12516. AN DEN GEHEIMEN COMMERZIENRATH VON REXIN IN KONSTANTINOPEL.

Meissen, 19. November 1760.

Durch den von Euch abgeschickten Feldjäger Schimmelpfennig ist Mir Euer Bericht vom 14. des letzteren Monats October hier ehegestern richtig eingeliefert worden.

Zuvorderst muss Ich Euch wegen des letzt erfolgeten Évènements von dem Absterben des Königs von Engelland George II. Majestät avertiren, wie Ich mit des nunmehro regierenden König von Grossbritannien George III. Majestät und dessen Ministère schon völlig dahin einverstanden [bin] und vereinbaret habe, dass wir mutuellement in unserer Alliance, Système und allen reciproquen Engagements, auch engen und vertrauten Freundschaft so nach als vor bleiben, mithin den Krieg gemeinschaftlich gegen unsere ungerechte Feinde mit gleichem Eifer und Nachdruck poussiren werden, als es letzthin zu des verstorbenen König von Engelland Zeiten geschehen, bis dass wir einen gemeinschaftlichen Frieden zuwege gebracht haben werden.

Um Euch demnächst auf obgedachten Euren Bericht zu antworten, so ist Mein Wille, dass, da Ihr auch nach solchem seit mehr als Jahresfrist bei der Pforte ohnerachtet aller Euch gegebenen Bemühungen und<97> von dem Grossvezier erhaltenen Versicherungen noch nicht einen Schritt weiter als vorhin gekommen seid und Ich also daraus klar urtheilen muss, dass man Euch dorten nur von einer Zeit zur andern amusiren, aber nichts reelles vor Mich, zu einer Zeit, da Ich es nöthig habe und da es Mir noch helfen kann, thun wollen, Ich Euch also Meine unter dem 22. Juni dieses Jahres97-1 schon gegebene Ordre dahin wiederhole, dass, woferne die Pforte nicht sogleich den von Mir ihr angetragenen Defensivallianztractat, und zwar ohne alle weitere Bedingungen, unterschreiben und Mir darin alle Meine gegen Anfang des jetzigen Krieges besessene Provinzien und Lande garantiren, auch sich nicht zu einer gleich mit Anfang des nächstkommenden Frühjahres Mir gegen Meine Feinde, die Oesterreicher und die Russen, zu leistenden reellen und nachdrücklichen Hilfe zuverlässig engagiren will, Ihr alsdenn nur dort Eure Abscheidsaudience nehmen und Euch congediiren, auch zu Mir wiederum anher zurückkommen sollet, ohne Euch länger mit vaguen und vergeblichen Versprechungen amusiren zu lassen; maassen Ich nicht intentioniret bin, Mein Geld weiter in das Wasser zu werfen, da Ich keine Apparence sehe, dadurch was reelles dort auszurichten, noch Mir damit die intendirte solide Hilfe zuwege zu bringen.

Ich habe Euch vorhin schon geschrieben, was vor grosse Difficultäten im Wege stehen, worum das von dem Grossvezier verlangete Schreiben aus Engelland nicht erfolgen könne; es bleiben solche auch immer dieselbe. Gesetzten Falls aber auch, dass es möglich wäre, wie doch fast nicht zu hoffen stehet, dass ein dergleichen Schreiben aus Engelland zu erhalten, so bin Ich dennoch persuadiret, dass uns solches dennoch nicht zu unserm Zweck verhelfen, sondern dass der Grossvezier, vermuthlich aus personellen Absichten, obschon zum grossen Präjudiz der Pforte (welche niemals eine so favorable Gelegenheit als die jetzige, sich zu extendiren, wieder finden wird), von neuem so vielerlei an den Termes des Schreibens auszusetzen und so mancherlei neue Chevilles finden würde, dass wir dadurch nicht weiter, als wir jetzo seind, kommen und alles wieder auf Amusiren herauslaufen würde.

