11624. AN DEN ETATSMINISTER GRAF FINCKENSTEIN IN BERLIN.

Wilsdruff, 24. November 1759.661-1

Bei Gelegenheit einer ohnedem abgehender Estafette habe Ew. Excellenz meine beide gestern nach einander abgegangene Schreiben confirmiren und nur mit wenigen noch wegen des hiesigen gestrigen Allarmes hinzufügen wollen, wie nach Aussage einiger recht vernünftiger Leute unter denen bei solcher Gelegenheit von dem Feinde gemachten Gefangenen etliche Deserteurs von unseren Freibataillons denen Oesterreichern glauben gemachet haben, als ob der König mit dem Gros der Armée sich schon gegen Torgau zurückgezogen habe und es nur noch ein geringes Corps wäre, so bei Kesselsdorf und der Orten vorstehe. Da die Oesterreicher durch die unglückliche Affaire des General Finck in den Gusto von Enlevirung detachirter Corps gekommen seind, so haben sie darauf, sogleich darauf, als gestern, ein starkes Corps von Kavallerie, Infanterie und Husaren nebst Artillerie gegen Kesselsdorf detachiret, um zu recognosciren und wann sie dorten nichts mehr als ein schwaches Corps fanden, solches zu attaquiren. Sie seind auch an<662>fänglich in letzterer Meinung confirmiret worden, als sie gesehen, dass der Generallieutenant Zieten sich nach der vorhin schon gemachten Disposition aus Kesselsdorf heraus und hinter solches gezogen; daher sie dann auch schon attaquiren wollen. Als sie aber deshalb näher ange[rückt] und die beiden Linien der Armée sich formiren und die Regimenter von allen Orten anmarschiren gesehen, haben sie sogleich, was von Infanterie bei ihnen gewesen, zurückgeschicket, welcher die Kavallerie auf das schleunigste gefolget ist, so dass ausser etlichen 20 Kanonschüssen und einigen Gefangenen, so bei der Retraite auf sie gemachet worden, nichts weiter passiret und alles wieder in seine vorige Posten eingerücket ist.

Die Nachrichten, als ob die österreichische Armée sich nach Böhmen zurückziehen werde, continuiren; man versichert, dass gestern alle dero Bagage völlig voraus nach Böhmen abgegangen, um alsdann in ihrem Rückmarsch nicht arretiret zu werden und eine übele affaire d'arrière-garde zu haben. Was von schweren und metallenen Canons in Dresden gewesen, sollen sie auch dahin geschicket haben. Wie sonsten die Umstände daselbst sehr calamiteuses sein müssen, werden Ew. Excellenz aus der abschriftlichen Anlage eines von Dresden durch Torgau nach Leipzig passirten und aufgemachten Schreibens662-1 ersehen. Von den übrigen, ob die ganze feindliche Armée nach Böhmen gehen, auch ob Dresden abandonniret werden wird, suspendire ich billig noch mein Urthel, bis sich solches näher eclairiret haben wird; inzwischen die feindliche Truppen an vielen Nothwendigkeiten, als Salz, Fleisch und dergleichen, Mangel leiden, das Brod annoch aus Dresden, aber nicht suffisant bekommen, auch wegen Fourage in Verlegenheit sein sollen, des heftigen Frostes, so hier täglich zunimmt, zu geschweigen. Veuille662-2 le bon Dieu seulement qu'il ne nous arrive de pareils malheurs, comme à Finck, par rapport aux autres corps détachés, dont il y en a qui sont assez en l'air, à moins que leurs commandeurs ne se soutiennent habilement.

