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Der König von England zeigte den größten Eifer für die Sache der Königin von Ungarn. Was ihn antrieb, war vornehmlich sein eingefleischter Haß gegen Frankreich. In seiner Jugend hatte er gegen Frankreich im Felde gestanden, hatte die Schlacht von Oudenaarde (1708) mitgemacht, wo er an der Spitze einer hannöverschen Schwadron eine Attacke geritten und Proben hervorragender Tapferkeit geliefert hatte. Ihn plagte der Ehrgeiz, sich an der Spitze von Armeen Heldenruhm zu erwerben. Jetzt bot sich die Gelegenheit, wo er Truppen in Flandern hatte. Ergriff er nun die Partei der Königin und kam übers Meer, so konnte ihm niemand den Oberbefehl über seine eignen Truppen streitig machen. Zudem konnte er seinen hannöverschen Schatz mit den Subsidien auffüllen, die ihm die Engländer für seine Hannoveraner zahlten.

Auch Lord Carteret hatte den Krieg nötig, um sich bei seinem Herrn wie beim englischen Volke in Gunst zu erhalten. Seit dem Kriege mit Spanien war der Handel des Inselvolkes gestört. Um eine entscheidende Wendung zugunsten des Handels herbeizuführen, mußte ein großer Schlag zu Lande und in Europa fallen. Frankreich galt für halb ruiniert durch seine Anstrengungen, Bayern und Böhmen zu halten. Es war mit Spanien im Bunde. Schlug man eine dieser Mächte, so traf man zugleich die andere. Man mußte also die Franzosen entweder in Deutschland oder in Flandern besiegen, um zur See ein Übergewicht zu erlangen, das dem englischen Handel wirklichen Vorteil bringen konnte. Der König, seine Minister und das englische Volk strebten nach dem gleichen Ziele, obwohl aus sehr verschiedenen Gründen. Es ward also beschlossen, die in Flandern stehenden englischen, hannöverschen und hessischen Truppen nach dem inneren Deutschland vorzuschieben.

So sehr dieses Projekt dem König von England zusagen mochte, so wenig gefiel es dem König von Preußen. Er mußte darauf sehen, daß das politische Gleichgewicht selbst während des Krieges zwischen den kriegführenden Mächten erhalten bliebe. So verlangte es sein Interesse. Bekam das Haus Österreich im Reiche ein entscheidendes Übergewicht über das Haus Bayern, dann verlor Preußen seinen Einfluß auf die allgemeinen deutschen Angelegenheiten. Man mußte also zu verhindern suchen, daß der König von England und die Königin von Ungarn, durch die blendende Aussicht auf Erfolge verlockt, den Kaiser entthronten. Der König von Preußen konnte sich allein der Vorstellungen bedienen. Alle Argumente, die ein deutscher Fürst vorbringen kann, dem das Wohl des Vaterlandes und die Freiheit der Reichsverfassung am Herzen liegen, führte er ins Feld, um den König von England zu beschwören, das Reich nicht ohne triftige Gründe zum Schauplatz eines unmittelbar drohenden Krieges zu machen und zu bedenken, daß kein Reichsstand ohne Genehmigung des Reichstages fremde Truppen in sein Vaterland führen dürfte1. Mehr konnte der König unter den damaligen Verhältnissen nicht tun. Auf Frankreich war kein Verlaß, denn der König hatte es durch den Breslauer Frieden verstimmt. Mit den Englän-


1 Der König von England war Kurfürst von Hannover.