<21> wurde, da sie im Notfalle zu Diversionen in Ungarn oder Rußland — je nachdem, mit welcher Macht man Krieg führte—sehr nützlich werden konnte. Der König hoffte also, durch Intervention des Wiener Hofes und durch seine eigene Vermittlung den Frieden zwischen den kriegführenden Mächten unter beiderseits annehmbaren Bedingungen wiederherstellen zu können. Zunächst wurden in Petersburg und Konstantinopel Vorstellungen gemacht, daß die Beendigung des Krieges beiden Teilen gleich erwünscht sein müsse, zumal zu befürchten sei, daß mit der Zeit ein allgemeiner Krieg daraus entstünde. Man wünsche ihnen einen für beide Teile gleich annehmbaren Mittelweg vorschlagen zu können, um ihren Zwist gütlich beizulegen. Graf Pattin erwiderte nach einem Loblied auf die Mäßigung und Uneigennützigkeit der Zarin, sie sei durchaus geneigt, den Vorschlägen, die man ihr machen würde, Gehör zu schenken. Diese Zurückhaltung und Sanftmut bemäntelte indes nur die übertriebensten Ansprüche. Bevor sich Panin auf die Vorschläge der Türken einließ, verlangte er zunächst die Freilassung Obreskows. Im übrigen, fügte er hinzu, würde die Zarin es gern sehen, daß der König sich bei der Pforte verwende, um ihr friedliche Gesinnungen einzuflößen. Wären die Dinge so weit gediehen, so wünsche die Zarin nichts sehnlicher, als durch Vermittlung des Königs von Preußen zur Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe zu gelangen. Andrerseits begannen die Türken das Ende eines Krieges herbeizusehnen, dessen Erfolge ihren Erwartungen keineswegs entsprachen. Der König hatte ihnen von dieser Schilderhebung dringend abgeraten und besaß eben dadurch ihr Vertrauen. Die Türken nahmen also die preußische Vermittlung an, sträubten sich aber ein wenig gegen die des Wiener Hofes. Trotzdem gelang es, sie gefügig zu machen, indem man ihnen immer wieder vorstellte, welch entscheidendes Gewicht eine Großmacht wie Österreich zum Erfolg der Unterhandlungen in dieWagschale werfen könnte.

Unterdessen trugen die Russen, auf die jene Friedensmahnungen gar keinen Eindruck gemacht hatten, auch weiterhin die größten Siege über die türkischen Heere davon. Ihre Flotte schlug die türkische und vernichtete sie fast völlig, sodaß die Mehrzahl der türkischen Schiffe verbrannt oder in den Grund gebohrt wurde1. Ein so unerwarteter Schlag nötigte die Pforte, ihre Aufmerksamkeit zu teilen. Sie wußte nicht, ob sie ihre Kräfte zur Verteidigung der Dardanellen verwenden oder vor allem an die Moldau denken sollte. Dies Gemisch von Unsicherheit und Bestürzung begünstigte die Operationen des Feldmarschalls Rumänzow und trug sicherlich zu seinem Siege am Kagul über die Armee des Großwesirs bei (1. August 1770). Derart fügte er in einem Feldzuge die Eroberung der Walachei zu der der Moldau hinzu. Zugleich eroberte Graf Panin, der Bruder des Ministers, die von ihm belagerte Stadt Bender nach tapferer Gegenwehr.

So schnelle und oft wiederholte Erfolge verblendeten den Petersburger Hof und machten ihn wie berauscht vor Glück. Die Menschen sind überall die gleichen. Unglück


1 Die türkische Flotte wurde am 5. und 6. Juli 1770 bei Tschesme geschlagen und vernichtet.