die vergleichende Methode verbreitet das meiste Licht über die Tatsachen, erweitert unsere Kenntnisse und führt zur Gewißheit. Bei diesem<171> kurzen Vergleich wirst Du mit Überraschung sehen, wie sich die Verhältnisse erst allmählich, doch schließlich rasch ändern.

In alter Zeit hatten die Kurfürsten nur einige Domänen, die ihnen auch nur sehr mäßige Einkünfte brachten. Hin und wieder bewilligten ihnen die Stände außerordentliche Gelder nach ihren jeweiligen Bedürfnissen. Dadurch entstanden große Schwankungen in den Jahreseinkünften und ungeheure Verschiedenheiten in den einzelnen Erträgnissen.

Die in der Hofstaatsrentei171-1 erhaltenen Dokumente sind lückenhaft. Bisweilen sind nur Gesamtziffern von zehn und mehr Jahren vorhanden. Zur Bestimmung des durchschnittlichen Jahreseinkommens mußte ich daher die Zahlen durch zehn teilen.

Aus dieser Berechnung ergibt sich, daß in den Jahren 1608 bis 1618 die Einkünfte des Kurfürsten Johann Sigismund sich auf jährlich 248 775 Taler beliefen. Die Mark Feinsilber betrug damals 9 Taler, während sie jetzt einen Wert von 12 Talern hat. Auf unseren Münzfuß umgerechnet, ergäben sich also 331 701 Taler. Wie schon gesagt, erhöhten die Stände diese Summe bisweilen. Ich benutze die gleiche Methode für die folgenden Herrscher. Nehme ich den Durchschnitt der Einkünfte Georg Wilhelms in den Jahren 1619 bis 1640, d. h. 21 Jahre lang, so ergeben sich pro Jahr 119 825 Taler oder nach heutigem Werte 159 767 Taler. Der Rückgang hat seine Ursache in den Verheerungen durch die Kaiserlichen, die Schweden und die ersten besten Kriegsvölker, die während des Dreißigjährigen Krieges die Kurmark überschwemmten. Das Elend des Krieges machte sich noch in den ersten Regierungsjahren des Großen Kurfürsten geltend. Infolgedessen besteht zwischen den Einnahmen dieser Zeit und den späteren ein großer Unterschied. Von 1640 bis 1652, also in einem Zeitraum von 12 Jahren, betrugen die Einkünfte nach unserem Werte nur 191 922 Taler, zehn Jahre später aber schon 341 970. Im Jahre 1673 waren es 402 323 Taler, 1676 bereits 630 462, im Jahre 1678: 1 706 724, im Jahre 1683: 2 183 622 und im Todesjahr Friedrich Wilhelms, 1688: 2 256 876 Taler.

Dieser allmähliche Zuwachs ist teils den Refomen im Finanzwesen zu danken, die der Kurfürst einführte, teils aber auch der Neuerwerbung wohlhabender und ertragreicher Provinzen. Friedrich Wilhelm entschuldete die Domänen und führte die Post ein, deren Einnahmen bei der weiten Strecke von Wesel bis Memel und von Halberstadt bis Hamburg sehr erheblich waren.

Die 1670 in den Städten eingeführte Akzise171-2 wurde zum Unterhalt der Truppen bestimmt. Das führte zur Begründung der Generalfeldkriegskasse, die erst 1676 entstand. Die Kontributionen171-3 wurden 1678 neu geregelt, das Stempelpapiergeld 1683, die Marinekasse 1686 eingeführt. In sie floß ein Viertel vom Gehalt jeder unbesetzten Stelle. Sie wurde zur Bestreitung der kleinen Flotte benutzt, die der Kurfürst unterhielt.

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Früher galt die Mark Feinsilbers in Brandenburg wie im ganzen Reiche stets 9 Taler. Im Jahre 1651 zwangen die schlechten Zeiten den Großen Kurfürsten zu allerlei Notbehelfen, um die dringendsten Ausgaben zu bestreiten. Durch ein Edikt jenes Jahres setzte er einen Zwangskurs für alle im Umlauf befindlichen Münzen fest und ließ für beträchtliche Summen Groschen und Pfennige prägen, deren tatsächlicher Wert ungefähr einem Drittel des Nennwertes entsprach. Da der Kurswert rein imaginär war, wurde er sofort entwertet und sank bis auf die Hälfte herab. Die alten gediegenen Taler stiegen auf 28, ja 30 Groschen172-1, daher unsere Bezeichnung Banktaler.

Im Jahre 1667 besprachen sich die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen172-2 in Zinna und kamen überein, den Münzwert auf neuer Grundlage festzusetzen. Danach sollte die Mark Feinsilbers mit dem sogenannten Remedlum172-3 in allen Geldsorten vom Taler bis zum Pfennig insgemein 10 Taler 16 Groschen gelten. Es wurden Gulden und halbe Gulden geprägt, und die Mark Feinsilbers behielt den Wert von 10 Talern.

Im Jahre 1690 beratschlagte Friedrich I. mit dem Kurfürsten von Sachsen und dem Herzog von Hannover172-4 über Mittel zur Aufrechterhaltung der Übereinkunft von Zinna. Als sie aber die Unmöglichkeit einsahen, setzten sie den Kurswert der Gulden und Achtgroschenstücke auf 12 Taler für die Mark Feinsilbers fest. Dieser Münzfuß, der Leipziger genannt, ist noch heutigen Tages in Geltung.

Im Jahre 1700 betrugen die Einkünfte Friedrichs I. 3 600 004 Taler. Im Jahre 1713, seinem Todesjahr, waren sie bis auf 4 109 565 Taler gestiegen.

Friedrich Wilhelm I. vermehrte sie beträchtlich, indem er Litauen wieder aufhalf, die Sümpfe bei Nauen und in Pommern austrocknete, alle möglichen Manufakturen in den Städten errichtete und Kolonisten ansiedelte, denen er beträchtliche Unterstützungen gewährte. Die Wiederherstellung Litauens kostete ihm 4 500 000 Taler. Er vermehrte seine Domänen durch Ankauf von Landgütern im Betrage von 5 Millionen Talern und verausgabte 6 Millionen Taler zum Wiederaufbau der Städte, zur Vergrößerung Berlins und zur Gründung von Potsdam. Seine Mühe war nicht umsonst. Forscht man in den alten Urkunden nach, so ergibt sich zwar, daß vor dem Dreißigjährigen Kriege 2 847 Bauern mehr als jetzt existierten. Dafür aber zählt man heute 94 Dörfer mehr, ganz abgesehen davon, daß viele elende Nester von damals heute zu blühenden Städten geworden sind. Rechnet man die ganze Ackerbau treibende Bevölkerung zusammen, so hat Preußen jetzt 15 792 Seelen mehr als zur Zeit des Kurfürsten Johann Sigismund.

Als Friedrich Wilhelm starb, betrugen die Staatseinkünfte 7 Millionen Taler.

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III
Das Heerwesen
von seinen Anfangen bis zum Ende der Regierung Friedrich Wilhelms I.

Die ersten Kurfürsten aus dem Hause Brandenburg unterhielten kein stehendes Heer. Sie hatten nur eine berittene Leibwache von hundert Mann und ein paar Fähnlein Landsknechte, die auf die Burgen und festen Plätze verteilt waren, und deren Zahl sie je nach Bedarf erhöhten oder verminderten. Stand ein Krieg zu befürchten, so boten sie und die Stände den Heerbann auf, d. h. sie bewaffneten sozusagen das ganze Land. Der Adel stellte die Reiterei, seine Lehnsleute das Fußvolk, in Schlachthaufen geordnet.

Diese Art der Aushebung und Zusammensetzung der Heere war damals in Europa allgemein üblich. Die Gallier, die Germanen und die Briten hatten es stets so gehalten, und noch heute ist es Brauch bei den Polen. Sie nennen dies allgemeine Volksaufgebot „Pospolite ruszenie“. Auch die Türken haben die alte Gepflogenheit beibehalten. Neben einem stehenden Heer von 30 000 Janitscharen bewaffnen sie im Kriegsfalle stets die Bewohner Kleinasiens, Ägyptens, Arabiens und Griechenlands, die unter ihrer Herrschaft stehen.

Doch kehren wir zur brandenburgischen Geschichte zurück. Als Johann Sigismund auf den baldigen Eintritt des Erbfalles in Jülich und Berg173-1 rechnete, sah er die Notwendigkeit voraus, seine Rechte mit Waffengewalt durchzusetzen. Daher ordnete er ein allgemeines Aufgebot von 787 Reitern an, die sich am Sammelplatze einfanden, und wählte aus ihnen 400 der Gewandtesten aus. Ferner stellte der Adel 1 000 Mann Fußvolk, ungerechnet die Pikeniere unter dem Kommando des Obersten Kracht173-2. Auch die Städte schickten 2 600 Mann ins Feld. Diese Truppen wurden auf Kosten der Stände verpflegt; ihren Sold erhielten sie gewöhnlich nur auf drei Monate, nach deren Verlauf jeder in seine Heimat zurückkehrte. Der Kurfürst ernannte die Offiziere. Sobald die Notwendigkeit der Kriegsbereitschaft aufhörte, wurden die Truppen sogleich entlassen.

Die stürmische Regierungszeit Georg Wilhelms bietet mehrere Beispiele dieser Art von Rüstungen.

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Im Jahre 1620174-1, während des Dreißigjährigen Krieges, warben die Stände Truppen an und ermächtigten sie, sich die Mittel zu ihrem Unterhalt im ganzen Lande beizutreiben. Die Bauern wurden angewiesen, ihnen je einen Pfennig zu geben, so oft sie betteln kamen, und sie durchzuprügeln, wenn sie sich damit nicht begnügten. Was war der Erfolg dieses lächerlichen Verfahrens? Der Herrscher züchtete sich statt Soldaten eine Horde von Bettlern.

Im Jahre 1623 befahl der Hof durch ein Edikt allen Untertanen mit Ausnahme der Priester und Schöffen, sich mit Waffen und Gepäck an einem näher bezeichneten Ort einzufinden, wo sie von Kommissaren einer Musterung unterzogen werden sollten. Aus ihnen wurden 3 900 Mann ausgewählt, die man in 25 Kompagnien Infanterie und 10 Schwadronen einteilte.

Nach dem Frieden von Prag (1635) bewog Graf Schwarzenberg Georg Wilhelm, seine Truppen zu verstärken. Die Mittel zu ihrem Unterhalt sollten Subsidien liefern, die Spanien und der Kaiser zahlten. Nach dem Plan des Ministers sollte das Heer auf 25 000 Mann gebracht werden. Die Aushebungen fanden statt, und die Truppen leisteten dem Kaiser und dem Kurfürsten den Treueid. Bei ihrer Musterung in Neustadt-Eberswalde (1638) wurde eine Zählung vorgenommen, die folgendes Ergebnis hatte:

Infanterie
Rang der FührerNamen der RegimenterAnzahl der Fußsoldaten
GeneralKlitzing174-2850
OberstenKracht174-3960
Burgsdorff174-41 300
Dargitz174-5700
Volckmann174-6700
Dietrich Kracht660
Rochow174-7980
OberstleutnantsMengzeis550
Waldow174-81 300
Kehrberg174-9
 Gesamtzahl der Fußsoldaten8 000
<175>
Kavallerie
FührerNamen der RegimenterAnzahl der Reiter
OberstenHans Rochow500
Ehrentreich Burgsdorff175-1500
OberstleutnantsPotthausen175-2500
Schapelow175-3350
Goldacker175-4160
Erichson175-5350
Vorhauer175-6190
 Dragoner350
 Gesamtzahl der Reiter2 900

Klitzing, der diese Armee befehligte, ist der erste General, den die Geschichte Brandenburgs nennt. Die Truppen wurden je nach den Zeitläuften, Mitteln und Gelegenheiten vermehrt oder vermindert, doch überstieg ihre Fahl niemals 11 000 Mann. Bei seinem Tode hinterließ Georg Wilhelm seinem Sohne folgende Armee:

InfanterieKavallerie
Namen der RegimenterAnzahl der SoldatenNamen der RegimenterAnzahl der Soldaten
Burgsdorff175-7800Goldacker175-11900
Kracht175-8600Lütkke175-12600
Volckmann800Rochow175-131 000
Trott175-91 200
Goldacker175-10200
Gesamtzahl d. Fußsoldaten3 600Gesamtzahl der Reiter2 500

Friedrich Wilhelm kam unter den traurigsten Verhältnissen zur Regierung. Um seinen von Geld und Menschen entblößten Provinzen wieder aufzuhelfen, nahm er Truppenentlassungen vor. Die Kavallerie, die sich weigerte, den ordnungsmäßigen<176> Eid zu leisten, wurde verabschiedet. Um sich dem Kaiser gefällig zu erweisen, trat ihm der Kurfürst 2 000 Reiter ab. Er behielt nur 200 Reiter und 2 000 Mann Fußvolk, die das Leibregiment, sowie die Regimenter Burgsdorff, Trott und Ribbeck176-1 bildeten.

Friedrich Wilhelm war der erste Kurfürst, der ein stehendes Heer unterhielt. Die Infanteriebataillone setzten sich aus 4 Kompagnien zu je 150 Mann zusammen. Ein Drittel der Bataillone war mit Piken, der Rest mit Musketen bewaffnet. Die Infanterie trug Uniformen und Mäntel. Die Reiter versahen sich selbst mit Waffen und Pferden. Sie trugen halbe Rüstung176-2, rückten schwadronsweise ins Feld und führten vielfach Kanonen mit.

Im Jahre 1651 entstand ein Streit zwischen dem Kurfürsten und dem Pfalzgrafen von Neuburg wegen der klevischen Erbschaft176-3. Aus diesem Anlaß vermehrte der Kurfürst seine Truppen. Er hob 52 Kompagnien Kavallerie und 82 Kompagnien Infanterie aus. Auch trat Graf Wittgenstein176-4 in seine Dienste mit den Kavallerieregimentern Wittgenstein, Storckow und Osten, und den Infanterieregimenten Pissart, Hanau und Maillard. Nach Beilegung der Zwistigkeiten mit dem Pfalzgrafen entließ der Kurfürst die Mehrzahl seiner Truppen.

Kurz darauf (1655) brach ein Krieg zwischen Karl Gustav und der Republik Polen aus176-5, der zu neuen Aushebungen führte. Mit Hilfe schwedischer Subsidien gab sich der Kurfürst alle Mühe, eine Armee auf die Beine zu bringen. Nach den Archiven belief sich damals die Kavallerie auf 14 400 Pferde. Diese Zahl scheint stark übertrieben. Was sie dennoch glaublich machen könnte, sind die Namen der Führer und der Truppenteile, die uns erhalten geblieben sind. Es waren dies die Garden, die Generale Waldeck, Kannenberg176-6, Derfflinger176-7, die Obersten Lottum, Spaen, Siegen, Manteuffel, Schenck, Wallenrodt, Strantz, Reinau, Halle, Eller, Quast, und die Dragonerregimenter Waldeck, Kanitz, Kalckstein, Lesgewang, Lehndorff, Sack und Schlieben. Da der Kurfürst die Absicht hatte, die Polen anzugreifen, deren Hauptsiärke in der Kavallerie lag, ist es wohl möglich, daß er sie mit gleichen Waffen bekämpfen und ihnen ein Korps entgegenstellen wollte, das imstande war, ihnen Respekt einzuflößen. Seine Infanterie belief sich auf 10 600 Mann. Sie bestand aus der Leibgarde, dem Regiment des Feldzeugmeisiers Sparre176-8, sowie den Regimentern Waldeck, Trott, Graf Waldeck, Kalckstein, Klingsporn, Dobeneck, Götze, Hugt und Eulenburg. Während des ganzen Krieges, den der Kurfürst mit den Schweden gegen Polen führte, hatte Waldeck als Generalleutnant den Oberbefehl über die branden<177>burgischen Truppen177-1. Ein Teil der Armee folgte dem Kurfürsten nach Polen; der Rest wurde in den Provinzen verteilt.

Nachdem Friedrich Wilhelm mit Polen Frieden geschlossen, eilte er dem König von Dänemark zu Hilfe, den Karl Gustav in Kopenhagen belagerte. Er marschierte selbst nach Holstein mit 4 000 Mann Infanterie und 12 000 Reitern, die zur Hälfte kaiserliche Kürassiere waren177-2.

Nach dem Frieden von Oliva nahm der Kurfürst wieder eine Verminderung seiner Truppen vor, doch nicht in erheblichem Maße. Die zahlreichen Generale, die er seitdem hatte, beweisen, daß eine entsprechende Anzahl Soldaten vorhanden gewesen sein muß. Feldmarschall Sparr ist der Erste seines Ranges in Brandenburg. Die Generale der damaligen Zeit sind folgende: Feldzeugmeister Derfflinger, die Generalleutnants Fürst Johann Georg von Anhalt177-3, Graf Dohna177-4, Baron Kannenberg und von der Goltz177-5, die Generalmajore von Pfuel177-6, von Bawyr177-7, von Görtzke177-8, von Quast177-9, von Eller177-10, von Spaen177-11 und von Trott.

Bei Beginn des Krieges von 1672 besaß der Kurfürst eine Armee von 23 562 Mann. Die Zahl der Soldaten, mit der er dem Kaiser ins Elsaß zu Hilfe kam, betrug 18 000. In der Folge vermehrte er seine Truppen bis auf 26 000 Mann. Mit ihnen führte er die ruhmreichen Feldzüge in Pommern, das er eroberte, und in Preußen, aus dem er die Schweden vertrieb.

Als Friedrich Wilhelm die Regierung antrat, ließ die Besoldung und Verpflegung der Truppen sehr viel zu wünschen übrig. Dieser Zustand dauerte bis zum Jahre 1667, wo der Finanzminister Grumbkow die Akzise in den Städten einführte177-12. Das daraus gewonnene feste Einkommen floß der Kriegskasse zu. Die Löhnung des gemeinen Soldaten betrug bis anderthalb Taler monatlich; auch die Besoldung der Offiziere war recht gering. Während des polnischen Krieges und des Krieges von 1672 unterhielt Friedrich Wilhelm seine Truppen zum Teil mit Hilfe schwedischer, österreichischer, spanischer und französischer Subsidiengelder. Seit 1676 aber steigerten sich seine Einkünfte durch die Akzise, die Erwerbung des Herzogtums Magdeburg und die Besserung der Verhältnisse in den Provinzen, die sich allmählich von den Schlägen des Dreißigjährigen Krieges erholten. Alle diese Hilfsquellen, deren Erträgnisse gut verwaltet wurden, setzten ihn in den Stand, aus eigenen Mitteln ein recht ansehnliches Heer zu unterhalten.<178> Beim Tode des Großen Kurfürsten war der Bestand der Armee folgender:

Infanterie
Namen der RegimenterBatailloneNamen der RegimenterBataillone
Leibgarde6Übertrag22
Kurfürstin2Barfus2
Kurprinz2Zieten2
Markgraf Philipp2Kurland2
Anhalt2Belling2
Derfflinger2Varenne2
Holstein2Pöllnitz2
Spaen2Cournuaud2
Dönhoff2Briquemault2
Summe22Gesamtzahl der Infanterie35
Kavallerie
Namen der RegimenterSchwadronenNamen der RegimenterSchwadronen
Kürassiere Übertrag23
Garde du Corps2Lüttwitz3
Grand Mousquetaires178-12Du Hamel3
Grenadiere zu Pferd1Prinz Heinrich v. Sachsen3
Leibregiment3Gesamtzahl der Kürassiere32
Kurprinz3  
Anhalt3  
Derfflinger3Dragoner 
Spaen3Leibregiment4
Briquemault3Derfflinger4
Summe23Gesamtzahl der Kavallerie40
<179>

Außerdem standen in den Festungen noch folgende Truppen:

in Memel3 Kompagnien,
„ Kolberg4 „
„ Küstrin4 „
„ Spandau2 „
„ Peitz3 „
„ Friedrichsburg1 „
„ Frankfurt1 „
Zusammen18 Kompagnien.

Während der Regierung des Großen Kurfürsten bestand ein Bataillon aus 4 Kompagnien, eine Kompagnie aus 150 Mann. Nach dieser Berechnung zählte also ein Bataillon 600 Köpfe. Die Feldtruppen betrugen demnach 21 000 Mann Fußvolk, die Besatzungtruppen 2 700 und die Kavallerie, die Schwadron zu 120 Pferden gerechnet, 4 800 Mann. Der Gesamtbestand der Armee belief sich also auf 28 500 Soldaten.

Die Infanterie focht damals fünf bis sechs Glieder tief. Die Pikeniere bildeten den dritten Teil eines Bataillons; die übrigen Soldaten waren mit deutschen Musketen bewaffnet. Die Infanterie, die übrigens recht schlecht bekleidet war, trug außer der Uniform lange Mäntel, auf den Schultern gerollt und zusammengefaltet, ähnlich wie die römischen Konsulare auf antiken Büsten. Bei Beginn des berühmten Winterfeldzugs in Preußen ließ der Große Kurfürst an das ganze Fußvolk Stiefel verteilen.

Die Kavallerie trug noch die alte Rüstung, die natürlich ganz ungleichmäßig war, da jeder Reiter sich Pferd, Waffen und Kleidung selbst beschaffen mußte. So hatte sie denn ein recht seltsames, buntscheckiges Aussehen. Friedrich Wilhelm scheint seine Reiterei dem Fußvolk vorgezogen zu haben. An ihrer Spitze kämpfte er in den Schlachten bei Warschau und Fehrbellin. Sein Vertrauen auf diese Waffe war so groß, daß die Kavallerie nach den Berichten häufig Kanonen mit sich führte. Es leuchtet ein, daß solche Bevorzugung ihre Gründe hatte. Der Kurfürst kannte die Bodenbeschaffenheit seiner Lande, die meist eben sind, und wußte, daß das Militär der Nachbarvölker, besonders der Polen, vorwiegend aus Kavallerie besieht. Darum legte er auf die Reiterei größeren Wert, da sie allgemeinere Verwendungsmöglichkeiten bot.

Zur Zeit Friedrich Wilhelms legte man keine Magazine an. Das Land, in dem Krieg geführt wurde, mußte den Unterhalt des Heeres, Sold wie Lebensmittel, liefern. Lager wurde nur dann bezogen, wenn der Feind anrückte und eine Schlacht stattfinden sollte oder konnte. Verließ man ein Land, so war es ausgeplündert. Die hin und her ziehenden Armeen brandschatzten eine Provinz nach der anderen. Und<180> die Kriege zogen sich um so länger hin, je kleiner die Armeen waren, je weniger kostspielig ihr Unterhalt, und je mehr die Generale Gelegenheit fanden, sich dadurch zu bereichern.

Unter den Generalen des Großen Kurfürsten genossen der alte Derfflinger und Fürst Johann Georg von Anhalt das größte Ansehen. Wäre im Jahre 1673 der Rat des Fürsten von Anhalt befolgt worden, so hätte der Kurfürst Turenne angegriffen und ihn vielleicht geschlagen180-1. Der Fürst von Anhalt galt als klug und Derfflinger als unternehmend. Der letztere leistete seinem Gebieter besonders wertvolle Dienste bei dem Überfall von Rathenow, bei der Verfolgung der Schweden nach der Schlacht von Fehrbellin und beim Winterfeldzug in Preußen, wo er rastlos die Truppen zu größerer Eile anspornte. Nächst Derfflinger waren die angesehensten Generale Görtzke, der die Schweden bei Splitter überraschte, und Tressenfeld, der sie völlig aus Preußen vertrieb180-2.

Die Kunst regelrechter Anlage von Festungen, ihrer Belagerung und Verteidigung war gänzlich unbekannt. Der Kurfürst hatte nicht einmal einen mäßigen Ingenieur in seinen Diensten. Er lag sechs Monate vor Stettin, obschon die Stadt recht schlecht befestigt war180-3. Die Einnahme von Stralsund gelang nur dadurch, daß er die Stadt mit Bomben in Brand setzte180-4. Die Festungswerke, mit denen er Berlin umgab, waren schlecht gebaut. Sie hatten lange Wallinien und Bastione mit flachen Winkeln, sodaß kein Werk flankiert wurde.

Es geht mit der Kriegskunst wie mit anderen Künsten: sie wird nicht mit einem Schlage vollkommen. Genug, daß der Große Kurfürst strategische Leistungen vollbracht hat, die für alle Zeiten den geschicktesten Heerführern zum Muster dienen werden.

Während der Regierung Friedrichs, des ersten Königs von Preußen, wurde die Armee häufig vermehrt und vermindert. Die fremden Subsidien waren das Thermometer, nach dem ihre Zahl stieg und sank. Nach dem Tode des Großen Kurfürsten fand zunächst eine Vermehrung der Truppen statt. Die Kompagnien jedes Bataillons wurden auf 5 erhöht und 7 neue Bataillone ausgehoben, und zwar je zwei Bataillone Lottum, Schomberg und Dohna, und ein Bataillon Sydow. Auch die Kavallerie erhielt 20 neue Schwadronen, und zwar die Garde du Corps 2, die Regimenter Bayreuth und Schöning je 3, die Regimenter Ansbach, Sonsfeld und Brandt je 4.

Ein Jahr darauf (1689) traten 10 brandenburgische Bataillone und 6 Schwadronen in holländische Dienste über. Nach dem Frieden von Ryswik (1697) wurden die Bataillone auf je 4 Kompagnien, die Stärke einer Kompagnie auf 80 Mann herabgesetzt, sodaß im ganzen 80 Kompagnien Infanterie und Kavallerie entlassen wurden. 1699 erhielt jedes Bataillon wieder 5 Kompagnien. 1702 traten die Regi<181>menter Alrecht Friedrich, Varenne, Schlabrendorff, Anhalt-Zerbst und Sydow mit je 12 Kompagnien in holländische Dienste und blieben dort während des ganzen Spanischen Erbfolgekrieges. 1704 und 1705 brachte der König alle Kürassierregmenter auf 3, alle Dragonerregimenter auf 4 Schwadronen.

Beim Tode des Königs bestand die Armee aus folgenden Regimentern:

InfanterieKavallerie
Namen der RegimenterBatailloneNamen der RegimenterSchwadronen
Weiße Grenadier-Garde181-12Kürassiere
Füsilier-Garde3Garde du Corps429
Königs-Regiment4Gensdarmes1
Markgraf Albrecht Friedrich2Leibregiment3
Markgraf Christian Ludwig2Kronprinz3
Anhalt-Dessau2Markgraf Friedrich3
Holstein2Wartensleben3
Lottum2Heiden3
Alt-Dohna2Schlippenbach3
Prinz von Hessen1Bayreuth3
Jung-Dohna2Katte3
Arnim2
Dönhoff2Dragoner
Finckenstein2Leibregiment424
Varenne1Markgraf Albrecht4
Du Troussel1Ansbach4
Grumbkow1Derfflinger4
Truchseß1Pannewitz4
Heiden1von der Albe4
Markgraf Heinrich1
Anhalt-Zerbst1Gesamtzahl der Kavallerie 53
Gesamtzahl der Infanterie38Garnisonkompagnien18

Im ganzen betrug die Armee 30 000 Mann. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurden die Piken abgeschafft und durch spanische Reiter ersetzt. Die Piken nützten allein bei der Verteidigung von Infanterie gegen Kavallerie. Bei Belagerungen, in Verschanzungen und bei hundert anderen Gelegenheiten waren die Pikeniere<182> nicht zu gebrauchen. Die alten Offiziere, die seit langem an die Piken gewöhnt waren, mochten die liebgewonnene Waffe nicht aufgeben. Aber der Krieg vervollkommnet sich nun einmal, und so trennte man sich sogar von den Musketen, da die Lunten oft im Regen verlöschten. Sie wurden durch Flinten182-1 ersetzt.

Unter der Regierung Friedrichs I. befestigte sich auch die Disziplin derTruppen. In Flandern und in Italien gewöhnten sie sich an den Krieg. Die Offiziere, die in Flandern fochten, lernten ihr Handwerk von den Holländern, die damals unsere Lehrmeister waren. Auch die große Sauberkeit, die die englischen Truppen auszeichnete, fand Nachahmung.

Der Generalfeldzeugmeister Markgraf Philipp Wilhelm war der erste, der auf den Körperwuchs der Leute Wert legte. Die Grenadierkompagnien seines Regiments übertrafen an Größe das gewöhnliche Maß. Der Fürst von Anhalt folgte seinem Beispiel, ebenso der Kronprinz. Seitdem fingen die Offiziere an, sich ihre Leute auszusuchen, und man nahm nur noch große, gesunde und kräftige Menschen.

Alle Truppen trugen Uniform. Wer bei der Kavallerie dienen wollte, bezahlte zwar eine Summe für die Annahme, aber Waffen und Kleidung erhielt er auf Kosten der Krone.

Die Infanteristen waren im Felde außerordentlich schwer bepackt. Außer Waffen und Mantel trugen sie ihr Zelt, Tornister und spanische Reiter. Sie fochten noch in vier Gliedern.

Der Fürst von Anhalt, der unter Prinz Eugen gekämpft hatte, im Reich wie in Italien und Flandern, hatte das Waffenhandwerk gründlich studiert. Wie aus der Geschichte hervorgeht, befehligte er häufig die preußischen Hilfstruppen. Er hielt auf straffe Zucht und strenge Beobachtung der Subordination, die die Hauptstärke jeder Armee ausmacht. Doch beschränkte sich seine Fürsorge auf die Infanterie, die Kavallerie wurde sehr vernachlässigt.

Die zahlreichen Offiziere, die in festungsreichen Ländern gekämpft hatten, wo es sich nur um Angriff und Verteidigung von Städten handelt, lehrten uns endlich die Befestigungskunst. Viele erwarben hinreichende Kenntnisse, um den Angriff und die Anlage von Laufgräben leiten und eine belagerte Festung verteidigen zu können. Friedrich I. ließ Magdeburg und Wesel nach dem System von Vauban182-2 und Coehoorn182-3 befestigen. In seinem Dienste standen General Schöning182-4, Kommandant von Magdeburg, der dies Gebiet des Kriegswesens ausgezeichnet beherrschte, und Bodt182-5, dem man allerdings vorwarf, er sei mehr ein geschickter Maurer als ein kluger Ingenieur.

Die Kriege in Flandern, am Rhein und in Italien haben viele bedeutende Offiziere bei den Preußen hervorgebracht. Markgraf Karl, der in Italien starb182-6 bedeckte sich in der Schlacht von Neerwinden (1693) mit Ruhm. Sehr angesehen war<183> General Lottum. Er führte Detachements der flandrischen Armee und fiel in der Schlacht bei Malplaquet (1709)183-1. In der gleichen Schlacht tat sich Graf Finck183-2 hervor. Er nahm die Verschanzung der Franzosen und hielt sich darin, obwohl die kaiserliche Kavallerie dreimal zurückgetrieben wurde. In der Schlacht von Oudenaarde (1708) durchbrach General Natzmer183-3 mit den Gensdarmes drei Treffen der französischen Kavallerie und vollbrachte Wunder der Tapferkeit.

Aber alle überragte der Fürst von Anhalt. Er verrichtete die glänzendsten Taten und besaß das Vertrauen der gesamten Armee. Er rettete bei Höchstädt (1703) die Armee Styrums durch einen geschickten Rückzug, von dem wir an seiner Stelle gesprochen haben183-4 und trug viel zum Gewinn der zweiten Schlacht von Höchstädt bei (1704), die den Franzosen so verderblich wurde. Schließlich erkannte ihm Prinz Eugen das Hauptverdienst am Siege von Turin (1706) zu183-5. In ihm paarte sich große Klugheit mit seltener Tapferkeit. Er besaß viele hervorragende Fähigkeiten, aber keine guten Eigenschaften.

Derart etwa war die Armee und die Generale, die sie führten, als Friedrich Wilhelm, der zweite König von Preußen, den Thron bestieg. Er erhöhte die Löhnung der Soldaten auf zwei Taler monatlich, außerdem erhielten sie sechs Groschen für Hemden, Gamaschen, Schuhe und dergleichen.

Im Jahre 1714 wurden die Infanteriekompanien auf je 120 Mann gebracht. 1715 errichtete der König das Regiment Prinz Leopold183-6 aus den Gefangenen des Krieges gegen Karl XII. 1718 verstärkte er sämtliche Kavallerieregimenter auf 5 Schwadronen. Eine Schwadron bestand aus zwei Kompagnien, eine Kompagnie aus 60 Reitern. 1717 hob er das Dragonerregiment Schulenburg aus, das 5 Schwadronen stark war, und tauschte zwölf japanische Vasen gegen ein Dragonerregiment ein, das der König von Polen entlassen wollte. Sein Kommandeur wurde General Wuthenow183-7; es hieß seitdem das Porzellanregiment. Im Jahre 1725 wurden die Grenadierregimenter zu Pferde Schulenburg, Wuthenow und Platen verdoppelt, sodaß sie fortan je 10 Schwadronen zählten.

Von 1723 bis 1734 vermehrte der König die Infanterie um einen Offizier für jede Kompagnie. Neu ausgehoben wurden die Regimenter Dossow, Thiele, Mosell, Bardeleben, und die Bataillone Beaufort und Kröcher. Ferner wurde jedem Bataillon eine Kompagnie Grenadiere zu 100 Mann beigefügt. Die Artillerie wurde in 2 Bataillone eingeteilt, deren eines für den Felddienst, das andere für die Festungen bestimmt wurde. Ferner schuf der König eine Miliz von 5 000 Mann183-8, deren Offiziere und Unteroffiziere halben Sold erhielten. Diese Truppen versammelten<184> sich alljährlich zu vierzehntägigen Übungen. Nach all diesen Vermehrungen zahlte die preußische Armee im ganzen 72 000 Soldaten184-1. Das war ihr Bestand am 31. Mai 1740.

