11156. AN DEN GENERAL-MAJOR VON WOBERSNOW.373-3

Wobersnow berichtet, Lager bei Stübnitz373-4 29. Juni: „Ohnerachtet unser Marsch wenigstens bei der Avantgarde373-5 nach Möglichkeit pressiret und von Schwerin aus bis Obersitzko ohne Ruhetag mit täglichen Märschen von zwölf und sechzehn Stunden fortgesetzet worden, so ist es doch nicht möglich gewesen, die feindliche delachirte Corps von ihrer Hauptarmee zu coupiren, maassen der Feind von unserem Anmarsch über Schweiin allzu zeitig avertiret gewesen und alle seine Corps bis auf einige tausend Mann, so noch jenseits der Weichsel stehen, bei Posen zusammengezogen hat; allwo er gegenwärtig mit der ganzen Armee, jedoch in zwei verschiedenen Lagers; stehet, welche die Stadt und Warthe, über die man sechs Communicationsbrücken geleget, zwischen sich haben und davon eines Front nach Schlesien, das andere aber nach Thorn machet und beide stark fortificiret sind, sowie man täglich noch fortfähret, sie mehr zu befestigen.

Sonsten ist der General Fermor nach dem mit denen Oesterreichern concertirten Operationsplane resolviret gewesen, den 10. Juli aufzubrechen und seine Operationes gegen Schlesien anzufangen, woran er aber nunmehr durch unsere Position gehindert werden möchte. Wir marschiren morgen nunmehr mit der ganzen Armee nach Obornik, allwo wir dem Feinde auf der Flanke stehen und zugleich Jalousie auf Thorn geben, und muss sich also binnen wenig Tagen ausweisen, welche Partei der General Fermor nehmen wird. Auf den Fall nun derselbe bei Posen stehen bleiben sollte, würde es nicht wohl möglich sein, unsern Marsch weiter nach Thorn fortzu<374>setzen, maassen wir dadurch zu weit von Schlesien entfernet würden. Sobald wir mit der Armee noch etwas näher, werden wir den Feind genau recognosciren, und wann einige Möglichkeit ist und Ew. Königl. Majestät es allergnädigst approbiren, demselben von einer Seite mit unserer ganzen Force auf den Hals fallen. Wenn aber schlechterdings unmöglich, ihn mit einer Avantage anzugreifen, so würde man sodann zwischen hier und Fraustadt eine bequeme Gelegenheit dazu erwarten müssen. Es wird übrigens nichts verabsäumet werden, was nur möglich ist und geschehen kann.“

Reich-Hennersdorf, 2. Juli 1759.

Ich habe Euren Bericht vom 29. Juni wohl erhalten, und habet Ihr durch Euren langsamen Marsch Eure Avantage versäumet. Denn wenn dieser Marsch mit gehöriger Vivacité wäre executiret worden, so hättet Ihr zwischen der Leute ihre Quartiere sein müssen; überdem so kann Ich leicht ermessen, dass Ihr keine Précautions genommen haben werdet, um den Feinden die Nachricht von Eurem Marsch zu benehmen. Nunmehr seid Ihr aus Eurem Vortheil gekommen, und wenn Ihr auch Fermorn zehen Mal auf die Flanke marschiret, da wird er sich Meines Ermessens nicht drum rühren, und werdet Ihr nunmehr wohl gegen einander stehen und Euch einander ansehen müssen, wodurch Ihr Mir im geringsten nicht helfet. Ich kann zu dem allen weiter nichts sagen, als dass es Mir leid thue, dass alles so gar schlecht executiret werde. Wo Fermor starke Retranchements um sein Lager gemachet, so wäre es unsinnig, ihn dahinter zu attaquiren, und das einzige, was Euch zu thun übrig bliebe, wäre, dass Ihr ihm seine Zufuhr von Thorn her beschwerlich zu machen suchetet. Dieses ist aber gewiss nicht der Mühe werth, 30000 Mann dahin geschicket zu haben.

Der Feldmarschall Daun ist marschiret, und zwar gegen Greifenberg. Ich habe Trautenau occupiret. Harsch stehet noch mit 20000 Mann bei Jaromirz, Beck bei Neustadt und Jahnus bei Soor, so dass Ich hieselbst für Mein Theil noch ganz embarrassiret bin.

Ihr müsset übrigens nicht nach Fraustadt marschiren; da gehöret Ihr nicht hin; sondern Ihr müsset immer mit dem Rücken gegen die Neumark stehen bleiben oder in der Flanke. Ich bin Mir hierbei leider nicht viel mehr von Euch vermuthen, weil Ihr von der Gelegenheit zu profitiren nicht gewusst habet.

Es ist in Glogau Mehl für die dortige Armee auf Euer Verlangen parat, Ich zweifele aber, ob Ihr solches anjetzo gebrauchen werdet.374-1

Diese Sache ist verdorben, hätte aber excellent gehen können, wenn sie mit Vivacität und mehre Vorsicht wäre executiret worden.

Friderich.

Nach der Ausfertigung in der Grossherzogl. Hofbibliothek zu Darmstadt. Der Zusatz eigenhändig.

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373-3 Wobersnow befand sich im Monat Juli nach seinen Berichten am 4. in Murowana-Goslin (nordl. von Posen), am 5. in Obornik, am 8. in Sceraquitza (jedenfalls Cerekwica, nordwestl. von Posen), am 16. in Meseritz, am 21. in Züllichau.

373-4 D. i. Stobnica.

373-5 Diese befehligte General Wobersnow. Vergl. S. 271. 275.

374-1 Das gleiche Schreiben, mit Fortlassung des Abschnittes „Der Feldmarschall Daun“ bis „in der Flanke“ und des eigenhändigen Zusatzes ergeht am nämlichen Tage an den Generallieutenant Grafen Dohna.