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Den Augenblick kommet die särmmtliche Bagage von dem verunglückten Finck'schen Corps zurück, als die, wie ich nun höre, denen Officiers des Corps in der getroffenen Capitulation ganz frei reserviret worden, so dass man von solcher auch nicht einmal die Verpflegungsgelder derer Regimenter und Compagnien, die sich doch wohl an 50000 Thaler betragen mögen, abgefordert hat. Es ist niemand von Leuten dabei, der jemanden eine rechte Idee dieses unglücklichen Vorfalls geben könnte, so viel ich aber von einigen mit solcher Bagage zurückgekommenen Regimentsquartiermeisters begreifen können, so ist der Posten von Maxen wohl dergestalt beschaffen, dass wer sich einmal darin, als in einen Kessel von Anhöhen, fourriret hat, sobald er einige der Anhöhen verlieret, verloren ist. Dieses ist hier [der Fall gewesen]. Das Corps hat im Grunde bei dem Dorfe gestanden; die tiefen Défilés da herum haben den Feind favorisiret, dass er sich sehr stark auf beide Flanken des Corps und sonderlich hinter das Corps ziehen können, ohne dass es dasselbe sonderlich gewahr geworden, bis dass der wirkliche Angriff geschehen. Bei solchem ist gleich die Hauptanhöhe, so mit einem schwachen Regiment, unter welchem viele sächsische Rekruten gewesen, nebst der darauf [placirten] Batterie, ehe der Secours den Berg herankommen können, [genommen], mithin auch die einige Retraite nach Freiberg verloren worden; die andern Anhöhen seind auch bald wegen schlechter Defension des gemeinen Mannes verloren worden. Der Feind hat darauf das Dorf Maxen mit Haubitzen in Brand gestecket und von 4 Batteries das im Grunde gestandene Corps gekreuzet: alles ist unter einander gelaufen, die Kavallerie hat wegen des Terrains gar nicht agiren können, ein Theil davon auch nicht gewollt; man hat also nicht hinterwärts ziehen und retiriren können, ohne den starken Feind auf denen Höhen zu delogiren, wozu wenig Lust und keine Apparence gewesen. In solcher Confusion hat man sich bis an die hohen Précipices von Dohna gezogen, wo das non plus ultra gewesen. Die Nacht ist dazu gekommen und den folgenden Morgen, als den 21. dieses, die Capitulation geschlossen gewesen. Die Generalmajors Wunsch und Puttkammer haben solche nicht mit zeichnen noch annehmen wollen, sich aber endlich, da, was ihnen eigentlich von diesem Corps gehöret, zu schwach gewesen, um durch den Feind penetriren zu können, [dazu entschlossen]. Das Hauptwerk scheinet mir also zu sein, dass man sich in dergleichen gefährlichen Posten fourriret, und dass man demnächst von der Ankunft und Dasein eines so starken Feindes, und dass solcher sich hinterwärts und von beiden Seiten herumgezogen, wenig oder nichts gewusst hat. Die zurückgekommene Leute haben sonsten von nach Böhmen zurückgeschickten Canons noch Bagage nichts wissen wollen, vielmehr prätendiren sie, von letzterer noch eine grosse Anzahl bei Dresden stehend gesehen zu haben.

Wo es auf der Welt sein kann, so ersuche Ew. Excellenz ganz gehorsamst, vor dieses Mal nachstehendes Selbst zu dechiffriren.

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Notre situation me paraît être devenue assez critique par le malheur arrivé à Finck. Jusqu'à présent, je n'ose me flatter encore que Daun se retirera en Bohême, et moins encore qu'il abandonnera Dresde; si, au contraire, il nous tournait, ou si un de nos corps détachés serait contraint de plier, nous nous verrions obligés de nous replier sur Meissen et peut-être sur Torgau, et notre possession de Saxe serait fort en l'air. Tous nos fonds, nos magasins et nos arrangements seraient absolument dérangés. Il n'y a de salut que dans une paix prompte ou qu'au moins la Russie soit écartée de nos ennemis, sans quoi, ce serait fait de notre patrie, de notre religion et de notre empire. Ce qui me ronge le plus le cœur, c'est que je crois observer que tant de malheurs et tant de détresses que le Roi a eu à essuyer pendant cette année-ci, ont tant infirmé sa santé que je crains qu'elle ne succombe à force de chagrins.664-1 Votre Excellence voudra bien garder le secret le plus absolu sur tout cela. C'est à Elle seule que je crois pouvoir décharger mon cœur navré et déchiré. Gott wolle alles zum besten lenken ! ...664-2

Ich muss mein ganz ohnbescheiden langes Schreiben bei Ew. Excellenz unterthänig entschuldigen und nur noch mit der Versicherung meines devotesten treuesten Respects schliessen.