Sie setzte sich aus folgenden Truppen zusammen:

Infanterie
Namen der RegimenterBatailloneNamen der RegimenterBataillone
Garde3Übertrag38
Kronprinz2Alt-Borcke2
Prinz Karl2Schwerin2
Anhalt-Dessau3Derschau2
Glasenapp2Kleist2
Holstein2Markgraf Heinrich2
Bredow2Anhalt-Zerbst2
Flanß2Sydow2
Prinz Dietrich2Prinz Leopold von Anhalt-Dessau2
Röder2
Grävenitz2Dohna2
Wedell2Jeetze2
Marwitz2Kalckstein2
Lehwaldt2Jung-Borcke2
Dönhoff2Dossow2
Glaubitz2Kröcher1
Leps2Beaufort1
La Motte2Artillerie1
Summe38Gesamtzahl der Infanterie67
Kavallerie
Namen der RegimenterSchwadronenNamen der RegimenterSchwadronen
Kürassiere Übertrag10
Gensdarmes5Leibregiment5
Prinz Wilhelm5Karabiniers5
Summe10Summe20
<185>
Namen der RegimenterSchwadronenNamen der RegimenterSchwadronen
Übertrag20Übertrag 60
Buddenbrock5Dragoner
Katte5Schulenburg, Grenadiere1045
Bredow5Bayreuth10
Alt-Waldow5Platen10
Geßler5Thümen5
Markgraf Friedrich5Möllendorff5
Jung-Waldow5Sonsfeld5
Prinz Eugen von Anhalt5Husaren
Gesamtzahl der Kürassiere60Wurmb32
  Bronikowski3
  Gesamtzahl der Kavallerie 111
Garnisonregimenter
Artillerie1 Bataillon,
de l'Hôpltal in Memel1 „
Wobeser in Pillau1 „
Sack in Colberg1 „
Persode in Magdeburg1 „
Zusammen5 Bataillone.

Die ganze Armee, Infanterie wie Kavallerie, wurde in die Städte gelegt, um die Disziplin einzuführen und aufrechtzuerhalten. Der König erließ ein Reglement, das jedem Offizier seine Obliegenheiten vorschrieb. Für dessen Befolgung sorgte er selbst. An der Spitze aller Truppenteile standen durch Alter und Erfahrung angesehene Offiziere, die durch ihr Beispiel und ihre Strenge die Subordination befestigten. Alljährlich hielt der König eine Truppenschau ab und ließ sich allerhand Exerzierübungen vorführen. So war er selbst sein Armee-Inspekteur und vor Täuschung sicher.

In der ersten Zeit, als die neuen Exerzitien eingeführt wurden, war den Offizieren die einfache Lehrmethode, die man später dafür gefunden hat, noch unbekannt. Sie prügelten die Ordnung in ihre Leute hinein, und das machte die Arbeit schwer und langwierig. In allen Regimentern wurde das Offizierkorps von Elementen gesäubert, deren Herkunft oder Führung sie zu einem Handwerk von Ehrenmännern ungeeignet machte. Seitdem duldete das Ehrgefühl der Offiziere nur noch Männer ohne Tadel unter ihresgleichen.

<186>

Die Bataillone waren in vier Gliedern formiert, schossen aber in drei Gliedern. Das Bataillon bestand aus vier Divisionen zu je zwei Zügen, außerdem aus einer Grenadierkompagnie.

Der Fürst von Anhalt, der das Kriegshandwerk gründlich verstand, hatte bemerkt, daß die Gewehre nicht ausgiebig genug gebraucht wurden. Er führte eiserne Ladestöcke ein und brachte den Soldaten eine unglaubliche Feuergeschwindigkeit bei. Von 1733 ab schoß das erste Glied mit aufgepflanztem Bajonett.

Das Exerzieren spielte sich nun folgendermaßen ab. Zunächst wurden die Griffe geübt. Dann wurde zugweise und divisionsweise gefeuert. Dann wurde unter langsamem Vorrücken in gleicher Weise gefeuert, ebenso im Zurückgehen. Danach wurden zwei Karrees formiert, ein vor dem Feinde unausführbares Manöver. Den Schluß bildete ein ganz unnützes Heckenfeuer186-1. Immerhin wurden alle Übungen im Bataillon schon mit der Präzision eines tadellosen Uhrwerks ausgeführt.

Der König schaffte die Mäntel ab und verkürzte die Röcke der Infanterie. Zur Erleichterung des Marschierens erhielt jede Kompagnie zwei Packpferde zum Tragen der Zelte und der Decken für die Soldaten.

In allen Provinzen errichtete der König in weiser Voraussicht Vorratsmagazine186-2, um bei einer Teuerung das Volt zu versorgen. Dadurch hatte er auch im Kriegsfall gefüllte Magazine.

Um 1730 stieg die Leidenschaft für großgewachsene Menschen in einer Weise, die späteren Zeiten kaum glaublich erscheinen wird. Der gewöhnliche Preis eines Mannes von 5 Fuß 10 Zoll nach rheinischem Fuß betrug 700 Taler. Ein Mann von 6 Fuß wurde mit 1 000 Talern, ein größerer noch bedeutend höher bezahlt. Es gab mehrere Regimenter, die keine Leute unter 5 Fuß 8 Zoll einstellten. Der kleinste Mann der Armee maß gut 5 Fuß 6 Zoll.

Die Aushebung fand im ganzen Lande regellos statt, was zu tausend Prozessen zwischen den Regimentern führte. Um Ordnung zu schaffen, teilte der König 1733 alle Provinzen in Kantons ein. Diese wurden den Regimentern zugewiesen, die aus ihnen jährlich 30 Mann in Friedenszeiten und bis zu 100 im Kriegsfalle ennehmen durften. So wurde die Armee unsterblich, indem sie einen festen Grundstock erhielt, aus dem sie sich seither ohne Unterbrechung verjüngt hat.

Die Kavallerie bestand wie die Infanterie aus übermäßig großen Menschen, die auf riesigen Pferden saßen. Kolosse auf Elefanten, die weder zu reiten noch zu kämpfen verstanden. Es gab keine Musterung, bei der nicht der eine oder andere Reiter aus Ungeschicklichkeit aus dem Sattel fiel. Sie waren nicht Herren ihrer Pferde, und ihre Offiziere hatten keinen Begriff vom Kavalleriedienst, keine Ahnung vom Kriege, kein Verständnis für die Geländebenutzung und weder theoretische noch praktische Kenntnisse in den Manövern, wie sie die Kavallerie an einem Schlachttage<187> auszuführen hat. Diese braven Offiziere glichen Landwirten, die ihre Kompagnien wie Pachtgüter betrachteten, aus denen sie möglichst viel herauszuschlagen suchten.

Außerdem war die Armee auch durch den langen Frieden heruntergekommen. Im Anfang der Regierung Friedrich Wilhelms hatte man die Ordnung und Disziplin bei den Regimentern verbessert. Als es aber nach dieser Richtung nichts mehr zu tun gab, verlegte man sich auf Äußerlichkeiten. Der Infanterist putzte sein Gewehr und seine Ausrüstung spiegelblank, der Reiter gab seinem Zaumzeug, seinem Sattel und sogar seinen Stiefeln die glänzendste Politur. Die Mähnen der Pferde wurden mit Bändern durchflochten. Und schließlich wurde die Sauberkeit, die an sich ja sehr wichtig ist, aufs lächerlichste übertrieben. Hätte der Friede länger als bis 1740 gedauert, so wären wir wohl heute bei Schminke und Schönheitspflästerchen angelangt. Noch viel trauriger aber war es, daß darüber die höhere Kriegskunst ganz in Vergessenheit geriet und das Interesse von Tag zu Tag mehr in Kleinigkeiten unterging.

Trotz all dieser Mißstände war die Infanterie gut. Bei ihr herrschte größte Ordnung und strenge Disziplin. Aber die Kavallerie war gänzlich verwahrlost. In der Schlacht von Malplaquet hatte der König die kaiserliche Kavallerie dreimal zurückweichen sehen187-1, und bei den Belagerungen von Menin, Tournai und Stralsund gab es für die Kavallerie keine Gelegenheit, sich hervorzutun. Der Fürst von Anhalt war in ähnlichen Vorurteilen befangen. Er konnte der Kavallerie Styrums den Mißerfolg in der ersten Schlacht bei Höchstädt187-2 nicht verzeihen und hielt diese Waffe für zu unzuverlässig, als daß man auf sie rechnen könne. Solche unglückselige Voreingenommenheit wurde unserer Kavallerie höchst verderblich. Sie blieb ohne Disziplin und versagte daher völlig, als man sie dann im Felde zu gebrauchen versuchte187-3.

Die Infanterieoffiziere gingen mit großem Eifer ihrem Berufe nach. Bei der Kavallerie, die fast ganz in kleinen Städten lag, blieben die Offiziere an Intelligenz und Regsamkeit weit zurück. Bei den Generalen war mehr Tapferkeit vorhanden als Geist. Der Fürst von Anhalt war der einzige, der eine Armee zu führen verstand. Er wußte das auch und nutzte seine Überlegenheit aus. Er wollte gesucht sein und mehr gelten als die anderen.

Während der Regierung des Königs wurden die Festungswerke von Magdeburg und Wesel vollendet, und die von Stettin von Oberst Walrave187-4, aber unter Leitung des Fürsten von Anhalt begonnen.

Der König schuf ein Korps von dreißig Ingenieuren, die in ihren verschiedenen Dienstzweigen ausgebildet wurden. Er füllte sein Artilleriearsenal für künftige Feldzüge und Belagerungen. Er hatte vorzügliche Artillerieoffiziere. Und die Kadetten, diese Pfianzschule von Offizieren, füllten alle Lücken aus, die durch Todes<188>fälle in der Armee entstanden. Das gelang um so besser, als die jungen Leute aus der Militärschule mit all den Kenntnissen hervorgingen, die ein Offizier nötig hat.

Das war die Entwicklung des preußischen Heerwesens bis zum Tode des verstorbenen Königs. Man könnte auf seine Armee anwenden, was Vegetius von den Römern gesagt hat: „Durch ihre Disziplin triumphierten sie über die List der Griechen, über die Kraft der Gallier, über den hohen Wuchs der Germanen und über alle Völker der Erde.“

<189>

Aberglaube und Religion

Ich teile diese Abhandlung über Religion und Aberglauben in drei Abschnitte, und zwar werde ich, der Klarheit und Ordnung halber, der Reihe nach die Religion des Heidentums, des Papsttums und der Reformation behandeln.

I
Die Religion des Heidentums

In Brandenburg herrschten nacheinander die Kulte der verschiedenen Völkerschaften, die es bewohnten. Die Teutonen, seine ersten Bewohner, verehrten den Gott Tuisto. Das war, wie Tacitus sagt, der von der Erde erzeugte Himmelsgott, der seinerseits einen Sohn Man hatte.

Die Verehrung, die die Germanen ihren Göttern darbrachten, entsprach ihren einfachen, aber rauhen und wilden Sitten. Sie versammelten sich in heiligen Hainen, sangen Loblieder zu Ehren ihrer Götzen und brachten ihnen sogar Menschenopfer dar.

Es gab keine Gegend, die nicht ihren Lokalgott gehabt hätte. Die Wandalen verehrten einen Gott Triglaw. Einen anderen gab es auf dem Harlunger Berg bei Bradenburg. Er wurde mit drei Köpfen dargestellt, die seine Herrschaft über Himmel, Erde und Unterwelt versinnbildlichten189-1. Das war offenbar die „Dreifaltigkeit“ der Heiden. Tacitus berichtet, daß die Germanen eine Anzahl weißer Pferde besaßen, die sie in den Geheimnissen ihrer Götter unterrichtet glaubten, und ein schwarzes Roß, das der Göttin Trigla geweiht war, deren Willen es nach ihrer Meinung verkündete. Jene Völker verehrten auch Schlangen und bestraften den, der sie tötete, mit dem Tode189-2.

<190>

Im fünften Jahrhundert verließen die Vandalen ihre Heimat und überfluteten Frankreich, Spanien und sogar Afrika190-1.

Die Sachsen, die damals aus England zurückkamen, landeten an der Elbmündung und nahmen das Land zwischen Elbe, Spree und Oder in Besitz, das von seinen ursprünglichen Bewohnern verlassen war. Mit ihnen kamen ihre Götter und ihre Religion nach Brandenburg. Der Hauptgegenstand ihrer Verehrung war die „Irminsäule“. Die gelehrten Etymologen Deutschlands haben nicht verfehlt, den Namen Irmin von Hermes abzuleiten, der gleichbedeutend ist mit dem Merkur der Griechen und Ägypter. Wer die deutsche Literatur kennt, weiß, daß es ein allgemeines Bestreben unserer Gelehrten ist, Beziehungen zwischen den Gottheiten Germaniens und denen der Ägypter, Griechen und Römer zu finden.

Es ist leider nur zu wahr, daß Irrtum und Aberglaube offenbar das Erbteil der Menschheit sind. Allen Völkern ist der gleiche Hang zum Götzendienst eigen. Und da sie alle so ziemlich die gleichen Leidenschaften haben, so ergeben sich auch die gleichen Folgen. Die Furcht erzeugte die Leichtgläubigkeit, und die Eigenliebe zog den Himmel alsbald in das Menschenschicksal hinein. Daraus entstanden all die verschiedenen Kulte, die eigentlich nichts anderes waren als hunderterlei wunderliche Formen einer Unterwürfigkeit, die den Zorn des Himmels besänftigen sollte, dessen Wirkungen man fürchtete. Die menschliche Vernunft, durch allerlei furchtbare Naturereignisse verängstigt und verstört, wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte, um ihren Ängsten zu entkommen. Und wie der Kranke kein Heilmittel unversucht läßt, in der Hoffnung, eines zu finden, das ihm helfen wird, so verfiel das Menschengeschlecht in seiner Verblendung auf den Glauben an ein göttliches Wesen, an hilfreiche Kräfte hinter den Naturerscheinungen. Alles, vom Erhabensten bis zum Niedrigsten, wurde verehrt. Weihrauch dampfte vor Kräutern, Krokodilen wurden Altäre errichtet; Bildsäulen großer Männer, die zuerst über Völker geherrscht hatten, erhielten Tempel und Opferpriester, und in Zeiten allgemeiner Heimsuchungen verdoppelte sich der Aberglaube.

In diesem Sinne haben die deutschen Gelehrten recht mit der Behauptung, daß der Aberglaube bei allen Völkern der gleiche sei. Aber wenn er auch im allgemeinen eine Folge der Leichtgläubigkeit ist, er zeigt sich doch in unendlich verschiedenartigen, dem Geist der Völker entsprechenden Abstufungen. Es scheint mir schwer glaubhaft, daß die tiefsinnigen griechischen Fabeln von Minerva, Venus und Apollo in unserem Lande zur Zeit des Heidentums bekannt gewesen sind. Aber unsere gelehrten Etymologen lassen sich durch Wahrscheinlichkeiten nicht beirren. Sie glauben ihre Mythologie zu adeln, indem sie ihren Göttern griechischen oder römischen Ursprung verleihen; als ob der Name dieser Völker die Götzenverehrung auf eine höhere Stufe stellen könnte und die Narrheit der Griechen mehr wert wäre als bieder Germanen.

<191>

Die Irminsäule war nicht der einzige Gott der Sachsen. Unter einem ihrer Götzenbilder findet sich die Inschrift: „Einst war ich der Heerführer der Sachsen; nun bin ich ihr Gott geworden.“ Angelus191-1 behauptet, sie hätten die Sonne angebetet in Gestalt eines strahlenden Hauptes, und dies Bild habe der Stadt Sonnenburg, wo es aufgestellt war, ihren Namen gegeben. Pomarius191-2 berichtet, sie hätten auch die Venus verehrt, die halbnackt dargestellt worden sei, die linke Brust von einem Pfeil durchbohrt und von drei kleiner als sie gestalteten Grazien umgeben. Man nannte sie Magada, was Mädchen bedeutet. Pomarius versichert, die Stadt Magdeburg, wo ihre Altäre standen, sei nach ihr benannt191-3. Die Ruinen ihres Tempels seien dort noch zu sehen gewesen, bis Tilly sie zerstörte191-4. Das merkwürdigste bei der Verehrung dieser Gottheit waren die Spiele, die ihr zu Ehren gefeiert wurden. Sie bestanden in Kampfspielen, die alle jungen Männer aus der Nachbarschaft veranstalteten. Sie übergaben den Preisrichtern eine Geldsumme zur Ausstattung eines jungen Mädchens, das dem zur Frau gegeben wurde, der es sich beim Lanzenstechen als Preis verdiente. Die Magdeburger Annalen bezeugen, daß diese Spiele als Überreste des Heidentums noch 1279 und 1387 gefeiert wurden.

Mit zunehmendem Reichtum wurden auch die religiösen Gebräuche üppiger. In der ältesten Zeit galten von Menschenhand erbaute Tempel nicht als würdige Heimstätten der Götter; darum verehrte man sie in ihren heiligen Hainen191-5. Aber wie die Sitten sich milderten, wanderten auch ihre Götter in die Städte. Doch verschwand der alte Brauch nicht gänzlich; denn von Karl dem Großen wird berichtet, daß er den Sachsen verbot, Eichbäume anzubeten und sie mit dem Blut der Opfer zu besprengen.

Die Priester jener Zeit waren viel schlauer und durchtriebener als das Volk. Außer ihrem Priestertum übten sie drei Arten von Schwindel aus: sie fabrizierten Orakel und trieben Astrologie und Medizin191-6. So viel List war garnicht erforderlich, um das rohe und dumme Volk zu betrügen. So war es denn auch sehr schwer, eine Religion zu zerstören, die durch so viele abergläubische Gewohnheiten in den Geistern festgewurzelt war. Ganz Deutschland war noch dem Götzendienst ergeben, als Karl der Große und nach ihm Heinrich der Vogler es unternahmen, die Völker zu bekehren. Erst nach vielen vergeblichen Anstrengungen erreichten sie ihr Ziel, und nur dadurch, daß sie den Götzendienst in Strömen von Menschenblut ertränkten.

<192>

II
Bekehrung der Völker zum Christentum. Zustand der katholischen Religion in Brandenburg

Es ist ein törichter Brauch bei allen Völkern, den Wert ihrer Gesetze, ihrer Sitten und ihrer Religion durch deren Alter erhöhen zu wollen. Die Deutschen waren nicht zufrieden damit, ihre Götter den Griechen entlehnt zu haben; sie wünschten auch als ebenso alte Christen zu gelten wie die übrigen Völker Europas. Sie fanden, wie Stapletonus192-1 und Schmidtius192-2 behaupten, irgendwo in den Schriften des heiligen Hieronymus eine Stelle, der zufolge der Apostel Thomas in Norddeutschland das Evangelium gepredigt hätte. Erreicht hat er dort jedenfalls nichts; denn das Volk blieb noch lange Zeit danach dem Heidentum ergeben.

Was man auch sagen mag, in Brandenburg findet sich keine Spur des Christentums bis zur Zeit Karls des Großen. Nachdem dieser Kaiser mehrere Siege über die Sachsen und Brandenburger davongetragen hatte, schlug er bei Wolmirstedt in der Nähe von Magdeburg sein Lager auf und bewilligte jenen Ländern nur unter der Bedingung den Frieden, daß sie zum Christentum überträten192-3. Die Unmöglichkeit, einem so mächtigen Feinde Widerstand zu leisten, und die Furcht vor seinen Drohungen zwangen jene Völker zur Taufe, die ihnen im Lager des Kaisers zuteil wurde. Aber sobald er mit seinem Heer ihr Gebiet verlassen hatte und sie sich sicher fühlten, kehrten sie zum Götzendienst zurück.

Später (927) besiegte Kaiser Heinrich der Vogler die Bewohner der Elb- und Oderufer, ähnlich wie vor ihm Karl der Große, und nach vielem Blutvergießen wurden die Völkerschaften unterworfen und bekehrt. Aus Fanatismus zerstörten die Christen alle Götzenbilder des Heidentums, sodaß uns davon kaum sine Spur übrig geblieben ist. Die leeren Nischen der Götzenbilder wurden mit Heiligen aller Art gefüllt, und neue Irrtümer lösten die alten ab.

Um 946 gründete Otto I. das Bistum Havelberg und kurz danach (948) das Bistum Brandenburg (Angelus). Offenbar glaubte er dadurch den Götzendienst einzudämmen, dem die Bevölkerung huldigte, wie die Fürsten in neueroberten Städten Zitadellen errichten, um den Starrsinn und die Aufsässigkeit der Bewohner zu brechen.

Nachdem Brandenburg zum Christentum bekehrt war, verfiel es bald in die Übertreibungen des falschen Eifers. Es machte sich gleichzeitig dem Papst, dem Kaiser und <193>dem dort herrschenden Markgrafen gegenüber tributpflichtig. Aber bald begann das Volk, seine Dummheit zu bereuen. Es sehnte sich nach seinen Götzen zurück, die wenigstens greifbare Gegenstände der Verehrung und weit weniger drückend gewesen waren als der Tribut, den es nun alljährlich an den Papst entrichtete, den es niemals zu sehen bekam. Die Freiheitsliebe, die Macht alter Vorurteile und das eigene Interesse, alles führte sie wieder ihren falschen Göttern zu. Mistivoi, König der Wenden, trat an die Spitze des neuauflebenden Heidentums und stellte den alten Kult wieder her, nachdem er den Markgrafen Dietrich von Brandenburg vertrieben hatte193-1.

Zum drittenmal wurde dann mit Waffengewalt das Christentum in Brandenburg eingeführt. Fortan herrschte der siegreiche Katholizismus unumschränkt und zog das größte Ärgernis nach sich. Die Bischöfe waren unwissend, grausam, ehrgeizig und vor allem kriegerisch. Plündernd, raubend und brennend, kämpften sie selbst gegen die Markgrafen und gegen andere Nachbarn und maßten sich trotz ihres mit Verbrechen besteckten Lebens unbeschränkte Macht über die Gewissen an.

Diese Mißstände waren zu jener Zeit so allgemein, daß die Geschichte von Beispielen geradezu strotzt. Ich will mich mit zweien begnügen193-2. Im Jahre 1278 bekriegte Erzbischof Günther von Magdeburg den Kurfürsten Otto mit dem Pfeil, nahm ihn gefangen und zwang ihn, sich mit 7 000 Mark Silbers loszukaufen. Im Jahre 1391 nahm Erzbischof Albert, der stets bewaffnet war, den Staathalter der Mark, Bredow, gefangen, eroberte Rathenow und drang, alles verheerend, längs der Havel vor, die Fackel in der einen und das Schwert in der anderen Hand.

Auf bem Boden der krassen Unwissenheit, in der die Völker im 13. Jahrhundert lebten, mußte der Aberglaube üppig emporschießen. Es fehlte auch nicht an Wundern und an aller Art Betrug, der die Autorität der Priester stützen konnte. Lockelius erzählt allen Ernstes, Markgraf Otto, der vom Erzbischof von Magdeburg aus nichtigen Gründen in den Bann getan worden war, hätte über diese Kirchenstrafe gespottet, sei aber vom Anblick hungriger Hunde, die von seinem Tische kein Fleisch nehmen wollten, tief ergriffen worden und in sich gegangen. Diese Hunde waren augenscheinlich rechtgläubig; leider ist ihre Art ausgestorben.

Wundertätige Jungfrauen, Gnadenbilder und Heiligenreliquien besaßen damals ganz eigene Kraft. Sehr berühmt war unter anderem das heilige Blut von Belitz. Damit hatte es folgende Bewandnis: eine Schankwirtin von Belitz stahl eine geweihte Hostie und vergrub sie unter einem Faß in ihrem Keller, um einen besseren Absatz ihres Bieres zu erzielen. Bald verspürte sie Gewissensbisse (denn Schankwirtinnen haben ein sehr zartes Gewissen) und beichtete ihr Vergehen dem Pfarrer, der darauf in großer Prozession mit seinem ganzen priesterlichen Aufgebot kam, um die Hostie auszugraben. Als man die Schaufel in die Erde stieß, sah man Blut<194> hervorquellen, und alles schrie laut über das Wunder194-1. Dieser Betrug war zu grob. Man wußte, daß es Rinderblut war, das die Wirtin dort ausgegossen hatte. Solche Wunder verfehlten ihren Eindruck auf die Volksseele nicht. Aber damit nicht genug; die römische Kurie, die stets bestrebt war, im Schatten der Altäre ihre Herrschaft auszudehnen, ließ kein Mittel unbenutzt, das sie zu ihrem Ziele führen konnte.

Im dreizehnten Jahrhundert entstanden die meisten religiösen Orden. Der Papst gründete in Deutschland und in Brandenburg, so viele er konnte, angeblich, um die Geister im Christentum zu befestigen. Kopfhänger, Faulenzer, Müßiggänger und alle Arten von Leuten, die in der Welt ehrlos geworden waren, flüchteten in die geweihten Zufluchtsstätten. Sie raubten dem Staat Untertanen, indem sie sich von der Gesellschaft absonderten und auf die Verheißung verzichteten, die Gott unseren Stammeltern gegeben hat. Dafür fielen sie den Mitbürgern zur Last, da sie von Almosen lebten oder ungerechtes Gut erwarben. Obgleich diese Einrichtung den Interessen der Gesellschaft wie des Staates gleich zuwiderlief, führte der Papst sie in ganz Europa ein. Damit schuf er sich ohne jeden Widerstand ein mächtiges Priesterheer auf Kosten aller weltlichen Fürsten und unterhielt große Besatzungen in Ländern, über die er keinerlei Oberhoheit besaß. Aber zu jener Zeit waren die Völker verdummt, die Fürsten schwach, und so triumphierte die Religion.

Nachdem nunmehr das Christentum tiefe Wurzeln geschlagen hatte, brachte es Fanatiker jeder Art hervor. Im Jahre 1351 wütete die Pest in Brandenburg. Das war Anlaß genug, daß der Aberglaube alle Grenzen überstieg. Um den Zorn des Himmels zu besänftigen, taufte man Juden mit Gewalt und verbrannte andere, veranstaltete Prozessionen, tat Gelübde vor wundertätigen Bildern. Schließlich brachte die durch so viel tolle und bizarre Einfälle erhitzte Einbildungskraft den Flagellantenorden hervor194-2. Das waren trübsinnige, gallige Christen, die sich in öffentlichen Aufzügen mit drahtdurchflochtenen Ruten geißelten. Vor solch fanatischen Greueln entsetzte sich selbst der Papst und verbot den Orden und seine Verirrungen.

Man lenkte das Verehrungsbedürfnis der Menge auf mildere Dinge. Papst Johann XXII. errichtete in Brandenburg Ablaßkanzleien. Die Augustiner verkauften Ablässe und schickten den Erlös nach Rom.

Die Wunder wurden schließlich so häufig, daß, wie die Geschichtsschreiber berichten, im Jahre 1501 ein Regen von roten und weißen Kreuzen auf alle Vorübergehenden herabfiel. Man fand solche Kreuze selbst im Brot, was als Vorzeichen eines großen Unglücks angesehen wurde194-3.

<195>

Das Zeitalter, dem Leo X. in Italien soviel Glanz verlieh, indem er die Künste und Wissenschaften wieder erwecke, die solange unter Unwissenheit und Ungeschmack begraben waren — dies Zeitalter war für den Norden weniger ruhmreich. Deutschland lebte noch in tiefster Unwissenheit und schmachtete unter einer barbarischen Regierung ohne Sitten und Kenntnisse. Die menschliche Vernunft, des Lichtes der Philosophie beraubt, war ganz in Stumpfsinn verkommen. Klerus und Volk standen auf der gleichen Stufe und hatten einander keinen Vorwurf zu machen.

Zu dieser Zeit, da die Priester mit der menschlichen Leichtgläubigkeit so groben Mißbrauch trieben, da sie die Religion ausnutzten, um sich zu bereichern, da die Pfaffen das zügelloseste Leben führten; unternahm es ein einfacher Mönch, alle diese Mißstände zu reformieren. Durch sein Beispiel gab er den Menschen den Gebrauch der Vernunft wieder, der ihnen jahrhundertelang verboten gewesen war, und der menschliche Geist, durch die wiedererlangte Freiheit mit neuem Mut erfüllt, begann den Bereich seines Wissens nach allen Richtungen zu erweitern.

III
Die Religion unter der Reformation195-1

Ich will die Reformation nicht unter dem Gesichtspunkt der Theologie oder der Geschichte betrachten. Ihre Dogmen und die Ereignisse, die sie hervorrief, sind so bekannt, daß es nicht der Mühe lohnt, sie zu wiederholen. Eine so große und einzigartige Umwälzung, die fast ganz Europa ein anderes Antlitz gab, verdient mit den Augen des Philosophen betrachtet zu werden.

Die katholische Religion, die sich auf den Trümmern der jüdischen und heidnischen erhoben hatte, bestand seit fünfzehn Jahrhunderten. Demütig und sanft zur Zeit der Verfolgungen, aber herrschsüchtig, nachdem sie sich durchgesetzt hatte, ging sie selbst zur Verfolgung über. Alle Christen waren dem Papst Untertan, an dessen Unfehlbarkeit sie glaubten. Daher war seine Macht größer als die des unumschränktesten Despoten. Ein armseliger Mönch erhob sich gegen eine Macht, die derart fest begründet war, und halb Europa schüttelte das römische Joch ab.

Alle die Ursachen, die diese außerordentliche Umwälzung herbeiführten, bestanden lange, ehe sie zum Ausbruch kam, und bereiteten die Geister zu dieser befreienden Tat vor. Die christliche Religion war so entartet, daß ihr ursprünglicher Charakter nicht mehr zu erkennen war. Im Anfang ihres Bestehens war ihre Moral von höchster Heiligkeit, aber der Hang des Menschenherzens zur Verderbnis hatte sie bald<196> genug untergraben. So sind stets die reinsten Quellen des Guten zur Ursache von aller Art Übel für die Menschen geworden: die Religion, die Demut, Nächstenliebe und Geduld lehrte, wurde mit Feuer und Schwert verbreitet. Die Priester, deren Erbteil Heiligkeit und Armut hätten sein sollen, gaben sich einem anstößigen Wandel hin. Sie erwarben Reichtümer, wurden ehrgeizig, einzelne von ihnen waren mächtige Fürsten. Der Papst, der ursprünglich von den Kaisern abhing, maßte sich die Macht an, sie zu erheben und abzusetzen, schleuderte den Bannstrahl, belegte Königreiche mit dem Interdikt und trieb die Dinge derart auf die Spitze, daß die Welt sich schließlich so oder so gegen all diese Mißbräuche auflehnen mußte. Die Religion veränderte sich mit den Sitten. Von Jahrhundert zu Jahrhundert verlor sie ihre ursprüngliche Einfachheit mehr und wurde schließlich in all dem falschen Gepränge ganz unkenntlich. Alles, was man hinzutat, war nur Menschenwerk und mußte als solches zugrunde gehen. Auf dem Konzil von Nizäa (325) wurde die Gottheit des Sohnes der des Vaters gleichgestellt196-1, und durch Hinzufügung des Heiligen Geistes zu diesen zwei Personen entstand die Dreifaltigkeit. Ein Konzil zu Toledo (400) untersagte den Priestern, sich zu verheiraten; doch unterwarfen sie sich dem Willen der Kirche erst im 13. Jahrhundert. Später erhob das Konzil von Trient jene Vorschrift zum Dogma. Der Bilderkult war vom zweiten Konzil zu Nizäa (787) genehmigt worden. Und die Transsubstantiation wurde auf dem Konzil von Trient (1545) festgesetzt. Die Theologenschulen behaupteten die Unfehlbarkeit des Papstes bereits, seit die Bischöfe von Rom und von Konstantinopel sich feindlich gegenüberstanden. Einige Einsiedler gründeten religiöse Orden und wandten das Leben, das ganz im Dienste der Gesellschaft stehen soll, tatloser Beschaulichkeit zu. Die Klöster vermehrten sich ins Angemessene, und ein großer Teil der Menschheit vergrub sich in ihnen. Endlich wurden Betrügereien aller Art ersonnen, um die Leichtgläubigkeit des großen Haufens auszubeuten, und falsche Wunder wurden beinahe gang und gäbe.

Aber nicht aus den Umwälzungen in den religiösen Anschauungen konnte eine Reformation der Kirche hervorgehen. Der Scharfsinn der meisten denkenden Menschen richtet sich auf Dinge, bei denen ihr Eigennutz und Ehrgeiz ins Spiel kommt. Wenige befassen sich mit abstrakten Ideen, und noch kleiner ist die Zahl derer, die gründlich über so wichtige Fragen nachdenken. Und das Volk, der achtbarste, zahlreichste und unglücklichste Teil der Gesellschaft, folgt den Anregungen, die man ihm gibt.

Den Anstoß gab also nicht die tyrannische Macht, die der Klerus über die Gewissen ausübte. Die Priester nahmen dem Volke seine Habe und seine Freiheit; diese Skla<197>verei, die täglich drückender wurde, erregte schon Unwillen. Der stumpfsinnigste wie der geistvollste Mensch spürt je nach dem Grade seiner Empfindlichkeit das Leid, das ihm zugefügt wird. Alle streben nach Wohlbefinden; eine Zeitlang halten sie still, aber schließlich geht ihnen die Geduld aus. Die Knechtung so vieler Völker hätte also ohnedies zu einer Reformation geführt, hätte nicht der römische Klerus, durch innere Zwistigkeiten aufgewühlt, selbst das Zeichen zur Befreiung gegeben, indem er die Fahne der Empörung gegen den Papst aufpflanzte. Die Waldenser, Wycliffiten und Hussiten hatten die Bewegung schon eingeleitet; aber erst Luther und Calvin, die ebenso mutig, doch unter günstigeren Umständen geboren waren, vollendeten das große Werk.

