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Friedrich III.95-1, erster König von Preußen
(1688 — 1713)

Fiedrich III. wurde am 11. Juli 1657 zu Königsberg in Preußen geboren. Seine Mutter war Luise Henriette von Oranien, die erste Gattin des Großen Kurfürsten. Er verlor sie früh. Die Dorothea bereitete ihm in seiner Jugend schwere Kümmernisse: sie brachte es fertig, Friedrich Wilhelm gegen diesen Sohn erster Ehe zu erbittern, der kränklich, verwachsen und in der Erziehung ziemlich vernachlässigt war. Die Abneigung des Vaters ging so weit, daß er es ohne Bedauern gesehen hätte, wäre die Thronfolge auf seinen zweiten Sohn, den Prinzen Philipp Wilhelm95-2, übergegangen.

Man hat es gewagt, die Kurfürstin zu verdächtigen, sie habe sich des Stiefsohns durch Gift zu entledigen versucht. Da man aber keinerlei sicheren Beweis dafür zu liefern weiß und die Beschuldigung recht leichtfertig vorgebracht wird95-3, so darf sie<96> keinesfalls in die Geschichte aufgenommen werden. Das Andenken der Großen soll man nicht mit derartigen Anschuldigungen besudeln, wenn man nicht den überzeugenden Nachweis ihrer Frevel in Händen hat.

Jedenfalls rechtfertigen die Tatsachen die Kurfürstin: Friedrich III. blieb am Leben. Er heiratete 1679 in erster Ehe Elisabeth Henriette, die Tochter des Landgrafen Wilhelm VI. von Hessen. Im Jahre 1684, nach ihrem Tode, vermählte er sich mit Sophie Charlotte, der Tochter des Herzogs Ernst August von Hannover und Schwester des nachmaligen Königs Georg von England.

Kurfürstin Dorothea hatte es mehr auf den Besitzstand des Kurprinzen Friedrich als auf sein Leben abgesehen. Es wird versichert, daß der Große Kurfürst sich auf ihre Einwirkung hin entschloß, ein Testament aufzusetzen, worin er alle Erwerbungen, die er während seiner Regierung gemacht hatte, unter seine Kinder zweiter Ehe teilte. Die österreichische Partei bediente sich geschickt dieses Testaments, um den neuen Kurfürsten gegen Frankreich einzunehmen. Der Kaiser verpflichtete sich, die väterliche Verfügung umzustoßen, unter der Bedingung, daß Friedrich III. ihm den Kreis Schwiebus zurückgab96-1. Im weiteren Verlauf der Geschichte werden wir sehen, wie dies Abkommen durchgeführt wurde.

Der Regierungsanfang Friedrichs III. fiel in eine neue Kriegsepoche. Ludwig XIV. war der Störenfried. Er forderte einige pfälzische Ämter, die angeblich der Herzogin von Orleans zukamen96-2. Auch führte er Klage über den Schimpf, den die deutschen Fürsten ihm zugefügt hätten, indem sie sich zu Augsburg gegen Frankreich verbündeten96-3. Schließlich erklärte er es für ein Gebot der Ehre, die vom Kaiser angefochtene Wahl des Fürsten von Fürstenberg zum Kurfürsten von Köln durchzusetzen96-4.

Der Kriegserklärung folgten die Feindseligkeiten. Marschall Duras besetzte Worms, Philippsburg und Mainz. Der Dauphin96-5 unternahm persönlich die Belagerung von Mannheim und Frankenthal (1688). Vor Ablauf des ersten Kriegsjahres war fast der ganze Lauf des Rheins unter französischer Herrschaft.

Der Kurfürst legte Frankreich allen Kummer zur Last, den er seiner Stiefmutter verdankte, da sie aus eigennützigen Gründen Friedrich Wilhelm auf die Seite Ludwigs XIV. gezogen hatte. Friedrich war von einem blinden Haß gegen alles Französische erfüllt. Die Anhänger des Kaisers erhielten ihn sorgsam in dieser Stimmung, die ihnen nur Vorteile bringen konnte. Sie steigerten sie sogar noch, indem sie das Phantom einer Weltmonarchie Ludwigs XIV. beschworen und halb Europa damit behexten. Durch dies kindische Treiben wurde Deutschland oftmals aufgeregt und in Kriege gestürzt, die ihm völlig fern lagen. Da aber die Schneide der besten <97>Waffen schließlich einmal stumpf wird, so verlor auch dies Argument unmerklich die Kraft der Täuschung, und die deutschen Fürsten begriffen: wenn sie ein despotisches Regiment zu fürchten hatten, so war es nicht das Ludwigs XIV.

Zu jener Zeit aber besaß der Zauber noch seine ursprüngliche Kraft und verfehlte nicht seine Wirkung auf einen Geist, der durch seine Vorurteile schon vorbereitet war, solche Eindrücke günstig aufzunehmen. So glaubte Friedrich III. sich denn verpflichtet, dem Kaiser Beistand zu leisten. Er sandte General Schöning mit einem ansehnlichen Korps nach dem Niederrhein. Die Brandenburger bemächtigten sich Rheinbergs. Der Kurfürst selbst übernahm das Kommando über das Heer und belagerte Bonn. Mainz ergab sich den Verbündeten. Die Truppen, die diese Stadt erobert hatten, stießen zu denen des Kurfürsten und hinderten Bouffiers, Bonn Hilfe zu bringen. D'Asfeld, der Gouverneur der Stadt, kapitulierte am 10. Oktober 1689.

Der Kurfürst machte auch den folgenden Feldzug mit und fuhr fort, den Verbündeten beträchtliche Htlfstruppen gegen Frankreich zu stellen. Der Prinz von Oranien hatte in diesem Jahr nicht den Befehl über das Heer der Verbündeten in Flandern. Sein Ehrgeiz ward anderwärts, wie wir gleich berichten wollen, durch Dinge in Anspruch genommen, die ihn persönlich näher angingen.

Nach Cromwells Tod (1658) hatte sein Sohn Richard, der mehr Philosoph als Staatsmann war, auf die Macht verzichtet, die ihm der Protektor kraft seiner Usurpation hinterlassen hatte. Die Engländer beriefen darauf einmütig Karl II. auf den Thron seines Vaters (1660). Nach seinem Tod (1685) folgte Jakob II. Der Statthalter von Holland, Wilhelm III. von Oranien, der Jakobs ältere Tochter Maria geheiratet hatte, zog seinen Nutzen aus der Mißstimmung der englischen Nation gegen ihren König, dessen Hauptverbrechen darin bestand, daß er katholisch war. Es hatte sich in England längst eine ansehnliche Partei gegen Jakob II. gebildet. Kurz nach dem Tod des Großen Kurfürsten trat sie offen hervor. Da unternahm es der Prinz von Oranien, seinen Schwiegervater zu entthronen. Und als seine Intrigen ihn nicht schnell genug ans Ziel trugen, beschloß er, sich nur mehr auf seine Waffen zu verlassen. Ein Amsterdamer Jude namens Schwartzau lieh ihm für die Unternehmung zwei Millionen, mit den Worten: „Wenn Sie Glück haben, so weiß ich, daß Sie mir sie wiedergeben werden. Haben Sie Unglück, so ergebe ich mich drein, daß ich sie verliere.“

Wilhelm ging mit dieser Summe nach England, entthronte König Jakob, schlug die Partei der Gegner und wurde mit Zustimmung des Volkes, das seine widerrechtliche Besitzergreifung zu sanktionieren schien, sozusagen legitimer Beherrscher der drei Königreiche (1689). Jakob hatte sich auf dem Thron kein Ansehen zu verschaffen gewußt und ein Volk, dessen Privilegien Rücksicht verlangten, nicht zu regieren vermocht. Er ließ das Zepter seinen Händen entgleiten. Verfolgt von den eigenen Kindern, die ihm die Krone entrissen hatten, flüchtete er nach Frankreich. Seine Würde und sein Unglück vermochten ihm dort keine Achtung zu erwerben.

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Der neue König von England ergriff den Oberbefehl über das Heer der Verbündeten. Europa lenkte er durch seine Intrigen, indem er die Eifersucht aller Fürsten gegen die Macht Ludwigs XIV. wachrief, den er haßte. Die Welt stand in Waffen und führte Kriege, um ihm seine Gewaltherrschaft über die vereinigten Niederlande zu erhalten, die er in Friedenszeiten verloren hätte. Man nannte ihn „König von Holland und Statthalter von England“. Im Kriege hatte er kein Glück, er wurde fast immer geschlagen; aber er war fruchtbar im Auffinden neuer Hilfsquellen und umsichtig bedacht, seine Verluste auszugleichen. Wie die Hydra der Sage erneuerte er sich unaufhörlich. Nach seinen Niederlagen war er bei seinen Feinden ebenso angesehen wie Ludwig XIV. nach seinen Siegen.

