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45. An Gottsched1
(16. Oktober 1757)

Was uns der Himmel zugedenkt,
Gibt seine Hand mehr knauserig als reich.
Mehr bleibt er schuldig, als er schenkt;
Für jedes Volk ist seine Gunst fast gleich.
Wenn Tiefe Englands Söhne ziert,
Schmückt Anmut die Franzosen:
Dem wird zuteil, was der verliert.
Wir wandeln unsre Dornen stolz zu Rosen
Und ziehn des Nachbars Gaben eigne vor.
Mars, der einst Sparta sich zum Sitz erkor,
Schuf dort berühmte Helden viel;
Jedoch Athen, das sanfte, lieh sein Ohr
Der Künste zartem, zaubervollem Spiel.
Von Sparta erbten unsre tapfren Ahnen
Den alten Ruhm.
Wie reich ist die Geschichte der Germanen
An Heldentum!
Doch stets, fand auch ihr Herz, ihr kühnes,
Den Weg zum Tempel Mnemosynes,
Verwelkt' in ihrer Hand die Blumenzier,
Mit der ihr Stolz Viktorias Stirne schmückt.
Du Schwan von Sachsen, Dir
Ist es allein geglückt,
Natur, der kargen, Schönheit abzuringen.
Du zwangest eine Sprache von Barbaren,
An Lauten reich, die rauh und widrig waren,
In Deinen Liedern lieblicher zu klingen.
So füge denn mit Deinem Saitenspiel,
Getreu dem göttlichen Virgil,
Zur Siegespalme, des Germanen Preis,
Apollos schönstes Lorbeerreis!


1 Das Gedicht entstand nach einer Unterhaltung, die König Friedrich am 16. Oktober 1757 mit Gottsched in Leipzig gehabt hatte; den unmittelbaren Anstoß gab die Übertragung einer Strophe Rousseaus ins Deutsche durch Gottsched. Die Verse sind in der Vorlage irrtümlich an Geliert gerichtet.