Die Augustiner waren im Besitz des Ablaßhandels. Als der Papst die Dominikaner mit der Predigt des Ablasses betraute, entstand ein erbitterter Kampf zwischen beiden Orden. Die Augustiner erklärten sich gegen den Papst, und Luther, der diesem Orden angehörte, griff die kirchlichen Mißbräuche aufs Heftigste an. Mit kühner Hand lüftete er die Binde des Aberglaubens. Bald wurde er zum Führer der Bewegung, und da seine Lehre den Bischöfen ihre Pfründen und den Klöstern ihre Besitztümer streitig machte, schlossen sich die Fürsten dem neuen Bekehrer in Scharen an.

Die Religion gewann nun eine neue Gestalt und näherte sich wieder ihrer alten Einfachheit. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob es nicht besser gewesen wäre, ihr mehr von ihrem äußeren Prunk zu lassen, damit sie mehr auf das Volk wirkte, dessen Urteil ganz von dem sinnlichen Eindruck abhängt. Eine rein geistige, äußerlich kahle Religion wie der Protestantismus scheint nicht gemacht zu sein für grobsinnliche Menschen, die unfähig sind, sich durch den Gedanken zur Anbetung der höchsten Wahrheiten zu erheben.

Die Reformation war ein Segen für die Welt und besonders für den Fortschritt des menschlichen Geistes. Die Protestanten, die über die Glaubensfragen nachdenken mußten, legten mit einem Schlage alle Vorurteile der Erziehung ab und lernten ihre Vernunft frei gebrauchen, sie, die den Menschen als Führerin gegeben ist, und der sie wenigstens in den wichtigsten Angelegenheiten ihres Lebens folgen sollten. Die Katholiken wurden durch die heftigen Angriffe zur Verteidigung gezwungen. Die Geistlichen studierten, und die schmachvolle, krasse Unwissenheit, in der sie fast alle versunken waren, verschwand.

Gäbe es nur eine Religion in der Welt, so wäre sie hochmütig und würde unumschränkt herrschen. Die Priester wären lauter Despoten, die tyrannisch regierten und nur gegen ihre eignen Verbrechen nachsichtig wären. Glaube, Ehrgeiz und politische Klugheit würden ihnen den Erdball Untertan machen. Heute, wo es viele Sekten gibt, kann keine ungestraft die Wege der Mäßigung verlassen. Das Beispiel der Reformation hindert den Papst, seinem Ehrgeiz die Zügel schießen zu lassen. Mit Recht fürchtet er den Abfall seiner Untertanen, wenn er seine Macht mißbraucht.<198> Daher geht er vorsichtiger mit seinen Bannflüchen um, seit ihn ein Bannspruch gegen Heinrich VIII. um das Königreich England gebracht hat198-1. Der katholische und der protestantische Klerus, die einander mit gleich kritischen Blicken beobachten, sind beide gezwungen, wenigstens den äußeren Anstand zu wahren. So bleibt alles im Gleichgewicht. Wohl ihnen, wenn Parteigeist, Fanatismus und blinder Eifer sie nicht zu Kriegen fortreißen, die den Haß auflodern lassen und die unter Christen niemals vorkommen dürften!

Lediglich vom politischen Gesichtspunkte betrachtet, erscheint die protestantische Religion für Republiken wie für Monarchien als die zuträglichste. Sie stimmt am besten zu dem freiheitlichen Geiste, der das Wesen der Freistaaten ausmacht. Denn in einem Staate, der Kaufleute, Bauern, Handwerker und Soldaten, mit einem Wort Untertanen braucht, müssen Bürger, die das Gelübde tun, das Menschengeschlecht aussterben zu lassen, unbedingt gefährlich werden. In den Monarchien ist die protestantische Religion, die von niemandem abhängt, ganz der Regierung Untertan. Dagegen errichtet der Katholizismus im weltlichen Staate des Fürsten einen allmächtigen geistlichen Staat voller Ränke und Kabalen. Die Priester, die die Gewissen beherrschen und kein anderes Oberhaupt haben als den Papst, sind mehr Herren des Volkes als dessen rechtmäßiger Herrscher; und der Papst, der es versteht, die Sache Gottes mit menschlichem Ehrgeiz zu verbinden, hat manchen Streit mit den Fürsten gehabt um Dinge, die durchaus nichts mit der Kirche zu tun hatten.

In Brandenburg wie in den meisten deutschen Staaten ertrug das Volk nur widerwillig das Joch des römischen Klerus. Der Katholizismus legte so wenig reichen Ländern zu große Lasten auf. Fegefeuer, Messen für die Lebenden und Toten, Jubeljahre, Annaten, Ablässe, erläßliche und Todsünden, in Geldspenden umgewandelte Bußen, Ehesachen, Gelübde, Opfergaben — das waren lauter Steuern, die der Papst der Leichtgläubigkeit auferlegte und die ihm ein ebenso festes Einkommen sicherten wie Mexiko den Spaniern. Die Zahler dieser Steuern waren ausgesogen und unzufrieden. Es bedurfte daher gar keiner weiteren Argumente, um sie der Reformtion geneigt zu machen. Sie murrten gegen den Klerus, der sie unterdrückte. Da trat ein Mann auf, der sie zu befreien versprach, und sie folgten ihm.

Joachim II. war der erste Kurfürst, der die lutherische Religion annahm. Seine Mutter, eine dänische Prinzessin198-2, teilte ihm ihre Anschauungen mit; denn die neue Lehre war in Dänemark eingedrungen, bevor sie in Brandenburg Boden gewann. Das Land folgte dem Beispiele des Herrschers, und ganz Brandenburg wurde protesiantisch. Mathias von Jagow, Bischof von Brandenburg, erteilte das Abendmahl unter beiderlei Gestalt im Kloster der Schwarzen Brüder198-3. Dies Kloster wurde dann zur Hauptkirche von Berlin. Joachim II. ward zum Verfechter des Protestantismus<199> durch die briefliche Disputation, die er mit dem König von Polen199-1 führte, und wie die Chronisten berichten199-2 durch seine Fürsprache für die Protestanten auf dem Reichstage zu Augsburg (1548).

Die Reformation konnte nicht alle Irrtümer zerstören. Zwar öffnete sie dem Volke die Augen über eine Unzahl abergläubischer Anschauungen; doch bewahrte sie deren noch recht viele. So unausrottbar ist die Neigung des Menschengeistes zum Irrtum. Luther glaubte zwar nicht an das Fegefeuer, doch behielt er Gespenster und Teufel in seiner Lehre bei. Er behauptete sogar, Satan sei ihm in Wittenberg199-3 erschienen, und er habe ihn vertrieben, indem er ihm ein Tintenfaß an den Kopf warf. Es gab damals kaum ein Volk, das nicht von derartigen Vorurteilen erfüllt war. Bei Hofe und erst recht im Volke waren die Geister voll von Zauberei, Wahrsagung, Gespenstern und Dämonen. Im Jahre 1553 mußten zwei alte Frauen die Feuerprobe ablegen, um sich von der Anklage der Hexerei zu reinigen. Der Hof hatte seinen Astrologen. Einer von ihnen prophezeite bei der Geburt Johann Sigismunds, er werde glücklich sein, da man gleichzeitig am Himmel einen neuen Stern im Bilde der Kassiopeia entdeckt hätte. Der Astrolog hatte aber nicht vorausgesagt, daß Johann Sigismund zur reformierten Kirche übertreten würde, um die Holländer zu gewinnen, deren Beistand ihm bei der Verfechtung seiner Rechte auf das Herzogtum Kleve von Nutzen war.

Seit Luthers Lehre die Kirche gespalten hatte, machten Päpste und Kaiser die verschiedensten Einigungsversuche. Die Theologen beider Parteien hielten Zusammenkünfte ab, bald in Thorn (1645), bald in Augsburg (1548). Auf allen Reichstagen wurden die Religionssachen diskutiert. Aber alle diese Versuche blieben fruchtlos. Schließlich entstand daraus ein grausamer, blutiger Krieg, der mehrfach beigelegt wurde und wieder aufflammte. Oft entzündete ihn der Ehrgeiz der Kaiser, die die Freiheit der Fürsten und das Gewissen der Völker knechten wollten. Aber Frankreichs Rivalität und der Ehrgeiz König Gustav Adolfs von Schweden retteten Deutschland und die Glaubensfreiheit vor dem Despotismus des Hauses Österreich.

Die Kurfürsten von Brandenburg verhielten sich während dieser Unruhen weise. Sie blieben duldsam und maßvoll. Friedrich Wilhelm, der durch den Westfälischen Frieden Provinzen mit katholischen Untertanen erwarb, verfolgte diese keineswegs. Er gestattete sogar einigen jüdischen Familien, sich in seinem Lande niederzulassen, und bewilligte ihnen Synagogen.

Friedrich I. ließ einige Male die katholischen Kirchen schließen, als Repressalie gegen die Verfolgungen, die der Kurfürst von der Pfalz seinen protestantischen Untertanen zufügte199-4. Aber immer wurde die freie Religionsübung den Katholiken wieder gestattet. Die Reformierten versuchten, die Lutheraner in Brandenburg zu verfolgen.<200> Sie benutzten die ihnen günstige Stimmung des Königs, um reformierte Prediger in den Ortschaften einzusetzen, wo vorher lutherische waren. Daraus ersieht man, daß die Religion keineswegs die menschlichen Leidenschaften vernichtet und daß die Priester, welchen Glaubens sie auch seien, immer bereit sind, ihre Gegner zu unterdrücken, sobald sie sich für die Stärkeren halten.

Es ist eine Schmach für den Menschengeist, daß sich im Anfang eines so aufgeklärten Jahrhunderts, wie des achtzehnten, noch alle Arten lächerlichen Aberglaubens erhalten hatten. Vernünftige Menschen glaubten ebenso wie die Schwachköpfe noch an Gespenster. Irgend eine Volksüberlieferung berichtete, daß jedesmal, wenn ein Prinz des Hauses Brandenburg sterben sollte, eine weiße Frau in Berlin sich zeigte. Der verstorbene König ließ einen Unglücklichen, der die Rolle des Gespenstes gespielthatte, ergreifen und bestrafen. Durch einen so unfreundlichen Empfang verstimmt, erschienen die Geister nicht wieder, und das Volk war von seinem Irrtum geheilt.

Im Jahre 1708 wurde eine Frau, die zu ihrem Unglück alt war, als Hexe verbrannt. Thomasius, ein gelehrter Professor in Halle200-1 den solch barbarische Folgen der Unwissenheit tief empörten, überschüttete die Hexenrichter und Hexenprozesse mit Lächerlichkeit. Er hielt öffentliche Vorträge über die natürlichen, physikalischen Ursachen der Dinge und hatte damit so großen Erfolg, daß man sich schämte, noch weiter solche Prozesse zu führen. Seitdem konnte das weibliche Geschlecht in Frieden alt werden und sterben.

Unter allen Gelehrten, die Deutschlands Ruhm bilden, haben Leibniz und Thomasius dem Menschengeist die größten Dienste geleistet. Sie wiesen der Vernunft die Wege, auf denen sie zur Wahrheit gelangt. Sie bekämpften jegliches Vorurteil, beriefen sich in all ihren Werken auf Analogie und Erfahrung, diese beiden Krücken unserer Urteilskraft, und fanden viele Schüler.

Unter der Regierung Friedrich Wilhelms wurden die Reformierten friedlicher, und die Religionsstreitigkeiten hörten auf. Die Lutheraner benutzten die Ruhe. Ohne selber dazu beizusteuern, gründete Francke200-2, ein Geistlicher aus ihrer Mitte, ein Stift in Halle, wo junge Theologen ausgebildet wurden. Daraus gingen später Scharen von Priestern hervor, die eine Sekte strenger Lutheraner bildeten200-3. Ihnen fehlte nur das Grab des heiligen Pâris200-4 und ein Abbé Bécherand, der darauf herumhüpfte200-5 — protestantische Jansenisten, die sich von den anderen nur durch ihre starre Mystik unterscheiden. Seitdem entstanden Quäkersekten aller Art, die<201> Zinzendorfianer, die Gichteler, eine immer lächerlicher als die andere, bei denen die Grundsätze des Urchristentums201-1 bis zu verbrecherischem Treiben ausarteten. Alle diese Sekten leben hier in Frieden und tragen gleichmäßig zum Wohl des Staates bei. Hinsichtlich der Moral unterscheidet sich keine Religion erheblich von der anderen. So können sie alle der Regierung gleich recht sein, die folglich jedem die Freiheit läßt, den Weg zum Himmel einzuschlagen, der ihm gefällt. Nichts weiter verlangt sie von dem Einzelnen, als daß er ein guter Staatsbürger ist. Der falsche Eifer ist ein Tyrann, der Länder entvölkert; die Toleranz ist eine zärtliche Mutter, die für ihr Wohlergehen und Gedeihen sorgt.

<202>

Sitten, Gebräuche und Industrie

Der Fortschritt des Menschengeistes in den Künsten und Wissenschaften

Wir bieten dem Leser dieser Schrift nur eine Auswahl der hervorstechendsten und charakteristischsten Züge brandenburgischen Geisteslebens in jedem Jahrhundert. Aber welch ein Unterschied zwischen den Jahrhunderten! Völker, die ein Weltmeer trennt, Antipoden unterscheiden sich in ihren Bräuchen nicht mehr als die Brandenburger zur Zeit des Tacitus von denen zur Zeit Heinrich des Voglers, oder diese von denen unter Johann Cicero, oder diese endlich von den Bewohnern der Kurmark unter König Friedrich I. von Preußen.

Die große Masse der Menschen, deren Blicke durch die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen abgelenkt werden, betrachtet die Laterna magica dieser Welt ohne tieferes Nachdenken. Sie bemerkt die allmählichen Änderungen der Sitten und Gewohnheiten so wenig, wie man in einer großen Stadt leicht über die Lücken hinwegsieht, die der Tod dort täglich reißt, wenn er nur den kleinen Kreis derer verschont, die uns am nächsten stehen. Ist man aber kurze Zeit fortgewesen, so findet man bei seiner Rückkehr andere Menschen und neue Sitten.

<203>

Wie schön und lehrreich ist es, die vergangenen Jahrhunderte an sich vorüberziehen zu lassen und die Bande zu sehen, durch die sie mit unserer Zeit zusammenhängen! Die Betrachtung eines Volkes vom rohen Urzustand durch alle Phasen des Fortschritts bis zur Blüte der Kultur ist wie das Studium der Metamorphosen der Seidenraupe, die zur Puppe und schließlich zum Schmetterling wird. Aber wie demütigend ist dies Studium! Nur zu deutlich erkennt man das unumstößliche Naturgesetz, das die Menschen zwingt, vielerlei Ungereimtheiten zu überwinden, ehe sie zu etwas Vernünftigem gelangen. Wenn wir auf den Ursprung der Völker zurückgehen, finden wir sie ausnahmslos im Zustande der Barbarei. Die einen haben in langsamem Trott und auf vielen Umwegen einen gewissen Grad von Vollkommenheit erreicht; die anderen sind in plötzlichem Aufschwung dahin gelangt. Alle sind verschiedene Wege gegangen. Und Bildung, Künste und Industrie haben in den verschiedenen Ländern, wo sie Eingang fanden, von der unzerstörbaren Eigenart des Volkes einen gewissen Erdgeruch angenommen. Das wird uns noch deutlicher, wenn wir Bücher lesen, die in Padua, London oder Paris geschrieben sind. Wir unterscheiden sie ohne Mühe, selbst wenn die Verfasser den gleichen Stoff behandeln. Nur die Mathematik bildet eine Ausnahme.

Die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit, mit der die Natur die Charaktere der Völker und der Einzelnen ausstattet, ist ein Zeichen ihres Reichtums, aber zugleich ihrer Sparsamkeit. Denn obgleich von den unzähligen Möllern, die die Erde bedecken, jedes seine besondere Eigenart besitzt, scheinen doch gewisse große Züge, in denen sich das eine vom anderen unterscheidet, unaustilgbar zu sein. Jedes Volk hat seinen Charakter. Er kann durch das größere oder geringere Maß der Erziehung, das ihm zuteil wird, wohl verändert werden, aber niemals verschwinden seine Grundzüge. Es wäre leicht, diese Auffassung durch Belege aus der Natur zu stützen, doch wir wollen uns nicht von unserem Gegenstand entfernen. Es folgt also, daß die Fürsten die Denkart ihrer Völker nie ganz geändert haben, daß sie niemals die Natur zwingen konnten, große Männer hervorzubringen, wenn sie es verweigerte. Es ist wie bei den Bergwerken. Die Fürsten können in ihnen arbeiten lassen, aber die erzhaltigen Adern richten sich nicht nach ihrem Willen. Sie öffnen sich plötzlich und spenden unermeßliche Schätze, und sie versiegen zu Zeiten, wo man am habgierigsten nach ihnen schürft.

Wer Tacitus oder Cäsar gelesen hat, wird noch heute die Deutschen, die Franzosen und Engländer an den Farben wiedererkennen, mit denen jene sie malen. Achtzehn Jahrhunderte konnten sie nicht auslöschen. Wie könnte da eine Regierung das erreichen, was so viele Jahrhunderte nicht vermochten? Ein Bildhauer kann einem Stück Holz die Form geben, die ihm beliebt; er kann daraus einen Äsop203-1 oder einen Antinous gestalten203-2, aber nie wird er die Natur des Holzes ändern. Gewisse<204> vorherrschende Laster und Tugenden wird jedes Volk stets behalten. Wenn also die Römer unter den Antoninen tugendhafter erscheinen als unter Tiberius, so liegt das daran, daß die Verbrechen sirenger bestraft wurden. Das Lasier wagte sein schnödes Haupt nicht zu erheben; aber die Lasterhaften existierten deshalb nicht minder. Der Herrscher kann seinem Volke einen gewissen Bildungsfirnis geben. Er kann die Beobachtung der Gesetze erzwingen und die Wissenschaften auf eine bescheidene Höhe bringen. Aber nie wird er das Wesen der Dinge ändern. Er kann nur der dominierenden Farbe des Gemäldes eine flüchtige Schattierung hinzufügen. Daß es sich so verhält, haben wir in unseren Tagen an Rußland gesehen. Peter I. schnitt seinen Moskowitern ihre Barte ab, befahl ihnen an die Ausgießung des Heiligen Geistes zu glauben, veranlaßte manche, sich nach französischer Mode zu kleiden; ja sie lernten sogar fremde Sprachen. Dennoch wird man die Russen noch lange von den Franzosen, Italienern und anderen Völkern Europas unterscheiden. Einzig die vollständige Zerstörung eines Staatswesens und seine Neubevölkerung mit fremden Ansiedlern könnten nach meinem Dafürhalten den Geist eines Volkes von Grund aus verändern. Aber man sehe sich vor: das wäre dann nicht mehr das gleiche Volk! Und es bliebe noch die Frage offen, ob nicht Klima und Ernährungsweise mit der Zeit die neuen Einwohner den alten ähnlich machen würden.

Wir haben es für nötig gehalten, das Kapitel, das die Sitten der Brandenburger behandelt, von der übrigen Geschichte zu trennen. Denn diese befaßt sich vorwiegend mit Politik und Krieg, und die auf Sitten, Industrie und Künste bezüglichen Einzelheiten würden innerhalb eines ganzen Werkes so verstreut sein, daß sie dem Leser wohl entgangen wären, während er sie hier unter einem einzigen Gesichtspunkt vereinigt findet, wo sie ein Stück Geschichte für sich bilden. Für den Anfang dieser Abhandlung haben mir bei dem gänzlichen Mangel an einheimischen Geschichtsschreibern die lateinischen als Quellen gedient. Lockelius204-1, den ich oft zu zitieren haben werde, hat mich über die in Dunkel gehüllte Regierungszeit der Markgrafen der ersten vier Dynastien aufgeklärt. Und die Archive haben mir das Material geliefert für das Bemerkenswerteste aus der Geschichte der Kurmark unter den Hohenzollern,die uns bis auf die Gegenwart führt.

I
Sitten und Gebräuche der alten Germanen bis zu Heinrich I.

Bei der langen Aufzählung der Völkerschaften Deutschlands, die Tacitus gibt, irrte er sich hinsichtlich des Wortes Ingevonen, das „Einwohner“ bedeutet. Ebenso über das Wort Germanen, das nichts anderes heißt als „Kriegsmänner“, das er aber in seiner Unkenntnis der Sprache für die Bezeichnung einzelner Stämme nimmt.<205> Die Gesamtheit dieser Krieger, die Deutschland bewohnten, gab ihm den Namen Germanien.

Die ersten Bewohner der Mark waren die Teutonen. Nach ihnen kamen die Semnonen, von denen Tacitus sagt, daß sie die vornehmsten unter den Sueben waren.

Zu jenen entlegenen Zeiten befand sich Deutschland in völlig barbarischem Zustande. Halbwilde und rohe Völker bewohnten die Wälder. Armselige Hütten dienten ihnen als Wohnungen. Sie heirateten früh und vermehrten sich stark, zumal die Frauen selten unfruchtbar waren. Die Volkszahl wuchs ständig, und da die Söhne sich darauf beschränkten, die Äcker ihrer Väter zu bebauen, statt neues Land urbar zu machen, konnte bald ein so kleines Erbteil selbst in den besten Jahren nicht genug zum Unterhalt so vieler Köpfe liefern. So waren sie gezwungen, auszuwandern und anderswo ihr Auskommen zu suchen. Daher die großen Einfälle der Barbaren in Gallien, in Afrika und selbst ins Römische Reich205-1.

Die Germanen waren Jäger, weil sie die Not dazu zwang, und Krieger aus Instinkt. Ihre Armut nötigte sie zur schnellen Beendigung ihrer inneren Kriege, zumal die Selbstsucht niemals mitsprach. Ihre Feldherren, die später ihre Herrscher wurden, nannten sich „Fürsten“, was eine Ableitung von dem Wort Führer ist. Sie waren berühmt durch ihren hohen Wuchs und ihre kraftvollen und in den schwersten Arbeiten abgehärteten Körper. Ihre Haupttugenden waren der Mut und die Treue, mit der sie ihre Verpflichtungen erfüllten. Sie feierten diese Tugenden in Liedern, die sie ihren Kindern lehrten, um sie der Nachwelt zu überliefern.

Die lateinischen Geschichtsschreiber selber stellen der Tapferkeit der Germanen ein glänzendes Zeugnis aus, indem sie uns von den Niederlagen des Varus und anderer römischer Feldherren berichten. Wenn man schon dem Mut eines Volkes Beifall zollt, das bei ganz gleichen Vorbedingungen ein anderes besiegt, wieviel mehr muß man die Tapferkeit der Germanen bewundern! Allein das Vertrauen auf ihre eigene Kraft und ihr unbeugsamer Trotz, der den Sieg nicht lassen will, triumphierten über die römische Disziplin und über jene Legionen, die fast die Hälfte der bekannten Welt unterworfen hatten.

Was auch die meisten Geschichtsschreiber sagen, es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Römer trotz den Sueben die Elbe überschritten haben.205-2 Denn man hat bei Zossen205-3 in einem viereckigen Feld von achthundert Schritt Länge eine Menge von Urnen gefunden, in denen Münzen des Kaisers Antoninus und der Kaiserin Faustina enthalten waren, nebst einigem Flitterstaat, wie ihn die römischen Damen trugen. Das ist keinesfalls ein Schlachtfeld; denn die Sueben hätten die Schätze ihrer Feinde nicht in die Erde gegraben, um ihr Begräbnis zu ehren. Vielmehr kann man, wie mir scheint, mit Sicherheit annehmen, daß es sich um ein Lager einiger vorgeschobener Kohorten<206> handelt, die die Römer über die Elbe geschickt hatten, um von den Bewegungen und der Annäherung der Barbaren Kenntnis zu erhalten.

Brandenburg ist die älteste Stadt der Mark. Die Annalen206-1 verlegen die Gründung in das Weltjahr 3588, was dem 416. Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung entspricht. Es soll von Brennus, der Rom geplündert hat, erbaut und nach ihm benannt worden sein. Sagenhafte Berichte melden die Namen einiger Vandalenkönige (Hoterus und Witislas), die anscheinend ehrgeiziger und unternehmender waren als die anderen. Und in den Annalen lesen wir, daß Wittekind, König der Sachsen, Hermanfried, König der Thüringer, und Richimir, König der Franken, sich verbündeten, die Semnonen unterwarfen und zuerst die eroberten Städte mit Mauern umgaben, um das Land im Gehorsam zu halten.

II
Sitten und Gebräuche von Heinrich I. bis zu Friedrich I.

Karl der Große eroberte schließlich Brandenburg (789). Und Heinrich der Vogler setzte die Markgrafen oder Grenzstatthalter ein, nachdem er die in jener Gegend wohnenden Sachsen völlig unterworfen hatte (927).

Unter den Markgrafen milderten sich die Sitten. Aber das Land war sehr arm. Es brachte nur die notwendigsten Lebensmittel hervor. Es war auf die Industrie seiner Nachbarn angewiesen; und da niemand selber Industrie betrieb, floß viel mehr Geld heraus, als einkam. Dies Mißverhältnis führte immer mehr zur Abnahme des Geldes und drückte daher den Preis aller Waren. Die Lebensmittel waren so billig, daß man zur Feit des Kurfürsten Johann II. von Askanien den Scheffel Weizen für 28 Pfennig, den Scheffel Roggen für 8 Pfennig verkaufte, und sechs Hühner kosteten auf dem Markt einen Groschen.

Die Berliner galten zu jener Zeit für ebenso treue wie eifersüchtige Ehegatten. Die Chroniken berichten davon ein bemerkenswertes Beispiel (Lockelius, 1364). Unter der Regierung des Markgrafen Otto von Bayern traf ein Schreiber des Erzbischofs von Magdeburg auf dem Wege zu den öffentlichen Bädern in Berlin eine junge Bürgersfrau und schlug ihr im Scherze vor, mit ihm zu baden. Die Frau fühlte sich durch dies Ansinnen beleidigt. Ein Volksauflauf entstand. Und die Berliner Bürger, die keinen Spaß verstanden, schleppten den armen Schreiber auf einen öffentlichen Platz und schlugen ihm ohne weitere Umstände den Kopf ab. Wenn sie heutzutage auch noch eifersüchtig sind, so befriedigen sie ihre Rachgelüste doch in milderer Form.

Während der Regierung der Fürsten aus den ersten vier Dynastien war das Land in tiefes Elend versunken. Es konnte sich nicht daraus emporarbeiten, da es unauf<207>hörlich von einer Hand in die andere überging. Otto von Bayern mußte die Kurmark an Kaiser Karl IV. verkaufen (1373)207-1. Karl IV. residierte in Tangermünde, wo er einen glänzenden Hof hielt und ein recht weitläufiges Schloß erbaute, dessen Ruinen noch zu sehen sind. Während Jobst in Brandenburg regierte207-2 flüchteten die in Frankreich verfolgten Waldenser nach Angermünde, das davon den Beinamen „Ketzerstadt“ erhielt. Es ist nicht ersichtlich, warum die Waldenser in dem damals katholischen Brandenburg ihre Zuflucht suchten und warum man sie dort aufnahm, obschon man ihre Ketzerei verabscheute.

Die Herrscher aus dem Hause Luxemburg bedrückten das Volk in unerträglicher Weise. In ihren Geldverlegenheiten verpfändeten sie die Kurmark an den Meistbietenden. Diese Gläubiger behandelten das unglückliche Land wie eine Hypothek und preßten es auf jede Weise aus, um sich zu bereichern. Sie lebten auf Unkosten des Landes, wie in einer feindlichen Provinz. Räuber machten die Landstraßen unsicher. Polizei gab es nicht, und die Rechtspflege lag völlig danieder. Empört über das schmähliche Joch, das ihr Vaterland trug, führten die Quitzows und Holtzendorffs einen offenen Krieg gegen die kleinen Tyrannen, die es bedrückten. Während dieser allgemeinen Verwirrung und Anarchie seufzte das Volk im Elend. Der Adel war bald Werkzeug, bald der Rächer der Tyrannei. Und der Geist des Volkes, durch grausame Sklaverei und die Härte einer barbarischen Regierung erschöpft, blieb stumpf und gelähmt.

III
Sitten und Gebräuche unter dem Hause Hohenzollern

Kaiser Sigismund brachte Ordnung in das Chaos, indem er Brandenburg und die Kurwürde an Friedrich von Hohenzollern, Burggrafen von Nürnberg, übertrug (1412). Der verlangte die Huldigung von seinen neuen Untertanen. Aber das Volk, das bloß grausame Herren kannte, unterwarf sich nur zögernd seiner milden und rechtmäßigen Herrschaft. Friedrich I. machte die Edelleute botmäßig durch die Furcht vor der großen Kanone, mit der er die Burgen der Rebellen brach. Diese Kanone, aus der seine ganze Artillerie bestand, war ein 24-Pfünder. Der Geist des Aufruhrs erlosch nicht so bald. Die Bürger von Berlin empörten sich zu wiederholten Malen gegen ihre Obrigkeit. Aber Friedrich II. unterdrückte die Aufstände mit Weisheit und Milde.

Die Not zwang den Kurfürsten zur Verpfändung der Zölle von Schivelbein und Dramburg an Dionys von der Osten für die Summe von 1 500 Gulden, die er brauchte, um sich zum Reichstag nach Nürnberg begeben zu können.

Die Verhältnisse änderten sich erst unter dem Kurfürsten Johann Cicero, der die ersten Versuche machte, das Volk aus seinem Stumpfsinn und seiner Unwissenheit<208> emporzureißen. Es hieß schon viel in jenen finsteren Zeiten, wenn man seine Unwissenheit einsah. Zwar war dies erste Aufleuchten eines neuen Geistes nur ein schwaches Dämmerlicht, doch führte es immerhin zur Gründung der Universität in Frankfurt an der Oder (1506). Der Leipziger Professor Conrad Wimpina wurde der erste Rektor der neuen Hochschule und verfaßte deren Statuten. Tausend Studierende ließen sich im ersten Jahre in die Matrikeln einschreiben.

Es kam den Wissenschaften sehr zustatten, daß Joachim Nestor sie ebenso wie sein Vater schützte. Er war der Leo X. von Brandenburg. Er beherrschte die Mathematik, Astronomie und Geschichte, sprach fließend Französisch, Italienisch und Lateinisch. Er liebte die schönen Künste und wandte beträchtliche Kosten zur Förderung ihrer Jünger auf.

Es konnte nicht das Werk eines Tages sein, eine Nation zu zivilisieren, die so viele Jahrhunderte lang in Roheit gelebt hatte. Es bedarf erheblicher Zeit, die Segnungen der Kultur einem ganzen Volke zu vermitteln. Freilich studierte die Jugend. Aber die in reiferem Alter Stehenden blieben ihren alten, rauhen Gewohnheiten treu. Die Adligen trieben noch immer Straßenraub. Die Sittenverderbnis in Deutschland war so allgemein, daß der Reichstag zu Trier, um ihr ein Ende zu machen, das Fluchen und all jene Ausschweifungen verbieten mußte, die die Menschheit unter das Tier erniedrigen.

Damals wurden Weinberge in der Mark angelegt. Das Faß Wein kostete 30 Groschen, der Scheffel Roggen 21 Pfennig. Der Geldumlauf begann größer zu werden. Joachim Nestor ließ auch einige Bauten ausführen, unter anderen das Schloß in Potsdam. Jedermann war nach deutscher Mode gekleidet, die ungefähr der alten spanischen Tracht gleichkommt. Die Männer trugen Wämser und weite Halskrausen. Die Fürsten, Grafen und Edelleute trugen goldene Ketten um den Hals (Lockelius). Es war den Edelleuten nicht gestattet, mehr als drei goldene Spangen an der Halsbinde zu tragen. Die Kleidung der Frauen glich der der Augsburgerinnen oder der Töchter Straßburgs.

Endlich bürgerte sich, den Verhältnissen entsprechend, auch ein gewisser Luxus ein. Da aber die Fortschritte Brandenburgs in Handel und Industrie nie im rechten Verhältnis zu den Ausgaben standen, so bleibt es eine schwer zu lösende Frage, wie die Zunahme des Reichtums zustande kam.

Seit 1560 macht sich ein großer Unterschied in den Ausgaben der Kurfürsten bemerkbar. Als Joachim II. sich zum Reichstag nach Frankfurt begab208-1, hatte er 68 Edelleute in seinem Gefolge und 452 Pferde in seinem Troß (Lockelius). Nach der Rückkehr von dieser Reise fing man in Berlin an, hoch zu spielen. Die Mode drang vom Hof in die Stadt, wo man sie zu verbieten gezwungen war, nachdem einige Bürger mehr als tausend Taler an einem Abend verloren hatten.

<209>

Die Annalen berichten, Kurfürst Joachim II. habe bei seiner Heirat mit Hedwig, Tochter König Sigismunds von Polen, die Hochzeitsnacht in voller Rüstung bei seiner jungen Gattin verbracht. Als ob die zärtlichen Kämpfe der Liebe derart ansehnliche Zurichtungen erforderten! Eine Mischung von Wildheit und Pracht beherrschte alle Gebräuche jener Zelt. Diese sonderbare Erscheinung erklärt sich aus dem Bestreben des Jahrhunderts, die Barbarei zu überwinden. Es suchte den rechten Weg dazu und verfehlte ihn. In seiner Roheit verwechselte es Zeremonien mit Höflichkeit, Pracht mit Würde, Ausschweifungen mit Vergnügen, Pedanterie mit Gelehrsamkeit und grobe Possenreißerei mit geistreichem Witz.