Mit dem Kurfürsten hatte er eine Zusammkunft zur Erörterung der politischen Zeitfragen. Allein die Charaktere der beiden Fürsten waren zu verschieden, als daß sich aus ihren Verhandlungen etwas Ersprießliches hätte ergeben können. Wilhelm war kalt, von einfachem Wesen und ganz erfüllt von Dingen der Wirklichkeit. Friedrich III. war ungeduldig, eingenommen von der eigenen Hoheit und bemüht, die geringsten Handlungen genau nach dem Zeremoniell und den Schattierungen von Rang und Würden abzuzirkeln. Ein Sessel und ein Lehnstuhl drohten die beiden Fürsten für immer zu entzweien. Indessen stießen 15 000 Brandenburger in Flandern zu dem Heer, das König Wilhelm befehligte. Eine weitere bedeutende Verstärkung sandte der Kurfürst dem Kaiser zur Unterstützung gegen die Ungläubigen. In der Schlacht bei Szlankamen, die Prinz Eugen98-1 gegen die Türken gewann (1691), kämpften die brandenburgischen Truppen mit Auszeichnung. König Wilhelm war weniger glücklich oder weniger fähig: er verlor in Flandern die Schlachten von Leuze (1691) und Neerwinden (1693).

Herzog Ernst August von Hannover, Friedrichs III. Schwiegervater, stellte seinerseits dem Kaiser ein Heer von 6 000 Mann für den Krieg in Ungarn. Zum Lohn für den Beistand erlangte er die Kurfürstenwürde (1692). Die Errichtung dieses neunten Kurfürstentums fand im Reich viel Widerspruch. Nur die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen ließen sich geneigt finden, sie zu unterstützen. Aber der Kaiser brauchte greifbare Hilfe und glaubte sie nicht zu teuer zu bezahlen, wenn er leichtwiegende Titel dafür gab.

Es scheint, die Zeit war dem ehrgeizigen Trachten der europäischen Fürsten günstig. Ungefähr zur selben Zeit, da der Prinz von Oranien sich die Krone von England aufs Haupt setzte, erlangte Herzog Ernst August von Hannover den Kurfürstenhut. Kurfürst August von Sachsen bahnte sich den Weg zum Thron Polens (1697), und Friedrich III. beschäftigte sich schon lebhaft mit dem Plan seines Aufstiegs zur Königswürde.

Da diese Erhöhung eine der wichtigsten Handlungen im Leben des Kurfürsten, eines der wichtigsten Ereignisse für das Haus Brandenburg ist und in der Politik<99> Friedrichs III. das geistige Band bildet, so müssen wir hier auseinandersetzen, was den Anlaß gab, durch welche Mittel das Ziel erreicht wurde, und welche Einzelheiten Plan und Ausführung beeinflußten.

Friedrich III. fühlte sich in seinem Ehrgeiz beengt, ihm genügte weder sein Stand noch sein Besitz. Seine Schwäche erlaubte ihm nicht, sich auf Kosten der Nachbarn auszudehnen, die ebenso stark und mächtig waren wie er. Daher blieb ihm nur der Ausweg zum Schwulst der Titel, um damit zu ersetzen, was ihm an Macht fehlte. Aus diesen Gründen waren all seine Wünsche auf die Königswürde gerichtet.

In den Archiven findet man eine ausführliche Denkschrift, die dem Jesuitenpater Vota99-1 zugeschrieben wird. Sie dreht sich um die Wahl der Titel König der Wandalen oder König von Preußen und um die Vorteile, die das Haus Brandenburg aus seinem Königtum ernten würde. Man glaubte sogar, der Jesuit habe Friedrich III. erst auf den Gedanken der neuen Würde gebracht. Darin täuscht man sich um so mehr, als die Gesellschaft Jesu keinerlei Interesse am Größerwerden eines protestantischen Fürsten haben konnte. Natürlicher ist es, zu glauben, daß die Erhöhung des Prinzen von Oranien und die Hoffnungen Augusts von Sachsen Friedrichs III. Eifersucht erregt und ihn angetrieben haben, den beiden Fürsten nachzueifern und nach ihrem Vorbild einen Königsthron zu besteigen. Man geht immer fehl, wenn man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaften des Menschenherzens sucht.

Die Ausführung des Plans war so schwierig, da sie den Räten des Kurfürsten chimärisch erschien. Seine Minister Danckelman99-2 und Fuchs99-3 eiferten über die Belanglosigkeit des Gegenstandes, über die unübersteigbaren Hindernisse, die sich ihres Erachtens der Verwirklichung entgegenstellten, über den geringen Nutzen, den man sich davon versprechen durfte, und über das Gewicht der Bürde, die man sich durch eine so schwer zu tragende Würde auferlegte, um im Grunde nichts zu gewinnen als leere Insignien. Aber all die Gründe vermochten nichts über den Sinn des Kurfürsten, der in seine Idee verliebt, auf seine Nachbarn eifersüchtig war und nach prunkvoller Hoheit begehrte.

Dankelman datierte die Ungnade, in die er fiel, von diesem Tag. Er wurde bald darauf nach Spandau geschickt, weil er seine Meinung dreist heraus gesagt, an einem durch Schmeichelei verderbten Hof die Wahrheit allzu nackt gezeigt, einem eitlen Fürsten in seinem Trachten nach Hoheit und Größe widersprochen hatte. Glücklich die Fürsten, deren minder empfindliche Ohren die Wahrheit lieben, selbst wenn sie aus unbescheidenem Munde kommt! Doch das erfordert eine innere Zucht, deren nur wenige Menschen fähig sind.

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In der Gunst des Kurfürsten folgte auf Danckelman ein junger Höfling, dessen ganzes Verdienst sich darauf beschränkte, daß er mit den Neigungen seines Herrn vollkommen vertraut war. Das war Baron Kolbe, der nachmalige Graf Wartenberg100-1. Ohne die glänzenden Eigenschaften zu besitzen, die alle Welt bestechen, beherrschte er die Kunst des Hofes, die aus Beflissenheit, Schmeichelei, mit einem Wort: aus Kriecherei besteht. Blindlings ging er auf jeden Plan seines Herrn ein, in der Überzeugung, daß er sein Glück mache, wenn er sich zum Diener der fürstlichen Passionen hergäbe. Kolbe war nicht einfältig genug, um zu verkennen, daß er in seiner neuen Laufbahn eines geschickten Führers bedurfte. Jlgen100-2, Sekretär im Departement der Auswärtigen Angelegenheiten, gewann sein Vertrauen und leitete ihn mit so viel Klugheit, daß Kolbe zum Premierminister ernannt wurde und er selbst an die Spitze jenes Departements trat.

Dem Kurfürsten Friedrich III. schmeichelten in der Tat nur die Äußerlichkeiten des Königtums, das Gepränge der Repräsentation und eine gewisse Wunderlichkeit der Eigenliebe, die sich darin gefällt, andere ihren geringeren Stand fühlen zu lassen. Was aber in seinem Ursprung das Werk der Eitelkeit war, erwies sich in der Folge als ein Meisterwerk der Staatskunst. Durch die Königswürde entzog sich das Haus Brandenburg dem Joch der Knechtschaft, unter dem der Wiener Hof damals alle deutschen Fürsten hielt. Friedrich III. warf damit seiner ganzen Nachkommenschaft eine Lockspeise hin, die zu sagen schien: „Ich habe euch einen Titel erworben; zeigt euch seiner wert! Ich habe die Fundamente eurer Größe geschaffen; nun ist es an euch, das Werk zu vollenden100-3!“ Er wendete alle Hilfsmittel der Intrige an, setzte alle Triebfedern der Politik in Bewegung, um seinen Entwurf zur Reife zu bringen.

Vorbedingung bei diesem Unternehmen war, sich den Kaiser geneigt zu machen: sein Jawort zog die Stimmen des ganzen Deutschen Reiches nach sich. Um den Kaiser von vornherein günstig zu stimmen, gab der Kurfürst ihm den Kreis Schwiebus zurück100-4 und begnügte sich mit der Anwartschaft auf das Fürstentum Ostfriesland100-5 und das Reichslehen Limpurg100-6, Gebiete, auf die das kurfürstliche Haus übrigens unbestreitbares Anrecht hatte. Aus demselben Grunde fochten die brandenburgischen Truppen in den kaiserlichen Heeren in Flandern, am Rhein und in Ungarn. Im Interesse des Kurfürsten, der weder unmittelbar noch mittelbar von diesen Kriegen mitbetroffen war, hätte es vielmehr gelegen, strenge Neutralität zu wahren. Wiewohl Friedrich III. nun alle Mittel benutzt hatte, die seinem Haus die königliche Würde verschaffen sollten, konnte er seinen Plan doch nicht mit Gewalt durchsetzen, sondern mußte günstige Zeitumstände abwarten. Wir werden im folgen<101>den sehen, wie alle Ereignisse zusammentrafen, um ihm die Ausführung zu erleichtern.

Während Europa von blutigen Kriegen zerrissen war, brachte Friedrich III. nach dem Vorbild seines Vaters zwischen den Herzögen von Mecklenburg-Schwerin und Strelitz, die Erbfolgehändel miteinander hatten, einen Vergleich zustande (1701). Er gründete die Universität Halle (1694) und zog tüchtige Professoren dorthin. Zur Hebung des Salzhandels der Stadt Halle ließ er gute Schleusen in der Saale anlegen, um sie besser schiffbar zu machen.

Im Jahre 1697 sah Berlin eine Gesandtschaft, die namentlich dadurch recht außergewöhnlich war, daß ein Mann Namens Lefort als moskowitischer Gesandter reiste, in dessen Gefolge Zar Peter Alexejewitsch war101-1.