Eichel.

Nach der Ausfertigung.



661-1 Auf einen Bericht des Kammerpräsidenten von Bessel, d. d. Lipstadt 17. November, in welchem er meldet, dass von der Clevischen Regierung und Kammer mit dem französischen Commissariat eine Convention abgeschlossen sei, nach der gegen monatliche Zahlung einer festen Summe von Seiten der vier Provinzen Cleve, Mark, Geldern und Mörs die Verwaltung der Revenuen den genannten Collégien bleiben soll, auf diesen Bericht lässt der König, Wilsdruff 24. November, antworten: „Da Ihr in Eurem Berichte vom 17. dieses bei Mir immediate anfraget, wie es nach einer zwischen denen clevischen Collegiis und dem französischen Commissariat geschlossenen Convention in Ansehung derer Districte der Grafschaft Mark, so von der alliirten Armee beschützet werden kann, gehalten werden soll, so gebe Ich Euch darauf in Antwort, dass bei dem Umstände, wie Ihr meldet, [da] die Alliirten schon die vorräthig gewesenen Gelder eingezogen, Ihr, wie es natürlich ist, vorgeben müsset, dass die Alliirten verboten hätten, nicht das geringste dorthin abzuliefern.“ Eichel theilt dem Minister mit, dass er, „nachdem die Sachen gestern so ganz sérieuse zu werden anfingen“ , einige seiner Papiere verbrannt habe. „Meine Situation ist in solchen Vorfällen sehr schlecht; ohne Ordre zu wissen, was ich zu thun und lassen habe, bin ich [obligiret,] hinter dem zweiten Treffen zu bleiben und bei der geringsten Confusion, so sich ereignet, zu allem exponiret zu sein, welches dann die Ursache ist, warum ich mich gerne in Zeiten, so viel möglich, von allen Papieren von einiger Conséquence debarrassire und zurückschicke, die ohnumgänglich bei mir zu behaltende in Vorfällen, so von Gefahr und ungewiss sein, dergestalt bereit halte, dass solche, so viel es Umstände leiden wollen, gleich cassiren kann. Meine grösseste Beisorge seind solchenfalls die Chiffres, als welche zu voluminös seind, in der Geschwindigkeit mit der erforderlichen Vorsicht cassiret oder verbrannt zu werden, dass also bei einem, von Gott zu verhütenden, Unglück ich nicht davor repondiren könnte.“

662-1 Der Brief eines Privatmannes, d. d. Dresden 19. November: „Unsere Umstände werden täglich und stündlich immer gefährlicher und das Holz und Brodkorn aus Mangel an Zufuhr erstaunlich rar.“

662-2 Das folgende in Chiffern; daher französisch.

664-1 Mitchell berichtet am 24. (most secret) aus dem Hauptquartier zu Wilsdruff an den Minister Holdernesse: „I have been much with the King of Prussia since the unfortunate affair of General Finck. He is most deeply affected, but bears it well and talks with candour of the cause of this misfortune, by which a noble project, which would have ended this campaign gloriously, has been defeated. His Prussian Majesty sees the consequences of this fatal affair in their füll extent, but he is resolved with his usual firmness to impose upon the enemy and to maintain his ground here as long as possible.“ [Ausfertigung im Public Record Office zu London.]

664-2 Eichel übersendet weiter zwei an ihn gerichtete Eingaben, in denen um die Befreiung von Geissein, welche vom Feinde fortgeführt sind, gebeten wird.