Unter Joachim II. ist noch die Gründung der Universität Königsberg durch Albrecht von Preußen zu erwähnen (1544).

Der Aufwand nahm immer mehr zu. Johann Georg veranstaltete eine prächtige Totenfeier für seinen Vater, das erste prunkvolle Leichenbegängnis, von dem die Geschichte Brandenburgs meldet. Die Neigung zu Festlichkeiten war die Leidenschaft dieses Kurfürsten; er liebte es, seine Würde zur Schau zu stellen. Die Geburt seines ältesten Sohnes feierte er vier Tage lang mit Turnieren, Schifferstechen, Feuerwerk und Ringelrennen (Lockelius). Die Ritter, die die vier Quadrillen209-1 bildeten, trugen<210> reich mit Gold und Silber bestickte Samtwämser. Aber der Geist der Zeit verleugnete sich bei all der Pracht nicht. An der Spitze jeder Quadrille befand sich ein Possenreißer, der in lächerlicher Weise das Horn blies und hunderterlei Späße vollführte. Und der ganze Hof stieg auf den Schloßturm, um sich das Feuerwerk anzusehen210-1. Bei der Durchreise König Christians IV. von Dänemark durch Berlin bereitete der Kurfürst ihm einen großartigen Empfang. Er ritt dem König entgegen, gefolgt von zahlreichen Prinzen, Grafen und Herren und einer Leibwache von 300 Reitern. Der König hielt seinen Einzug in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen, mit Gold besetzten Wagen. Er wurde von acht Schimmeln gezogen, deren Geschirr und Zaumzeug aus Silber war. Man überhäufte ihn mit Festlichkeiten im Geschmack der oben geschilderten.

Man hatte den Aufwand wohl zu weit getrieben; denn Joachim Friedrich erließ Gesetze gegen den Luxus. Er selbst verwandte seine Einkünfte zu nützlichen Zwecken. Er gründete das Gymnasium zu Joachimstal, das später vom Großen Kurfürsten nach Berlin verlegt wurde, wo es noch heutigentags die blühendste und bestverwaltete Schule des preußischen Staates ist.

Unter der Regierung Johann Georgs fehlten noch viele Erfindungen, die der Bequemlichkeit des Lebens dienten. Der allgemeine Gebrauch der Kutschen datiert erst seit Johann Sigismund. Anläßlich seiner Huldigung in Warschau ist davon die Rede. In seinem Gefolge hatte er 36 Wagen zu je 6 Pferden, außerdem einen Zug von 80 Handpferden. Die Gesandtschaft, die sich für die Wahl des Kaisers Mathias zum Reichstag begab (1612), führte drei Wagen mit sich; das waren elende, aus vier Brettern roh zusammengefügte Fuhrwerke. Wer hätte damals gedacht, daß die Wagenbaukunst sich im 18. Jahrhundert derart vervollkommnen würde, daß man Wagen für 20 000 Taler baute, die sogar Käufer fanden?

Die Bildungsbestrebungen in Brandenburg und Deutschland waren nicht ganz vergeblich. Die Zahl der Hochschulen nahm zu. Die Universität Halle wurde damals gegründet210-2. Zugleich entstand in Weimar eine Akademie für die deutsche Sprache unter dem Namen „Fruchtbringende Gesellschaft“ (1617), die sehr nützlich hätte werden können. Denn der deutschen Sprache, die in zahllose Dialekte zerfällt, fehlt es an zuverlässigen Regeln, die ihren richtigen Gebrauch festlegen. Wir besitzen kein einziges klassisches Buch. Und wenn uns noch etwas von unserer alten republikanischen Freiheit geblieben ist, so ist es der unfruchtbare Vorteil, eine rauhe und fast noch barbarische Sprache nach Belieben verstümmeln zu können210-3.

<211>

Jene schönen Einrichtungen, die uns vielleicht um hundert Jahre vorwärts gebracht hätten, standen eben im ersten Anfang ihrer Entwicklung, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, der ganz Deutschland umwälzte und verwüstete.

Unter der Regierung Johann Sigismunds genossen die Stände großes Ansehen.

Unter Georg Wilhelm verringerte Graf Schwarzenberg die Macht der Stände, obschon sie niemals Mißbrauch damit getrieben hatten211-1.

Das Jahr 1636 war für die Kurmark das unglücklichste im Verlauf des blutigen Krieges211-2. Die Schweden standen in Werben, die Kaiserlichen in Magdeburg und Rathenow, Wrangel in Stettin und Morosini in der Neumark, als 36 000 Kaiserliche das Land durchzogen und alles auf ihrem Wege plünderten und verheerten. Das war zuviel auf einmal. Brandenburg war von den Truppen, die auf seine Kosten gelebt und es in den vorhergehenden Jahren ausgeraubt hatten, noch zu sehr geschwächt und brach endlich zusammen. Eine furchtbare Teuerung entstand. Zwei Ochsen kosteten 100 Taler, ein Scheffel Korn 5, ein Scheffel Gerste 3. Der Wert des Geldes stieg mit seiner Seltenheit. Der Zahlwert des Dukatens wurde auf zehn Taler, geschätzt.

Einige Edelleute, die ihre Vorräte vor der Gier des Feindes geschützt hatten, wollten aus der Teuerung Vorteil schlagen. Aber die Bauern, die kein Geld hatten, das Getreide zu bezahlen, und die der Hunger zur Verzweiflung trieb, erschlugen ihre hartherzigen Herren und plünderten ihre Speicher.

Die Hungersnot wütete mit gleicher Heftigkeit fort, die Pest kam hinzu, und das Elend erreichte seinen Höhepunkt. Die wenigen armen Einwohner, die der Seuche und dem Feinde entronnen waren, vermochten so vielem Mißgeschick nicht standzuhalten. Sie verließen ihr unglückliches Vaterland und suchten in den Nachbarländern Zuflucht. Die ganze Mark war nur noch eine schreckliche Wüste. Sie bot ein jammervolles Bild von Trümmern, Brandstätten und all den Plagen, wie sie ein langer und erbitterter Krieg mit sich bringt. Unter all den Schrecken der Zerstörung fand man in diesen ganz verwüsteten Gegenden kaum noch Spuren der alten Bewohner.

Brandenburg wäre zugrunde gegangen, hätte nicht Friedrich Wilhelm es mit eiserner Energie wiederaufgerichtet. Seine Klugheit, seine Ausdauer und die Zeit besiegten alle Schwierigkeiten. Er stellte den Frieden her, traf geeignete Maßnahmen und rettete den Staat vor dem Untergang. Brandenburg wurde in der Tat ein ganz neues Land. Es bildete sich aus dem Zusammenschluß der Kolonisten der verschiedenen Völker mit den alten Bewohnern, die die Verheerung überstanden hatten. In guten wie in schlechten Jahren waren seitdem die Lebensmittelpreise so niedrig, daß der Scheffel Korn 12 Groschen kostete.

Neben allem anderen Unheil, das der Dreißigjährige Krieg anrichtete, zerstörte er auch das bißchen Handel, das in Norddeutschland bestanden hatte. Wir bezogen<212> unser Salz von altersher aus Holland und Frankreich. Die Vorräte, die während der Kriegsunruhen nicht erneuert werden konnten, erschöpften sich, und um ein so notwendiges Nahrungsmittel nicht entbehren zu müssen, nahm man seine Zuflucht zur eigenen Herstellung. Man fand Salzquellen in Halle, und diese lieferten genug, um Brandenburg und auch die Nachbarländer zu versorgen.

Die ersten Ansiedler in der Mark waren Holländer. Sie erweckten das zünftige Handwerk zu neuem Leben und betrieben den Verkauf hochstämmigen Holzes, das in großer Menge vorhanden war. Hatte doch der Dreißigjährige Krieg das ganze Land zu einem weiten Walde gemacht. Der Verkauf dieses Holzes bildete seitdem einen der Hauptzweige unseres Handels. Der Kurfürst gestattete sogar einigen jüdischen Familien, sich in seinem Staate niederzulassen. Die Nachbarschaft Polens machte ihre Dienste wertvoll, um unsere Ausschußwaren dort abzusetzen.

Zu jener Zeit trat ein Ereignis ein, das die Pläne des Großen Kurfürsten beträchtlich förderte. Ludwig XIV. hob (1685) das Edikt von Nantes auf, und mindestens 400 000 Franzosen verließen ihr Land. Die Reichsten wanderten nach England und Holland aus; die Ärmsten, aber Fleißigsten kamen nach Brandenburg, etwa 20 000 an der Zahl. Sie halfen unsere verödeten Städte neu bevölkern und brachten uns alle die Manufakturen, die uns fehlten.

Um beurteilen zu können, welche Vorteile dem Staat aus ihrer Ansiedlung erwuchsen, müssen wir im einzelnen betrachten, was unsere Manufakturen vor dem Dreißigjährigen Kriege waren, und was sie nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes wurden. Unser Handel beruhte seit alter Zeit auf dem Verkauf von Getreide, Wein und Wolle. Es bestanden zwar noch einige Tuchfabriken, aber sie waren wenig bedeutend. Zur Zeit Johann Ciceros gab es im ganzen Lande nur 700 Tuchwalker. Während der Regierung Joachims II. unterdrückte Alba tyrannisch die Freiheit der Niederlande. Die kluge Königin Elisabeth von England machte sich die Torheit ihrer Nachbarn zunutze, indem sie die Fabrikanten aus Gent und Brügge in ihr Land zog. Dort verarbeiteten sie die englische Wolle und erreichten es, daß deren Ausfuhr verboten wurde. Unsere Fabriken hatten bisher nur durch die Mischung englischer Wolle mit der einheimischen gutes Tuch erzielt, und als jene in Wegfall kam, ging unser Tuch zurück. Die Kurfürsten August und Christian von Sachsen212-1 folgten dem Beispiel der Königin Elisabeth, indem sie flämische Handwerker in ihr Land zogen, wo sie die Manufakturen zum Aufblühen brachten. Der Mangel an ausländischer Wolle, der Rückgang unserer Fabriken und das Wachstum derer unserer Nachbarn veranlaßten den brandenburgischen Adel, seine Wolle ans Ausland zu verkaufen, wodurch unsere Manufakturen fast vollständig zugrunde gingen. Um ihnen wiederaufzuhelfen, verbot Johann Sigismund die Einfuhr fremder Tuche in seinen Staaten. Aber das Verbot erwies sich als ungünstig; denn die brandenbur<213>gischen Fabriken konnten nicht so viel Tuch liefern, wie im Lande gebraucht wurde, und man mußte wieder zur Industrie der Nachbarn seine Zuflucht nehmen. Höchstwahrscheinlich hätte man sich noch besser zu helfen gewußt, aber der Dreißigjährige Krieg kam dazwischen und warf die Projekte, die Manufakturen und den ganzen Staat um.

Als Friedrich Wilhelm die Regierung antrat, wurden in seinem Lande weder Hüte, Strümpfe, Leinen, noch irgend welche Wollstoffe hergestellt. Alle diese Produkte brachte uns erst die Industrie der Franzosen. Sie errichteten Manufakturen für Tuch, Serge, Etamin, für kleine Zeuge, Drogett, Grisett, Krepon, für Mützen und Strümpfe, die auf Webstühlen verfertigt wurden, für Mützen aus Biber-, Hasenund Kaninchenfell, sowie für Färberei aller Art. Einige der Refugiés wurden Kaufleute und sorgten für den Absatz der Erzeugnisse der anderen. Berlin bekam Juweliere, Uhrmacher und Holzschnitzer. Die Franzosen, die sich auf dem platten Lande ansiedelten, zogen dort Tabak, Obst und vortreffliche Gemüse und machten durch ihre Sorgfalt die sandigen Gegenden zu bewunderswerten Gemüsegärten. Um eine so wertvolle Kolonie zu unterstützen, setzte der Große Kurfürst ihr eine jährliche Rente von 40 000 Talern aus, die sie heute noch erhält.

So stand die Kurmark gegen Ende der Regierung Friedrich Wilhelms in einer Blüte, wie unter keinem seiner Vorfahren. Der große Aufschwung der Manufakturen vermehrte auch die Zweige des Handels, der sich in der folgenden Zeit auf Getreide, Holz, Stoffe, Tuche und Salz erstreckte. Die Post, bis dahin in Deutschland unbekannt, wurde vom Großen Kurfürsten in allen seinen Staaten, von Emmerich bis Memel, eingeführt. Die Städte hatten willkürliche Abgaben gezahlt, die nun abgeschafft und durch die Akzise213-1 ersetzt wurden. Ihre Verwaltung besserte sich: man pflasterte die Straßen und hängte in Zwischenräumen Laternen auf, um sie zu erleuchten. Diese Verbesserung war dringend notwendig; denn früher hatten die Höflinge wegen des Schmutzes in den Straßen auf Stelzen zum Schloß in Potsdam gehen müssen, wenn der Hof sich dort aufhielt.

Obwohl selbst freigebig und prachtliebend, erließ der Große Kurfürst Gesetze gegen den Luxus. Sein Hofhalt war groß und sein Aufwand würdig. Bei den Festlichkeiten, die er zur Hochzeit seiner Nichte, der Herzogin von Kurland213-2, gab, waren zu jeder Mahlzeit 56 Tafeln zu je 40 Gedecken aufgestellt.

Durch seine unermüdliche Tätigkeit schenkte der Große Kurfürst seinem Land alle nützlichen Künste. Ihnen die angenehmen hinzuzufügen, fehlte ihm die Zeit.

Die fortwährenden Kriege und der Zuzug der neuen Einwohner hatten die alten Sitten schon bedeutend geändert. Viele Bräuche der Holländer und Franzosen waren bei uns heimisch geworden. Die Hauptlaster waren Trunksucht und Eigennutz. Ausschweifungen mit Weibern waren damals der Jugend ebenso unbekannt wie die Krankheiten, die deren Folgen sind. Der Hof liebte den Witz, Zweideutigkeiten und<214> Spaßmacher. Die Söhne des Adels widmeten sich dem Studium, und die Jugenderziehung kam unmerklich in die Hände der Franzosen. Ihnen verdanken wir eine Anmut des Verkehrs und gewandtere Umgangsformen, als sie sonst unter Deutschen üblich sind214-1.

Alle die neuen Ansiedlungen des Großen Kurfürsten erreichten ihre eigentliche Blüte erst unter Friedrich I. Dieser genoß die Früchte der Arbeit seines Vaters. Wir besaßen damals eine Gobelinweberei, die der in Brüssel nichts nachgab. Unsere Borten kamen den französischen gleich. Unsere Neustädter Spiegel übertrafen die venezianischen an Klarheit. Die Armee war mit unserem eigenen Tuch bekleidet.

Der Hofhalt war groß und glanzvoll. Ausländische Subsidien erhöhten den Geldumlauf. In Livreen, Kleidern, Tafelgerät, Pferden und Bauwerken wurde großer Luxus entfaltet. Der König hatte zwei der geschicktesten Architekten Europas214-2 in seinen Diensten und als Bildhauer Schlüter214-3, der in seiner Kunst ebenso tüchtig war wie jene in der ihren. Bodt erbaute das schöne Tor in Wesel und entwarf die Pläne zum Berliner Schloß und zum Zeughaus. Er baute das Posthaus an der Ecke der Langen Brücke und den schönen Portikus des Potsdamer Schlosses, der bei Liebhabern viel zuwenig bekannt ist. Eosander führte den neuen Flügel des Charlottenburger Schlosses und den später niedergerissenen Münzturm auf. Schlüter schmückte das Zeughaus mit jenen Trophäen und schönen Masken, die das Entzücken aller Kenner bilden, und schuf die Reiterstatue des Großen Kurfürsten, die als ein Meisterwerk gilt. Der König verschönerte Berlin durch die Parochialkirche in der Klosterstraße214-4, die Stechbahn (1702) und noch einige andere Gebäude. Er schmückte die Lustschlösser Oranienburg, Potsdam und Charlottenburg durch Erweiterungen und Verschönerungen aller Art aus.

Die schönen Künste, die Kinder des Reichtums, begannen zu blühen. Die Kunstakademie wurde begründet. Ihre ersten Lehrer waren Pesne, Werner, Weidemann und Leygebe214-5. Aber es ging kein Maler von Bedeutung aus ihrer Schule hervor.

Das bemerkenswerteste und für den Fortschritt des menschlichen Geistes bedeutsamste Ereignis war die Gründung der Königlichen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1700. Die Königin Sophie Charlotte hatte das Hauptverdienst daran.<215> Sie besaß den Geist eines großen Mannes und die Kenntnisse eines Gelehrten. Sie hielt es einer Königin nicht für unwürdig, einen Philosophen hochzuschätzen. Wie man schon errät, war der Philosoph, den wir meinen, Leibniz. Da diejenigen, denen der Himmel große Talente beschert, sich zur Höhe der Fürsten erheben, so zog sie Leibniz in ihren engeren Verkehr. Ja, sie tat noch mehr: sie schlug ihn als den einzigen vor, der fähig sei, die neue Akademie zu gründen. Leibniz, der mehr als eine Seele hatte, wenn ich so sagen darf, war wohl würdig, den Vorsitz in einer Akademie zuführen, die er im Notfall allein hätte darstellen können. Er richtete vier Klassen ein, eine für Physik und Medizin, eine für Mathematik, eine für deutsche Sprache und Altertumsforschung und eine für die Sprachen und Altertümer des Orients. Unsere berühmtesten Akademiker waren Basnage215-1, Bernoulli215-2, La Croze215-3, Guilielmini215-4, Hartsoeker215-5, Hermann215-6, Kirch215-7, Römer215-8, Sturm215-9 Varignon215-10, des Vignoles215-11, Werenfels215-12 und Wolff215-13. Später kamen noch Beausobre215-14 und Lenfant215-15 hinzu, Gelehrte, deren Federn dem Zeitalter eines Augustus oder Ludwig XIV. zur Ehre gereicht hätten.

In Magdeburg lebte noch Otto von Guericke, dem wir die Erfindung der Luftpumpe verdanken und dem es beschieden war, seinen philosophischen und erfinderischen Geist auf seine Nachkommen zu vererben.

Auch die Universitäten blühten in jener Zeit. Halle und Frankfurt waren mit hochgelehrten Professoren besetzt. Thomasius215-16, Gundling215-17, Ludewig215-18, Wolff und Stryk215-19 genossen das größte Ansehen und hatten zahlreiche Schüler. Wolff erläuterte Leibnizens geistvolles Monadensystem und ertränkte in einem Schwall von Worten, Argumenten, Lehrsätzen und Zitaten einige Probleme, die Leibniz den Metaphysikern vielleicht nur als Köder hingeworfen hatte215-20. Der Hallenser Professor schrieb mit Riesenfleiß eine Menge Bücher zusammen, die höchstens Kindern als Katechismus der Logik dienen, aber nicht erwachsenen Menschen irgend welche Aufschlüsse geben können. Die Monadenlehre hat die deutschen Metaphysiker und Mathematiker aufeinandergehetzt; sie streiten sich heute noch über die Teilbarkeit der Materie.

<216>

Der König gründete in Berlin eine Akademie für junge Edelleute nach dem Muster der zu Luneville, aber leider hatte sie keinen langen Bestand.

Das Zeitalter brachte keinen einzigen guten Historiker hervor. Teissier wurde beauftragt, die Geschichte Brandenburgs zu schreiben, verfaßte aber statt dessen einen Panegyrikus216-1. Pufendorf beschrieb das Leben Friedrich Wilhelms216-2, und um ja nichts zu übergehen, vergaß er selbst die Kanzleischreiber und Kammerdiener nicht, so weit er ihrer Namen habhaft werden konnte. Unsere deutschen Autoren haben, so scheint mir, stets darin gesündigt, daß sie Wesentliches und Nebensächliches nicht schieden. Sie unterließen es, die Tatsachen aufzuklären, und anstatt ihreProsa kurz zu fassen, ergingen sie sich in langatmigen Sätzen mit äußerst verschränkter Wortstellung und zahllosen Beiwörtern. Kurz, sie schrieben mehr als Pedanten denn als Männer von Geist.

Bei diesem gänzlichen Mangel an guten Prosaschriften besaß Brandenburg einen bedeutenden Dichter in Canitz216-3. Er schuf eine glückliche Übersetzung einiger Episteln von Boileau, schrieb Verse in der Art des Horaz und einige völlig selbständige Werke. Er ist Deutschlands Pope, der eleganteste, korrekteste und wenigst verschwommene Verskünstler in unserer Sprache. Im allgemeinen sind in Deutschland auch die Poeten von der Pedanterie angesteckt. Die Sprache der Götter wird durch den Mund irgend eines obskuren Schulmeisters oder eines liederlichen Studenten geschändet. Und die sogenannten anständigen Leute sind entweder zu faul oder zu stolz, die Leier des Horaz oder die Posaune Virgils zu handhaben. Obgleich aus vornehmem Hause, hielt Canitz Geist und dichterische Begabung nicht für unstandesgemäß und pflegte sie, wie schon gesagt, mit Erfolg. Er hatte ein Amt bei Hofe und schöpfte aus den Sitten der guten Gesellschaft jene Feinheit und Anmut, die uns für seinen Stil einnimmt.

Die deutsche Schauspielkunst war recht minderwertig. Die sogenannte Tragödie ist ein aus Schwulst und niedrigen Späßen zusammengesetztes Monstrum. Die Dramatiker kennen nicht einmal die einfachsten Bühnenregeln. Die Komödie ist noch erbärmlicher, ein rohes, Geschmack, Sitte und Anstand verletzendes Possenspiel. Die Königin unterhielt eine italienische Oper, deren Komponist der berühmte Buononcini216-4 war. Seitdem hatten wir gute Musiker. Am Hof bestand eine französische Lustspieltruppe, die die Meisterwerke von Moliere, Corneille und Racine aufführte.

Der Geschmack am französischen Theater kam mit der französischen Mode nach Deutschland. Europa war entzückt von dem Stempel der Größe, den Ludwig XIV. all seinem Tun aufprägte, von den feinen Sitten, die an seinem Hofe herrschten, von den großen Männern, die ihn zierten, und suchte das bewunderte Frankreich nachzuahmen. Ganz Deutschland reiste nach Paris. Ein junger Mann von Stand, der sich nicht eine Zeitlang am Hofe von Versailles aufgehalten hatte, galt als Einfaltspinsel. Französischer Geschmack beherrschte unsere Küche, unsere Einrichtung, unsere <217>Kleidung und alle die Kleinigkeiten, auf die sich der Einfluß der Mode erstreckt. Diese Leidenschaft wurde aufs äußerste getrieben und artete aus. Die Frauen, die zu übertreiben pflegen, gingen darin bis zur Narrheit217-1.

Die ausländischen Moden kamen in der Stadt mehr in Aufnahme als bei Hofe. Hier mußten Prunk und Etikette die Langeweile vertreiben; man berauschte sich geradezu an Zeremoniell.

Der König stiftete den Orden vom Schwarzen Adler, teils um einen Orden zu haben wie alle anderen Könige, teils um Gelegenheit zu einem Feste zu schaffen, das einer Maskerade recht ähnlich sah. Derselbe König, der seiner Gemahlin zu Gefallen eine Akademie gegründet hatte, unterhielt zu seinem eigenen Vergnügen Possenreißer. Der Hof der Königin Sophie Charlotte war ganz von dem ihres Gatten getrennt. Er war ein Tempel, wo das heilige Feuer der Vestalinnen gehütet wurde, die Wohnstätte der Weisen und der Sitz der Bildung. Die Tugenden dieser Fürstin strahlen um so Heller, als ihre Nachfolgerin217-2 sich den Muckern in die Arme warf und ihr Leben in Gesellschaft jener bösartigen Sorte von Heuchlern verbrachte, die die Tugend der anderen mit Gift bespritzen, um ihre eigene Lasterhaftigkeit zu beschönigen.

Schließlich erschienen auch Alchimisten am Hofe. Ein Italiener namens Caetano217-3 versicherte dem König, daß er das Geheimnis des Goldmachens besäße. Er gab viel Gold aus, machte aber keines; der König rächte seine Leichtgläubigkeit an dem Unglücksmenschen, und Caetano wurde gehängt.

Unter Friedrich Wilhelm (1713) änderte der Staat sein Gepräge fast vollständig. Der Hofstaat wurde entlassen, die hohen Gehälter herabgesetzt. Viele, die sich einen Wagen gehalten hatten, mußten nun zu Fuß laufen. Das Volk sagte, der König habe die Lahmen wieder gehen gemacht. Unter Friedrich I. war Berlin das Athen des Nordens gewesen; unter Friedrich Wilhelm wurde es dessen Sparta. Die ganze Regierung war militärisch. Die Armee wurde verstärkt, und in der Hitze der ersten Aushebungen wurden einige Handwerker unter die Soldaten gesteckt. Das erschreckte die anderen, und viele entflohen. Dieser unerwartete Zwischenfall tat unseren Manufakturen beträchtlichen Abbruch.

<218>

Dem half der König in wirksamer Weise ab, indem er sich mit besonderer Sorgfalt der Wiederaufrichtung und Förderung der Industrie widmete. Er erließ ein strenges Ausfuhrverbot für unsere Wolle und errichtete das Lagerhaus (1714), wo den armen Gewerbetreibenden Wolle auf Vorschuß geliefert wird, den sie dann mit ihrer Arbeit bezahlen. Unser Tuch fand einen gesicherten Absatz in dem Bedarf der Armee, die jedes Jahr neu gekleidet wurde. Der Absatz erstreckte sich auch auf das Ausland. Im Jahre 1725 wurde die Russische Kompagnie gegründet. Unsere Kaufleute lieferten das Tuch für alle russischen Truppen. Aber die englischen Guineen wanderten zu den Moskowitern, und bald folgte ihnen das englische Tuch nach und unser Handel hörte auf. Anfänglich litten unsere Manufakturen darunter, doch es fanden sich neue Absatzgebiete. Die Arbeiter hatten bald nicht mehr genug an unserer eigenen Wolle, und es wurde den Mecklenburgern gestattet, uns die ihre zu verkaufen. Seit 1733 standen unsere Manufakturen so in Blüte, daß sie 44 000 Stück Tuch zu je 24 Ellen im Ausland absetzten.

Berlin glich einem Zeughaus. Alle Handwerker, die für eine Armee gebraucht werden konnten, gediehen dort, und ihre Arbeiten wurden in ganz Deutschland begehrt. In Berlin entstanden Pulvermühlen, in Spandau Säbelfabriken, in Potsdam Waffenfabriken und in Neustadt Werkstätten für Eisen-und Lederarbeiten.

Der König gewährte allen, die sich in den Städten seines Landes niederließen, Steuerfreiheiten und Belohnungen. Er baute in seiner Residenz die ganze Friedrichstadt und besetzte die alten Festungswälle mit Häusern. Er gründete und bevölkerte die Stadt Potsdam218-1. Nicht das kleinste Bauwerk errichtete er für sich, sondern alle für seine Untertanen. Die Architektur unter seiner Regierung ist durchweg vom holländischen Geschmack verdorben. Es wäre zu wünschen gewesen, daß die großen Summen, die der König auf Bauten verwandt hat, in die Hände von geschickteren Architekten gelangt wären. Er teilte das Schicksal aller Städtegründer, die nur auf die Solidität ihrer Schöpfungen bedacht waren und darüber meist die Schönheit, die mit denselben Mitteln erzielt werden könnte, außer acht ließen.

Berlin erhielt nach seiner Erweiterung218-2 eine neue Polizei (1735), ungefähr nach dem Muster der Pariser. Jedes Stadtviertel erhielt Polizeibeamte. Zugleich wurden die Droschken eingeführt. Die Stadt wurde von den Müßiggängern gesäubert, die ihr Leben durch aufdringliches Betteln fristen. Diese Unglücklichen, die unseren Abscheu erregen, aber unser Mitleid verdienen, da die Natur sie stiefmütterlich behandelt hat, fanden in öffentlichen Armenhäusern Unterkunft.

Während all dieser Veränderungen verschwanden Luxus, Üppigkeit und Vergnügungssucht. Der Geist der Sparsamkeit zog bei allen Ständen, bei reich und arm ein. Unter den früheren Herrschern hatten viele Adlige ihre Güter verkauft, um sich Brokat und Tressen zu erstehen. Dieser Mißbrauch hörte nun auf. In den<219> meisten preußischen Provinzen ist der Adel gezwungen, gut zu wirtschaften, um sich zu erhalten. Denn das Erstgeburtsrecht besteht nicht, und die Väter kinderreicher Familien können ihren Söhnen, die zu Stiftern neuer Seitenlinien werden, nur dann ein standesgemäßes Einkommen hinterlassen, wenn sie selber sparsam sind.

Die Verminderung der Ausgaben des Publikums verhinderte nicht, daß das Handwerk sich vervollkommnete. Unsere Wagen, Tressen, Sammetstoffe und Goldschmiedearbeiten verbreiteten sich durch ganz Deutschland.

Sehr bedauerlich aber war es, daß man während all dieser wertvollen Neuerungen die Akademie der Wissenschaften, die Universitäten, die freien Künste und den Handel ganz in Verfall geraten ließ. Die frei werdenden Stellen an der Akademie wurden schlecht und wahllos besetzt. Das Zeitalter war so verblendet, Mißachtung gegen eine Einrichtung zur Schau zu tragen, die so erlauchten Ursprungs war und deren Leistungen ebensosehr den Ruhm der Nation wie den Fortschritt des menschlichen Geistes förderten.

Während die ganze übrige Akademie in Lethargie versank, blieben Medizin und Chemie auf der Höhe. Pott219-1, Marggraf219-2 und Eller219-3 setzten Stoffe zusammen und lösten sie auf und trugen durch ihre Entdeckungen zur Aufklärung der Menschheit bei. Die Anatomen erhielten für ihre öffentlichen Sezierkurse ein anatomisches Theater, und so entwickelte sich eine blühende Schule der Chirurgie.

Günstlingswirtschaft und Kabalen besetzten die Lehrstühle der Universitäten. Die Frömmler, die sich in alles mischen, erlangten Teil an der Leitung der Hochschulen. Sie verfolgten dort den gesunden Menschenverstand und insbesondere die Philosophen. Wolff wurde ausgewiesen219-4, weil er die Beweise für das Dasein Gottes mit bewundernswerter Klarheit entwickelt hatte.

Die adlige Jugend, die den Offiziersberuf ergriff, glaubte, durch das Studium sich herabzuwürdigen, und wie der Menschengeist stets in Extreme verfällt, betrachtete sie die Unwissenheit als ein Verdienst und das Wissen als lächerliche Pedanterie.

Aus den gleichen Gründen kamen die freien Künste in Verfall. Die Kunstakademie ging ein. Pesne, ihr Direktor, ging von den Gemälden ganz zum Porträt über. Steinmetze traten als Bildhauer auf und Maurer als Architekten. Ein Chemiker, namens Böttger219-5, ging von Berlin nach Dresden und verriet dem König von Polen das Geheimnis der Herstellung des Porzellans, das an Eleganz der Formen und an Feinheit des Farbenspiels das chinesische übertrifft.

Unser Handel war noch nicht geboren. Die Regierung erstickte ihn, indem sie Grundsätze vertrat, die seiner Entwicklung stracks zuwiderliefen. Man darf daraus nicht den Schluß ziehen, daß der Nation eigene Geschäftsbegabung fehlt. Die<220> Venezianer und die Genuesen waren die ersten, die sich dem Handel zuwandten. Nach der Erfindung des Kompasses ging er zu den Portugiesen und Spaniern über und verbreitete sich dann in England und Holland. Die Franzosen widmeten sich ihm zuletzt und holten durch Schnelligkeit ein, was sie durch Unkenntnis versäumt hatten. Wenn die Bewohner von Danzig, Hamburg und Lübeck, die Dänen und Schweden sich durch ihre Schiffahrt täglich bereichern, warum sollten es die Preußen nicht ebenso machen? Die Menschen werden alle zu Adlern, wenn man ihnen die Wege zu ihrem Glücke bahnt. Sie müssen nur durch Beispiele ermuntert, durch Wetteifer angeregt und vom Herrscher unterstützt werden. Die Franzosen sind spät gekommen, wir zaudern noch. Vielleicht, daß unsere Stunde noch nicht geschlagen hat.

Man war damals weniger auf die Ausdehnung des Handels als auf Einschränkung der unnötigen Ausgaben bedacht. Todesfälle waren früher etwas sehr Kostspieliges. Man gab Feste bei Beerdigungen, und das Leichenbegängnis selbst war teuer. Alle diese Gebräuche wurden abgeschafft. Man hörte auf, Häuser und Kutschen mit Flor zu behängen, und verzichtete auf schwarze Livreen. Nun konnte man billig sterben.

Das rein militärische Regiment des Königs beeinflußte die Sitten und sogar die Moden. Man gefiel sich darin, sauertöpfische Mienen aufzusetzen. Jedermann in Preußen trug höchstens drei Ellen Tuch am Leibe und einen Degen an der Seite, der nicht weniger als zwei Ellen lang war. Die Frauen flohen die Gesellschaft der Männer, und diese entschädigten sich dafür durch Wein, Tabak und Hanswürste. Kurz, unsere Sitten waren denen unserer Vorfahren ebenso unähnlich wie denen unserer Nachbarn; wir waren ganz original und genossen die Ehre, von einigen kleinen deutschen Fürsten schlecht kopiert zu werden.