Der geniale junge Zar hatte erkannt, daß er ein Barbar und sein Volk noch ganz unkultiviert war. Er verließ damals zum erstenmal seine Staaten mit dem edlen Entschluß, sich zu bilden und das Licht der Vernunft und Gewerbefleiß in sein Vaterland heimzutragen, dem beides fehlte. Die Natur hatte ihn zum großen Mann bestimmt, allein gänzlicher Mangel an Erziehung hatte ihn wild aufwachsen lassen. Daraus ergab sich in seinem Betragen fortwährend eine ungewöhnliche Mischung von wahrhaft großen Handlungen und Absonderlichkeiten, von geistvollen Entgegnungen und groben Manieren, von heilsamen Plänen und grausamer Rache. Er klagte selber darüber, daß er, der seine Nation zur Gesittung führe, die eigene Wildheit noch nicht bändigen könne. Vom Gesichtspunkt der Moral war er ein bizarres Phänomen, das Bewunderung und Abscheu zugleich einflößte. Für seine Untertanen war er ein Gewitter, dessen Blitzstrahl Bäume und Kirchtürme niederwarf, während der Regen die Gefilde befruchtete. Von Berlin begab er sich nach Holland und von dort nach England.

Europa näherte sich damals mit großen Schritten dem allgemeinen Frieden. Die Verbündeten waren der kriegerischen Mißerfolge überdrüssig. Ludwig XIV. sah, daß König Karl II. von Spanien seinem Ende entgegenging und bei seiner Leibesbeschaffenheit kein langes Leben mehr vor sich hatte. Das war für Ludwig ein Grund, sich leicht zum Friedensschluß herbeizulassen. Gab er auch seine Eroberungen beinahe ohne Ausnahme zurück, so opferte er damit doch nur flüchtigen Gewinn für Pläne, die ihm dauernde Erwerbungen versprachen. Er brauchte den Frieden, um einen Krieg vorzubereiten, dessen Gegenstand von höchster Bedeutung für das Haus Bourbon war. Der Friede wurde zu Ryswik geschlossen (1697). Der Kurfürst, der an dem Kriege nur aus Gefälligkeit teilgenommen hatte, erreichte dabei auch nicht den geringsten Vorteil.

Im Norden erlangte August von Sachsen die Krone Polens in einer Doppelwahl, bei der er über den Prinzen Conti siegte (1697). Den Erfolg verdankte er<102> dem Bemühen Flemmings, seines Ministers und Generals, dem Anrücken seiner Truppen und seinen Geschenken, die wirksamer waren als die großartigen Versprechungen des Kardinals Polignac. Der neue König von Polen hatte sich durch seine Ausgaben derart erschöpft, daß er genötigt war, die Gerichtsbarkeit der Abtei Quedlinburg und des Amtes Petersberg bei Halle an Friedrich III. zu verkaufen (1698).

Der Kurfürst benutzte die Unruhen in Polen und bemächtigte sich Elbings, um sich für eine Summe, die ihm die Polen schuldeten, schadlos zu halten102-1. Es kam zu einem Vergleich, wonach die Polen ihm eine Krone und Reichskleinodien verpfändeten, die noch heute in Königsberg aufbewahrt werden. Hierauf ließ der Kurfürst die Stadt räumen, behielt aber unter Zustimmung der Republik das Gebiet von Elbing in Besitz.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Europa alsbald von neuen Kriegswirren erschüttert. König Karl II. von Spanien starb (1700), und um seine Nachfolge entspann sich der Kampf. Die Häuser Bourbon und Österreich machten sie einander streitig.

Es war wohl versucht worden, den blutigen Kriegen vorzubeugen, zu denen diese Erbfolge Anlaß geben sollte. Ludwig XIV. hatte einen Teilungsvertrag mit den Seemächten vereinbart102-2. Karl II., den diese Abmachung empörte, hatte durch ein Testament den jungen Kurprinzen von Bayern102-3, seinen Großneffen, zum Erben all seiner Staaten eingesetzt. Aber alle Hoffnungen wurden zunichte: der Prinz von Bayern starb. Ein zweiter Teilungsvertrag wurde geschlossen102-4, der ebensowenig zur Ausführung kam wie der erste. Europas Schicksal stand auf Krieg.

Der Kaiser erhob Einspruch gegen jegliche Teilung. Er trat für die Unteilbarkeit der spanischen Monarchie ein und behauptete, da es sich um ein und dasselbe Herrscherhaus handle, das in zwei Linien geteilt sei, so hätten beide das Recht, einander nachzufolgen, die spanische Linie der österreichischen und die österreichische der spanischen. Kaiser Leopold und Ludwig XIV. standen im selben Grad der Verwandtschaft zum spanischen Königshaus. Beide waren Enkel Philipps III., und beide hatten Töchter Philipps IV. geheiratet. Das Recht der Erstgeburt war beim Haus Bourbon. Ludwig XIV. stützte seine Rechtsansprüche hauptsächlich auf das berüchtigte Testament Karls II., das der Kardinal Porto Carrero und sein Beichtvater ihn unterzeichnen ließen, als seine Hand schon im Todeskampf bebte102-5. Dies Testament veränderte das Antlitz Europas.

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Ludwig XIV. übertrug seine Rechte auf seinen Enkel Philipp von Anjou. Er hoffte, durch die Wahl eines Prinzen, der für den Thron Frankreichs nicht in Betracht kam, den Schwierigkeiten und Hindernissen zu begegnen, die Europas Eifersucht seiner Machterweiterung in den Weg legen konnte. Philipp ging nach Spanien und wurde von allen Fürsten mit Ausnahme Kaiser Leopolds als König anerkannt.

Zu Beginn des nun entstehenden Krieges befand sich Frankreich auf dem Gipfel seiner Macht. Es hatte all seine Feinde besiegt. Der Friede von Ryswik verkündete seine Mäßigung; Ludwig XIV. war gefürchtet und geachtet, seines Namens Glanz und Herrlichkeit breitete sich über öen ganzen Erdball aus. Frankreich glich einem Athleten, der allein zum Kampf gerüstet ist und einen Ringplatz betritt, auf dem noch kein Gegner erschienen. Für die Ausrüstung der Kriegsmacht, die zu Land und zur See gleichermaßen gewaltig war, wurde nichts gespart. Während seiner höchsten Kraftleistungen unterhielt Frankreich 400 000 Streiter. Allein die großen Feldherren waren tot. So kam es, daß Frankreich, bevor Villars' Genius hervortrat, 800 000 Arme hatte, aber keinen Kopf. So sehr trifft das Wort zu, daß das Geschick der Staaten oft nur von einem einzigen Mann abhängt!

Das Haus Österreich war nicht entfernt in so glücklicher Lage. Die Kriege, die es unaufhörlich führen mußte, hatten es fast erschöpft. Die Regierung war aus Ermattung in Schwäche versunken. Und trotz seiner Zugehörigkeit zum Deutschen Reich vermochte Österreich nichts ohne den Beistand der Holländer und Engländer. Dafür aber, daß es weniger Hilfsquellen und Truppen als Frankreich besaß, hatte es an der Spitze seiner Heere den Prinzen Eugen von Savoyen103-1.

Als König Wilhelm, der England und Holland regierte, den Tod Karls II. erfuhr, war er wie betäubt vor Überraschung und erkannte in einer Art Übereilung den Herzog von Anjou als König von Spanien an. Sobald er aber reiflich nachgedacht hatte, kehrte er zu seinem natürlichen Phlegma zurück und erklärte sich für das Haus Österreich, da die englische Nation es wollte und auch sein Interesse es zu fordern schien.

Der Norden war selbst in einen Krieg verwickelt, den Karl XII. gegen Dänemark führte. Die große Jugend des Schwedenkönigs hatte seinen Nachbarn die Kühnheit verliehen, ihn anzugreifen. Aber sie fanden einen Helden, der ungestümen Mut mit unversöhnlicher Rachsucht vereinte.

Friedrich III., der im Frieden lebte, nahm an der großen Allianz teil, die wider Ludwig XIV. geschlossen wurde. König Wilhelm war ihre Seele, der österreichische Erzherzog103-2 ihr Vorwand. Der Kurfürst nahm für seine Mitwirkung Subsidien an103-3, um seiner verschwenderischen Prachtliebe frönen zu können. Er hoffte, die Unterstützung, die er den Verbündeten lieh, werde ihm den Weg zum Königtum bahnen. Solcher Widersprüche ist der menschliche Geist fähig! Der Kurfürst, dessen Seele so<104> sich und eitel war, erniedrigte sich dazu, auf die Almosen von Fürsten zu rechnen, die er doch nur für seinesgleichen hielt. Alle Anerbietungen, die Frankreich ihm machte, um ihn von den Verbündeten zu trennen, waren nutzlos. Sein Entschluß stand fest; durch Subsidien, Neigung und ehrgeizige Hoffnungen fühlte er sich gebunden.

Unter diesen Umständen wurde zu Wien der Krontraktat abgeschlossen104-1, durch den der Kaiser sich verpflichtete, Friedrich III. als König von Preußen anzuerkennen, und zwar unter folgenden Bedingungen: Friedrich III. sollte ihm auf seine eigenen Kosten während des ganzen Krieges 10 000 Mann Hilfstruppen stellen und eine Kompagnie als Besatzung in Philippsburg unterhalten, ferner in allen Reichsangelegenheiten stets mit dem Kaiser gehen, ungeachtet der Königswürde seinen Verpflichtungen als Reichsfürst in jeder Weise nachkommen und schließlich auf die Subsidien verzichten, die der Wiener Hof ihm noch schuldete, sowie seine Wahlstimme für die männlichen Nachkommen Kaiser Leopolds abzugeben versprechen, „falls nicht gewichtige und unumgängliche Gründe die Kurfürsten nötigten, einen Kaiser aus einem anderen Hause zu wählen“.

