9347. AN DEN GENERALLEEUTENANT PRINZ FERDINAND VON BRAUNSCHWEIG.358-1

Kerspleben, 20. September 1757.

Durchlauchtiger Fürst, freundlich geliebter Vetter. Ew. Liebden Schreiben vom 16. dieses habe Ich wohl erhalten und freue Ich Mich von Herzen, dass es Dero Orten bisher so gut gegangen ist, wünschete auch nur, dass Dieselben so stark und an Truppen dergestalt en force wären, dass Sie alles übrige der Orten ausrichten könnten, was Ich wünschete. Der Success davon würde um so weniger zweifelhaft sein, als es gestern hiesiger Orten geschehen, dass, nachdem der Generalmajor von Seydlitz358-2 von Mir bei Meiner Ankunft gleich commandirt worden,<359> mit dem Meinecke'schen Dragonerregiment und denen Szekely'schen Husaren den Avantpost in Gotha zu nehmen, um diesen Ort zu besetzen und zugleich zu decken, derselbe gestern Vormittages wahrgenommen, dass sich ein starkes Corps vom Feinde über den sogenannten Galgenberg allda herunter und auf ihn zu gezogen. Dieses Corps ist effective von 8000 Mann gewesen, und zwar von Cavallerie, Infanterie, Husaren und Croaten, nämlich allen Grenadiercompagnien von denen französischen und Reichstruppen,359-1 die beiden österreichschen Cavallerieregimenter Trauttmansdorf und Pretlack, 3 Regimenter Husaren, als 2 österreichische und ein französisches von Nassau-Saarbrück,359-2 welche die Tête gemachet und denen die Grenadiercompagnien und endlich die Cavallerie gefolget, so diese souteniren sollen. Bei solcher sehr überlegenen Macht hat sich der Generalmajor von Seydlitz mit seinen Dragonern und Husaren aus der Stadt gleich herausgezogen, da dann die gegenwärtig gewesenen Prinzen Soubise und Hildburghausen nebst der französischen und anderer Generalität359-3 mit denen Grenadiercompagnien sogleich wieder in Gotha eingerücket seind und sowohl die Stadt als das Schloss besetzet haben. Wie aber indess der Generalmajor von Seydlitz die Zeit gehabt, das ihm schon nahe gestandene Katte'sche Dragonerregiment zum Secours an sich zu ziehen, welches bei dieser Gelegenheit das gute Manöver gemachet, dass es, bei dem Aufmarschiren und als es sich formiret, sich ein Ansehen gegeben, als wenn es an 20 Escadrons wäre,359-4 so hat erwähnter Generalmajor sogleich darauf wieder offensive agiret und die Stadt attaquiret, welches, und da zugleich in solcher der Lärm entstanden, als ob Ich mit der Force heran wäre, mit so gutem Success geschehen ist, dass sich der Feind mit der ganzen dort befindlich gewesenen Generalität und allem in höchster Eil und Confusion herausgezogen und schleunig retiriret hat.<360> Die 4 Grenadiercompagnien, so das Schloss besetzet gehabt, seind sogleich von unsern Husaren delogiret und nebst Croaten, Panduren und allen Grenadiers auf das eiligste aus der Stadt herausgetrieben worden. Nach dem Rapport des Generalmajor von Seydlitz seind die Dragoner mit dem Feind nicht handgemein geworden, die Husaren aber desto öfter, dabei jedoch sonsten die Stabesofficiers nebst denen meisten sich so distinguiret haben, wie man es thun muss, wenn man sich gegen 8000 Mann ohne Nachtheil und Verlust vorerst zurückziehen will. Wir haben bei dieser Gelegenheit 2 Husaren todt und 10 blessirte, auch 2 blessirte Officiers gehabt;360-1 dagegen der Generalmajor von Seydlitz heute an feindlichen Gefangenen 62 Mann Grenadiers und Husaren, 1 Obristlieutenant, 3 Majors, 4 Lieutenants nebst 2 französischen Proviantofficiers hierhergeschicket hat; dabei die Husaren viele Pferde mit reichen Equipages erbeutet haben. Der Generalmajor von Seydlitz stehet indess noch in Gotha auf seinem Posten.

Der schändliche Accord, welchen der Duc de Cumberland zu machen sich von den hannoverschen Ministres verleiten lassen,360-2 ist wieder ein neues Contretemps, so Mir geschiehet; indessen wir doch thun müssen, was uns gebühret. Ew. Liebden habe derowegen auch im Vertrauen sagen wollen, wie Ich hier nicht stehen bleiben werde, Mir aber noch nicht möglich ist, Mich zu determiniren, nach welcher Seite Ich Mich toumiren werde, ob es gegen die Leute hier oder wohin sonst geschehen kann, denn Ich erst noch klarer sehen muss, um Meine Partie zu nehmen.