Ich habe Euch vorhin schon geschrieben, dass noch zur Zeit an keinen baldigen Frieden mit unsern Feinden zu gedenken sei. Obschon Ich auch den 3. dieses Monates bei Torgau in Sachsen die grosse österreichsche Armee unter dem Daun und La[cy] durch Gottes Beistand in einer hartnäckigen Bataille, wegen ihres sehr festen ingehabten Postens und grosser Menge von schwerer Artillerie, dergestalt geschlagen habe, dass man ihren Verlust dabei, ohne etwas zu exageriren, auf 25000 Mann an Todten, Blessirten, Gefangenen und Verlaufenen rechnen kann, auch sie 14 ihrer Generals todt, blessiret und bei uns [als] Gefangene haben, von uns auch wirklich 4 Generals,<98> 242 Stabes- und andere Officiers, nebst nunmehr an 9000 Unterofficiers und Gemeine gefangen gemachet, ingleichen 50 Canons sammt 30 Fahnen erobert [worden sind],98-1 auch, wenn nicht die Dunkelheit der eingefallenen Nacht, da die Bataille um 2 Uhr Nachmittages angegangen und bis nach 9 Uhr Abends gedauret hat, unsere Kavallerie behindert hätte, den flüchtigen Feind zu verfolgen, mithin sie von der sehr finstern Nacht profitiren können, über ihre bei Torgau über die Elbe vorhin schon geschlagene drei Schiffbrücken sich jenseits des Flusses auf das eiligste zu ziehen und mit grosser Confusion gegen Dresden hin zu retiriren, sodann der grösseste Theil ihrer Armee ruiniret und von uns gefangen worden wäre, nachdem schon viele Regimenter Infanterie von ihnen zu Beschleunigung ihrer Flucht das Gewehr weggeworfen; obschon [wir], sage Ich, diesen grossen Sieg gegen sie gehabt, so bin Ich doch persuadiret, dass demohnerachtet der Wienersche Hof es zu keinem Frieden in diesem Winter kommen lassen, sondern vielmehr seine Alliirte, Russland und Frankreich, dahin zu bewegen wissen werde, damit der Krieg gegen Engelland und Mich ferner fortgesetzet werden müsse. Im übrigen seid Ihr von Mir vorhin schon instruiret worden, dass, wenn auch jetzo ganz unvermuthenden und nicht zu hoffenden Falls es dennoch zu einer Friedensnegociation kommen sollte, Ich die Pforte, wenn sie mit Mir Liaisons genommen, durch Euch gleich davon getreulich avertiren lassen, auch ihre Inclusion zu bewirken suchen würde.

Wegen der Euch anvertrauten Geldposten müsset Ihr Euch aus Meinen vorigen Instructionen erinnern, dass, wenn Ihr von der Pforte einen wirklich unterschriebenen Defensivallianztractat und einen reellen Bruch gegen oberwähnte Meine Feinde erhalten könntet, Ihr alsdenn die Euch deshalb destinirete Summen Geldes dazu employiren solltet. Mit andern vagen und keine wirkliche Hilfe relevirenden Bündnissen ist Mir vor jetzt nicht gedienet, und will Ich vor dergleichen kein Geld ausgeben, vielmehr der künftigen Zeit und Conjoncturen überlassen, was alsdenn desfalls zu thun sein wird. Sollte also auch vorgedachte Meine letzthin gewonnene Bataille die Pforte nicht animiren, nunmehro ihren Defensivallianztractat mit Mir ohne weiteren Anstand, wie Ich obgedacht, zu zeichnen und zu schliessen, auch zu realisiren, so bleibet es bei Meiner vorerwähnten Ordre, dass Ihr weder Mich noch Euch länger amusiren lassen, sondern Euch dort congediiren und zu uns zurückkommen sollet, wozu Ihr Euch alsdenn die sicherste Route aussuchen und mit aller Précaution und ganz incognito gehen müsset.

Friderich.

Nach dem Concept.

<99>

97-1 Vielmehr am 29. August 1760. Vergl. Bd. XIX, Nr. 12339.

98-1 In der Vorlage: „haben“ .