Der Vertrag wurde unterzeichnet und ratifiziert. Rom schrie und Warschau schwieg. Der Deutsche Orden erhob Einspruch gegen den Akt und erkühnte sich, Preußen als sein Eigentum in Anspruch zu nehmen. Der König von England suchte nur nach Feinden Frankreichs und kaufte sie um jeden Preis. Er brauchte den Beistand des Kurfürsten für die große Allianz, und so war er einer der ersten, die ihn anerkannten. Auch König August, der noch damit beschäftigt war, seine Krone auf seinem eigenen Haupt zu befestigen, willigte ein. Dänemark, das nur Schweden fürchtete und beneidete, ließ sich leicht dazu herbei. Karl XII., der einen schwierigen Krieg zu führen hatte, hielt es nicht für angebracht, durch Streiterei um einen Titel die Zahl seiner Feinde zu vermehren. Und das Deutsche Reich wurde, wie vorauszusehen war, durch den Kaiser zur Bestimmung veranlaßt.

So nahm die große Frage, die bei den Räten des Kurfürsten Widerspruch gefunden hatte, an den auswärtigen Höfen, bei Freunden wie Feinden, einen guten Ausgang. Dazu bedurfte es aber des Zusammenwirkens von so außergewöhnlichen Umständen. Das Unternehmen war als chimärisch angesehen worden, doch bald urteilte man anders darüber. Als Prinz Eugen davon hörte, sagte er: „Der Kaiser sollte die Minister hängen lassen, die ihm einen so perfiden Rat gegeben haben.“

Die Krönung wurde im folgenden Jahr vollzogen. Der König, den wir von nun an Friedrich I. nennen, begab sich nach Ostpreußen, und bei der Krönungszeremonie der Salbung sah man, daß er sich selber die Krone aufs Haupt setzte104-2. Zum Gedächtnis dieses Ereignisses stiftete er den Orden vom Schwarzen Adler.

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Die Öffentlichkeit konnte jedoch von dem Vorurteil gegen das neue Königtum nicht loskommen. Der gesunde Menschenverstand der Masse wollte mit der Mehrung der Würde eine Mehrung der Macht verbunden sehen. Die, welche nicht zum Volk erhörten, dachten ebenso. Die Kurfürstin ließ sich gegenüber einer ihrer Hofdamen das Wort entschlüpfen: sie sei in Verzweiflung, in Preußen die Theaterkönigin ihrem Äsop gegenüber spielen zu müssen. An Leibniz schrieb sie: „Glauben Sie nicht, ich zöge die Kronen und Würden, von denen man hier soviel Wesens macht, dem Reiz der philosophischen Unterhaltungen vor, die wir in Charlottenburg105-1 geführt haben.“

Auf die dringenden Anregungen der Königin hin wurde zu Berlin die Königliche Akademie der Wissenschaften errichtet (1700), deren Haupt Leibniz ward. Man brachte Friedrich I. die Überzeugung bei, zu seinem Königtum gehöre auch eine Akademie, so wie man einem frisch Geadelten aufbindet, es schicke sich für ihn, eine Meute zu halten. An anderer Stelle soll von der Akademie noch ausführlicher gesprochen werden.

Nach der Krönung gab sich der König seinem Hang zu Prunk und Zeremonien rückhaltlos hin. Bei seiner Heimkehr aus Ostpreußen hielt er einen glänzenden Einzug in Berlin.

Während man sich so mit Festen und Feierlichkeiten vergnügte, kam die Nachricht: Karl XII., der Alexander des Nordens — der dem mazedonischen König in allem geglichen hätte, wäre ihm das Glück ebenso hold gewesen —, habe bei Riga einen völligen Sieg über die Sachsen davongetragen. Der König von Dänemark105-2 und der Zar hatten, wie gesagt, den jungen Helden angegriffen, der eine in Schweden, der andere in Livland. Karl XII. zwang den dänischen König in seiner Hauptstadt, Frieden zu schließen105-3. Von dort setzte er mit 8 000 Schweden nach Livland überschlug bei Narwa 80 000 Russen (1700) und besiegte 30 000 Sachsen beim Übergang über die Düna.

Die Flucht der Sachsen zog sich gegen die preußische Grenze hin. Friedrich I. geriet darob um so mehr in Unruhe, als der größte Teil seiner Truppen in den kaiserlichen Heeren focht, während der Krieg sich seinem neuen Königreich näherte. Mit Rücksicht auf die Fürsprache des Kaisers, Englands und Hollands versprach Karl XII. aber, Preußen gegenüber neutral zu bleiben.

Die folgenden Jahre waren die Triumphzeit des Königs von Schweden. Er verfügte unumschränkt über Polen; seine Unterhandlungen waren Befehle, seine Schlachten Siege. Allein die Siege, so glänzend sie waren, rieben die Sieger auf und nötigten den Helden, seine Heere oft zu ergänzen. Ein Nachschub schwedischer Truppen rückte in Pommern ein. Berlin geriet in Aufregung. Die Truppen durch<106>zogen nichtsdestoweniger die Kurmark und marschierten nach Polen, wohin sie beordert waren.

König Friedrich I. hob 8 000 Mann neuer Truppen aus. Statt sie aber für die Sicherheit seiner Staaten zu verwenden, sandte er sie nach Flandern zum Heer der Alliierten. Er selbst begab sich nach Kleve, um das Erbe Wilhelms von Oranien zu übernehmen, des Königs von England106-1, dessen Nachfolgerin auf dem englischen Thron Anna, die zweite Tochter König Jakobs, ward. Die Rechtsansprüche Friedrichs I. gründeten sich auf das Testament Friedrich Heinrichs von Oranien, der für den Fall, daß das Haus in der Manneslinie aussterben sollte, seine Tochter106-2, die Gemahlin des Großen Kurfürsten, zur Erbin seiner Besitzungen eingesetzt hatte. König Wilhelm hinterließ ein ganz entgegengesetztes Testament, dessen Vollstrecker die Generalstaaten sein sollten. Zum Erben bestimmte er den Fürsten Wilhelm Friso aus dem Hause Nassau. Die Erbschaft bestand aus dem Fürstentum Orange, aus Mörs und verschiedenen Herrschaften und Liegenschaften in Holland und Seeland.

Friedrich I. drohte, seine Truppen aus Flandern zurückzuziehen, wenn man ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren lasse. Die Drohung brachte den Holländern die Überzeugung bei, daß seine Ansprüche rechtmäßig seien. Es kam jedoch nur zu einem vorläufigen Vergleich, wonach die Erbschaft in zwei gleiche Hälften geteilt wurde. Sofort wurde dem König ein großer Diamant zugestellt, und er fand sich darein, seine Truppen in Flandern zu lassen. Ludwig XIV. setzte den Prinzen Conti in den Besitz des Fürstentums Orange. Friedrich I. fühlte sich dadurch schwer gekränkt. Er verstärkte sein Heer und nahm sogar Truppen von Gotha und Wolfenbüttel in seine Dienste. Bald danach erklärte er Frankreich den Krieg, weil das Heer von Bouffiers etliche Ausschreitungen im Klevischen begangen hatte. Ludwig XIV. spürte es nicht, daß er einen Feind mehr hatte. Der neue König tat viel, um seiner Leidenschaft zu genügen, aber nichts, um seine Interessen zu fördern. Bei jeder Gelegenheit bezeigte er seinen Haß gegen Frankreich. Den Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel nötigte er, seine Verbindung mit Ludwig XIV. aufzugeben, nachdem die Herzöge von Hannover und Celle106-3 die Truppen, die der Wolfenbüttler mit französischen Subsidien unterhielt, auseinandergesprengt hatten.

England machte damals erstaunliche Anstrengungen zugunsten des Hauses Österreich. Die englische Flotte trug Erzherzog Karl, den nachmaligen Kaiser, nach Spanien, und ein englisches Heer sollte es ihm erobern helfen. Die Begeisterung Europas für das Haus Österreich überstieg jedes Maß.

Im ganzen Verlauf des Erbfolgekriegs bewährten die preußischen Truppen rühmlich das Ansehen, das sie sich unter dem Großen Kurfürsten erworben hatten. Sie<107> eroberten Kaiserswerch am Rhein; im Gefecht bei Höchstädt107-1, als Styrum107-2 von Villars überrumpelt und geschlagen wurbe, führte der Fürst von Anhalt107-3 mit seinen 8 000 Preußen einen trefflichen Rückzug aus. Als er die Verwirrung und Flucht der Österreicher wahrnahm — so hörte ich ihn sagen —, ließ er seine Truppen Karree bilden und durchquerte so in guter Ordnung eine große Ebene, bis er bei Einbruch der Nacht einen Wald erreichte, ohne daß die französische Kavallerie einen Angriff gewagt hätte.