In den letzten Jahren der Regierung des Königs führte der Zufall eine dunkle Persönlichkeit nach Berlin, einen Mann von verschlagenem und bösartigem Charakter, namens Eckhar220-1, eine Art Alchimisten, der für den Herrscher Geld machte — auf Kosten des Beutels der Untertanen. Seine Kniffe glückten ihm eine Zeitlang. Aber wie alle Bosheit früher oder später offenbar wird, so schwand sein Ansehen, und seine unglückselige Wissenschaft versank in der Finsternis, aus der sie hervorgegangen war.

Solcher Art waren die Sitten Brandenburgs unter all den verschiedenen Regierungen. Der Genius des Volkes ward in jahrhundertelanger Barbarei erstickt, erhob sich von Zeit zu Zeit, verfiel aber bald wieder in Unwissenheit und Ungeschmack. Und als glücklichere Umstände seinen Aufschwung zu begünstigen schienen, brach ein Krieg aus, dessen verderbliche Folgen die Kräfte des Staates von Grund auf zerstörten. Wir sahen den Staat aus seiner Asche wieder auferstehen, sahen, mit wel<221>chen Anstrengungen die Nation sich höhere Gesittung errang. Wenn dies schöne Feuer bisher auch nur schwache Funken erzeugt hat, so bedarf es doch bloß einer Kleinigkeit, um sie eines Tages zur großen Flamme emporlodern zu lassen. Wie der Same ein günstiges Erdreich zu seinem Wachstum braucht, so bedürfen auch die Völker des Zusammentreffens günstiger Umstände, um aus ihrer Erstarrung sozusagen zu neuem Leben zu erwachen.

Alle Staaten mußten einen gewissen Kreis von Ereignissen durchlaufen, bevor sie ihre höchste Blüte erreichten. Die Monarchien sind langsameren Schrittes dorthin gelangt und haben sich kürzer auf der Höhe behauptet als die Republiken. Und wenn es zutrifft, daß die vollkommenste Regierungsform ein gut verwaltetes König, reich ist, so ist es nicht minder gewiß, daß die Republiken ihre Aufgabe am raschesten erfüllt und sich am besten erhalten haben; denn die guten Könige sterben, weise Gesetze aber sind unsterblich.

Sparta und Rom waren zum Kriegführen gegründet. Jenes brachte ein unüberwindliches Heer, dies die Legionen hervor, die die Hälfte des bekannten Erdkreises unterwarfen. Sparta erzeugte die hervorragendsten Feldherren; Rom war eine Pflanzschule von Helden. Athen, dem Solon friedlichere Gesetze gegeben hatte, wurde die Wiege der Künste. Zu welcher Vollendung brachten es seine Dichter, Redner und Geschichtsschreiber! Diese Heimstätte der Wissenschaften bestand bis zum vollständigen Untergang Attikas. Karthago, Venedig und selbst Holland waren durch ihre Verfassung auf den Handel verwiesen. Sie erweiterten und unterstützten ihn beständig, wohl wissend, daß er die Stütze ihres Staatswesens und die Grundlage ihrer Größe war.

Setzen wir diese Betrachtung noch einen Augenblick fort. An den Grundgesetzen von Republiken rütteln, heißt sie vollständig umstürzen. Denn die Weisheit der Gesetzgeber hat ein Ganzes geschaffen, mit dem alle Teile des Maatsgebäudes unlöslich zusammenhängen. Wer die einen umstößt, zerstört die anderen, eben weil sie alle verkettet und verbunden sind und ein vollständiges und einheitliches System bilden.

In den Königreichen ist die einzige Grundlage der Regierungsform die souveräne Macht des Herrschers. Gesetze, Heerwesen, Industrie, Handel und alle anderen Bestandteile des Staates sind der Willkür eines Einzigen unterworfen, unter dessen Nachfolgern keiner dem anderen gleicht. Daraus folgt, daß gewöhnlich beim Regierungsantritt eines neuen Fürsten der Staat nach neuen Grundsätzen verwaltet wird. Und das ist es, was gegen diese Regierungsform spricht.

Einheitlichkeit besteht in den Zielen, die Republiken sich setzen, und in den Mitteln, die sie zu ihrer Erreichung anwenden. Daher kommt es, daß sie ihre Zwecke fast niemals verfehlen. In Monarchien dagegen folgt auf einen ehrgeizigen Fürsten ein Müßiggänger, auf ihn ein Frömmler, auf ihn ein Krieger, auf den ein Gelehrter, auf den ein Genußsüchtiger. Und während Fortunas wechselnde Bühne stets neue Bilder darbietet, nimmt der Geist des Volkes, durch die Mannigfaltigkeit des Schau<222>spiels abgelenkt, keinerlei feste Form an. Darum müssen in Monarchien die Ein_ richtungen, die den Wechselfällen der Jahrhunderte standhalten sollen, so tiefe Wurzeln haben, daß man sie nicht ausreißen kann, ohne zugleich die festesten Grundlagen des Thrones zu erschüttern.

Aber alles Menschenwerk ist unbeständig und vergänglich. Die Umwälzungen, die die Monarchien und Republiken heimsuchen, haben ihre Ursache in unumstößlichen Naturgesetzen. Die menschlichen Leidenschaften müssen als Triebfedern dienen, um immer neue Dekorationen auf die große Lebensbühne zu bringen. Der Wagemut der einen reißt an sich, was die Schwäche der anderen nicht verteidigen kann. Ehrsucht stürzt Republiken, und die List triumphiert bisweilen über die Einfalt. Ohne jene großen Umwälzungen bliebe die Welt stets die gleiche. Es gäbe keine neuen Ereignisse, keine Gleichartigkeit im Schicksal der Nationen. Einige Völker würden immer auf der Höhe der Kultur und glücklich sein und andere immer in tiefer Barbarei und unglücklich.

Wir sehen Monarchien entstehen und vergehen, wilde Völker Gesittung annehmen und zu Vorbildern anderer Nationen werden. Könnten wir daraus nicht den Schluß ziehen, daß das Leben der Völker, wenn man so sagen darf, ähnlich verläuft wie die Bahn der Gestirne, die, nachdem sie in zehntausend Jahren den ganzen Himmelsräum durchmessen haben, sich wieder an dem Punkte befinden, von dem sie ausgegangen sind? Unsere guten Tage werden kommen, wie die der anderen. Unsere Hoffnungen sind um so berechtigter, da wir einige Jahrhunderte länger der Barbarei unseren Tribut entrichtet haben als die Südländer. Diese köstlichen Zeiten künden sich an durch die Zahl der großen Männer auf allen Gebieten, die auf einmal geboren werden. Glücklich die Fürsten, die unter so günstigen Verhältnissen zur Welt kommen! Tugenden, Talent und Genie tragen sie gemeinsam empor zu großen und erhabenen Taten.

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Anhang

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1. Zur Charakteristik König Friedrich Wilhelms I.225-1

Man erwarte hier keine Darstellung eines Herrschers, den die Wahrzeichen des Stolzes und der Eitelkeit umgeben, keinen unruhigen, abenteuerlustigen Geist, dessen ungestüme Leidenschaften so weit um sich greifen, als die Macht der Ränke reicht. Das Leben eines Numa ist es, was ich schreibe, ein Leben ohne Überraschungen, ohne irgend etwas von dem, was den Ehrsüchtigen erstaunlich dünken könnte, ohne eine jener glanzvollen Taten, die ans Wunderbare grenzen. Wohl aber werden die Kenner des wahren Verdienstes hier Tugenden finden, die weit über alle Taten der Welteroberer zu setzen sind. Denn der Gesetzgeber hat bei all seinem Handeln die öffentliche Wohlfahrt im Auge, während der Eroberer einzig nach Ruhm lechzt. Dieser ist wie ein wütender Gießbach, der überschwillt und das Land ringsum verwüstet, jener ein wohltätiger Strom, dessen Fluten die Wiesen bewässern und Fruchtbarkelt und Überfluß verbreiten. Haben die Helden Hindernisse zu überwinden und Feinde zu besiegen, welcher Standhaftigkeit bedürfen dann erst die Neuordner der Staaten, um den Menschen die Wohltaten aufzuzwingen, die sie ihnen zugedacht haben! Wie schwer ist es, sie den nützlichen Neuerungen gefügig zu machen und ruhig den Weg zu gehen, auf dem man sie führen will! Findet schon Heldengröße Bewunderung, wieviel mehr gehört Weite des Blickes, wägender Sinn, Weisheit und Kombinationsgabe zum Plan jener wohltätigen Schöpfer! Gefällt sich der menschliche Geist in der Aufzählung der zerstörten Städte und Reiche, wie sollte er so verkehrt sein, nicht mit Freuden zu sehen, wie Städte und Dörfer erbaut und bevölkert werden und ganze Reiche erstehen? Des Gesetzgebers Geist muß umfassender sein als der des Eroberers, sein geistiger Mut größer als die Tapferkeit jenes. Überhaupt muß er reinere und für das Wohl der Menschheit ersprießlichere Absichten hegen. Der König hat so tiefe Spuren seines weisen Wirkens in seinem Lande hinterlassen, daß sie bleiben werden, solange der preußische Staat besteht.

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2. Betrachtungen über den gegenwärtigen politischen Zustand Europas (1738)226-1

Nie haben die öffentlichen Angelegenheiten die Aufmerksamkeit Europas mehr verdient als gegenwärtig. Nach großen Kriegen ändert sich die Lage der Staaten, und mit ihr wechseln die politischen Gesichtspunkte. Neue Projekte tauchen auf, neue Bündnisse werden geschlossen, und ein jeder trifft für sich die Maßregeln, die ihm zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne am vorteilhaftesten scheinen.

Steht es der Wißbegier eines denkenden Menschen an, in die Geheimnisse der Herzen einzudringen, ihre Abgründe zu erforschen und die Ursachen aus den Wirkungen zu erschließen, so muß auch jeder Herrscher, mag er in Europa eine noch so bescheidene Rolle spielen, ein Auge auf die Haltung der Höfe haben. Er muß die wahren Interessen der Staaten kennen und durch seine Voraussicht der Staatskunst der Minister gleichsam die Pläne ablisten, die ihre Klugheit entwirft und die ihre Verstellungskunst den Augen der Welt verhüllt.

Ein geschickter Mechaniker wird sich nicht mit der äußerlichen Betrachtung einer Uhr begnügen. Er wird sie öffnen, ihre Hebel und Federn prüfen. So sucht auch ein geschickter Staatsmann die bleibenden Grundsätze der Höfe zu erfahren, die Trieb<227>federn der Politik jedes Herrschers, die Quellen der Geschehnisse zu erforschen. Er überläßt nichts dem Zufall. Sein scharfblickender Geist sieht die Zukunft voraus und dringt durch die Verkettung der Ursachen bis zu den fernsten Zeitaltern vor. Kurz, es ist klug, alles zu ergründen, damit man alles beurteilen, allem vorbeugen kann.

Angesichts der Lethargie mehrerer europäischer Fürsten halte ich eine Darlegung unseres gegenwärtigen politischen Zustandes nicht für unangebracht. Nicht als ob ich mir einbildete, aufgeklärter zu sein als eine große Zahl von Ministern, deren umfassende Kenntnisse und lange Erfahrung in den Geschäften stets Gegenstand meiner Achtung bleiben und meiner schwachen Einsicht unendlich überlegen sein werden. Ich will vielmehr einfach meine Gedanken der Öffentlichkeit mitteilen und diese dadurch bereichern. Wird meine Betrachtung für richtig befunden, so mag man sie benutzen: weiter verlange ich nichts. Ist sie unlogisch oder falsch, so braucht man sie nur zuverwerfen. Ich habe dann wenigstens meine Freude an ihrer Niederschrift gehabt.

Um von den jetzigen Vorgängen in Europa eine rechte Vorstellung zu bekommen, muß man die Dinge von einer höheren Warte betrachten und bis zur Quelle der Geschehnisse vordringen.

Am Schlusse des Feldzugs von 1735 begannen die Unterhandlungen zwischen den Höfen von Wien und Versailles227-1. Die Kriegsoperationen wurden eingestellt und die Interessen beider Höfe nicht mehr mit dem Degen, sondern mit der Feder verfochten. Spanien und Sardinien traten den Abmachungen nicht sofort bei. Es verdient betont zu werden, daß Spanien sie erst nach Chauvelins Sturz227-2 unterzeichnete.

Am Rhein wurde der Krieg mit viel weniger Nachdruck geführt als in Italien. Der Kaiser hatte den Reichsständen die Kriegserklärung gegen Frankreich, die sie 1734 in Regensburg erließen227-3, gewissermaßen abgepreßt. Die polnische Königswahl wurde durch die Truppen gestört, die an der schlesischen Grenze zum Einmarsch in Polen bereit standen. Das hatte eine Spaltung unter den Woywoden und Bischöfen hervorgerufen, wennschon die überwiegende Mehrzahl für Stanislaus Leszczynski eintrat. Diese Wirren gingen die deutschen Fürsten nicht das mindeste an. Der Kaiser hatte sich durch einen Geheimvertrag mit Sachsen und Rußland ziemlich leichtfertig verpflichtet, August III. auf den Thron des polnischen Wahlreichs zu setzen. Seine Minister hatten die Folgen dieses Schrittes wohl nicht recht vorausgesehen und trotz Prinz Eugens Warnung auf den friedlichen Charakter des Kadinal-Ministers227-4 gebaut. So wurde ihr Gebieter höchst unbedacht in eine Sache von derartiger Tragweite verstrickt. Er hatte sich mit Rußland allein, ohne Teilnahme des Reiches, in die polnischen Wirren eingemischt, hätte sich also auch allein aus ihnen herausziehen müssen.

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Andrerseits hatte sich Frankreich seit dem Tode des Regenten228-1 mit denkbar größter Umsicht aus der inneren Zerrüttung wieder emporgearbeitet, und zwar mit solchem Erfolge, daß die Finanzen des Königs nun in der schönsten Ordnung von der Welt, seine Magazine mit allem Nötigen gefüllt und seine Truppen im allerbesten Zustande waren. Zu all diesen Errungenschaften kam Frankreichs höchst vorteilhafte politische Lage, sodaß es aus allem, was geschah, Vorteil zu ziehen vermochte.

Augusts II. Tod lieferte dem Versailler Hof einen Scheingrund zur Einmischung in die polnischen Angelegenheiten und zur Ausführung oder doch zu einem ersten Versuch zur Verwirklichung der großen Pläne, die die Staatskunst geboren und reiflich erwogen hatte. Frankreich unterließ nichts. Es bereitete die Ereignisse vor, rüstete sich zum erfolgreichen Handeln, schloß Bündnisse mit Spanien und Sardinien, bewog einige Reichsfürsten durch geheime Ränke zu einer Art von Neutralität und schläferte die Seemächte ein. Darauf veröffentlichte es ein Manifest über sein Verhalten und eröffnete den Krieg gegen den Kaiser. In gewisser Weise war dieser ja der Angreifer; denn er hatte die polnischen Wirren angezettelt, und seine Heere standen zum Eingreifen bereit, wenn er nicht selbst angefallen wurde.

Als der Kaiser sah, daß ihm von allen Seiten ein Angriff drohte, setzte er alle Hebel in Bewegung, um das Reich in sein Schicksal mit hineinzureißen. Die geschicktesten Unterhändler wurden vom Wiener Hofe in Tätigkeit gesetzt, um das Reich zur Kriegserklärung gegen Frankreich zu bringen. Des Kaisers Absicht ging erstens dahin, Hilfe vom Reich zu bekommen; zweitens wollte er Frankreichs Streitkräfte zersplittern, da sie ihn in Italien bereits angegriffen hatten und ihn dort auch unfehlbar niedergeworfen hätten. Beiläufig sei hier bemerkt: hätte sich das Reich nicht eingemischt, so hätte der Krieg schneller ein Ende gefunden. Der Kaiser hätte in Italien alles verloren, was die Alliierten eroberten, aber Lothringen hätte nicht vom Reichskörper abgetrennt werden können228-2, ohne daß neue Zwistigkeiten daraus entstanden und sozusagen ein neuer Weltbrand sich entzündete.

In Deutschland wurde der Krieg höchst lässig geführt, einmal, weil die Staatsklugheit den Versailler Hof bewog, die Seemächte nicht zu beunruhigen; denn diese hätten sicherlich die Partei des Kaisers ergriffen, wenn sie ihn dem Abgrund nahe sahen. Und zweitens fügte es sich durch eine Verkettung verschiedener Ursachen, zu denen in jedem ferneren Kriegsjahr neue hinzutraten, daß der Kaiser am Rhein nicht mit Nachdruck aufzutreten vermochte.

In Italien eroberten die Spanier das Königreich Neapel und Sizilien, während die Franzosen im Verein mit den piemontesischen Truppen das Mailändische und fast die ganze Lombardei in Besitz nahmen. Da die drei Kronen in ihrem Bündnis ausgemacht hatten, sich in den Raub der kaiserlichen Besitzungen in Italien zu teilen,<229> so gaben sie sich alle erdenkliche Mühe, ihre weitschauenden Pläne zur Ausführung zu bringen.

Ich behaupte aber dreist: der Hauptgrund für die glücklichen Erfolge der Alliierten war der schlechte Zustand, in dem sich alle Provinzen des Kaisers befanden. Der Sturz der größten Reiche hat stets die gleiche Ursache gehabt: nämlich ihre innere Schwäche. Der Verfall des Römischen Reiches war mit dem Augenblick besiegelt, wo die Ordnung unter den Truppen verloren ging, die Disziplin völlig daniederlag und die Vorkehrungen zur Sicherung des Staates, die die Klugheit diktierte, vernachlässigt wurden. Auch die Verluste des Kaisers in Italien hatten die gleiche Ursache. Er besaß keine Armee, um dem Feinde den Weg zu vertreten, keine Magazine und hinreichenden Besatzungen für die Festungen, keine geschickten Generale zu ihrer Verteidigung. Kurz, der Kaiser verlor in drei Feldzügen, was er im Verlaufe von acht Kriegsjahren gewonnen hatte.

Nun sollte man glauben, nach so vielen Niederlagen wäre es Sache des Kaisers gewesen, um Frieden zu bitten. Aber man irre sich nicht und lerne den friedfertigen und selbstlosen Geist des Kardinal-Ministers besser erkennen! Zur Ehre Frankreichs und zum Zeugnis seiner Mäßigung sei es gesagt: die lorbeergeschmückten Sieger bieten, von ihren Siegen offenbar erschöpft, dem Kaiser, ihrem besiegten Feinde, den Frieden an!

Vermutlich hat Villars sein System, wie man es in seinen Memoiren findet229-1, dem Kardinal mitgeteilt, und dieser hat die Ideen des großen Mannes übernommen und es sich zur Richtschnur gemacht, eine völlige, dauerhafte Einigung zwischen dem Kaiser und Frankreich herbeizuführen — nach dem Vorbild des Triumvirats zwischen Augustus, Antonius und Lepidus. Bekanntlich bildeten die Proskriptionen den Kitt jenes Triumvirats. So kommt auch Frankreich durch den ersten Artikel der Präliminarien in den Besitz des Herzogtums Lothringen, das vom Reich abgetrennt wird. Um Frieden zu schließen, nimmt der Kaiser seinem Schwiegersohn die Erblande. Das Opfer scheint groß genug, um als Gegenleistung eine entsprechende Erkenntlichkeit zu fordern. Doch um im Bilde zu bleiben: es ist anzunehmen, daß Frankreich mit der Zeit die Rolle des Augusius spielen wird.

Die einfache Feststellung der Vorgänge hätte wenig Zweck, wenn nicht einige Betrachtungen daran geknüpft würden, die sich aus dem Gegenstand von selbst ergeben. Zunächst sieht man auf seiten der Franzosen ein festgefügtes, gleichmäßiges, unabänderliches politisches System. Beim Abschluß des Utrechter Friedens (1713) war ihr Ziel die Wiederaufnahme des Krieges; nicht sofort, denn ihr Ansehen war dahin, ihre Finanzen waren erschöpft und die Ereignisse noch nicht zur gewünschten Reife gediehen. Nichtsdestoweniger gedachten sie den Augenblick zu erspähen, wo sie den Kaiser mit Vorteil angreifen konnten.

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Nun aber war die Welt von einem Vorurteil beherrscht, das Frankreichs Plänen ungemein hinderlich war. Dies ungünstige Vorurteil beruhte auf einem alten Irrtum, der mit der Zeit immer mehr Gewicht erlangt hatte. Man flüsterte es sich ins Ohr, Frankreich trachte nach der Weltmonarchie — worin man ihm freilich schweres Unrecht tat! Einzig und allein dieser Gedanke hatte alle großartigen Pläne Ludwigs XIV. gestört und nicht wenig zur Verminderung seiner Macht beigetragen. Ein so schädliches Vorurteil mußte notwendig ausgerottet, ja ganz aus dem Gedächtnis getilgt werden.

Frankreichs guter Stern oder, um im Stil der Priester zu reden, der Schutzengel, der über seine Vergrößerung wacht, kurz, alles trug zur Zerstörung jener Meinung bei, die Frankreichs Interessen so zuwiderlief. Ludwig XIV., vor dessen Ehrgeiz Europa so oft erbebt war, hatte seine ruhmreiche Laufbahn beschlossen, nachdem er am Ende seiner Regierung die Ungunst des Schicksals erfahren. Frankreich kam unter Vormundschaft, und die Schwäche des Monarchen steckte auch die Regierung an. Das Land erlitt alles Unheil, das mit vormundschaftlichen Regierungen unzertrennlich verknüpft ist. Der Regent war ein aufgeklärter Fürst und besaß alle gesellschaftlichen Vorzüge, alles, was das Glück des Bürgers ausmacht, aber nicht die Festigkeit, die für Die unerläßlich ist, denen die Zügel der Regierung anvertraut sind. Die Folge war die innere Zerrüttung des Staates durch die berüchtigten Lawschen Aktien230-1, die fast alle Privatleute ruinierten. Das Geld, das dadurch einkam, floß nur in die Kassen des Regenten und einiger Sekretäre von Law.

Nach dem Tode des Herzogs von Orleans übernahm der Herzog von Bourbon vorübergehend die Regierung, fand aber bald einen Nachfolger in Kardinal Fleury230-2. Der ergriff das Staatsruder mit sicherer Hand und stellte nicht allein die Finanzen und die innere Ordnung im Lande wieder her. Er tat noch mehr. Durch sein Geschick, seine geistige Schmiegsamkeit und seine scheinbar große Mäßigung erwarb er sich den Ruf eines gerechten, friedliebenden Ministers. Um die tiefe Weisheit seiner Haltung recht zu verstehen, muß man sich klarmachen, daß man durch nichts mehr das Vertrauen der Menschen gewinnt als durch einen hochherzigen, selbstlosen Charakter. Diesen Charakter spielte der Kardinal so gut, daß Europa, was sage ich? die ganze Welt ihn wirklich für das hielt, wofür er sich gab. Frankreichs Nachbarn schliefen friedlich neben einem so guten Nachbarn, und bei den Ministern, deren Staatskunst im höchsten Rufe stand, galt es als unwandelbarer Grundsatz, man könnte bei Lebzeiten des Kardinals, der von solchem Charakter und schon so bejahrt war, vor Frankreichs Unternehmungen sicher sein. Das war Fleurys Meisterstück, und insofern ist seine Staatskunst vielleicht der von Mazarin und Richelieu überlegen.

Nachdem der geschickte Minister seine Pläne so weit zur Reife gebracht hatte, trat er plötzlich mit ihnen hervor. Das Manifest des Allerchristlichsten Königs fußte zwar<231> noch auf dem tiefen Einbruch den der biedere Charakter des Kardinals auf die Gemüter gemacht hatte. Es hieß darin im wesentlichen: „Nicht aus eigennützigen oder ehrgeizigen Absichten griffe der König zu den Waffen. Seine Majestät begnügte sich mit dem Besitz eines blühenden Reiches und mit der Herrschaft über ein treues Volk, und es läge nicht in seiner Absicht, die Grenzen seines Staates zu erweitern.“ Trotzdem zeigte es sich in der Folge, daß Seine Majestät sich lediglich aus Friedensliebe bestimmen ließ, Lothringen anzunehmen und Deutschland von einer Provinz zu befreien, die allerdings seit unvordenklichen Zeiten zum Reiche gehört hatte, ihm aber wegen ihrer unbequemen, isolierten Lage lästig geworden war. Überdies mußte Lothringen, um den Frieden fest zu begründen, notwendig zugunsten Frankreichs geräumt werden, da es sonst zum steten Zankapfel hätte werden können. Außerdem mußte Frankreich eine Kriegsentschädigung erhalten. Aus alledem geht deutlich hervor, daß der König die positiven Zusicherungen seines Manifestes restlos erfüllt hat.

Prüft man Spaniens Verhalten mit gleicher Aufmerksamkeit, so erkennt man, daß der Wiener oder der Erbfolgevertrag231-1 kein dauerhaftes Werk war, und daß der König von Spanien den Erbansprüchen auf die italienischen Staaten nur so weit entsagte, als er auf ihre Durchführung nicht hoffen konnte.

Ich behaupte nichts, was ich nicht zu beweisen vermag. Der berüchtigte Vertrag von Sevilla zwischen Spanien und England231-2 enthüllt Spaniens Absichten ziemlich deutlich. Er genügt zu dem bündigen Nachweis, daß alle Eroberungen in Italien nur die Folge von unwandelbaren Grundsätzen sind, die die spanische Krone als Basis ihrer Politik ansieht. Man glaube ja nicht, ich zöge den Vertrag von Sevilla hier an den Haaren herbei! Es bedarf nur einiger Überlegung, um Spaniens Absichten durch ihn wie durch einen Gazeschleier zu erkennen.

Die Invasionspolitik hat den Grundsatz, daß der erste Schritt zur Eroberung eines Landes darin besieht, zunächst in ihm Fuß zu fassen: das ist das Schwerste. Alles weitere entscheidet das Waffenglück und das Recht des Stärkeren.

Unter welchem Vorwand hätte Spanien nun Truppen in Italien einrücken lassen können, hätte der Vertrag von Sevilla ihm nicht sein Vorgehen erleichtert? Wie konnte es ohne Truppen an die Eroberung der Lombardei, des Herzogtums Mantua und der Königreiche Neapel und Sizilien denken? Es galt also, Fuß im Lande zu fassen und Truppen darin zu haben, die je nach den Umständen vermehrt werden konnten. Es bedurfte fester Plätze für die Magazins. Zu alledem war der Vertrag<232> von Sevilla die unumgängliche Vorbedingung. Spanien hatte bei dessen Abschluß also gut an seine Interessen gedacht, und wie man sieht, waren seine Absichten nicht so eng begrenzt, wie man hätte glauben können. Ich hatte also recht, bei der Prüfung von Spaniens Benehmen den Vertrag von Sevilla nicht mit Stillschweigen zu übergehen.

Nun habe ich noch das Verhalten des kaiserlichen Hofes darzustellen. Wie man schon bemerkt haben wird, griff man in Wien mit großem Vertrauen auf die eigenen Kräfte in die polnischen Wirren ein, obwohl man so tat, als wolle man sich garnicht einmischen232-1. Ebenso wird man bemerkt haben, mit welch unerträglichem Hochmut der Wiener Hof nicht allein gegen die ihm untergeordneten Fürsten, sondern auch gegen Gleichstehende auftritt. Man wird leicht erkennen, daß das Ziel seiner Politik die Aufrichtung des Despotismus und der unumschränkten Herrschaft des Hauses Österreich in Deutschland ist, ein schwieriges Unterfangen, da viele mächtige Kurfürsten sich nicht so leicht erniedrigen lassen werden. In abergläubischen Vorurteilen befangen und durch vermessenen Hochmut angespornt, hat das Haus Österreich trotzdem die deutschen Fürsten stets an sein Joch zu gewöhnen versucht. An diesem Plan arbeiten die Minister; er ist ein Erbstück des Kaiserhauses, und die ebenso unwissenden wie abergläubischen Herrscher jagen in eitlem Ehrgeiz einem Phantom nach, das sie bei der Ungerechtigkeit der Sache verabscheuen sollten.

Wir brauchen nicht erst auf die Zeiten Kaiser Ferdinands I. und Ferdinands II. zurückzugreifen, um Zeugnisse für den maßlosen Ehrgeiz des Wiener Hofes zu finden. Vier Ereignisse aus unseren Tagen werden einen hübschen Kommentar bilden.

Erstens ist hervorzuheben, daß der Kaiser ohne Vorwissen des Reiches ein Bündnis mit der Kaiserin von Rußland geschlossen hat, um August III. auf den polnischen Thron zu setzen. Der Krieg, zu dem dies Bündnis führte, mußte also vom Kaiser allein ausgefochten werden und nicht vom Reiche, das an seinen Schritten gar nicht beteiligt war. Trotzdem fand der Wiener Hof, wie man gesehen hat, durch seine Umtriebe Mittel und Wege, das Reich in den Krieg hineinzuziehen, der direkt nur die Kaiserin von Rußland anging. Darin hat Karl VI. also offenkundig gegen Artikel IV seiner Wahlkapitulation232-2 verstoßen.

Zweitens hat sich der Kaiser an Artikel VI dieser Kapitulation vergangen, indem er gegen die Grundgesetze des Reiches Hilfstruppen fremder Mächte nach Deutschland gerufen hat, da ihm die russische Kaiserin ein Korps von 10 000 Mann an den Rhein sandte.

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Drittens wird man sehen, daß der mit Frankreich geschlossene Vertrag, dessen Präliminarien ohne Bestätigung des Reichs unterzeichnet wurden (1735), gegen Artikel VI der kaiserlichen Kapitulation verstößt.

Viertens hat der Kaiser gegen Artikel X seiner Kapitulation gesündigt, indem er das Herzogtum Lothringen, ein Reichslehen, veräußert hat, das nach den Grundgesetzen des Reiches ohne ausdrückliche Zustimmung des Reichstages und der Reichsstände nicht vom Reichskörper getrennt und veräußert werden durfte.

Schließlich könnte man dem Kaiser noch vorwerfen, daß er den Türken den Krieg erklärt und dafür vom Reich Subsidien gefordert hat233-1. Doch das würde mich zu tief in Einzelheiten führen, zumal ich noch einige wichtigere Betrachtungen anzustellen habe.

Wir haben bis jetzt die Ursachen aus ihren Wirkungen beurteilt. Es bleibt uns noch ein Urteil über die vorauszusehenden Ereignisse, deren Ursachen wir durchschauen können.

Es handelt sich nicht einfach darum, die Geheimnisse der Politik zu ergründen und den profanen Blick in das Heiligtum der Minister dringen zu lassen. Man muß auch die verschiedenen Wege beachten, die die Minister einschlagen, um ihr Ziel zu erreichen. Nichts läßt den Charakter der Höfe besser erkennen als der Einblick in die verschiedenen Methoden, mit denen ihre Staatskunst den gleichen Gegenstand behandelt. Ihre Leidenschaften, Listen und Ränke, ihre Laster und guten Eigenschaften — alles tritt dabei zutage.

Um die kaiserlichen und die französischen Minister recht zu beurteilen, wollen wir eine Parallele zwischen ihnen ziehen und zunächst betrachten, welche verschiedenen Wege sie in der polnischen Frage einschlugen. Das ist ein Sittenspiegel, der für große Männer, die ihn zu gebrauchen wissen, von nicht geringem Nutzen sein wird.

Gemäß seinem Bündnis mit Rußland mußte der Kaiser die polnische Krone dem Kurfürsten August von Sachsen aufsetzen. Um das zu erreichen, fiel ihm kein besseres Mittel ein als die Anwendung von Gewalt. Seine Heere standen an der polnischen Grenze, indes die Russen ins Gebiet der Republik Polen einfielen und bis dicht vor Warschau rückten. So wußte man in Wien also nichts Besseres als Gewalttat, um August die Bahn zum Thron der Sarmaten freizumachen.

Das französische Ministerium war humaner, aber auch schlauer. Es dachte anders und benutzte nur die Macht eines verführerischeren Metalles, um Stanislaus zur Krone zu verhelfen. Der kaiserliche Gesandte in Warschau brach in Drohungen aus, der französische wandte nur schmeichelnde Worte und Artigkeiten an. Jener wollte die Geister einschüchtern, dieser sie durch Sanftmut bestricken. Jener fiel wie ein wütender Löwe über seine Beute her, dieser bezauberte alle, die ihm nahten, mit<234> Sirenentönen. Kurz, die Franzosen gewannen durch ihre Ränke und Kunstgriffe die Herzen, während die Kaiserlichen die Feiglinge erschreckten. Da es in Polen jedoch weit mehr Memmen gibt als Leute, die über Furcht erhaben sind, so nimmt es nicht wunder, daß Stanislaus unterlag.

Gleichwohl wollen wir denen nicht allzusehr mißtrauen, die zur Ausführung ihrer Pläne nur Mittel gebrauchen, die Hochmut und Dünkel ihnen einblasen. Sie schaden sich selbst, indem sie Haß erregen. Ihre Gewalttätigkeit ist ein Gegenmittel gegen das Gift, das ihre ehrgeizigen Pläne mitteilen könnten. Mißtrauen wir vielmehr denen, die uns durch heimliche Ränke, schmeichlerisches Wesen, gespielte Sanftmut in die Knechtschaft locken wollen. Sie werfen uns einen Angelhaken zu, dessen Eisen ein lockender Köder verbirgt. Läßt sich unsere Vorsicht dadurch täuschen, so haben wir unsere Freiheit verwirkt.

