<27>rosteien, auf die der Kaiser niemals Anrechte gehabt hattet1. Dieser kecke Schritt machte die Russen stutzig. Durch ihn wurde am meisten der nachmalige Teilungvertrag zwischen den drei Mächten angebahnt2. Der Hauptgrund war, einen allgemeinen Krieg zu verhüten, der dicht vor dem Ausbruch stand. Außerdem mußte das Gleichgewicht der Kräfte zwischen so nahen Nachbarn erhalten werden. Da also der Wiener Hof genügend zu verstehen gab, daß er die damaligen Unruhen zu seiner Vergrößerung benutzen wollte, so konnte der König nicht umhin, seinem Beispiel zu folgen. Die Zarin war aufgebracht, daß andere Truppen als die ihren die Herren in Polen zu spielen wagten, und sagte zum Prinzen Heinrich, wolle der Wiener Hof Polen zerstückeln, so hätten die anderen Nachbarn das Recht, ein gleiches zu tun3.

Diese Eröffnung kam sehr gelegen. Denn alles wohl erwogen, war dies das einzige Mittel, das übrig blieb, um neue Wirren zu verhüten und jedermann zufriedenzustellen. Rußland konnte sich für die Kosten des Türkenkrieges entschädigen, und an Stelle der Moldau und Walachei, die es nur besitzen konnte, wenn es die Österreicher ebenso oft besiegte wie die Türken, brauchte es sich nur nach seinem Gefallen eine Provinz in Polen auszusuchen, ohne neue Gefahren zu laufen. Der Kaiserin-Königin konnte man eine an Ungarn grenzende Provinz anweisen und dem König das Stück von Polnisch-Preußen, das seine Staaten von Ostpreußen trennte. Durch diesen politischen Ausgleich blieb das Kräfteverhältnis der drei Mächte ungefähr das gleiche.

Um sich jedoch der Absichten Rußlands völlig zu vergewissern, wurde Graf Solms beauftragt, zu ergründen, ob man auf die der Zarin entschlüpften Worte bauen könnte, oder ob sie nur in einem Augenblick des Unmuts oder vorübergehender Aufwallung gefallen wären. Graf Solms fand die Meinungen darüber geteilt. Graf Panin, der beim Beginn der polnischen Wirren hatte erklären lassen, Rußland werde die Unteilbarkeit Polens aufrechterhalten, war der Zerstücklung abgeneigt; trotzdem Versprach er, sich ihr nicht zu widersetzen, wenn die Sache im Staatsrat durchginge. Die Zarin jedoch wiegte sich in der Hoffnung, die Grenzen ihres Reiches gefahrlos erweitern zu können. Ihre Günstlinge und einige Minister merkten das und traten ihrer Ansicht bei, sodaß das Teilungsprojekt mit Stimmenmehrheit angenommen


1 Die Zips war bereits im Sommer 1769 besetzt worden. Ein Jahr später nahmen die Österreicher wettere Grenzstarosteien in Besitz. Entscheidend wurde aber erst der Umstand, daß sie, alte Ansprüche vorschützend, Ende November 1770 in diesen Grenzgebieten mit der Ausübung von Hoheitsrechten begannen und sie für „wiedervereinigt mit dem Königreich Ungarn“ erklärten.

2 In der Fassung von 1775 sagt der König geradezu, baß die Teilung dadurch „veranlaßt“ wurde.

3 Prinz Heinrich berichtet am 8. Januar 1771 über die Unterredung an den König, er sei an dem Abend dieses Tages bei der Kaiserin Katharina gewesen: „Scherzend erzählte sie mir, daß sich die Österreicher zweier Starosteien in Polen bemächtigt und an den Grenzen dieser Gebiete ihre Grenzabler aufgepflanzt hätten. Sie fügte hinzu: „Aber warum sollte alle Welt nicht auch zugreifen?“: Ich erwiderte, daß Du, lieber Bruder, einen Grenzkordon (gegen die Pest) in Polen gezogen, jedoch keine Starosteien okkupiert hattest. „Aber warum nicht okkupieren?“ sagte die Kaiserin lachend. Einen Augenblick später näherte sich mir Graf Tschernyschew, brachte das Gespräch auf denselben Gegenstand und schloß: „Aber warum nicht das Bistum Ermland wegnehmen? Denn schließlich muß doch jeder etwas haben.““