Der Erfolg der preußischen Truppen am Rhein und ihre gute Haltung in Schwaben setzten den König nicht über die Besorgnisse hinweg, die ihm die Nachbarschaft der Schweden einflößte. Nichts hielt ihnen damals stand. Das Genie Peters I., die Pracht Augusts des Starken waren ohnmächtig gegenüber dem Glück Karls XII. Der Held war zugleich kühner als der Zar und umsichtiger als der König von Polen. Peter war mehr für List als für Kühnheit, August mehr für Vergnügen als für Arbeit; Karl liebte den Ruhm mehr als den Besitz der ganzen Welt.

Die Sachsen wurden oft überfallen und geschlagen. Auf ihre Kosten hatten die Moskowiter die Kunst gelernt, sich rechtzeitig zurückzuziehen; ihre Kriegführung beschränkte sich auf Streifzüge. Einzig die schwedischen Heere waren bis dahin entschlossene Angreifer und Sieger. Aber Karls XII. unbeugsame Halsstarrigkeit ließ nimmer nach. Er wußte seine Pläne nur auf dem Weg der Gewalt zu verwirklichen; die Ereignisse wollte er ebenso bezwingen, wie er seine Feinde überwältigte. Der Zar und der König von Polen ersetzten diesen Enthusiasmus der Kühnheit durch Kabinettsintrigen. Sie riefen die Eifersucht Europas wach, erregten Neid gegen das Glück des jungen, ehrgeizigen Fürsten, der im Haß unversöhnlich war und gegen feindliche Könige nur eine Art der Rache kannte: Entthronung.

Friedrich I., der keine Truppen zur Verfügung hatte, ließ sich durch die Intrigen nicht abhalten, mit Karl XII., der ein siegreiches Heer in der Nähe hatte, ein Schutzbündnis zu schließen107-4. Friedrich I. und Stanislaus erkannten einander gegenseitig als Könige an. Der Vertrag mit Karl XII. blieb nur so lange in Kraft, als sein Glück ihn nicht im Stich ließ.

Wiewohl dies Bündnis König Friedrich Sicherheit schaffen sollte, versah er doch alle festen Plätze Preußens mit hinreichender Besatzung und sandte auch weitere Verstärkungen zum Heer der Alliierten nach Schwaben. Dort hatten die Preußen erheblichen Anteil am Gewinn der berühmten Schlacht bei Höchstädt107-5. Sie standen auf dem rechten Flügel unter dem Befehl des Fürsten von Anhalt und in dem Korps, das Prinz Eugen befehligte. Beim ersten Ansturm der Franzosen und Bayern wankten<108> Reiterei und Fußvolk der Kaiserlichen, die Preußen aber hielten dem Stoße stand und durchbrachen die feindlichen Linien. Prinz Eugen, den die schlechte Haltung der Österreicher empörte, stellte sich an die Spitze der Preußen und sagte, er wolle mit tapferen Leuten in den Kampf gehen, nicht mit Truppen, die Fersengeld gäben. Bekannt ist, daß Lord Marlborough beim Dorf Blindheim 27 Bataillone und 4 Dragonerregimenter gefangen nahm, und daß der Verlust der Schlacht den Franzosen Bayern und Schwaben kostete.

Lord Marlborough begab sich, als der glorreiche Feldzug beendet war, nach Berlin, um Friedrich I. zur Entsendung von Truppen nach Italien zu bestimmen. Der englische Feldherr, der die Entwürfe Karls XII. erraten hatte, als er eine Landkarte auf seinem Tisch ausgebreitet sah, durchschaute den Charakter Friedrichs I. leicht, sobald er einen Blick auf dessen Hof geworfen hatte. Er zeigte sich ganz erfüllt von Ergebenheit und Unterwürfigkeit vor dem König, schmeichelte geschickt seiner Eitelkeit und beeilte sich, ihm das Wasserbecken zu reichen, sobald er sich von der Tafel erhob. Friedrich konnte ihm nicht widerstehen. Die Schmeicheleien des Hofmanns erreichten, was das Verdienst des großen Feldherrn und die Geschicklichkeit des tiefgründigen Staatsmannes vielleicht nicht erlangt hätten. Die Frucht der Unterhandlung war, daß der Fürst von Anhalt mit 8 000 Mann nach Italien zog.

Der Tod der Königin Sophie Charlotte versetzte bald danach den ganzen Hof in Trauer. Sie war eine Fürstin von hervorragendem Verdienst. In ihr vereinigten sich alle Reize ihres Geschlechts mit geistiger Anmut und aufgeklärtem Verstand. In jungen Jahren hatte sie mit ihren Eltern Italien und Frankreich bereist und war für den Thron Frankreichs ausersehen worden. Auf Ludwig XIV. machte ihre Schönheit starken Eindruck. Politische Gründe vereitelten aber ihre Vermählung mit dem Herzog von Burgund108-1. In Preußen führte die Fürstin den geselligen Geist ein, echte Höflichkeit und die Liebe zu Kunst und Wissenschaft. Sie schuf, wie schon erwähnt, die Königliche Akademie. Sie berief Leibniz und viele andere Gelehrte an ihren Hof. Ihre Wißbegierde suchte den letzten Grund aller Dinge zu erfassen. Leibniz sagte ihr eines Tages, als sie ihn auf diesem Gebiet in die Enge trieb: „Es gibt keine Möglichkeit, Madame, Sie zufriedenzustellen. Sie wollen das Warum vom Warum wissen.“ Charlottenburg war der Sammelpunkt des guten Geschmacks. Ergötzlichkeiten jeder Art, unerschöpflich abwechselnde Feste machten den Aufenthalt genußreich und verliehen dem Hofe Glanz.

Sophie Charlotte war eine starke Seele. Ihre Religion war veredelt, ihre Gemütsart sanft, ihr Geist bereichert durch die Lektüre aller guten französischen und italienischen Bücher. Sie starb zu Hannover im Schoß ihrer Familie. Man wollte<109> einen reformierten Geistlichen an ihr Sterbebett führen. „Laßt mich sterben,“ sagte sie, „ohne zu disputieren!“ Eine Ehrendame, die sie sehr liebte, zerfloß in Tränen. „Beklagen Sie mich nicht,“ sprach die Königin; „denn meine Wißbegierde nach dem Ursprung der Dinge, den Leibniz mir nie zu erklären vermochte, nach dem Raum und dem Unendlichen, nach dem Sein und dem Nichts wird ja nun bald gestillt sein. Außerdem bereite ich dem König, meinem Gemahl, das Schau spiel einer feierlichen Beisetzung, wodurch er wieder einmal Gelegenheit erhält, seine Prachtliebe zu entfalten.“ Im Sterben empfahl sie ihrem Bruder, dem Kurfürsten von Hannover, die Gelehrten, deren Beschützerin sie gewesen, und die Künste, die sie gepflegt hatte. Friedrich I. fand in der Zeremonie ihrer Leichenfeier Trost über den Verlust einer Gattin, die er niemals genugsam hätte betrauern können.

In Italien entbrannte der Krieg mit neuer Heftigkeit. Die Preußen, die auf Lord Marlboroughs Betreiben dorthin marschiert waren, wurden unter Prinz Eugen bei Cassano geschlagen (1705), und dann bei Calcinato, als General Reventlow, der sie befehligte, dort vom Großprior Vendôme überrumpelt ward (1706). Prinz Eugen konnte wohl geschlagen werden, aber er wußte seine Verluste wieder wettzumachen, wie es einem großen Mann zukommt. Und der Mißerfolg geriet rasch in Vergessenheit, als er die berühmte Schlacht bei Turin109-1 gewann, an der die Preußen einen Hauptanteil hatten.

Der Herzog von Orleans hatte den Franzosen geraten, aus ihren Verschanzungen hervorzubrechen; aber sein Rat fand keinen Anklang. La Feuillade und Marsin hatten vom Hofe Weisungen, die, wie versichert wird, dahin gingen, keinesfalls eine Schlacht zu wagen. De Niederlage bei Höchstädt hatte den Staatsrat Ludwigs XIV. furchtsam gemacht. Die Franzosen wären den Verbündeten ums Doppelte überlegen gewesen, hätten sie diese außerhalb der Verschanzungen angegriffen. So aber waren sie ihnen nirgends gewachsen, weil die verschiedenen Stellungen, die sie zu verteidigen hatten, von ungeheurer Ausdehnung und überdies durch die Dora getrennt waren. Die Preußen, die den linken Flügel des Bundesheeres bildeten, griffen den rechten Flügel der französischen Verschanzung an, der sich an den Fluß lehnte. Der Fürst von Anhalt war schon am Rande des Schanzgrabens, und der Widerstand der Feinde begann die Wucht seines Ansturms zu hemmen, als drei Grenadiere sich an der Dora entlang schlichen und die Verschanzung an einer Stelle, wo sie nicht gut an den Fluß am gelehnt war, umgingen. Plötzlich erscholl im französischen Heere der Ruf: „Wir sind abgeschnitten!“ Das Heer verläßt seine Stellung, ergreift die Flucht. Gleichzeitig ersteigt der Fürst von Anhalt die Schanzen und gewinnt die Schlacht. Prinz Eugen beglückwünschte den König zu diesem Erfolg. Das Lob seiner Truppen mußte Friedrich um so mehr erfreuen, als es von einem so erprobten Kriegsmanne kam.