Fest steht, daß alles seinen Daseinsgrund haben muß und daß sich die Ursachen aller Ereignisse in früheren Ereignissen finden. So muß auch jedes politische Geschehnis die Folge eines vorhergegangenen sein, das ihm sozusagen zum Dasein verholfen hat. Suchen wir auf Grund dieses Gesetzes aus den jüngsten Begebenheiten und aus den weitschauenden Plänen des Wiener und Versailler Hofes auf das Schicksal zu schließen, das der enge Bund der beiden mächtigsten Fürsten Europas uns zu bereiten scheint.

Offenbar geht der Wiener Hof darauf aus, die Kaiserkrone im Haus Habsburg erblich zu machen. Deswegen hat er die Pragmatische Sanktion234-1 geschaffen, alle deutschen Fürsien um ihre Bürgschaft angegangen, einen Artikel in den Friedensschluß234-2 aufgenommen und eine Unmenge von Einzelverträgen abgeschlossen. Das alles zeigt, daß das Haus Österreich dem Reiche mit der Zeit das Wahlrecht nehmen, die willkürliche Macht seines Stammes befestigen und die demokratische Verfassung, die Deutschland seit Urzeiten gehabt hat, in eine monarchische verwandeln möchte. Da das System des kaiserlichen Ministeriums recht einfach ist, so fällt seine Darlegung nicht schwer.

Verwickelter ist das Programm des Versailler Hofes. Wir müssen daher weiter ausgreifen und mehr auf Einzelheiten eingehen.

Der stehende Grundsatz der Herrscher ist, sich zu vergrößern, soweit ihre Macht es gestattet. Die Art der Vergrößerung ist zwar Modifikationen unterworfen und wechselt unendlich, je nach der Lage des Staates, den Kräften der Nachbarn und der Gunst jeweiliger Umstände. Gleichwohl sieht das Prinzip als solches fest, und die Fürsten lassen es nie fallen. Ihr angeblicher Ruhm steht auf dem Spiel — kurz, sie müssen sich vergrößern.

Frankreich ist im Süden von Spanien durch die Pyrenäen getrennt, die eine Art von natürlichem Grenzwall bilden. Die Fortsetzung dieser Grenze bildet das Mittel<235>meer und die Alpen. Im Norden und Westen ist es vom Weltmeer umspült. Nur nach Osten hat Frankreich keine anderen Grenzen als seine Mäßigung und Gerechtigkeit. Durch die Lostrennung von Elsaß und Lothringen vom Deutschen Reiche sind die Grenzen der französischen Macht bis zum Rhein vorgeschoben. Es wäre zu wünschen, daß der Rhein auch weiterhin Frankreichs Grenze bliebe. Um das zu erreichen, bliebe ein kleines Herzogtum Luxemburg einzustecken, ein kleines Kurfürstentum Trier durch irgend einen Vertrag zu erwerben, ein Bistum Lüttich mitzunehmen, weil es so bequem liegt. Die Barriereplätze235-1, Flandern und sonst ein paar Kleinigkeiten müßten notwendig mit zu Frankreich geschlagen werden. Das Land brauchte als Premierminister nur einen sanften, maßvollen Mann, der seinen Charakter, wenn ich so sagen darf, in den Dienst der Politik seines Hofes stellte, das Odium aller Listen, Ränke und krummen Wege auf die übrigen Minister abwälzte und, indem er sich hinter seinem würdigen Charakter verschanzte, seine Pläne zum glücklichen Ausgang brächte.

Frankreich überstürzt sich in nichts. Es hat stets seinen Plan vor Augen, erwartet aber alles von den Zeitumständen. Die Eroberungen müssen sich sozusagen von selbst anbieten. Alles Absichtliche in seinen Plänen wird verhüllt und äußerlich der Anschein erweckt, als ob alle guten Dinge ihm von selbst in den Schoß fielen. Lassen wir uns jedoch durch den Schein nicht täuschen! Glück und Zufall sind Worte ohne wirklichen Inhalt. Frankreichs wahres Glück ist der Scharfblick seiner Minister, ihre Voraussicht und die guten Maßregeln, die sie ergreifen. Man sehe nur, wie sehr es sich der Kardinal angelegen sein läßt, zwischen dem Kaiser und den Türken zu vermitteln235-2? Zum Dank für diesen Dienst kann der Kaiser nicht weniger tun, als seine Rechte auf Luxemburg an Ludwig XV. abzutreten. Luxemburg wird allem Anschein nach eine der ersten Erwerbungen sein, die auf Lothringen folgen. Denn da Frankreich auf die Maßregeln, die der Kaiser für nötig hielt, jede Rücksicht genommen hat, scheint die Gerechtigkeit von seiten des Kaisers gleiche Rücksicht gegenüber Frankreichs Maßnahmen zu fordern. So ist man sich gegenseitig immer wieder aufs neue zu Dank verpflichtet, und die Politik beider Herrscher weiß das für ihr Streben nach Größe und Macht auszubeuten.

Was die übrigen Länder betrifft, deren Eroberung für Frankreich in Betracht kommen könnte, so erfordert die Klugheit, nichts zu übereilen. Erst muß es sich in seinen alten Eroberungen befestigen, und seine Nachbaren dürfen nicht kopfscheu werden. Ein zu weit schallender Erfolg könnte die Seemächte aufwecken, die jetzt im Arme der Sicherheit und am Busen der Trägheit schlummern.

Frankreichs System ist erweiterungsfähig und läßt mich noch größere und weiterschauende Pläne ahnen als die eben genannten. Das Schicksal scheint als Augenblick für ihre Ausführung das Ableben Seiner Kaiserlichen Majestät bestimmt zu haben.<236> Welcher Zeitpunkt eignete sich mehr dazu, Europa Gesetze zu geben? Welche Konjunktur könnte günstiger sein, um alles zu wagen?

Gegenwärtig sind alle Kurfürsten durch ihre Interessengegensätze entzweit. Die einen werden sich Frankreich in die Arme werfen, um Sondervorteile zu erlangen, und das allgemeine Interesse opfern. Andere werden sich um die Kaiserkrone streiten. Wieder andere werden sich um das Erbe des Kaisers die Köpfe spalten oder von Hoffnungen gebläht, die große Bündnisse in ihnen erwecken, die Fackel des Krieges, Verwirrung und Umsturz überall hintragen. Die schließlich, die sich der überlegenen Macht des gemeinsamen Feindes entgegenstellen könnten, werden nichts unternehmen und ihr Schicksal dem Zufall anheimgeben.

Außerdem hat Frankreich im letzten Friedensvertrage die Pragmatische Sanktion garantiert236-1. Infolgedessen wird es nach dem Tode des Kaisers unweigerlich in die deutschen Angelegenheiten eingreifen müssen. Seine Einmischung wird in diesem Falle viel gefährlicher werden als sonst, da sie einen guten Schein von Recht für sich hat, und selbst seine Gewalttaten werden einen Nimbus von Gerechtigkeit tragen.

Man beachte ferner, wie sorgfältig Frankreich die Seemächte von jener Garantie fernhält. Glaubt man, diese Ausschaltung aus den Reichsangelegenheiten geschähe ohne Grund? Könnte man wähnen, daß irgend ein oberflächlicher Gedanke des Hochmuts da mitspricht? Ließe sich denken, daß ein Minister, der bei seinen geringsten Schritten Proben von vollendeter Klugheit gegeben hat, nicht größere Absichten verfolgte? Zur Ehre der französischen Politik sei gesagt: sie ist nie so beschränkt, wie man vielleicht glaubt.

Möglicherweise wäre es den Franzosen lieb, den englischen Ministern, die durch die inneren Zwistigkeiten ihres Landes stark beschäftigt sind, etwas Ruhe zu verschaffen. Nichtsdestoweniger ist es ihnen durchaus recht, daß die Seemächte sich nicht in die Geheimverträge der beiden kontrahierenden Höft mischen, damit jene, wenn die Frage der Nachfolge eintritt, keinerlei Vorwand zum Angreifen in die deutschen Wirren haben.

Frankreich treibt seine Vorsicht noch weiter. Es zahlt Subsidien an Schweden und Dänemark, um beide Mächte entweder bloß auszuschalten oder sie gegen diejenigen auszuspielen, die den Plänen und Maßnahmen des französischen Hofes entgegentreten könnten.

So hervorragend die Politik des französischen Hofes ist, man muß doch auch gestehen, daß sie durch das Zusammentreffen der Umstände begünstigt wird. Alle Herrscher, deren Macht und Größe Frankreichs Besorgnis erregen könnten, sind miteinander verfeindet. Frankreich braucht also nur das Feuer der Zwietracht nicht erlöschen zu lassen, sondern muß es vielmehr schüren.

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Etwas aber bringt Frankreich noch einen ungleich größeren Vorteil: ihm sieht fast niemand gegenüber, der ihm durch Geistestiefe, Kühnheit und Geschick gefährlich werden könnte. In dieser Hinsicht erntet es heute geringeren Ruhm, als ein Heinrich IV. und Ludwig XIV. sich erwarben. Was würde Richelieu, was würde Mazarin sagen, wenn sie heute wieder auferständen? Sie wären höchst erstaunt, in Spanien keinen Philipp III. und Philipp IV. mehr zu finden, in England keinen Cromwell und König Wilhelm, in Holland keinen Prinzen von Oranien, in Deutschland keinen Ferdinand und fast keinen echten Deutschen mehr im Heiligen Römischen Reiche, in Rom keinen Innozenz XI., an der Spitze der feindlichen Heere keinen Tilly, Montecuccoli, Marlborough und Eugen. Kurz, Richelieu und Mazarin würden unter allen, denen das menschliche Schicksal in Krieg und Frieden anvertraut ist, eine so allgemeine Entartung finden, daß es sie nicht wundern würde, wie man die Nachfolger jener Großen besiegen und betrügen kann. Ehedem mußten die Franzosen mit dem ganzen gegen sie verbündeten und verschworenen Europa kämpfen; sie dankten ihre Eroberungen einzig und allein ihrer Tapferkeit. Jetzt danken sie ihre schönsten Erfolge ihren Unterhandlungen, und ihr Glücks- und Siegeslauf ist weniger ihrer Kraft als der Schwäche ihrer Feinde zuzuschreiben.

Es gibt kein besseres Mittel, sich ein richtiges und genaues Bild von den Welt-ereignissen zu machen, als den Vergleich, die Auswahl von geschichtlichen Beispielen, denen man die Begebenheiten unserer Zeit gegenüberstellt, um die Verwandtschaften und Ähnlichkeiten herauszufinden. Nichts ist des menschlichen Nachdenkens würdiger, nichts belehrender und geeigneter, unsere Einsicht zu mehren. Der Geist der Menschen bleibt sich in allen Ländern und Zeitaltern gleich. Fast alle haben die gleichen Leidenschaften. Ihre Neigungen unterscheiden sich fast garnicht. Sie sind bisweilen wilder, bisweilen zahmer, je nachdem ein unseliger Dämon des Ehrgeizes und der Ungerechtigkeit ihnen seinen verpesteten, ansteckenden Odem einbläst. Einige Epochen zeichnen sich dadurch aus, daß öle menschlichen Leidenschaften sich wilder gebärden und bisweilen ihren Lohn finden. So die Zeit der Eroberungen des Cyrus in Persien, die Schlachten von Salamis und Platää in Griechenland, die Regierung Philipps und Alexanders des Großen in Mazedonien, die Bürgerkriege Sullas, die Triumvirate, die Regierung des Augustus und der ersten Kaiser in Rom. Mit einem Worte: die Liebe zur Kunst und die Kriegsfurie haben alle Länder durchlaufen und überall, wo sie ihren Wohnsitz aufschlugen, die gleichen Wirkungen gezeitigt. Der Grund ist einfach: der Geist der Menschen und die sie beherrschenden Leidenschaften sind stets die gleichen; sie müssen also notwendig die gleichen Wirkungen hervorrufen.

Aber noch mehr trifft das eben Gesagte für die Politik der Großstaaten zu. Sie war fast stets dieselbe. Ihr Grundprinzip war zu jeder Zeit, alles zu unterjochen, um die eigene Macht unaufhörlich zu erweitern. Ihre Klugheit bestand darin, den Kunstgriffen ihrer Feinde zuvorzukommen und das feinere Spiel zu spielen.

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Prüfen wir nun, wie Philipp von Mazedonien gegen Griechenland verfuhr, und sehen wir zu, ob sich nicht einige Züge davon in der französischen Politik wiederfinden. Gehen wir sodann einige Begebenheiten der römischen Geschichte durch, und der Leser wird sehen, ob nicht zwischen den letzten Geschehnissen in Europa und zwischen denen, deren Entstehung wir dargelegt haben, nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit, nein, völlige Übereinstimmung besteht.

Griechenland behauptete seine Freiheit nur durch den engen Zusammenschluß der verschiedenen kleinen Republiken. Immerhin taten sich Athen und Sparta vor den anderen besonders hervor. Sie gaben den Anstoß zu den Beratungen und zu den großen Dingen, die zur Ausführung kamen, während die kleineren Republiken in ihrem Gefolge blieben. Hätte Philipp den ganzen Bund angegriffen, er hätte furchtbare Feinde gefunden, die ihm nicht allein widerstanden, sondern vielleicht gar den Krieg in sein eigenes Land getragen hätten. Was tat der staatskluge König zur Bezwingung Griechenlands? Er säte Zwietracht und Eifersucht unter die verbündeten Kleinstaaten, förderte ihre Uneinigkeit, bestach die Redner, ergriff die Partei der Schwächeren gegen die Mächtigeren und wurde, nachdem diese besiegt waren, mit den anderen leicht fertig.

Was tut Frankreich, um zur Weltmonarchie zu gelangen? Sieht man nicht, wie schlau es Zwietracht zwischen den Reichsfürsten stiftet, wie geschickt es die Freundschaft der Herrscher gewinnt, deren es am meisten bedarf, wie arglistig es die Sache der kleinen Fürsten gegenüber den mächtigeren vertritt? Man bewundere die Kunst, mit der es den Einfluß der Seemächte untergräbt, die Geschicklichkeit, mit der es sie rechtzeitig einschüchtert, die Schlauheit, mit der es sie durch Kleinigkeiten hinhält, während es seine großen Schläge führt. Man sehe auch, daß die meisten europäischen Herrscher fast ebenso unsinnig sind wie die Griechen, die sich in lethargischer Sicherheit wiegten und es unterließen, sich mit ihren Nachbarn zusammenzutun, um sicheres Unheil und ihren gewissen Untergang abzuwenden.

Nun werfe man noch einen Blick auf den Kunstgriff der Franzosen, die nordischen Mächte durch Subsidien zu fesseln, damit die Mächte, die nicht in ihrem Solde stehen, auf ihre eigenen kargen Mittel beschränkt bleiben. Sind das alles nicht Konsequenzen der gleichen Politik, wie Philipp von Mazedonien sie trieb? Man gestatte mir, den Vergleich noch weiter zu ziehen, und man wird sehen, daß die Geschichte Philipps mehr als ein Ereignis bietet, das sich mit heutigen Begebenheiten deckt und der Politik von Versailles würdig ist.

Der König von Mazedonien hatte bereits die Thebaner, Olynthier und Messenier gewonnen. Danach zwang er die Athener, die schon geschwächt und wenig widerstandsfähig waren, ihm die Städte Amphipolis und Potidäa abzutreten, die ihm als Grenzschranke dienten. Da er auch Phokis und die Thermopylen besaß, hatte er gleichsam den Schlüssel Griechenlands in der Hand und konnte es leicht angreifen, so oft es seinem Interesse entsprach.

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Die französische Geschichte liefert uns ein Beispiel, bei dem man sich unwillkürlich des eben genannten Zuges aus der alten Geschichte erinnert. Man merkt schon, ich will auf die Erwerbung des Elsaß und Straßburgs hinaus. Diese von Deutschland abgerissenen Länder waren einst wie die Thermopylen oder die Grenzsperre, und Lothringen, das Frankreich neuerdings erworben hat, entspricht der Lage nach Phokis. Eine Eroberungsweise, die der Philipps so ähnlich sieht, läßt nach meiner Ansicht mit ziemlicher Sicherheit auf völlig gleiche Pläne schließen.

Philipp blieb nicht an den Thermopylen stehen, er ging weiter. Bei dieser Gelegenheit fällt mir die Frage ein, die ein Weiser an König Pyrrhus von Epirus richtete, als er dessen gewaltige Kriegsrüstungen sah. „Warum“, fragte er, „häufst Du all diese Waffen und diesen Troß an?“ — „Um Italien zu erobern“, antwortete ihm Pyrrhus. — „Ist aber Italien erobert, Herr, wohin gehen wir dann?“ — „Dann, lieber Kineas, erobern wir Sizilien. Von da brauchen wir nur günstigen Wind, und Karthago fällt uns zu. Wir ziehen durch die Libysche Wüste; Arabien und Ägypten können uns keinen Widerstand leisten; Persien und Griechenland werden gleiche falls unterjocht239-1.“ Pyrrhus hatte nichts Geringeres im Sinn, als die ganze Welt zu erobern. So sprach der Ehrgeiz, und da er stets in derselben Weise denkt und handelt, spare ich mir weitere Worte.

Die Griechen sahen Philipps Fortschritten recht gedankenlos zu. Sie wähnten in ihrer Torheit, sein Tod würde sie von einem gefährlichen Feinde befreien, von dem sie alles zu befürchten hatten. Genau dieselbe Sprache führt man jetzt in Europa239-2. Man wiegt sich in der Hoffnung, der Tod des geschickten Staatsmannes werde der französischen Staatskunst ein Ende machen. Ein anderer Minister werde ihm folgen, aber ohne die gleichen Absichten und Pläne. Kurz, man tröstet sich mit kleinen Hoffnungen — dem gewöhnlichen Trostmittel schwacher und kleiner Geister. Man gestatte mir hier, den Vorwurf des Demosthenes zu wiederholen, den er in seiner ersten Philippika gegen die Athener erhob. Hier seine Worte: „»Philipp ist tot« , sagt dieser. »Nein« , entgegnet jener, »aber er ist krank.« — Nun, er mag leben oder sterben, was liegt daran? Wenn Ihr ihn nicht mehr habt, Athener, werdet Ihr Euch einen anderen Philipp schaffen, wenn Ihr Euer Benehmen nicht ändert. Denn zu dem, was er ist, ward er nicht sowohl durch eigne Kraft als durch Eure Nachlässigkeit.“

Zum Schluß noch einige Betrachtungen über das Benehmen der Römer, insoweit es sich mit dem unserer modernen Römer, ich meine die Franzosen, deckt. Man beachte, wie geflissentlich sich die Römer in alle Welthändel mischten. Sie spielten sich sogar als Schiedsrichter über die Zwistigkeiten aller Fürsten auf. Rom war der Richterstuhl der Welt, und Könige wie Fürsten erkannten, ich weiß nicht warum, diese höchste Instanz an. Sie übertrugen dem römischen Volke, dem stärksten und stolzesten auf der Welt, ihren Streit zu schlichten. Der Senat war es gewöhnt, das letzte<240> Wort über das Schicksal der Fürsten zu sprechen, und warf sich zum obersten Richter aller ihrer Zwistigkeiten auf. So wurden sie Herren von Griechenland, erbten von Eumenes das pergamenische Reich, und auf die gleiche Weise ward Ägypten zur römischen Provinz.

Wie man sofort sehen wird, ist Frankreich genau so verfahren. Aber was die Römer nie gewagt haben, Ludwig XIV. hat es vollbracht. Er setzte Reunionskammern ein, die unter dem Vorwand alter Hoheitsrechte ganze Provinzen seiner Herrschaft unterwarfen240-1.

Wir kommen nun zur Erbfolge Karls II., des letzten Königs von Spanien, und zu dem untergeschobenen oder verstümmelten Testament, durch das Frankreich das bourbonische Geschlecht mit Gewalt auf den spanischen Thron brachte240-2; zu den Intrigen, durch die Frankreich die Partei des Prätendenten240-3 in England stärken wollte, um ihn zum König von Großbritannien zu machen, oder um neuere Beispiele anzuführen, zur Sendung des Infanten Don Carlos nach Italien240-4 und zu den französischen Umtrieben in den polnischen Wirren. Ich könnte auch noch das Schiedsrecht erwähnen, das Frankreich sich in dem Jülich-Bergischen Erbfolgestreit zwischen dem König von Preußen und dem Pfalzgrafen von Sulzbach anmaßt240-5, eine Sache, die allein das Deutsche Reich anginge, hätte der Westfälische Friede nicht dem Allerchristlichsten König Gelegenheit zur Einmischung gegeben. Man lese, was in jenem Frieden darüber ausgemacht ist240-6. Selbst in die Händel von Genf hat Frankreich sich eingemengt. Durch Bestechung oder auf andere Weise haben die Genfer sich Frankreich in die Arme geworfen240-7. Auch der Türkenkrieg des Kaisers wird nicht beigelegt werden, bevor Frankreich nicht mitgesprochen hat240-8, und binnen kurzem wird Korsika von den nämlichen Franzosen sein Schicksal diktiert bekommen240-9. Kurz, wo Zwistigkeiten sind, werden sie von Frankreich geschlichtet. Will man Krieg führen, Frankreich macht mit. Gilt es, Friedensverträge zu schließen, Frankreich gibt das Gesetz und wirft sich zum obersten Schiedsrichter der Welt auf.

Das sind die Tatsachen, die ich glaubte mit denen der römischen Geschichte in Parallele stellen zu können. Ich gebe sie unparteiisch wieder und ohne andere Richtschnur als die Wahrheitsliebe.

Zu alledem füge ich nur noch eine einzige Bemerkung über die Geistesverwandtschaft zwischen den römischen und französischen Unterhändlern. Sobald Frankreich sein Ziel erreicht hat und keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht, wird man bei seinen<241> Diplomaten einen Hochmut und eine Anmaßung sondergleichen finden. So geschmeidig sie sind, wenn sie den Beistand der Herrscher erbitten, so unerträglich ist ihr Hochmut, wenn der Beistand derselben Herrscher nicht mehr in ihren Interessen liegt. Hier muß man sich der Gesandtschaft der Römer an König Antiochus von Syrien erinnern. Ihr Zweck war, ihn vom Angriff auf Ptolemäos und Kleopatra abzubringen, die als Könige von Ägypten die Bundesgenossen des römischen Volkes waren. Popilius, ein einfacher römischer Bürger, wurde mit jener Sendung betraut241-1. Er verlangte von Antiochus in ziemlich hochfahrender Weise eine kategorische Antwort auf seine Anträge. Der König stand an der Spitze eines Heeres, bereit, in Ägypten einzufallen. Erstaunt ob eines derartigen Vorschlags, zauderte er mit der Antwort. Da zieht Popilius mit einem Stabe, den er in der Hand hält, einen Kreis um den König und gebietet ihm, zu antworten, sonst werde er ihn nicht aus dem Kreise herauslassen. Nun sehe man, in welch hochfahrender und rücksichtsloser Weise sich der französische Botschafter in den Genfer Wirren benommen hat. Man werfe einen Blick auf die Note über die Erbfolge in Jülich, die Herr von Fenelon den Generalstaaten im Haag überreicht hat241-2. Man erinnere sich der kindischen Streitigkeiten zwischen jenem französischen und dem englischen Botschafter241-3 über ein ebenso neues wie wunderliches Vorrecht.

Aus so viel ähnlichen Zügen kann man auf ebenso ehrgeizige Absichten bei den Franzosen wie bei den Alten schließen und auf gleich weitschauende Pläne. Kurz, es besteht die engste Verwandtschaft zwischen dem Benehmen Frankreichs und Philipps von Mazedonien oder der römischen Republik.

Aus dem eben Gesagten ist leicht zu erkennen, daß die politische Lage Europas auf einem sehr kritischen Punkt angelangt ist. Das Gleichgewicht ist so gut wie verloren, und die Dinge können ohne große Gefahr nicht lange in diesem Zustande bleiben. Es ist wie beim menschlichen Körper, der ohne gleichmäßige Mischung von Säuren und Alkalien nicht bestehen kann. Herrscht einer dieser Stoffe vor, so spürt es der Körper, und seine Gesundheit wird schwer erschüttert. Nimmt der eine Stoff noch mehr zu,<242> so kam das zur völligen Zerstörung der Körpermaschine führen. Sorgt also die Staatskunst und Klugheit der europäischen Herrscher nicht mehr für die Aufrechterhaltung eines richtigen Gleichgewichts unter den Großmächten, so wird das dem ganzen politischen Körper Europas fühlbar. Auf der einen Seite steht die Gewalt, auf der anderen die Schwäche, hier das Bestreben, alles an sich zu reißen, dort die Ohnmacht, es zu verhindern. Der Mächtigere gibt Gesetze, der Schwächere muß sie unterschreiben, kurz, alles trägt zur Vermehrung der Unordnung und Verwirrung bei. Der Stärkere ist wie ein wütender Gießbach. Er schwillt über, reißt alles fort und ruft die verderblichsten Umwälzungen hervor.

Das sind in kurzen Worten die Betrachtungen, zu denen mich der gegenwärtige Zustand Europas veranlaßt. Sollte eine Macht finden, daß ich mich allzu freimütig geäußert habe, so möge sie wissen, daß die Frucht stets ihren Erdgeschmack bewahrt, und daß ich als Bürger eines freien Landes242-1 mit der edlen Kühnheit und unverstellten Aufrichtigkeit sprechen darf, die den meisten Menschen unbekannt ist, und die in den Ohren derer vielleicht verbrecherisch klingen mag, die in der Knechtschaft geboren und in der Sklaverei aufgewachsen sind.

Nachdem ich das Benehmen der Staatsmänner Europas durchgegangen, das politische System der verschiedenen Höfe nach Maßgabe meiner Einsicht entwickelt und die gefährlichen Folgen des Ehrgeizes gewisser Fürsten gezeigt habe, wage ich die Sonde noch tiefer in die Wunde des politischen Körpers zu führen und das Übel bis in seine Wurzeln zu verfolgen, um seine geheimsten Ursachen zu entdecken. Gelingt es meinen Betrachtungen, das Ohr einiger Herrscher zu finden, so bieten sich ihnen hier Wahrheiten, die sie aus dem Mund ihrer Höflinge und Schmeichler nie vernommen hätten. Ja, vielleicht werden sie erstaunt sein, daß diese Wahrheiten sich neben sie auf den Thron setzen.

Mögen sie denn erfahren, daß ihre falschen Prinzipien die vergiftete Quelle des europäischen Elends sind242-2. In folgendem liegt der Irrtum der meisten Fürsten. Sie glauben, Gott habe aus besonderer Rücksicht für sie und eigens ihrer Größe, ihrem Glück und Hochmut zuliebe das Gewimmel der Völker geschaffen, deren Wohlfahrt ihnen anvertraut ist, und ihre Untertanen seien nichts weiter als Werkzeuge und Diener ihrer zügellosen Leidenschaften. Sobald das Prinzip, von dem man ausgeht, verkehrt ist, müssen die Folgen unweigerlich immer verhängnisvoller werden. Daher jener unbändige Drang nach, falschem Ruhme, jenes glühende Verlangen, alles zu erobern, die harten Auflagen, mit denen das Volk bedrückt wird, die Trägheit der Herrscher, ihr Dünkel, ihre Ungerechtigkeit, ihre Unmenschlichkeit, ihre Tyrannei und alle Laster, die die Menschennatur erniedrigen. Legten<243> die Fürsten diese falschen Ideen ab und gingen auf den Ursprung ihres Amtes zurück, sie sähen, daß ihre Würde, auf die sie so eifersüchtig sind, daß ihre Erhebung nur das Werk der Völker ist, daß die Abertausende, die ihnen anvertraut sind, sich nicht einem Einzigen sklavisch unterwarfen, um ihn mächtiger und furchtgebietender zu machen, daß sie sich vor einem Mitbürger nicht beugten, um Märtyrer seiner Launen und Spielball seiner Einfälle zu sein, sondern daß sie Den unter sich erwählten, den sie für den Gerechtesten hielten, um sie zu regleren, den Besten, um ihnen ein Vater zu sein, den Menschlichsten, um Mitleid mit ihrem Mißgeschick zu haben und es zu lindern, den Tapfersten, um sie gegen ihre Feinde zu beschirmen, den Weisesten, um sie nicht zur Unzeit in verderbliche, zerstörerische Kriege zu verwickeln, kurz, den rechten Mann, um den Staat zu repräsentieren, den, dessen souveräne Macht eine Stütze für Recht und Gesetz ist und nicht ein Mittel, um ungestraft Verbrechen zu begehen und Tyrannei auszuüben.

Steht dies Prinzip einmal fest, so würden die Fürsten stets die beiden Klippen vermeiden, die zu allen Zeiten den Sturz der Reiche und die Umwälzung der Welt verschuldet haben: nämlich maßlosen Ehrgeiz und schlaffe Nachlässigkeit in den Geschäften. Dann würden diese irdischen Götter, statt immerfort auf Eroberungen zu sinnen, nur für das Glück ihrer Völker wirken. Sie würden mit allem Fleiß danach trachten, das Elend zu lindern und ihre Herrschaft mild und heilbringend zu machen. Ihre Wohltaten müßten den Wunsch erregen, unter ihrem Zepter geboren zu sein. Edler Wettstreit müßte unter ihnen herrschen, einander an Güte und Milde zu übertreffen. Sie würden inne werden, daß der wahre Herrscherruhm nicht in der Unterdrückung ihrer Nachbaren, nicht in der Vermehrung ihrer Sklaven liegt, sondern in der Erfüllung ihrer Amtspflichten und in der Vollstreckung der Wünsche derer, die sie mit der höchsten Macht ausgestattet haben und denen sie ihre Herrschermacht danken. Solche Fürsten würden sich erinnern, daß Ehrgeiz und eitler Ruhm Laster sind, die sich bei Bürgern schwer bestrafen und die man bei einem Herrscher stets verabscheut.

Stände den Fürsten ihre Pflicht stets vor Augen, dann würden sie auch nicht die Geschäfte vernachlässigen, als wären es Dinge, die unter ihrer Würde sind. Sie würden die Wohlfahrt ihres Volkes nicht blindlings der Sorge eines Ministers anvertrauen, der vielleicht pflichtwidrig handelt und talentlos ist, und dem das Allgemeinwohl fast stets weniger am Herzen liegt als seinem Herrn. Die Fürsten würden selbst über die Schritte ihrer Nachbaren wachen, würden mit äußerster Anstrengung deren Pläne zu ergründen, deren Unternehmungen zuvorzukommen suchen, würden sich durch feste Bündnisse gegen die Umtriebe jener unruhigen Geister sichern, die unablässig auf Eroberungen sinnen und wie ein Krebsgeschwür alles annagen und zerfressen, was sie berühren. Ihre Klugheit würde die Bande der Freundschaft enger knüpfen und Bündnisse mit gleichgesinnten Herrschern schließen. Ihre Weisheit beriete sie in allem und machte die Anschläge ihrer Feinde zunichte. Sie<244> zögen emsige Arbeit zum öffentlichen Nutzen dem schwelgerischen, tatenlosen Hofleben vor.

Kurz, es ist eine Schmach und Schande, seine Staaten zugrunde zu richten, und eine Ungerechtigkeit, eine verbrecherische Raubgier, etwas zu erobern, worauf man keinen rechtlichen Anspruch besitzt.


V-1 Zwei Ausgaben der „Œuvres du philosophe de Sanssouci“ sind zu unterscheiden, eine dreibändige, deren Drucklegung 1750 vor Voltaires Ankunft in Potsdam beinahe vollendet war, und die zweibändige, unter seiner Teilnahme revidierte von 1751/52.

VI-1 Sie erschienen 1788 in 15 Bänden, zu denen noch 6 Ergänzungsbände kamen.

VI-2 Vgl. Volz, Friedrich der Große am Schreibtisch (Hohenzollern-Jahrbuch 1909).

VII-1 Zum Unterschied von der noch im folgenden zu erwähnenden Neubearbeitung von 1775 werden sie allgemein als erste Redaktion der „Geschichte meiner Zeit“ bezeichnet.

X-1 Vgl. S. 89 ff.

XI-1 Vgl. Bd. II, S.272.

4-1 Am 13. Februar 1747 hatte der König einen Schlaganfall erlitten, der allerdings nur leicht war und sich auch später nicht wiederholte.

5-1 I. Könige, Kap. IV, Vers 33

5-2 Anspielung auf Réaumurs „Mémoires pour servir à l'histoire des insectes“ (1734/42).

6-1 Nach Verlesung des bis 1640 reichenden Anfangs der „Denkwürdigkeiten“ in der Akademie am 1. Juni 1747 hatte ihr Präsident Maupertuis darauf geantwortet und seine Antwort in dem 1748 erschienenen Jahresbericht der Akademie abgedruckt.

8-1 Christoph Hartknoch († 1687), Verfasser der Schrift „De Marchia Brandenburgica“ (1678); Samuel von Pufendorf († 1694), Verfasser des Werkes „De rebus gestis Friderici Wilhelmi magni electoris Brandenburgici commentariorum libri 19“ (1695), das in deutscher Übersetzung von Uhse 1710 erschien; diese hat König Friedrich benutzt.

8-2 Elias Lockelius, Verfasser der nur handschriftlich vorliegenden und bis 1680 reichenden Chronik „Marchia illustrata“.

9-1 Anton Teissier (1632 — 1715), aus Frankreich, siedelte 1692 nach Berlin über, Verfasser eines „Abrége de l'histoire des électeurs de Brandebourg“ (1705) und der „Vies des électeurs de Brandebourg, traduit du latin de Jean Cerntius“ (1707).

10-1 Hénault, Nouvel abrégé chronologique de l'histoire de France (1744).

12-1 Die Angaben über die ältesten Hohenzollern sind unhistorisch.

12-2 In der Schlacht bei Mühldorf (1322).

