<516>

Ich wünschete, dass Ew. Excellenz die Anfrage, welche Dieselbe wegen der königlichen Famille etc. zu thun intentioniret seind,1 schon vorhin hasardiret hätten. Die Correspondance wird nun anfangen ganz unsicher zu werden oder sich gar auf einige Zeit sistiren. Nachdem die Sachen mit dem Prinz Eugène von Württemberg gehen werden, so wird Stettin ein sichererer Platz als Magdeburg sein und wenigstens Köppen sich partagiren können, [um] allenfalls nicht alles an einem Ort zu aventuriren. Ich bescheide [mich], wie delicat dieser Punkt ist; es wird aber eine Partei zu nehmen sein, oder Ew. Excellenz werden necessitiret sein, selbige denen Umständen nach Selbst zu nehmen. Gott stehe uns in diesen schweren Umständen bei! sonsten sehe denen grössesten Calamitäten entgegen.

Gestern Abend ist der König aus seinem Quartier hieher aufgebrochen und hat alle seine hiesige Forces in dem hiesigen Lager zusammengezogen, da Laudon sein Corps in der Gegend von Braunau und Silberberg zusammenhält, auch etwas in denen schlesischen Gebirgen vorgerücket ist, gegen das Münsterbergsche. Es ist hier der Bruit gegangen, als ob Daun wirklich auf dem Marsch nach Schlesien wäre und der Prinz ihn cotoyire.2 Ich glaube es nicht, doch kann es noch geschehen. Ew. Excellenz werden hoffentlich vom Prinzen Heinrich davon besser als wir informiret sein, und zweifele ich gar nicht, dieser [werde] seine gute Mesures wegen guter Deckung von Magdeburg mit dem auf solchen Fall in Sachsen bleibenden Generallieutenant Hülsen wohl nehmen.

Nachdem der General Zieten die russische Armee selbst recognosciret hat, so hat er selbige völlig zusammen und in einer Position gefunden, wo jetzo nichts anzuhaben;3 da die erstere nach als vor in dem Dessein bleibet, nach Schlesien zu wollen, so wird der General Zieten solche weiter observiren, nachdem und wohin solche sich wird wenden wollen. Weil Laudon durch die ihm nach und nach mitgekommene Renforts dem König hier jetzo in der Zahl superieur ist, so kann es leicht zu einer Affaire kommen: kurz, es ist jetzt wohl überall die Zeit der allergrössesten Crise, wie wir in gegenwärtigem Krieg noch nicht gehabt haben.

Wie der Plan derer Feinde ist, das werden Ew. Excellenz aus dem Duplicat der letzten Dépêche des Benoît ersehen haben.4 Gott secundire den König und ziehe uns bald einmal aus dieser schweren Crise! Ew. Excellenz ist meine respectuöse Veneration und das ohnverbrüchliche Attachement bekannt, mit welchem ich Deroselben devouiret bin . . .

Eichel.

Nach der Ausfertigung.



1 Finckenstein hatte am 2. Juli an Eichel seinen Befürchtungen für Magdeburg Ausdruck gegeben; sobald Prinz Heinrich genöthigt sein würde, Sachsen zu verlassen, „so würde alsdann unsere Situation sehr kritisch werden, das Tresor und die königliche Familie würden mich denn am meisten embarrassiren“ ; „ich habe mir auch deswegen vorgenommen, sobald sich nur einige Gelegenheit dazu präsentiret, eine Anfrage dieserhalb zu wagen“ .

2 Anf dem Berichte von Lichnowsky, d. d. Glogau 5. Juli, finden sich die Weisungen fur die Antwort: „Die Zeitungen aus Sachsen sind falsch. Den 3. hat O'Donnel noch bei Zittau gestanden, und man wusste fast gewiss, dass er nicht vor dem 15. oder 16. marschiren würde. Mein Bruder stünde bei Schlettau unbewegt und Daun auch. Es könnte wohl sein, dass eine Partei von Meinem Bruder, höchstens 100 Pferde, bei Sorau vorgerücket, weiter nichts.“

3 Vergl. Nr. 13027.

4 Vergl. Nr. 13023.