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Während des Kriegs machte der König einige friedliche Erwerbungen. Er kaufte die Grafschaft Tecklenburg in Westfalen vom Grafen Solms-Braunfels (1707). Als die Herzogin von Nemours starb, die im Besitz des Fürstentums Neuchâtel war, übernahm der Staatsrat von Neuchâtel die Regentschaft und erwählte einige seiner Mitglieder zur Prüfung der Rechtsansprüche, die auf der einen Seite der König von Preußen, auf der anderen sämtliche Angehörige des Hauses Longueville erhoben. Das Fürstentum wurde dem König zugesprochen, da er als Erbe des Hauses Oranien das stärkere Recht für sich habe. Ludwig XIV. lehnte sich gegen diesen Schiedsspruch auf, allein er hatte anderwärts so bedeutende Interessen zu verfechten, daß dergleichen kleine Streitfragen daneben belanglos wurden. Durch den Frieden von Utrecht wurde dem preußischen Königshause die Souveränität über Neuchâtel gesichert.

Karl XII. war zu dieser Zeit auf der Höhe seines Glückes angelangt. Er hatte August von Polen entthront und ihm zu Alt-Ranstädt, mitten in Sachsen, seine harten Friedensbedingungen diktiert (1706). Der König von Preußen wollte den Schwedenkönig bewegen, Sachsen zu verlassen. Er sandte seinen Hofmarschall Printzen110-1 zu ihm und ließ ihn bitten, den Frieden Deutschlands nicht durch seinen und seiner Truppen Aufenthalt zu stören. Karl XII. hatte bereits die Absicht, die Staaten eines Fürsten, den er bis zum äußersten gebracht, zu räumen und in Moskau mit dem Zaren dieselbe Szene noch einmal aufzuführen. Jedoch nahm er es übel, daß Printzen ihm mit einem derartigen Anliegen kam, und fragte ihn ironisch, ob die preußischen Truppen ebenso tüchtig seien wie die brandenburgischen. „Ja, Sire,“ antwortete der Gesandte, „sie setzen sich noch aus den alten Soldaten zusammen, die bei Fehrbellin fochten.“

Den Kaiser110-2 nötigte Karl XII., als er durch Schlesien kam, den Protestanten des Herzogtums hundertfünfundzwanzig Kirchen wiederzugeben (1707). Der Papst110-3 murrte darüber und sparte weder Proteste noch Klagen. Josef aber erwiderte ihm: wenn der König von Schweden ihm zugemutet hätte, er solle selber lutherisch werden, so wüßte er auch nicht recht, was dann geschehen wäre.

Dieselben Schweden, die damals der Schrecken des Nordens waren, stellten gemeinsam mit den Preußen und Hannoveranern die Ruhe in Hamburg wieder her, die durch eine Volkserhebung gestört worden war (1708). Friedrich I. schickte 4 000 Mann dorthin, um die Vorrechte der Schöffen und Bürgermeister aufrechtzuerhalten. Auch mit den Kölnern hatte er Händel, und zwar weil dort der Pöbel die Pforten des preußischen Residenten stürmte, der sich eine reformierte Kapelle eingerichtet hatte. Der König ließ Waren, die von Kölner Kaufleuten rheinabwärts geschickt wurden und Wesel passierten, beschlagnahmen und drohte, in seinen Staaten den katholischen Kultus zu verbieten, wie er es auch getan hatte, als der pfälzische Kurfürst110-4 die<111> Protestanten der Pfalz verfolgt hatte. Die Furcht vor diesen Vergeltungsmaßregeln brachte denn auch die Stadt Köln wieder zur Vernunft und lehrte sie, daß Toleranz eine Tugend ist, von der man bisweilen nicht ohne Gefahr abweicht.

Am Hofe Friedrichs I. herrschte damals die Intrige. Der Sinn des Königs schwankte zwischen den Kabalen seiner Günstlinge hin und her, wie ein von Wind und Gegenwind bewegtes Meer. Die ihm am nächsten standen, zeichneten sich nicht durch Begabung aus. Sie waren plump in ihren Kniffen und Ränken, in ihrem ganzen Treiben nicht sehr fein. Alle haßten einander und brannten insgeheim vor Begier, einander zu verdrängen. Einig waren sie sich nur in der Neigung, auf Kosten ihres Herrn sich zu bereichern. Der Kronprinz hatte Mühe, seine Unzufriedenheit über ihr Betragen zu unterdrücken.

Die Zeichen seines Mißfallens brachten die Höflinge auf den Plan, ihrem Ansehen eine neue Stütze zu geben. Sie überredeten den König, zu einer dritten Heirat zu schreiten, wiewohl er siech war, nur noch durch die Kunst der Ärzte lebte und mit einem Rest von Temperament den Lebensodem festhielt, der ihm entfliehen wollte. Marschall von Bieberstein111-1 führte den Anschlag aus. Er stellte dem König vor, der Kronprinz werde von seiner Gemahlin111-2 der Tochter des Kurfürsten Georg von Hannover, keine Kinder haben, obwohl sie eben damals schwanger war. Das Glück seines Volkes erfordere es, daß er ernstlich an die Befestigung seiner Nachfolge denke. Er sei noch rüstig, und durch die neue Heirat werde er sicher sein, daß seine Nachkommen die Krone trügen, deren Erwerbung ihm soviel Mühe gekostet habe. Dasselbe Geschwätz wurde von verschiedenen Persönlichkeiten wiederholt und überzeugte den guten Fürsten, daß er der rüstigste Mann in seinen Staaten sei. Die Ärzte bestimmten ihn vollends zur Heirat durch die Versicherung, seine Natur leide unter dem Zölibat. Man wählte für ihn eine Prinzessin von Mecklenburg-Grabow, mit Namen Sophie Luise, die nach Alter, Neigungen und Denkart durchaus nicht zu ihm paßte. Er hatte von dieser Verbindung keine andere Freude als die Hochzeitfeier, die mit asiatischem Prunk begangen wurde (1708). Im übrigen verlief die Ehe unglücklich.

Fortuna ward es endlich müde, die Launen Karls XII. zu beschirmen. Neun Jahre des Erfolgs hatte er genossen; die neun letzten seines Lebens waren eine einzige Verkettung von Schicksalsschlägen. Siegreich war er mit einem zahlreichen Heer eben nach Polen zurückgekehrt, beladen mit Schätzen und der sächsischen Beute (1707). Leipzig war das Kapua der Schweden. Mochten nun die Annehmlichkeiten Sachsens die Sieger verweichlicht haben, mochte die Glücksgunst dem König allzu viel Kühnheit eingeflößt und ihn über sein Ziel hinaus getrieben haben, fortan erlebte er jedenfalls nur noch furchtbares Mißgeschick.

Er wollte über Rußland wie über Polen verfügen und den Zaren entthronen, wie er August entthront hatte. In dieser Absicht nahte er den Grenzen Moskowiens,<112> wohin ihm zwei Wege offenstanden. Der eine führte durch Livland, wo alle Nachschübe aus Schweden ihn auf dem Seeweg leicht zu erreichen vermochten. Hier konnte er auch zur See bis an die neue Stadt112-1 vordringen, die der Zar damals am Gestade der Ostsee erbaute, und das Band für immer zerreißen, das Rußland mit Europa verbinden sollte. Der andere Weg durchquerte die Ukraine und führte durch pfadlose Wüsteneien nach Moskau. Karl XII. entschied sich für diesen, entweder weil er gehört hatte, man könne die Römer nur in Rom besiegen, oder weil gerade die Schwierigkeit der Unternehmung seinen Mut reizte, oder weil er auf den Kosakenfürsten Mazeppa zählte, der ihm versprochen hatte, die schwedische Armee mit Lebensmitteln zu versorgen und mit bedeutender Heeresmacht zu ihm zu stoßen. Der Zar erfuhr jedoch von den Ränken des Kosaken. Er zersprengte die Truppen, die Mazeppa sammelte, und bemächtigte sich seiner Magazine. Daher fand der König von Schweden, als er in der Ukraine ankam, nichts als schauerliche Wüste statt eines Landes, das Unterhalt im Überfluß bot, und statt eines mächtigen Bundesgenossen, der ihm Hilfstruppen zuführte, fand er einen Fürsten, der im Schwedenlager Zuflucht suchte.

Diese Unfälle schreckten Karl XII. nicht ab. Er belagerte Pultawa, als wenn es ihm an nichts gefehlt hätte. Er, der bis dahin unverwundbar gewesen, wurde jetzt am Bein verwundet, als er sich das Vergnügen machte, das elende Nest aus allzu großer Nähe zu besichtigen. Sein General Lewenhaupt, der ihm Lebensmittel, Munition und 13 000 Mann Verstärkung zuführen sollte, wurde vom Zaren dreimal geschlagen und in seiner Notlage gezwungen, die ganze Zufuhr zu verbrennen. Im Lager des Königs kam er mit nur 3 000 Soldaten an, die durch Strapazen entkräftet waren und die Not im Lager noch vermehrten. Bald näherte der Zar sich Pultawa. In der dortigen Ebene schlugen die beiden eigenartigsten Männer ihres Jahrhunderts jene berühmte Schlacht112-2. Karl XII.,der bis dahin als Schicksalslenker kein Hemmnis seines Willens gefunden hatte, tat alles, was von einem verwundeten, auf der Tragbahre liegenden Fürsten erwartet werden konnte. Peter Alexejewitsch, der bisher nur Gesetzgeber unter Menschikows Beistand gewesen war, bewies an diesem Tage, daß er die Fähigkeiten eines großen Heerführers besaß und von seinen Feinden das Siegen gelernt hatte. Den Schweden ward alles zum Verhängnis: die Verwundung ihres Königs, die ihn am Eingreifen hinderte; der Nahrungsmangel, der ihnen die Kraft zum Streiten nahm; das Irregehen eines detachierten Korps am Tage der Entscheidungsschlacht, die Zahl der Feinde und die Zeit, die sie damit verloren, Schanzen auszuwerfen und ihre Truppen vorteilhaft aufzustellen. Kurz, die Schweden wurden geschlagen und verloren in einem unglücklichen Augenblick die Früchte von neun Jahren, die so reich waren an Mühsalen und Wundern der Tapferkeit.