13-1 Erst durch den Frieden von Teschen (1779) wurde das Lehnsverhältnis aufgehoben.

13-2 Die Jahre 1334, 1357 und 1361 bezeichnen vielmehr das Ende der einzelnen Regierungszeiten.

13-3 Schlacht am Kremmer Damm (1412).

14-1 Christoph Entzelt († 1583), Verfasser des Werkes „Altmärkische Chronica“ (1579).

14-2 Die Bistümer Havelberg und Brandenburg wurden 946 und 948, das Erzbistum Magdeburg 968 gegründet.

14-3 Kaiser Lothar belehnte 1134 Albrecht den Bären mit der Nordmark.

14-4 Erst seit der Mitte des 13. Jahrhunderts ist die Kurwürde mit der Mark Brandenburg ständig verbunden.

15-1 Anmerkung des Königs: „Er führte diesen Namen, well er in Rom geboren war.“

15-2 Bereits nach der Wahl Wenzels zum Römischen König (1378) erhielt Sigismund die Mark, der sie aber 1388 an den Markgrafen Jobst von Mähren verpfändete und nach dessen Tod (1411) den Hohenzollern übertrug.

17-1 Auf Albrecht III. von Sachsen folgte 1423 Friedrich der Streitbare von Meißen.

17-2 Vielmehr erbte Johann die Markgrafschaft Bayreuth und Albrecht Achilles die Markgrafschaft Ansbach.

18-1 Erst König Friedrich I. nahm 1708 den Titel eines Herzogs von Mecklenburg, Fürsten zu Schwerin und Herrn der Lande Rostock an. Die Erbfolgeansprüche auf Mecklenburg beruhten auf dem Wittstocker Erbverglelch vom 12. April 1442.

21-1 Der folgende Exkurs beruht auf dem Artikel „Turnier“ im „Dictionnaire historique et géographique“ von Louis Moréri († 1680).

22-1 Die Erbherbrüberung war bereits 1457 geschlossen worden.

22-2 Gemeint ist die Dispositio Achillea.

22-3 Johann Cicero wurde Statthalter in der Mark.

26-1 Friedrich III. der Weise (1486—1525).

27-1 Anmerkung des Königs: „Vgl. den dictionnaire von Moréri unter Calvin.“

27-2 Instituto christianae religionis (1536).

27-3 Der Passauer Vertrag, der den Anhängern der augsburgischen Konfession freie Religionsübung bis zum nächsten Reichstag zugestand, wurde 1552, der Augsburger Religionsfriede, der die protestantischen Reichstände den katholischen rechtlich gleichstellte, wurde 1555 geschlossen.

28-1 Vielmehr gegen Granvella.

28-2 Das Augsburger Interim von 1548, das die Stellung beider Bekenntnisse zueinander regeln sollte. Während Joachim II. es anerkannte, verwarf sein Bruder, Johann von Küstrin, das Interim.

28-3 Wegen ihres heftigen Widerstandes gegen das Augsburger Interim war über die Stadt Magbeburg die Reichsacht verhängt, mit deren Vollstreckung Kurfürst Moritz betraut wurde (1550).

28-4 Sohn Herzog Albrechts (vgl. S. 22).

30-1 Gemeint ist der zwischen dem Nachfolger Johann Georgs und dem Markgrafen Georg Friedrich von Ansbach abgeschlossene Geraer Hausvertrag von 1598, durch den bestimmt wurde, daß Christian und Joachim Ernst Bayreuth und Ansbach erhalten sollten, sobald Georg Friedrich, der Sohn bes Markgrafen Georg von Ansbach (vgl. S.22), der 1557 auch Bayreuth geerbt hatte, sterben würde. Dieser Erbfall trat 1603 ein.

31-1 Vgl. S. 34.

32-1 Vgl. S. 28.

32-2 Philipp Ludwig; sein Sohn war Wolfgang Wilhelm († 1653).

33-1 Maria Eleonore starb 1608, ein Jahr vor ihrem Bruder, Herzog Johann Wilhelm von Kleve.

33-2 Erzherzog Leopold V. von Österreich, Bischof von Passau und Straßburg, war vom Kaiser Rudolf II. zum Vollstrecker der bewaffneten Sequestration bestellt.

33-3 Anmerkung des Königs: „Vgl. Gullys Denkwürdigkeiten.“

34-1 Auf dem Schloß in Düsseldorf 1613.

34-2 Christian II. von Sachsen war in Jüterbog zugegen; der Vertrag wurde am 21. März 1611 geschlossen.

34-3 Joachim Friedrich übernahmdie vormundschaftliche Regierung erst nach dem Tode des Markgrafen Georg Friedrich von Ansbach ( † 1603), der sie bis dahin geführt hatte.

34-4 Die Quelle ist vielmehr das „Chronicon Prussiae“ des Ordenspriesters Peter von Dusburg.

35-1 Hermann von Salza kam nicht selbst, sondern entsandte 1231 den Landmeister Hermann Balk.

35-2 Der livländische Schwertorden, der sich 1237 mit dem Deutschen Orden vereinigte.

35-3 Der ewige Friede von Thorn, 19. October 1466.

35-4 Vgl. S. 22.

35-5 Gemeint ist vielmehr sein Vetter, der spätere Herzog von Brauschweig-Kalenberg Erich II. († 1584).

37-1 Anmerkung des Königs: „Graf Schwarzenberg, Statthalter der Mark.“

37-2 Elisabeth Charlotte.

37-3 Johann Georg (vgl. S. 31).

37-4 Christian Wilhelm.

37-5 Vgl. S. 39.

38-1 Johann Georg I. (1611 — 1656).

39-1 Anmerkung des Königs: „Der Kaiser beabsichtigte, diese Pfründe seinem Sohn zu geben.“ Die Absetzung Christian Wilhelms erfolgte indessen erst 1628.

40-1 Hillebrandt von Kracht.

40-2 Mit Bogislav XIV. erlosch 1637 das Herzogshaus.

40-3 Vgl. S. 27.

41-1 Die Mutter Sigismunds III., Katharina, eine Schwester des letzten Jagellonenkönigs Sigismund II. August, hatte König Johann III. von Schweden geheiratet. Wegen seiner Wahl zum König von Polen (1587) war Sigismund III. 1602 des schwedischen Throns für verlustig erklärt worden.

41-2 Vielmehr in Altmark, 1629.

41-3 Die Herzöge Adolf Friedrich I. und Johann Albrecht II. waren 1627 vertrieben und geächtet worden.

41-4 Anmerkung des Königs: „Das Gemälde stellte eine Seemacht dar, die Jan de Witt als Admiral über die Engländer gewonnen hatte.“

44-1 20. Mai 1631.

46-1 Gewöhnlich als Schlacht bei Breitenfeld bezeichnet.

46-2 Herzog Georg.

47-1 16. November 1632. Für Gustav Adolfs Tod vgl. Bd. VIII, S. 93.

47-2 Feldmarschall Hans Georg von Arnim.

48-1 Zur Kavallerie gehörten die Regimenter Herzog Franz Karl zu Sachsen-Lauenburg (Oberst Herzog Franz Karl), Alt-Burgsdorff (Oberst Konrad von Burgsdorff) und Jung-Burgsdorff (Oberst Georg Ehrentreich von Burgsdorff), zur Infanterie die Regimenter Burgsdorff (Oberst Konrad von Burgsdorff) und Volckmann (Oberst Georg von Volckmann).

48-2 Vgl. S. 41.

49-1 Der spätere Kaiser Ferdinand III.

49-2 Ferdinand, Sohn König Philipps III. von Spanien, Kardinal und Erzblschof von Toledo.

49-3 Der Prager Friede wurde am 30. Mai 1635 zwischen Kaiser Ferdinand II. und Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen geschlossen. Erst am 29. Juli trat Georg Wilhelm dem Friedensverträge bei.

49-4 Prinz August (vgl. S. 39). -

49-5 Anmerkung des Königs: „Querfurt, Jüterbog, Burg und Dahme.“

49-6 Vgl. S. 22.

51-1 Oberst Georg Ehrentreich von Burgsdorff. Der Überfall erfolgte am 29. Mai 1639.

55-1 Graf Adam Schwarzenberg starb im Besitz aller seiner Würden am 14. März 1641 in Spandau.

56-1 Konrad von Burgsdorff( vgl. S. 48).

56-2 Oberst Moritz August von Rochow entzog sich durch Flucht seiner Bestrafung.

56-3 Anmerkung des Königs: „Nach unserem Gelde an 200 000 Taler.“

57-1 Vgl. S. 49. Dieser starb 1680.

57-2 Erst 1653 räumten die Schweden Hinterpommern.

57-3 Freiherr Otto Christoph von Sparr.

58-1 Anmerkung des Königs: „Die Herzogtümer Kleve, Mark und Ravensberg fielen an den Kurfürsten, Jüöich, Berg und Ravenstein an den Pfalzgrafen.“

58-2 Marchese Giovanni Monaldeschi, Diplomat, dann im persönlichen Dienste der Königin Christine, die er auf ihren Reisen begleitete, wurde 1637 wahrend ihres Aufenthalts am französischen Hofe, wie es heißt, auf ihr Anstiften ermordet.

58-3 Vgl. S. 41.

58-4 Die Ansprüche gingen auf Sigismund III. zurück, der der Sohn König Johanns III. von Schweden war (vgl. S. 41).

59-1 Vgl. S. 43

60-1 Vielmehr in Rinsk, am 12. November 1655.

60-2 Alexei Michailowitsch.

60-3 Am 17. Januar 1656.

60-4 Am 25. Juni 1656.

60-5 Anmerkung des Königs: „Sie hatten 40 000 Streiter.“

62-1 Der Bialolenka-Wald.

62-2 In Berichten nur „die Colline“ genannt.

62-3 Karl Gustav marschierte mit dem rechten Flügel hinter dem linken Flügel, den der Große Kurfürst kommandierte, vorbei und neben diesem links auf, sodaß der bisherige linke nunmehr den rechten Flügel der Auf-
stellung bildete.

63-1 Das Wäldchen von Praga.

63-2 Es handelt sich um nördlich von dem Wäldchen von Praga sich hinziehende Dünenhügel.

63-3 Luise Marie.

64-1 Geschlossen am 20. November 1656.

64-2 Friedrich M. (1648—1670).

64-3 Am 19. September 1657.

64-4 Erst 1698 wurde Elbing, zu dessen Abtretung Polen sich 1657 verpflichtete (unter Vorbehalt der Einlösung gegen Zahlung von 400 000 Talern), von Kurfürst Friedrich III. in Besitz genommen.

64-5 Durch den Bromberger Vertrag vom 6. November 1657.

65-1 Mit Leopold I., dem Nachfolger des 1657 gestorbenen Kaisers Ferdinand III., am 14. Februar 1658, mit Friedrich III. von Dänemark am 30. Oktober 1657.

65-2 Leopold I. (vgl. Anm. 1).

65-3 Nicht Leopold, sondern sein 1654 gestorbener älterer Bruder Ferdinand war gewählt worden.

65-4 Fürst Johann Georg († 1693).

65-5 Anmerkung des Königs: „Graf Dohna Christian Albrecht führte die Truppen des Kurfürsten.“

65-6 Graf Rüdiger von Starhemberg, der spätere Verteidiger Wiens.

66-1 Oberst Georg Albrecht von Potenz.

66-2 Vielmehr erst 1668.

66-3 Fürst Michael Wisnowiecki. Er leitete seine Abstammung von Koribut, einem Bruder König Jagellos, her.

66-4 Am 3. Mai 1660.

66-5 Der Königsberger Schöppenmeister Hieronymus Roth, das Haupt der städtischen Opposition, 1662 vergaftet starb 1678 als Staatsgefangener auf der Festung Peitz.

67-1 Der Friedrich-Wilhelms-Kanal.

67-2 Generalmajor Herzog August von Holstein-Plönn.

67-3 Es handelt sich um die Erbteilung des Herzogtums Lüneburg-Celle.

67-4 Philipp Wilhelm (1653 — 1690).

67-5 Die bisherige Landesteilung (vgl. S. 58, Anm. 1) wurde von beiden Seiten anerkannt.

68-1 Ludwig XIV. erhob im Namen seiner Gemahlin Maria Theresia, der Tochter König Philipps IV. von Spanien, nach dessen Tode (1665) Erbansprüche auf die spanischen Niederlande, indem er den von ihr bei ihrer Vermählung geleisteten Erbverzicht wegen Nichtauszahlung ihrer Mitgift für hinfällig erklärte. Daraus entsprang der sogenannte Devolutionskrieg.

68-2 DurchVertrag vom 15. Dezember 1667.

69-1 Der kurkölnische Domherr und Minister Graf Wilhelm von Fürstenberg, der im Namen seines Hofes und im Unverständnis mit Frankreich ein förmliches Teilungsprojekt der Niederlande überbrach e.

69-2 Kurfürst Maximilian Heinrich.

69-3 Christoph Bernhard von Galen.

69-4 Am 6. Mai 1672.

70-1 Am 8. Juli 1672 wurde Wilhelm III. von Oranien zum lebenslänglichen Generalkapitän und Statthalter der Republik gewählt, am 20. August wurden Jan und Cornelis de Witt vom tobenden Haager Pöbel umgebracht.

70-2 Vgl. S. 65.

71-1 Diese Mitteilung stammt vom Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, dem Sohn Johann Georgs, den der König am 2. März 1747 um Nachrichten über die brandenburgisch-preußische Armee gebeten hatte.

71-2 Am 6. Juni 1673.

71-3 Die Höfe von Wien und Madrid.

72-1 Karl Ludwig.

72-2 Das Offensivbündnis mit dem Kaiser, Spanien und den Niederlanden gegen Frankreich wurde am 1. Juli 1674 in Berlin unterzeichnet.

72-3 11. August 1674.

72-4 Herzog Karl und Caprara wurden am 16. Juni 1674 gemeinsam bei Sinzheim besiegt.

72-5 4. Oktober 1674.

73-1 Vgl. Bd. III, S. 124.

73-2 Anmerkung des Königs: „Das Regiment Spaen.“

73-3 29. Dezember 1674

73-4 Schlacht bei Türkheim, 5. Januar 1675.

73-5 Anmerkung des Königs: „Als Kardinal Richelieu eines Tages dem Herzog Bernhard von Weimar auf einer Karte die Stelle zeigte, wo er über einen Fluß gehen sollte, gab ihm dieser eins auf die Finger und sagte trocken: »Herr Kardinal, Ihr Finger ist keine Brücke« .“

75-1 Anmerkung des Königs: „Er war Landrat und dem Kurfürsten sehr ergeben.“

75-2 Diese Anekdote ist nicht begründet.

75-3 Feldmarschall Freiherr Georg von Derfflinger.

75-4 Landgraf Friedrlch II. von Hessen-Homburg.

75-5 Die Darstellung des Königs beruht auf Irrtum. Der Kurfürst plante eine Entscheidungsschlacht. Was von einer Verstimmung Friedrich Wilhelms gegen den Landgrafen von Hessen wegen seines raschen Vorbringens am Morgen bei Linum weiter unten erzählt wird, ist ebenso historische Legende wie der Opfertod des Stallmeisters Froben.

76-1 Es handelt sich um eine Reihe von Sandhügeln in der rechten Flanke der Schweden. Hier fiel die Entscheidung.

76-2 Das Regiment Dalwig.

78-1 Das Offensivbündnis mit König Christian V. von Dänemark (1670 — 1699) wurde am 25. September 1675 abgeschlossen.

79-1 Die Seeschlacht bei Oland hatte schon am 11. Juni 1676 stattgefunden; eine neue schwedische Niederlage folgte am 20. Juli 1677 in der Kjöger Bucht.

79-2 14. Dezember 1676.

80-1 Der Hofkanzler Hocher.

80-2 Vier Tage nach der Unterzeichnung des Friedens, am 14. August 1678, hatte Wilhelm III. von Oranien bei St. Denis Luxemburg angegriffen.

81-1 Joachim Erwin von Görtzke.

81-2 Oberst Kaspar von Hohendorff.

82-1 Joachim Hennigs, nach der Schlacht bel Fehrbellin mit dem Namen Hernigs von Treffenfeld in den Adelsstand erhoben.

82-2 Anmerkung des Königs: „Entweder waren die Schweden äußerst zusammengeschmolzen, da sie soviel Fahnen bei einem so schwachen Korps hatten, ober es hat sich ein Rechenfehler eingeschlichen. Ich hätte Bedenken getragen, diese Tatsache zu berichten, wäre sie nicht durch mehrere Berichte in dem Königlichen Archiv bestätigt.“

82-3 30. Januar 1679.

82-4 Gefecht bei
Telcze, 7. Februar 1679.

83-1 Generalleutnant Freiherr Alexander von Spaen.

83-2 Vgl. S.73.

83-3 Franz von Meinders.

84-1 Am 29. Juni 1679 unterzeichnet.

84-2 Vgl. Bd. S. 59.

84-3 Christian V. forderte als Herzog von Holstein die Lehnshuldigung.

85-1 Vgl. S. 57.

85-2 Dem Großen Kurfürsten war 1686 der künftige Pfandbesitz nach Aussterben der Cirksena zugesagt; erst Friedrich III. erhielt 1694 die Anwartschaft auf die Erbfolge.

85-3 Ein Irrtum des Königs. Vielmehr schloß der Kurfürst am 11. Januar 1681 ein zehnjähriges Defensivbündnis mit Frankreich, das am 22. Januar 1682 bestätigt und noch erweitert wurde.

85-4 Anmerkung des Königs: „Nach der Schlacht bei St. Gotthard“ (1664).

86-1 Innozenz XI.

86-2 Die Angabe beruht auf Irrtum.

86-3 Für Jägerndorf vgl. S. 37. Mit den Plasten von Liegnitz hatte Kurfürst Joachim II. 1537 eine Erbverbrüderung geschlossen. Trotzdem waren nach dem Tode des letzten Piastenherzogs (1675) die Herzogtümer Liegnltz, Brieg und Wohlau vom Kaiser als heimgefallene böhmische Lehen eingezogen worden.

86-4 Dagegen erhob der Kurfürst Einspruch durch das Potsdamer Edikt vom 8. November 1685.

87-1 Feldmarschall Hans Adam von Schüning.

87-2 Die Abtretung von Schwiebus war von dem Kurfürsten ausbedungen in dem geheimen Defensivbündnls, das er mit Leopold I. am 22. März:686 abschloß. Für die Rückgabe von Schwiebus durch seinen Nachfolger Friedrich III. vgl. S. 100.

87-3 Es handelt sich um den Allodialnachlaß ihres Bruders, des 1685 ohne Erben gestorbenen Kurfürsten Karl von der Pfalz.

88-1 Graf Wilhelm von Fürstenberg (vgl. S. 69), seit 1682 Bischof von Straßburg, war am 7. Januar 1688 zum Koadjutor und am 19. Juli des Jahres zum Erzbischof von Köln gewählt worden; doch die römische Kurie erklärte seine Wahl für ungültig und ernannte seinen Gegenkandidaten, Prinz Joseph KlemenS von Bayern, zum Erzbischof.

88-2 Vgl. S. 84.

88-3 Vgl. S. 49.

88-4 Durch den Vergleich von Altona vom 20. Juni 1689 erhielt Herzog Christian Albrecht von Holstein-Gottorp seine seit 1684 von den Dänen besetzten Länder zurück und außerdem eine Geldentschädigung.

89-1 Vgl. S. 97.

89-2 Nicht alle Kinder des Großen Kurfürsten sind aufgezählt.

90-1 Karl I. († 1649).

90-2 In der ersten Fassung lautet dieser Absatz und das Urteil des Königs über Cromwell: „Drei Machthabern, die fast gleichzeitig regierten, hat Europa den Namen des Großen verliehen: Cromwell, Ludwig XIV. und Friedrich Wilhelm: Cromwell, well er alle Bürgerpflichten dem Ruhme opferte, über England zu herrschen, weil er seine Talente in eine falsche Bahn drängte, da sie, statt seinem Vaterlande zu nützen, nur seinem Ehrgeiz dienten weil er seinen Trug unter der Maske des Fanatismus verbarg und sein Volk knechtete, während er für seine Freiheit focht; well er zum Henker seines Königs ward, den er seiner Herrschsucht zum Opfer brachte. Cromwell war kühn, ränkesüchtig, leidenschaftlich, aber auch ungerecht, gewalttätig und ohne Tugend. Er besaß große, aber keine guten Eigenschaften. Er verdient also den Namen des Großen nicht, der allein der Tugend gebührt. Es hieße Ludwig XIV. und Friedrich Wilhelm unrecht tun, wollte man ihnen einen solchen Nebenbuhler entgegenstellen.“

91-1 Durch den Übergang über den Niederrhein bei Tolhuys eröffneten die Franzosen 1672 den Krieg gegen Holland (vgl. Bd. VII, S. 90).

92-1 Vgl. Bd. VIII, S. 60. 77. 306. 310.

93-1 Diese Angabe trifft nicht zu. Doch borgte der Bankier Bernard, der bei seinem Tode (1739) 33 Millionen Livres hinterließ, dem Staate größere Summen, als von ihm gefordert wurden.

93-2 Die Marquise von Maintenon, mit der Ludwig XIV. indessen 1685 eine heimliche Ehe eingegangen war.

95-1 Anmerkung des Königs: „Als Kurfürst.“

95-2 Philipp Wilhelm, der älteste Sohn aus der zweiten Ehe, wurde der Stifter der Linie der Markgrafen von Brandenburg-Schwedt.

95-3 Der Vorwurf des Königs richtet sich gegen Baron Pöllnitz, der in seinen „Neuen Denkwürdigkeiten“ 1737 diese Anklage wiederholt hatte.

96-1 Das Testament, vom 16. Januar 1686 datiert, wurde am 31. Januar zur Bestätigung an den Kaiser geschickt und von diesem am 10. April bestätigt. Die Rückgabe des Kreises Schwiebus (vgl. S. 87) steht indessen mit dem Testament in keinem Zusammenhang.

96-2 Vgl. S. 87.

96-3 Vgl. S. 88.

96-4 Vgl. S. 88.

96-5 Ludwig († 1711).

98-1 Vielmehr Markgraf Ludwig von Baden.

99-1 Der Jesuitenpater Karl Moritz Vota, der Beichtvater König Johann Sobieskis, war das Werkzeug der römischen Kurie. Seit 1690 stand er auch mit Friedrich III. in persönlichen Beziehungen. Die genannte Denkschrift ist vom 8. Mai 1700 datiert.

99-2 Eberhard von Danckelman, Oberpräsident des Geheimen Rats. Sein Sturz erfolgte 1697.

99-3 Vgl. S..88.

100-1 Johann Kasimir von Kolbe, seit 1699 Reichsgraf von Wartenberg.

100-2 Heinrich Rüdiger von Jlgen.

100-3 Vgl. Bd. II, S. 58 f.

100-4 Die Rückgabe des Kreises Schwiebus (vgl. S. 87) erfolgte 1694 auf Grund eines Reverses, den Friedrich III. als Kurprinz vor Abschluß der Allianz vom 22. März 1686 (vgl. S. 87) dem Wiener Hofe ausgestellt hatte.

100-5 Vgl. S. 85, Anm. 2.

100-6 Die Anwartschaft auf die Grafschaft Limpurg war dem Kurfürsten 1693 verliehen worden.

101-1 Zar Peter I. wollte auf diese Weise sein Inkognito wahren.

102-1 Elbing (vgl. S. 64) war zwar 1657 von den Polen abgetreten, aber nicht ausgeliefert worden. Die Besetzung erfolgte 1698. Durch einen Vergleich wurde 1700 die 1657 vorbehaltene Rückkaufssumme auf 300 000 Taler ermäßigt und die Stadt gegen einige Pfänder den Polen zurückgegeben. Das Gebiet von Elbing wurde jedoch, wie im Vergleich ausgemacht war, 1704 von neuem besetzt, da die Polen die Summe nicht bezahlten.

102-2 Geschlossen im Haag am 11. Oktober 1698.

102-3 Joseph Ferdinand († 1699).

102-4 März 1700 zwischen Frankreich und den Seemächten.

102-5 In dem am 3. Oktober 1700 unterzeichneten Testament setzte Karl II. den zweiten Sohn des französischen Dauphins, Herzog Philipp von Anjou, zum Erben ein. Am 1. November starb der König.

103-1 Vgl. Bd. II, G. 19 f.

103-2 Kaiser Leopold I. hatte seinen zweiten Sohn, Erzherzog Karl, den nachmaligen Kaiser Karl VI., zum Erben der spanischen Krone ausersehen.

103-3 Vgl. Bd. VII, S. 158.

104-1 16. November 1700.

104-2 18. Januar 1701.

105-1 Schloß Lietzenburg erhielt erst 1705 nach dem Tode der Königin Sophie Charlotte und zum Andenken an sie den Namen Charlottenburg.

105-2 Friedrich IV. (1699 — 1730).

105-3 Friede von Travendal, 18. August 1700.

106-1 Wilhelm III. war 1702 kinderlos gestorben.

106-2 Luise Henriette.

106-3 Ludwig von Hannover und Georg Wilhelm von Celle. König Friedrich I. war bei diesem Unternehmen nicht beteiligt

107-1 20. September 1703.

107-2 Der österreichische Feldmarschall Graf Otto Hermann von Limburg-Styrum.

107-3 Fürst Leopold von Anhalt-Dessau.

107-4 Erst lm Dezember 1706 kam ein Vertrag zwischen Preußen und Schweden zustande, durch den sich Friedrich I. zur Anerkennung von Stanislaus I. Leszczyski als König von Polen verpflichtete. Stanislaus war 1704 nach der Absetzung Augusts II. auf den polnischen Thron erhoben worden, den er aber nur bis 1709 inne hatte.

107-5 13. August 1704 (vgl. Bd. VII, S. 106).

108-1 Sophie Charlotte (geb. am 20. Oktober 1668, † 1. Februar 1705) ist niemals in Italien gewesen; 1679 weilte sie zwei Monate in Frankreich. Doch war von ihrer Vermählung mit einem französischen Prinzen niemals die Rede. Der Dauphin Ludwig war damals bereits verlobt, und dessen Sohn, der Herzog von Burgund, wurde erst 1682 geboren.

109-1 7. September 1706. Vgl. Bd. III, S. 218; VII, S. 90.

110-1 Freiherr Marqurd Ludwig von Printzen.

110-2 Joseph I. (1705 — 1711).

110-3 Klemens XI.

110-4 Johann Wilhelm (1690 — 1716).

111-1 Kammerherr Johann August Marschall von Bieberstein.

111-2 Sophie Dorothea, seit 1706 mit Kronprinz Friedrich Wilhelm vermählt, Mutter Friedrichs des Großen.

112-1 Petersburg.

112-2 Am 27. Juni 1709.

113-1 Die Zusammenkunft fand In Marienwerder im Oktober 1709 statt.

113-2 Herzog Friedrich Wilhelm (1698 — 1711), aus der Familie Kettler.

113-3 Anna Iwanowna. Seit 1711 verwitwete Herzogin von Kurland, bestieg sie 1730 den russischen Thron.

113-4 General der Infanterie Karl Philipp Reichsgraf von Wylich und Lottum.

113-5 11. September 1709.

114-1 Generalleutnant Graf Albert Konrad Finck von Finckenstein.

114-2 Vgl. S. 102.

114-3 Vgl. S. 100.

114-4 Reichsgraf Augustus zu Sayn-Wittgenstein, Generaldomänendirektor.

115-1 Der Minister Ernst Bogislaw von Kameke führte, unterstützt von dem Obersten Paul Anton von Kameke, 1710 Wartenbergs Sturz herbei.

116-1 Reichsgraf Otto Magnus von Dönhoff; Graf Ernst Metternich.

116-2 Vgl. S. 111.

116-3 Der französische Marschall Graf Camille Tallard war bei Höchstädt (1704) gefangen worden.

116-4 Vgl. Bd. VII, S. 104.

116-5 24. Juli 1712.

117-1 25. Februar 1713.

117-2 Elisabeth Henriette († 1683).

117-3 Luise Dorothea Sophie, vermählt mit König Friedrich von Schweden († 1751).

117-4 Vgl. Bd. VII, S. IX.

120-1 11. April 1713.

121-1 Auf Johann Wilhelm, der 1716 kinderlos starb, folgte sein Bruder Karl Philipp († 1742).

121-2 Nach preußischer Auffassung lebten die Ansprüche auf Jülich und Berg, denen der Große Kurfürst 1666 entsagt hatte (vgl. S. 67), mit dem Aussterben der Neuburgischen Linie wieder auf, während nach pfälzischer Ansicht die weibliche Deszendenz galt.

122-1 Vgl. S. 113.

122-2 In Demotika bei Adrianopel.

123-1 Herzog Christian August von Holstein-Gottorp, Administrator von Lübeck, der für seinen minderjährigen Neffen, Herzog Karl Friedrich von Holstein, die Regentschaft führte. Falls Karl XII. kinderlos starb, hatte das Haus Gottorp Ansprüche auf die Erbfolge in Schweden.

123-2 In der ersten Niederschrift des Königs folgt der Satz: „Dies Heilmittel war seltsam; es glich der Turteltaube, die zum Adler fiüchtet, damit er sie vor dem Geier schütze.“

123-3 Vertrag vom 22. Juni 1713.

123-4 Generalleutnant Georg Abraham von Arnim.

124-1 Vertrag von Schwedt zwischen Preußen und Rußland, 6. Oktober 1713.

125-1 Vgl. S. 100. Anmerkung des Königs: „Volrad, der es besaß, starb, und mit ihm erlosch sein Haus.“

125-2 Vgl. S. 100.

125-3 Hannover (vgl. S. 98).

125-4 Vgl. S. 131.

125-5 Königin Anna starb am 1. August 1714.

125-6 Jakob Eduard, Sohn König Jakobs II. und Stiefbruder der Königin Anna.

125-7 Elisabeth, Gemahlin Kurfürst Friedrichs V. von der Pfalz, des Winterkönigs.

126-1 22. November 1714.

126-2 Schon am 12. Juni 1714 war der geheime Garantievertrag mit Rußland abgeschlossen, durch den sich Friedrich Wilhelm den Gegnern Schwedens anschloß und sich die Erwerbung von Stettin und des Landes bis zur Peene sicherte. Im November 1714 folgte die Verständigung mit Hannover, im Februar 1715 mit Sachsen und im April mit Dänemark.

127-1 Vgl. S. 102.

128-1 Auch in der „Geschichte meiner Zeit“ (vgl. Bd. II, S. 192 f.) schreibt der König das Verdienst an dem Erfolg des Sturmangriffs in der Nacht vom 4. zum 5. November 1715 dem bei Habelschwerdt 1745 gefallenen Obersten Andreas Eduard von Gaudy zu. Die zeitgenössischen Berichte nennen statt dessen den Generaladjutanten Oberstleutnant Maximilian August von Köppen.

129-1 15. November 1715.

129-2 Graf Heinrich Friedrich Christian von Wartensleben, Major im Infanterieregiment Finckenstein, fiel vor Stralsund am 18. Dezember 1715; er war nicht Oberst des Regiments Gensdarmes.

130-1 Die Huldigung der ostpreußischen Städte empfing Friedrich Wilhelm am 11. September 1714.

131-1 Der Prinz (geb. 1710) bestieg den Thron als Ludwig XV.

131-2 Herzog Philipp, Neffe Ludwigs XIV.

131-3 Vgl. S. 140.

131-4 Vgl. G. 125. Die Festungsbarriere in den spanischen Niederlanden, die durch den Frieden von Rastatt und Baden in österreichischen Besitz übergegangen waren, diente den Holländern als Schutz gegen Frankreich.

132-1 Elisabeth Farnese, Gemahlin König Philipps V. (vgl. Bd. II, S. 25 f.).

133-1 Dem Verlangen Englands entsprechend, hatte Karl VI. bei seinem Eintritt in die Quadrupelallianz das Erbrecht des Infanten Don Carlos, des ältesten Sohnes König Philipps V. aus seiner Ehe mit Elisabeth Farnese, auf Toskana und die Herzogtümer Parma und Piacenza anerkennen müssen.

133-2 Viktor Amadeus II. (1675 — 1730).

133-3 Schlacht am Kap Passaro, 11. August 1718.

133-4 Der spanische Botschafter in Paris. Vgl. Bd. II, S. 26.

134-1 Seit 1718 stand Ormond (vgl. S. 116) in spanischen Diensten.

134-2 Erbprinz Friedrichs erste Gemahlin, Luise Dorothea Sophie, war 1705 gestorben (vgl. S. 117).

134-3 11. Dezember 1718.

135-1 Vgl. S. 125.

135-2 Freiherr Andreas Göttlich von Bernstorff war hannoverscher Minister ln London; er wurde bereits 1717 gestürzt.

135-3 Katharina Iwanowna.

136-1 Vgl. S. 18.

136-2 Vgl. die erste Fassung dieses Absatzes im Anhang (Nr. 1).

136-3 Die Kontribution war im wesentlichen eine Grundsteuer, die von den Bauern entrichtet wurde. In den Städten dagegen wurde die Akzise, eine indirekte Steuer, bezahlt.

138-1 Friedrich Wilhelm von Grumbkow.

139-1 Alberonis Entlassung und Verbannung erfolgte am 5. Dezember 1719.

139-2 Vgl. S. 125.

140-1 Die von dem Schotten John Law 1716 errichtete Notenbank wurde erst 1718 in eine „Banque royale“ umgewandelt. Deren Bankrott führte 1720 zu einer allgemeinen Katastrophe.

141-1 Vgl. S. 100.

141-2 Diese Abtretung erfolgte bereits im Frieden von Utrecht (1713).