Was Ew. Liebden angehet, da bleibet Deroselben allemal die letzte Ressource übrig, dass unverhofften Falls und wenn alle Stricke reissen sollten, Dieselbe Sich auf die letzte in Magdeburg werfen können. Ich denke und hoffe, und werden Ew. Liebden mit darauf treiben, dass alle menschmögliche Anstalten gemachet und vorgekehret werden, dass es alsdann darin an Magazinen und Lebensmitteln nicht fehlen möge.360-3 Ich bin Ew. Liebden freundwilliger Vetter

Friderich.

Nach der Ausfertigung im Kriegsarchiv des Königl. Grossen Generalstabs zu Berlin.



358-1 Prinz Ferdinand meldet am 20. September aus Dittfurth bei Quedlinburg (vergl. S. 353. Anm. 3), er werde noch selbigen Tages nach Halberstadt marschiren. Ein zweiter „Bericht vom 20., sowie Berichte vom 21. und 22. sind dann aus Halberstadt datirt.

358-2 Die folgenden Angaben beruhen zum grössten Theil auf einem Berichte von Seydlitz, d. d. Gotha 19. September. An Prinz Moritz werden die Vorgänge bei Gotha wörtlich übereinstimmend — nur mit einem Zusatz über den Generallieutenant von Rochow sh. unten Anm. 3. S. 359 — am 20. September gemeldet. Nr. 9348. Am 21. sendet Eichel auf Befehl des Königs eine Relation, d. d. Quartier Kerspleben 20. September 1757, an den Minister Finckenstein. Diese Relation wurde mit wenigen stilistischen Aenderungen publicirt, vergl. u. A. „Berlinische Nachrichten“ vom 24 September, Nr. 115; Danziger „Beyträge“ Bd. III, S. 331 ff. Die Relation stimmt zum grossen Theil wörtlich mit den an Prinz Ferdinand und Prinz Moritz gesandten Berichten überein. Auch sie enthält eine Bemerkung über den Generallieutenant von Rochow und ausserdem eine ungefähre Schätzung der Todten des Feindes (sh. unten Anm. 1. S. 360). Eichel begleitet die Relation mit folgender Erläuterung für Finckenstein: „Ew. Excellenz können Sich gewiss und völlig versichert halten, wie alles darin befindliche au pied de la lettre wahr ist und nicht das geringste darin brodiret oder zugesetzet worden; deshalb ich dann auch gestehen will, dass ich die Anzahl der feindlichen Todten nur ohngefährlich angegeben, weil ich solche nicht mit Zuverlässigkeit erfahren können; alles übrige aber hat seine völlige Richtigkeit, und muss ich selbst bekennen, wie die Sache fast ohne Exempel, und der an Jahren noch ganz junge Generalmajor von Seydlitz sich dabei ohnvergleichlich conduisiret und Proben gegeben hat, was man mit der Zeit und bei noch mehriger Experience von ihm gewärtigen könne.“ Schon sein Rückzug aus Gotha habe „gemachet, dass die Prinzen Soubise und Hildburghausen, so nebst anderer Generalität die Cour bei der Herzogin gemachet, die Fermeté und das Manœuvre derer preussischen Husaren und Dragoner nicht genug rühmen, noch mit Lobeserhebungen aufhören können, ob sie gleich bald darauf selbst genöthiget worden, so Schloss als Stadt in der grossesten Eile zu verlassen. Wobei das Katte'sche Regiment ein schönes Manœuvre gemachet haben soll, dass, als es zu dem Generalmajor von Seydlitz zum Secours gestossen, dasselbe so aufmarschiret ist und in solchen Distances sich formiret hat, dass die Herren Franzosen und andere nicht anders sehen und glauben können, als dass es an 20 Escadrons, so zum Suceurs gekommen, wären; welches ich aber der Relation anzufügen Bedenken getragen.“

359-1 Die Relation setzt hinzu : „auch Croaten und Panduren“ .

359-2 Vergl. Bd. XIV,205.

359-3 In dem Schreiben an Prinz Moritz (vergl. Nr.9348) ist hinzugefügt: „bei welcher auch der bekannte sächsische Generallieutenant von Rochow gewesen“ . Die Relation zählt die feindliche Generalität am Schluss des Berichts auf und schreibt: „bei welcher sich denn auch der sächsische Generallieutenant von Rochow wider seine parole d'honneur, so er als ein hiesiger Kriegesgefangener vorhin von sich gegeben, mit aufgehalten, darüber aber seine Equipage verloren hat und sich vor seine Person kaum mit der Flucht sauviren können“ . Rochow war sächsischer General der Infanterie, nicht Generallieutenant. Vergl. Bd. XIV, 22. 542.

359-4 Dieses Manöver ist in der Relation fortgelassen. Vergl. S. 358. Anm. 2.

360-1 Die Relation fügt hinzu: „dagegen seind vom Feinde an 30 Todte gefunden, die Anzahl der Blessirten aber bis dato nicht bekannt geworden“ .

360-2 Vergl. Nr. 9342.

360-3 Vergl. S. 354.