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Karl XII. sah sich gezwungen, seine Zuflucht bei den Türken zu suchen. Sein unversöhnlicher Haß blieb ihm auch in Bender treu. Vergeblich suchte er von dort aus durch seine Intrigen die Pforte gegen die Moskowiter aufzustacheln. So ward er das Opfer seines unbeugsamen Sinnes, der Verstocktheit hieße, wäre er nicht ein Held gewesen. Nach der Niederlage streckte das schwedische Heer am Ufer des Dnjeper die Waffen vor dem Zaren, wie das moskowitische Heer sie am Ostseeufer, nach der Schlacht bei Narwa, vor Karl XII. gestreckt hatte.

Als August von Sachsen seinen Gegner gestürzt sah, glaubte er sich seines Wortes und des Vertrags von Alt_Ranstädt ledig. Er besprach sich in Berlin mit dem König von Dänemark und Friedrich I., worauf er mit einem Heer wieder in Polen eindrang. Der König von Dänemark griff die Schweden in Schonen an. Friedrich I. ließ sich von den beiden Mächten nicht beirren, sondern blieb neutral.

In Polen wandten sich alle Anhänger der Schweden nun den Sachsen zu. Stanislaus war bei dem schwedischen Heer, das unter Krassows Befehl stand. Als der General sich von Moskowitern und Sachsen eingeschlossen sah, zog er durch die Neumark nach Stettin, ohne erst die Genehmigung Friedrichs I. einholen zu können, der solche Durchzüge und die Nachbarschaft so bedeutender Heere mit Verdruß sah.

Der König unternahm darauf eine Reise nach Königsberg und erlangte vom Zaren, der sich gleichfalls dorthin begab, die Zusage113-1, daß er den jungen Herzog von Kurland113-2, einen Neffen Friedrichs, wiedereinsetzen werde, vorausgesetzt, daß der Herzog die Nichte Peter Alexejewitschs113-3 heiratete.

Von seinen Truppen erhielt der König nur gute Nachrichten. Sie zeichneten sich in Flandern nicht minder aus als in Italien. Sie verrichteten unter dem Kommando des Grafen Lottum113-4 Wunder, in der Schlacht bei Oudenaarde wie bei der Belagerung von Lille (1708).

Die Franzosen waren durch den Mißerfolg ihrer Waffen, durch den Verlust von drei großen Feldschlachten hintereinander entmutigt und machten im Haag Friedensvorschläge (1709). Allein die Gärung der Geister war noch zu groß, Hoffnungen und Ansprüche beider Parteien gingen noch zu weit, als daß es möglich gewesen wäre, schon zu einer Einigung zu gelangen. Wären die Menschen der Vernunft zugänglich, wie würden sie dann wohl so lange erbitterte und beschwerliche Kriege führen, um früher oder später auf Friedensbedingungen zurückzukommen, die ihnen nur in den Augenblicken unerträglich erscheinen, wo die Leidenschaft sie beherrscht oder das Glück sie begünstigt?

Die Verbündeten eröffneten den Feldzug mit der Wegnahme von Tournai und der Schlacht bei Malplaquet113-5. Bei ihr war der preußische Kronprinz persönlich zu<114>gegen. An dem Siege hatte Graf Finckenstein114-1 großen Anteil. Er war mit seinen Preußen der erste, der in die französische Verschanzung eindrang. Er formierte seine Truppen auf der Brustwehr und deckte von dort aus die kaiserliche Reiterei, die von den Franzosen zweimal zurückgeschlagen wurde, so lange, bis Truppen in größerer Anzahl zu den seinen stießen und den Sieg besiegelten.

In Pommern erweckten die Schweden durch ihre Demonstrationen die Besorgnis, sie möchten in Sachsen eindringen (1710). Da der König von Preußen befürchtete, der Krieg könne schließlich in seine eignen Staaten hinüberschlagen, suchte er die Kriegswirren des Nordens zu beschwichtigen, traf aber lauter Maßnahmen, die sie leicht hätten vermehren können. Er regte die Aufstellung eines Neutralitätsheeres an, das aber niemals zusammengebracht wurde. Krassow war mit einem Waffenstillstand einverstanden. Als Karl XII. davon hörte, erhob er vom tiefsten Bessarabien her Einspruch gegen jede Neutralität. Der kaum entworfene Vertrag wurde gebrochen und teilte somit das Schicksal aller Staatshandlungen, die durch Not und Ohnmacht zu einer bestimmten Zeit zustande kommen, aber zu einer anderen Zeit durch die Macht der Umstände zunichte gemacht werden.

Was den Süden betrifft, so knüpfte Frankreich in Gertuydenberg die Friedensverhandlungen wieder an. Schon bei den ersten Besprechungen verpflichtete es sich, das Königtum Preußen und die Souveränität über Neuchâtel anzuerkennen. Das Friedenswerk kam indessen noch nicht zur Reife, und der Feldzug ging weiter. Die Preußen unter dem Fürsten von Anhalt belagerten Aixe und Douai und eroberten beide Plätze. Der König erklärte darauf, er werde die Stadt Geldern, in der er eine Besatzung hatte, nicht herausgeben, bevor die Spanier ihm nicht die Subsidien bezahlten, die sie ihm schuldeten. Beim Friedensschluß blieb er denn auch im Besitz Gelderns.

Damals starb der Herzog von Kurland, des Königs Neffe (1711). Die Moskowiter bemächtigten sich wiederum Kurlands. Sie wollten auch Elbing nehmen, da aber der König Rechte auf diese Stadt hatte114-2, wurde ein preußisches Bataillon als Besatzung dorthin gelegt.

Durchzug und Nachbarschaft so vieler Heere hatten die Pest nach Ostpreußen verschleppt. Nahrungsmangel begann sich lebhaft fühlbar zu machen und steigerte die Heftigkeit und das Gift der Seuche. Der König, dem die Not freilich nicht in ihrem ganzen Umfang offenbart wurde, ließ das Volk in seinem Unglück im Stich. Während seine Einkünfte und die Subsidien nicht einmal zur Bestreitung seiner Prachtliebe ausreichten, ließ er mehr als 200 000 Menschen elend zugrunde gehen, die er durch einige Freigebigkeit hätte retten können.

Den Kronprinzen empörte die Härte, die sein Vater gegen Ostpreußen zeigte. Er sagte den Grafen Wartenberg114-3 und Wittgenstein114-4 kräftige Worte, um dem<115> Volk, das an Elend und Seuche hinstarb, Lebensmittel und Hilfe zu verschaffen. Doch die beiden. Minister blieben unzugänglich. Sie schlugen es ihm rundweg ab, daß für 100 000 Taler Korn gekauft würde, um wenigstens die Bewohner von Königsberg zu unterstützen. Der Kronprinz war über die Abweisung heftig erbittert und beschloß, die gewissenlosen Minister zu verderben. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um sie zu beseitigen. Das Glück hat seine Rückschläge, der Hof seine Stürme. Die Partei der Kameke, die den Grafen Wartenberg um die Königsgunst beneidete, war entzückt, daß sie das Gemeinwohl zum Vorwand nehmen konnte, um ihre ehrgeizigen Pläne zu verfolgen. Ein junger Hofmann aus der Familie Kameke, der öfters mit dem König Schach spielte, wußte ihm so viele Beschuldigungen gegen beide Minister beizubringen und wiederholte das so oft, daß Wittgenstein auf die Festung Spandau geschickt und Wartenberg verbannt wurde115-1. Der König vergoß Tränen, als er sich von seinem Oberkammerherrn trennte, den er sehr liebte. Wartenberg zog sich mit einer Pension von 20 000 Talern in die Pfalz zurück und starb bald nach seinem Sturz.

Im Norden hatte Karl XII., wie schon berichtet, die Neutralität abgelehnt. Der Zar, die Könige von Polen und Dänemark benutzten das als Vorwand, um die Schweden in Pommern anzugreifen. Friedrich I. weigerte sich standhaft, ihrem Bündnis beizutreten. Er wollte seine Staaten nicht den Einfällen, Plünderungen und Zufälligkeiten des Krieges aussetzen. Er hoffte sogar, durch seine Neutralität Vorteil aus den Zwistigkeiten seiner Nachbarn zu ziehen. Der Beginn der kriegerischen Operationen war ihnen nicht günstig. Die Dänen hoben die Belagerung von Wismar auf, August die von Stralsund und Stettin.