142-1 Das 1724 in Potsdam gestiftete „Große Militärwaisenhaus“ war für „verwaiste hilflose Unteroffizier- und Soldatenkinder beiderlei Geschlechts“ bestimmt.

142-2 Vgl. Bd.VIII, S. VIII.

142-3 Oberst Karl Ludwig Erbtruchseß Graf zu Waldburg.

143-1 Die Ostendische Handelsgesellschaft war 1722 begründet worden.

143-2 Vgl. S. 133.

143-3 Am 15. Januar 1724 hatte Philipp V. abgedankt, sein Sohn Ludwig starb am 31. August, und Philipp übernahm am 6. September des Jahres die Regierung wieder.

143-4 Gleichzeitig mit dem Handelsvertrag wurde im Mai 1725 die weiter unten erwähnte Allianz geschlossen.

144-1 3.September 1725. Gewöhnlich Bündnis vonHerrenhausen genannt.

144-2 Vgl. S. 121.

144-3 Viel-
mehr der Zarin Katharina I., der Nachfolgerin des am 8. Februar 1725 gestorbenen Zaren Peter I

146-1 Maria Leszczynska.

146-2 Karoline.

146-3 André Herkules de Fleury (vgl. Bd. II, S. 23 f.).

147-1 Schon 1725 hatten die Stände den Grafen Moritz zum präsumptiven Nachfolger des letzten Herzogs von Kurland, Ferdinand von Kettler, gewählt, doch Ferdinand starb erst 1737.

147-2 Schon 1726 war Graf Friedrich Heinrich Seckendorff nach Berlin gekommen und hatte den Abschluß des Vertrags von Wusterhausen zwischen Friedrich Wilhelm I. und dem Kaiser am 12. Ottober 1726 herbeigeführt.

148-1 Verschrieben für Berlin. Der geheime Berliner Vertrag gelangte am 23. Dezember 1728 zum Abschluß.

148-2 In der ersten Fassung schreibt ber König: „Ein Krieg drohte in Deutschland auszubrechen, dessen Anlaß so bedeutungslos war, wie der zu dem von Homer besungenen Froschmäusekrieg.“

148-3 Dubislav Gneomar von Natzmer.

149-1 Vgl. S. 133.

149-2 Vgl. die Vorrede des Königs zum Auszug aus den Kommentaren des Chevalier Folard zur Geschichte des Polybios (Bd. VI).

150-1 König Viktor Amadeus II. dankte 1730 zugunsten seines Sohnes Karl Emanuel III. (1730 bis 1773) ab; er starb 1732.

150-2 Anna Iwanowna (1730 — 1740). Vgl. S. 113.

152-1 Im Berliner Vertrage von 1728 (vgl. S. 148) hatte Karl VI. gegen die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion (vgl. S. 153) dem König die Nachfolge im Herzogtum Berg verbürgt. In Prag wurde ihm erklärt, daß er sich mit einem Teil des Herzogtums zu begnügen habe und auf die Hauptstadt Düsseldorf verzichten müsse.

152-2 Graf Philipp Ludwig Sinzendorff, Oberster Hofkanzler.

152-3 Die Vermählung des Kronprinzen Friedrich mit der Prinzessin Elisabeth Christine erfolgte am 12. Juni 1733.

152-4 August II. war schon am 1. Februar 1733 gestorben.

152-5 Es handelt sich um den sogenannten Löwenwoldischen Vertrag von 1732.

153-1 Die Pragmatische Sanktion vom 12. April 1713 bestimmte die weibliche Erbfolge und die Unteilbarkeit der österreichisch-ungarischen Monarchie.

153-2 Vgl. S. 107.

153-3 Vgl. S. 123 s.

153-4 Karl Philipp, der letzte männliche Sproß des Hauses Neuburg, starb erst 1742.

153-5 Gemeint ist Berg (vgl. S. 121). Auf Jülich hatte Friedrich Wilhelm im Berliner Vertrage von 1728 verzichtet.

154-1 Im Oktober 1733.

154-2 Die Akzise bestand bereits seit 1643 für eine Reihe von Waren; Robert Walpole wollte sie 1733 vor allem auf Wein und Tabak ausdehnen. Vgl. Bd. II, S. 28.

155-1 Im Januar 1734 wurde in Regensburg der Reichskrieg beschlossen.

155-2 Reichsfeldmarschall Ferdlnand Albrecht von Braunschweig-Bevern, der Schwiegervater König Friedrichs.

156-1 Joseph von Sachsen-Hildburghausen, österreichischer Feldmarschall.

157-1 Der österreichische Vizeönig ln Neapel.

157-2 20. Oktober 1735.

157-3 Die Zeichnung der Wiener Präliminarien erfolgte am 3. Oktober 1735. der definitive Friedensschluß erst 1738.

157-4 Reichsgraf Johann Friedrich Alexander von Wied zu Neuwied (vgl. Bd. VII, S. 109).

157-5 Franz Stephan.

157-6 Vgl. für den Polnischen Erbfolgekrieg und den Friedensschluß die im Anhang (Nr. 2) mitgeteilte Flugschrift des Kronprinzen Friedrich „Betrachtungen über den gegenwärtigen politischen Zustand Europas.“

158-1 Diese Angabe beruht auf einem Irrtum des Königs. Vgl. S. 147, Anm. 1.

158-2 Ernst Johann Biron.

159-1 Elisabeth.

159-2 Johann Christoph von Bartenstein war Geheimer Staatssekretär.

159-3 Vielmehr Achmed Köprili, der Statthalter von Rumelien.

159-4 Karoline, geborene Markgräfin von Ansbach, starb am 1. Dezember 1737.

159-5 Vgl. S. 112.

161-1 Miede von Belgrad, 1739.

161-2 Der Vertrag wurde im Haag am 5. April 1739 abgeschlossen.

162-1 Die Angaben des Königs schwanken. Er berechnet die Gesamtstärke einmal auf 60 000 (vgl. S. 137), oben auf 66 000, im Abschnitt über das Heerwesen auf 72 000 (vgl. S. 184) und in der „Geschichte meiner Zeit“ (Bd. II, S. 18) auf 76 000 Mann. Nach einem Verpflegungsetat vom Oktober 1739 beträgt die Sollstarke 81 034 Mann (einschließlich der Neuen Garnisonen, vgl. S. 183).

165-1 Die „Bierziese“ wurde erst 1488 auf sieben Jahre bewilligt und im Jahre 1513 für dauernd erklärt.

165-2 Vgl. Bd. VII, S. 130.

165-3 Vgl. S. 32 ff.

165-4 Außer der im Text erwähnten Beratung von 1630 wurden die Stände von Georg Wilhelm noch in den Jahren 1634 und 1635 berufen.

165-5 1604. Vgl. S. 31.

166-1 Sigismund von Götze starb 1650.

166-2 Vor Schwerin hatte schon Joachim Friedrich von Blumenthal diese Stellung inne gehabt.

166-3 Vgl. S. 83.

166-4 Friedrich von Jena.

166-5 Anmerkung des „Königs: Seit 1688.“

166-6 Vgl. S. 100.

166-7 Vgl. S. 115.

166-8 Vgl. S. 100.

166-9 Freiherr Friedrich Ernst von Knyphausen.

167-1 Freiherr Samuel von Cocceji.

167-2 Georg Dietloff von Arnim-Boytzenbug.

167-3 Christoph von Katsch.

167-4 Vgl. S. 110.

167-5 Friedrich Wilhelm von Grumbkow (vgl. S. 152).

167-6 Johann Andreas von Krautt.

167-7 Friedrich von Görne.

167-8 Adam Otto von Viereck.

167-9 Das Generaldirekkorium vereinigte in sich die beiden bisherigen Zentralbehörden, das Generalfinanzdirekktorium und das Generalkriegskommissariat.

167-10 Das Appelationsgericht (auch als „Regierung“ bezeichnet) und die Kriegs- und Domänenkammer.

167-11 Gemeint ist die „Allodification der Lehen“, mit der 1717 begonnen wurde.

168-1 Hier und auf den folgenden Selten wendet sich der König persönlich an den Prinzen August Wilhelm, dem die „Denkwürdigkeiten“ gewidmet sind.

169-1 Für die Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth vgl. S. 17. 22. 30.

169-2 Vgl. S. 24.

169-3 Vgl. S. 27.

169-4 Vgl. S. 30.

169-5 Vgl. S. 32 ff.

169-6 Vgl. S. 28. 34 ff.

169-7 Vgl. S. 57.

169-8 Vgl. S. 66.

169-9 Vgl. S. 64.

169-10 Vgl. S. 64. 102.

169-11 Vgl. S. 85.

170-1 Vgl. S. 102.

170-2 Vgl. S. 106.

170-3 Vgl. S. 110.

170-4 Vgl. S. 120.

170-5 Vgl. S. 140 f.

171-1 Die Hofstaatsrentei wurde erst 1673 begründet; für die ältere Zeit kommen die Hofrentei und die Kammer (Chatulle) in Betracht.

171-2 Die Akzise (vgl. S. 136) wurde bereits 1667 eingeführt.

171-3 Vgl. S. 136.

172-1 Statt 24 Groschen, die der Taler ursprünglich zahlte.

172-2 Johann Georg II. (1656—1680).

172-3 Die kleine, vom gesetzlichen Vollgewicht und Gehalt gestattete Abweichung der Münzen.

172-4 Johann Georg III. (1680 — 1691); Ernst August (1679 — 1698).

173-1 Vgl. S. 32 ff.

173-2 Hillebrandt von Kracht.

174-1 Anmerkung des Königs: „Sebaldus, Chronik“. Gemeint Ist das 1655 gedruckte „Breviarium histoncum“ des Predigers Heinrich Sebald († 1679).

174-2 Hans Kaspar von Klitzing (vorher in kursächsischen Diensten, vgl. S. 51).

174-3 Hillebrandt von Kracht.

174-4 Konrad von Burgsdorff (vgl. S. 48).

174-5 Melchior von Dargitz.

174-6 Georg von Volckmann (vgl. S. 48).

174-7 Moritz August von Rochow (vgl. S. 56).

174-8 Rüdiger von Waldow.

174-9 Karl Joachim von Kehrberg.

175-1 Vgl. S. 48.

175-2 Kaspar von Potthausen.

175-3 Joachim Hasso von Schapelow.

175-4 Hartmann von Goldacker.

175-5 Niclas Erichson.

175-6 Hans von Vorhauer.

175-7 Konrad von Burgsdorff.

175-8 Dietrich von Kracht.

175-9 Georg Friedrich von Trott.

175-10 Hermann von Goldacker.

175-11 Hartmann von Goldacker.

175-12 Markus von Lütke (Lüdicke).

175-13 Moritz August von Rochow (vgl. S. 174). Dies Regiment ist vom König irrtümlich der Reiterei zugezählt.

176-1 Oberst Hans Georg von Ribbeck erhielt nach Rochows Entlassung (vgl. S. 56) dessen Regiment.

176-2 Im Gegensatz zur vollen Rüstung, zu der der geschlossene Visierhelm und die volle ritterliche Rüstung gehörten, bestand die halbe Rüstung in offener Sturmhaube, Brust- und Rückenstück

176-3 Vgl. S. 57 f.

176-4 Der Mindische Statthalter Graf Johann von Sayn-Wittgenstein.

176-5 Vgl. S. 58 ff.

176-6 Graf Georg Friedrich zu Waldeck; Christoph von Kannenberg.

176-7 Vgl. S. 75.

176-8 Vgl. S. 57.

177-1 Graf Georg Friedrich zu Waldeck verließ im Mai 1658 den brandenburgischen Dienst.

177-2 Vgl. S. 65.

177-3 Vgl. S. 65.

177-4 Graf Christian Albrecht zu Dohna.

177-5 Joachim Rüdiger von der Goltz.

177-6 Georg Adam von Pfuel.

177-7 Friedrich von Bawyr.

177-8 Vgl. S. 81.

177-9 Albrecht Christoph von Quast.

177-10 Wolf von Eller.

177-11 Freiherr Alexander von Spaen (vgl. S. 83).

177-12 Vgl. S. 171. Joachim Ernst von Grumbkow wurde erst 1679 Generalkriegskommissar und bildete 1680 und 1684 die Akziseordnung weiter aus.

178-1 1692 in 2 Kompagnien Gensdarmes umgewandelt.

180-1 Vgl. S. 70 f.

180-2 Vgl. S. 82.

180-3 Vgl. S. 79 f.

180-4 Vgl. S. 81.

181-1 Die Bezeichnung erfolgte nach den weißen Aufschlägen im Gegensatz zu den roten, die das von Friedrich Wilhelm I. als Kronprinzen errichtete große ober rote Leib-Batallion Grenadier, die sogenannte Riesengarde, hatte.

182-1 Mit Feuersteinschloß.

182-2 Sebastien le Prestre de Vauban (1633 — 1707), französischer Marschall und Ingenieur.

182-3 Baron Menno van Coehoorn (1641 — 1704), niederländischer Festungsbaumeister.

182-4 Generalmajor Lüdeke Ernst von Schöning.

182-5 Jean de Bodt (1670 — 1745), 1700 aus Frankreich in preußische Dienste berufen, die er 1728 wieder verließ.

182-6 Karl Philipp († 1695).

183-1 Lottum (vgl. S. 113) starb erst 1719. Bei Malplaquet fiel Generalmajor Daniel von Tettau.

183-2 Vgl. S. 114.

183-3 Dubislav Gneomar von Natzmer (vgl. S. 148).

183-4 Vgl. S. 107.

183-5 Vgl. S. 109.

183-6 Vgl. S. 130.

183-7 Generalmajor Heinrich Jordan von Wuthenow.

183-8 Die sogenannten Neuen Garnisonen In Berlin, Magdeburg, Stettin und Königsberg.

184-1 Vgl. dazu S. 162.

186-1 Eine Art von kommandiertem Schützenfeuer durch Herausziehen einzelner Rotten aus der Front.

186-2 Vgl. Bd. VII, S. 139.180 f.

187-1 Vgl. S. 113 f. und 183.

187-2 Vgl. S. 107 und 183.

187-3 Vgl. die Urteile König Friedrichs in der „Geschichte meiner Zeit“ (Bd. II, S. 78 und 213).

187-4 Gerhard Cornelius von Walrave.

189-1 Anmerkung des Königs: „Valentin von Eickstet.“ Dieser († 1579) war der Verfasser der Schriften „Epitome annalium Pomeraniae“ und „Annales Pomeraniae.“

189-2 Anmerkung des Königs: „Olaus, Arnkiel.“ Der letztere, Propst zu Apenrade, war Verfasser der Schrift „Der uralten mitternächtischen Völker Leben, Taten und Belehrung“ (Hamburg 1703), deren erster Teil den Untertitel führt: „Cimbrische Heiden-Meligion“; bei Arnkiel findet sich auch die Erwähnung der Schrift Olaus „Von den mitternächtigen Historien.“

190-1 Anmerkung des Königs: „Orosius und Gregor von Tours.“ Dieser hat die „Zehn Bücher fränkischer Geschichte“ geschrieben, jener das Werk: „Historiarum adversus paganos libri VII.“

191-1 Andreas Angelus († 1598), Pastor in Straußberg, Verfasser der Schriften „Rerum marchicarum breviarium“ und „Annales marchiae brandenburgicae“ (1595).

191-2 Johannes Pomarius, Pfarrer in Magdeburg, Verfasser der „Magdeburgischen Chronica“ (1587) und der „Chronica der Sachsen und Niedersachsen“ (1588).

191-3 Anmerkung des Königs: „Magdeburger Annalen.“

191-4 Vgl. S. 44 f.

191-5 Anmerkung des Königs: „Lindenbrog.“ Erpold Lindenbrog († 1616), Verfasser der „Scriptores rerum germanicarum septentrionalium vicinorumgue populorum“ (1609).

191-6 Anmerkung des Königs: „Trithemius und Schmidt.“ Johann Trithemius († 5516) ist Verfasser der 1690 in zweiter erweiterter Ausgabe erschienenen „Annalium Hirsaugiensium“, während Heinrich Schmidt 1740 in Berlin eine „Einleitung zur Brandenburgischen Kirchenhistorie“ veröffentlichte.

192-1 Thomas Stapletonus, „Tres Thomae“, Köln 1612.

192-2 Vgl. S. 191, Anm. 6.

192-3 Anmerkung des Königs: „Heinrich Meibomius.“ Dieser († 1625) war der Verfasser der Schriften „Rerum germanicarum tomi tres“ (1702) und „Ad Saxoniae interioris inprimis historiam introductio“ (1687).

193-1 Vgl. S. 14.

193-2 Anmerkung des Königs: „Lockelius“ (vgl. S. 8, Anm. 2).

194-1 Anmerkung des Königs: „1249. Brandenburger Annalen.“ Doch liegt eine Verwechslung mit dem heiligen Blut von Zehdenick vor. Ein ähnlicher Vorgang spielte sich nach Angelus 1247 in Belitz ab.

194-2 Anmerkung des Königs: „Cramer, Baronius, Lockelius.“ Daniel Cramer († 1637), Pastor in Stettin, verfaßte eine pommersche Kirchenchronik, Cäsar Baronius († 1607) die „Annales eclesiastici“.

194-3 Anmerkung des Königs: „Lockelius; Brandenburger Annalen.“

195-1 Vgl. S. 26 ff. und Bd. VIII, S. 103 ff.

196-1 Anmerkung des Königs: „Origines und der heilige Justin waren nicht dieser Ansicht; der letztere sagt in seinem Dialog [Frankfurt 1686, S.316] daß die Größe des Sohnes an die des Vaters nicht heranreicht.“ Justinus Martyr war ein Kirchenlehrer des zweiten Jahrhunderts. Gemeint ist seine Schrift: „Gespräch von der Wahrheit und Göttlichkeit der christlichen Religion mit dem Juden Trypho.“

198-1 Vgl. S. 27.

198-2 Kurfürstin Elisabeth.

198-3 Vielmehr in dem von Joachim II. erbauten Dom zu Berlin am 1. November 1539.

199-1 Sigismund I.

199-2 Anmerkung des Königs: „Lockelius; Brandenburger Annalen.“

199-3 Vielmehr auf der Wattburg.

199-4 Vgl. S. 110 f.

200-1 Christian Thomasius (1655 — 1728), Rechtslehrer.

200-2 August Hermann Francke (1663 — 1727), Prediger und Professor der Theologie in Halle.

200-3 Gemeint ist der Pietismus.

200-4 Francois de Pâris, Diakon von Saint-Médard in Paris († 1727), ein Jesuit, der sich durch Kasteiungen vorzeitig ins Grab brachte und nach seinem Tode für heilig galt. Sein Grab galt für wundertätig.

200-5 Dieser Abbe, der ein zu kurzes Bein hatte, hüpfte auf dem Grabe des Diakons Pâris herum, damit das Bein länger würde.

201-1 Anmerkung des Königs: „Gütergemeinschaft und Standesgleichheit. Sie sollen bei ihren Versammlungen sogar Weibergemeinschaft treiben.“

203-1 Der griechische Fabeldichter Äsop war häßlich und bucklig.

203-2 Erste Fassung: „Er kann daraus ein Krutzifix, eine Venus oder einen Antinous gestalten.“

204-1 Vgl. S. 8, Anm. 2.

205-1 Vgl. Bd. VII, S. 89 f.

205-2 Vgl. dazu S. 13.

205-3 Anmerkung des Königs: „Sechs Meilen von Berlin.“

206-1 Anmerkung des Königs: „Im Jahre 1595 gedruckt.“ Gemeint sind die „Annales marchiae brandenburgicae“ von Angelus (vgl. S. 191, Anm. 1).

207-1 Vgl. S. 15.

207-2 Jobst von Mähren (vgl. S. 15).

208-1 Anmerkung des Königs: „Von Kaiser Ferdinand 1562 zur Wahl eines römischen Königs berufen.“

209-1 Quadrillen heißen die Abteilungen im Karusselreiten.

210-1 Anmerkung des Königs: „Der Kurfürst, so erzählen die Annalen, stecke den Kopf aus einer Luke und rief dem Feuerwerker zu: »Meister Johann, brenne los, wenn ich pfeife.« “ Nach Angelus fand das Feuerwerk vielmehr 1592 zur Feier der Taufe des Markgrafen Sigismund, des einundzwanzigsten Sohnes des Kurfürsten, statt.

210-2 Die Gründung erfolgt erst 1694.

210-3 Vgl. dazu die Abhandlung „Über die deutsche Literatur“ (Bd. VIII, S. 74 ff.).

211-1 Vgl. S. 165.

211-2 Vgl. S. 49 f.

212-1 August (1553 — 1586); Christian I. (1586 — 1591).

213-1 Vgl. S. 136.

213-2 Es war vielmehr die Schwester des Großen Kurfürsten, Luise Charlotte, die 1645 Herzog Jakob von Kurland heiratete.

214-1 Erste Fassung: „Gewandte Umgangsformen wie die Berliner sie nach dem Zeugnis der Fremden in höherem Grade besitzen als irgend eine andere Stadt in Deutschland.“ Es folgt der in der Ausgabe von 1751 hier eingeschobene Abschnitt über das Münzwesen (vgl. S. 172), der mit den Worten eingeleitet wird: „Der Wandel, der nach dem Dreißigjährigen Krieg in unserem Staate eintrat, war allgemein; das Münzwesen spürte ihn ebenso, wie alles übrige.“

214-2 Jean de Bodt (vgl. S. 182) und Johann Friedrich Eosander, Freiherr von Goethe (1670 — 1729).

214-3 Andreas Schlüter (1664 bis 1714) war zugleich Architekt. Er war es, der das Berliner Schloß umbaute, das Gebäude der „Alten Post“ an der Langen Brücke (heute Kurfürstenbrücke) entwarf und den Münzturm aufführte, der dann wieder abgerissen wurde.

214-4 Erbaut 1694 — 1703.

214-5 Antoine Pesne (1683 — 1757): Joseph Werner (1637 — 1710), der erste Direktor der Kunstakademie; Friedrich Wilhelm Weidemann (1668 — 1750); Paul Karl Leygebe (1664 bis nach 1730).

215-1 Jacques Basnage (1653 — 1723), Kirchenhistoriker, im Haag.

215-2 Jakob Bernoulli (1654 — 1705), Mathematiker, in Basel.

215-3 Mathurin Veissière La Croze (1661 — 1739), Polyhistor und Sprachgenie.

215-4 Dominico Guillelmini (1655 — 1710), Mathematiker und Mediziner in Padua.

215-5 Nikolaus Hartsoeker (1656 — 1725), Physiker, in Düsseldorf.

215-6 Jakob Hermann (1678 — 1733), Mathematiker,in Frankfurt a.O.

215-7 Gottfried Kirch (1639 — 1710), Astronom, in Berlin.

215-8 Olaus Römer (1644 — 1710), Astronom, ln Kopenhagen.

215-9 Leonhard Christian Sturm (1669 — 1719), Mathematiker und Architekt, in Frankfurt a.O.

215-10 Pierre Barignon(1654 — 1722), Mathematiker, in Paris.

215-11 Alphonse des Vignoles (1649 — 1744), Prediger, in Berlin.

215-12 Samuel Werenfels (1657 — 1740), Theologe, in Basel.

215-13 Christian Wolff (1679 — 1754), Philosoph, in Halle.

215-14 Isaac Beausobre (1659 — 1738), Prediger, in Berlin.

215-15 Jacques Lenfant (1661 — 1728), Prediger, i n Berlin.

215-16 Vgl. S. 200.

215-17 Nikolaus Hieronymus Gundling (1671 — 1729), Professor der Philosophie in Halle.

215-18 Johann Peter von Ludewig (1668 — 1743), Professor der Philosophie und Geschichte, Kanzler der Universität Halle.

215-19 Samuel Stryk (1640 — 1710), Professor der Rechte in Halle.

215-20 Vgl. Bd. II, S. 46; VIII, S. 40f. 90. 96 .236. 260.

216-1 Vgl. S. 9.

216-2 Vgl. S. 8.

216-3 Freiherr Friedrich Rudolf von Canitz (1654 — 1699). Seine Poesien erschienen 1700 unter dem Titel „Nebenstunden unterschiedener Gedichte“. Vgl. Bd. VIII, S. 76.

216-4 Giovanni Battista Buononcini (geb. 1672, † um 1750).

217-1 Anmerkung des Königs: „Die Mutter des Dichters Canitz, die Frankreich in Modeartikeln arm gekauft hatte, um die übrigen Damen Berlins auszustechen, gab einem Kaufmann den Auftrag, ihr aus Paris einen schönen, jungen, kräftigen, feingebildeten, geistreichen, adligen Gatten zu besorgen. Sie meinte wohl, diese Ware sei dort ebenso leicht zu bekommen wie Bänder und Rüschen. Der Kaufmann, in diesem Gewerbszweige ein völliger Neuling, entledigte sich seines Auftrages, so gut er vermochte. Schließlich fanden seine Geschäftsfreunde einen Freiersmann. Er war fünfzig Jahre alt, hieß Herr von Brunbosc, war schwächlich und hinfällig. Er trifft ein (1676), Frau von Canitz sieht ihn, erschrickt und — heiratet ihn. Zum Glück für Preußen fiel die Ehe der Dame schlecht aus. Sonst hätte ihr Beispiel Nachahmung gefunden. Unsere Schönheiten wären in die Hände von Franzosen gekommen, und die Berliner hätten, wie einst die Römer, die Sabinerinnen ihrer Nachbarschaft rauben müssen.“

217-2 Anmerkung des Königs: „Eine mecklenburgische Prinzessin, die später in Wahnsinn verfiel,“ Vgl. S. 111.

217-3 Dominico Emanuel Caetano, Conte de Ruggiero.

218-1 Anmerkung des Königs: „Sie hatte damals kaum 400 Einwohner, jetzt über 20 000.“

218-2 Durch die Friedrichstadt.

219-1 Johann Heinrich Pott (1692—1777).

219-2 Andreas Sigismund Marggraf (1709 — 1782).

219-3 Johann Theodor Eller (1689 — 1760).

219-4 Christian Wolff wurde 1723 ausgewiesen und 1740 von König Friedrich zurückberufen.

219-5 Johann Friedrich Böttger (1682 — 1719), der Erfinder des Meißener Porzellans.

220-1 Der Geheime Finanzrat Johann Gottlob von Eckhart, ein zugewanderter Projektenmacher, von König Friedrich nach seinem Regierungsantritt abgesetzt und ausgewiesen.

225-1 Das Folgende bildet die erste Fassung der Charakteristik Friedrich Wilhelms I., in der König Friedrich seinen Vater als Ideal eines Friedensfürsten feiert (vgl. S. 136).

226-1 Die obige Flugschrift ist von Kronprinz Friedrich im Januar 1728 verfaßt. Sie enthält einen Weckruf an England und Holland und eine Warnung vor dem Bunde zwischen dem Wiener und Versailler Hofe, die nach dem Polnischen Erbfolgekrleg 1735 ihren Frieden miteinander gemacht hatten (vgl. S. 157). Den Anlaß zur Abfassung der Schrift bot der Plan der Österreicher und Franzosen, ohne Rücksicht auf alle früheren Abmachungen die Frage der Jülich-Bergischen Erbfolge (vgl. S. 121. 144. 152 f.) zu entscheiden, und ihre Einladung an die Seemächte, sich an einer diplomatischen Aktion gegen Preußen und Kurpfalz zu beteiligen. Um den Ursprung der Umschrift zu verschleiern, wählte Friedrich die Maske eines Engländers: Die Schrift sollte in englischer Bearbeitung gedruckt werben und sein original in Holland als Übersetzung aus dem Englischen erscheinen. Die Veröffentlichung unterblieb, da seit April 1738 ein Wechsel in der allgemeinen politischen Lage eintrat, der zu elner Verständigung zwischen Preußen und Frankreich und zum Abschluß des Haager Vertrages vom 5. April 1739 über die preußische Erbfolge in Berg führte (vgl. S. 161 f.).

227-1 Für den Polnischen Erbfolgekrieg und die Wiener Friedenspräliminarien vom 3. Oktober 1735 vgl. S. 152 ff.

227-2 Germain Louis de Chauvelin, der französische Großsiegelbewahrer, war ein Anhänger Spaniens. Sein Sturz erfolgte am 21. Februar 1737. Vgl. Bd. II, S. 24.

227-3 Vgl. S. 355.

227-4 Fleury.

228-1 Der Regent, Herzog Philipp von Orleans, war 1723 gestorben.

228-2 Das Herzogtum Lothringen fiel durch den Friedensschluß an Frankreich, und Herzog Franz Stephan, der spätere Kaiser Franz I., erhielt als Entschädigung das Großherzogtum Toskana.

229-1 Villars befürwortete das Bündnis der katholischen Mächte; dann könnten Frankreich und der Kaiser dem übrigen Europa Gesetze vorschreiben.

230-1 Vgl. S. 140.

230-2 Vgl. S. 146.

231-1 In einer Fußnote fügt Kronprinz Friedrich den Wortlaut des Artikels V des Wiener Vertrages vom Mal 1735 (vgl. S. 143 f.) hinzu: darin spricht Philipp V. seinen definitiven Verzicht auf die Niederlande, Mailand und das Königreich beider Sizilien aus.

231-2 In einer Fußnote gibt Kronprinz Friedrich einen Auszug aus dem zwischen Spanien, Frankreich und England am 9. November 1729 geschlossenen Bertrage von Sevilla, den, wie er sagt, „die Engländer als Quelle ihrer Tränen betrachten“, und wiederholt im Wortlaut Artikel IX, der Spanien zur Entsendung von 6 000 Mann nach den Fürstentümern Parma und Piacenza ermächtigt, um die Erbfolge des Infanten Don Carlos daselbst desto sicherer zu stellen (vgl. S. 133. 149).

232-1 Anmerkung des Kronprinzen: „Es ist notorisch, daß die österreichischen Minister in der ganzen Sache im Einvernehmen mit den russischen gearbeitet haben. Der Kaiser hatte ein Korps von 17 000 Mann an der polnischen Grenze stehen, und der Fürst Lubomirski war von ihm bestochen. Dieser, der sogenannte »gestiefelte Fürst« , rief die Spaltung unter denen hervor, die von Warschau nach dem Dorfe Praga gingen. Schließlich sind die russischen Truppen auf Anstiften des Kaisers in Polen eingerückt.“

232-2 In einer Fußnote gibt der Kronprinz Artikel IV wie auch die im folgenden erwähnten Artikel VI und X der Wahlkapitulatlon im Wortlaut wieder.

233-1 Vgl. S. 158 ff.

234-1 Vgl. S. 153.

234-2 Frankreich erkannte im Präliminarfrieden von 1735 die Pragmatische Sanktion an (vgl. S. 157).

235-1 Vgl. S. 131.

235-2 Durch französische Vermittlung kam auch 1739 der Friede von Belgrad zustande (vgl. S. 161).

236-1 Vgl. S. 234.

239-1 Plutarch, „Leben des Pyrrhus“.

239-2 Anspielung auf Holland.

240-1 Vgl. S. 85.

240-2 Vgl. S. 102.

240-3 Vgl. S. 125.

240-4 Vgl. S. 231.

240-5 Vgl. S. 226, Anm. I. Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach, der Erbe des Kurfürsten Karl Philipp von der Pfalz, mit dem das Haus Neuburg ausstarb, erhob auch Anspruch auf die Erbfolge in Jülich und Berg.

240-6 In einer Fußnote führt Kronprinz Friedrich den Wortlaut aus dem Artikel IV des Osnabrücker Friedenslnstruments an, nach dem der Jülichsche Erbffolgestreit „auf dem gewöhnlichen Prozeßweg vor Seiner Kaiserlichen Majestät oder durch gütliche Beilegung oder irgendwie sonst auf legitimem Wege“ geschlichtet werden soll.

240-7 Es handelt sich um Streitigkeiten über die innere Verfassung von Genf, die 1738 durch Vermittlung Frankreichs beigelegt wurden.

240-8 Vgl. S. 235.

240-9 Vgl. S. 151.

241-1 Die Sendung von Cajus Popillus Laenas an König Antiochus IV. erfolgte im Jahre 167 v. Chr.

241-2 In der Note vom 14. Dezember 1737 forderte Fénélon die Generalstaaten auf, gemeinsam mit Frankreich, Österreich und England eine Denkschrift am Berliner und Mannheimer Hof zu überreichen; darin würde das Konzert der vier Großmächte erklären, „daß ihre Grundsätze unveränderlich sind, daß jeder Widerspruch unnütz sein würde, und daß sie mit gleicher Dringlichkeit eine umgehende Antwort verlangen, die so beschaffen sei, daß man ungesäumt wisse, was man von den Absichten der beteiligten Parteien zu halten habe“. In der Tat erfolgte am 10. Februar 1738 die Überreichung von vier identischen Noten in Berlin, in der die Großmächte die Vermittlung und Schlichtung der Streitfrage für sich in Anspruch nahmen. Vgl. S. 226, Anm. I.

241-3 Anmerkung des Kronprinzen Friedrich: „Der Grund des Streites war folgender. Bei einem Festmahl, das die Generalstaaten gaben, war der französische und englische Botschafter zugegen. Der Engländer trank auf das Wohl des Kaisers oder auf das Wohlergehen der Generalstaaten. Fénélon behauptete, das sei seine Sache. Der Streit führte ziemlich weit. Man nennt ihn den Tafelkrieg. Diese Geschichte muß allbekannt sein.“

242-1 Die Flugschrift sollte in England erscheinen.

242-2 Vgl. für den Schluß der Flugschrift den „Antimachiavell“ (Bd. VII), der bereits im folgenden Jahre entstand.