Während Europa derart in Zuckungen lag, während Hoffnung, Eigennutz und Ehrgeiz Zwietracht in die Herzen beider Parteien säte, starb Kaiser Josef (1711). Das Reich wählte zu seinem Nachfolger Erzherzog Karl. Der war in Spanien zum König gekrönt worden, hatte die Schlacht von Almansa verloren (1707), war aus Madrid vertrieben worden und wurde jetzt gerade in Barcelona belagert.

Josefs Tod ebnete dem allgemeinen Frieden die Wege. Die Engländer begannen der endlosen Ausgaben müde zu werden. Je mehr die Wolken ihrer Begeisterung sich zerstreuten, um so klarer erkannten sie, um was sich dieser Krieg drehte. Sie kamen zu der Überzeugung, das Haus Österreich sei noch immer mächtig genug, wenn es seine Erblande, das Königreich Neapel, die Lombardei und Flandern behielte. So entschlossen sie sich zu Verhandlungen in Utrecht, die den Frieden herbeiführen sollten.

König Friedrich I., der den Streit um die manische Erbschaft durch einen endgültigen Vertrag aus der Welt schaffen wollte, ging nach Kleve, um die Angelegenheit mit dem Fürsten Friso zu ordnen. Allein der unglückliche Fürst ertrank beim Übersetzen über den Moerdijk, als er nach dem Haag unterwegs war. Dafür machte<116> Friedrich I. eine andere Erwerbung durch das Aussterben der Grafen von Mansfeld. Ihr Land wurde durch den König von Preußen und den Kurfürsten von Sachsen mit Beschlag belegt. Mansfeld fiel an Preußen, Eisleben an Sachsen.

Indessen rückte der Friedensschluß unmerklich näher. Die Verhandlungen zu Utrecht dauerten fort. Die Grafen Dönhoff, Metternich116-1 und Bieberstein116-2 begaben sich als Bevollmächtigte des Königs dorthin.

Während so über den Frieden verhandelt wurde, fand in England eine Umwälzung statt. Als ihr Urheber wurde in ganz Europa der Marschall Tallard bezeichnet, der als Gefangener in London weilte116-3. Ob nun der Marschall die Ursache war oder das, was man den Zufall nennt, jedenfalls wurde die Partei Marlbouroughs gestürzt116-4. Im englischen Volke gewannen die Freunde des Friedens die Oberhand. Den Befehl über die englischen Truppen in Flandern erhielt der Herzog von Ormond, der sich zu Beginn des neuen Feldzugs von den Verbündeten trennte. Prinz Eugen setzte die Offensive fort, obgleich seine Streitkräfte durch den Abzug der Engländer geschwächt waren. Den Preußen unter dem Fürsten von Anhalt wurde die Belagerung von Landrecies übertragen. Aber Villars marschierte nach Denain, stürmte das dortige Lager, in dem Lord Albemarle kommandierte, und schlug ihn, bevor Prinz Eugen ihm zu Hilfe eilen konnte116-5. Durch den Sieg kamen Marchienne, Quesnoy, Douai und Bouchain in die Gewalt der Franzosen.

Die Verbündeten folgten dem Beispiel der Engländer und dachten ernstlich an Frieden. Der Kaiser war der einzige, der den Krieg fortsetzen wollte. Entweder weil sein Staatsrat bei seiner gewohnten Langsamkeit noch nicht Zeit fand, sich anders zu entscheiden, oder weil der Kaiser sich stark genug glaubte, Ludwig XIV. allein zu widerstehen. Seine Lage verschlimmerte sich dadurch nur.

Friedrich I. ließ damals die holländische Besatzung von Mörs überrumpeln und behauptete seine Rechte auf den Platz durch seine Besitzergreifung.

Die friedliche Stimmung im Süden übertrug sich jedoch keineswegs auf den Norden. Der König von Dänemark drang ins Herzogtum Bremen ein und nahm Stade. Der Zar und der König von Polen versuchten eine Landung auf der Insel Rügen; sie scheiterte aber an den guten Maßnahmen der Schweden. Nicht glücklicher waren die nordischen Verbündeten bei der Belagerung von Stralsund, die sie wieder aufheben mußten. Bei Gabebusch in Mecklenburg trug Stenbock einen Sieg über Sachsen und Dänen davon. Als dann noch eine Verstärkung von 10 000 Schweden in Pommern ankam, wurde das ganze Land von den Feinden befreit. Die Dänen sahen sich zur Räumung Rostocks genötigt und übergaben die Stadt den Truppen des Königs von Preußen in seiner Eigenschaft als Direktor des niedersächsischen Kreises. Aber die Schweden vertrieben die Preußen aus Rostock.<117> Die Neutralität des Königs wurde dadurch nicht berührt. Er fuhr fort, zu unterhandeln, um die Geister zu versöhnen und die Unwetter zu beschwören, die sich um seine Staaten zusammenzogen.

Zu Beginn des Jahres 1713117-1 starb Friedrich I. an einer schleichenden Krankheit, die sein Leben seit langem bedroht hatte. Den Abschluß des Friedens und die Wiederherstellung der Ruhe in den Nachbarländern erlebte er nicht mehr.

Er war dreimal vermählt, zuerst mit einer Prinzessin von Hessen117-2 Sie schenkte ihm eine Tochter117-3, die den Erbprinzen von Hessen, den jetzigen König von Schweden, heiratete. Sophie Charlotte von Hannover, seine zweite Gemahlin, war die Mutter Friedrich Wilhelms, seines Nachfolgers. Die dritte, eine mecklenburgische Prinzessin, verstieß er, da sie wahnsinnig wurde.

So haben wir alle Ereignisse aus Friedrichs I. Leben an uns vorüberziehen sehen. Es bleibt uns nur noch übrig, einen raschen Blick auf seine persönliche Erscheinung und seinen Charakter zu werfen. Er war klein und verwachsen; seine Miene war stolz, seine Physiognomie gewöhnlich. Seine Seele glich den Spiegeln, die jeden Gegenstand zurückwerfen. Er war äußerst bestimmbar. Daher konnten diejenigen, die einen gewissen Einfluß auf ihn gewonnen hatten, seinen Geist nach Gefallen erregen oder beschwichtigen. Ließ er sich fortreißen, so geschah es aus Laune; war er sanft, so kam das von seiner Lässigkeit. Er verwechselte Eitelkeiten mit echter Größe. Ihm lag mehr an blendendem Glanz als am Nützlichen, das bloß gediegen ist. 30 000 Untertanen opferte er in den verschiedenen Kriegen des Kaisers und der Verbündeten, um sich die Königskrone zu verschaffen. Und er begehrte sie nur deshalb so heiß, weil er seinen Hang für das Zeremonienwesen befriedigen und seinen verschwenderischen Prunk durch Scheingründe rechtfertigen wollte. Er zeigte Herrschepracht und Freigebigkeit. Aber um welchen Preis erkaufte er sich das Vergnügen, seine Passionen zu befriedigen! Er verschacherte das Blut seines Volkes an Engländer und Holländer, wie die schweifenden Tartaren ihre Herden den Metzgern Podoliens für die Schlachtbank verkaufen. Als er nach Holland kam, um die Erbschaft König Wilhelms anzutreten, war er nahe daran, seine Truppen aus Flandern zurückzuziehen. Man lieferte ihm von der Erbschaft einen großen Brillanten aus, und die 15 000 Mann mußten sich im Dienst der Verbündeten umbringen lassen.

Die Vorurteile des Volkes scheinen der fürstlichen Prachtliebe günstig zu sein. Aber es ist ein Unterschied zwischen der Liberalität eines Bürgers und der eines Herschers. Ein Fürst ist der erste Diener und Beamte des Staates117-4. Ihm schuldet er Rechenschaft über die Verwendung der Steuern. Er erhebt sie, um den Staat durch die Truppen, die er hält, zu schützen, die ihm anvertraute Würde aufrechtzuerhalten,<118> Dienste und Verdienste zu belohnen, eine Art Ausgleich zwischen den Reichen und den Belasteten herzustellen, Unglücklichen jeder Art ihr Los zu erleichtern und endlich freigebig bei allem zu verfahren, was den Staatskörper im allgemeinen angeht. Hat der Herrscher einen aufgeklärten Geist und das Herz auf dem rechten Fleck, so wird er seine sämtlichen Ausgaben für das Staatswohl und die größtmögliche Förderung seines Volkes verwenden.

Die Freigebigkeit, die Friedrich I. liebte, war nicht von solcher Art, vielmehr nur Vergeudung, wie ein eitler und verschwenderischer Fürst sie übt. Seine Hofhaltung war eine der prächtigsten in Europa, seine Gesandtschaften waren nicht minder prunkvoll als die der Portugiesen. Er bedrückte die Armen, um die Reichen zu mästen. Seine Günstlinge erhielten hohe Gnadengehälter, während sein Volk im Elend schmachtete. Seine Bauten waren prachtvoll, seine Feste glänzend, seine Marställe und Dienerschaft zeugten eher von asiatischem Prunk als von europäischer Würde. Seine Gnadenbeweise schienen mehr durch den Zufall als durch gescheite Auswahl bedingt. Seine Bedienten machten ihr Glück, wenn sie die ersten Wallungen seines Zornes überstanden hatten. Ein Gut von 40 000 Talern Wert gab er einem Jäger, der ihm einen kapitalen Hirsch vor den Schuß brachte. Die Launenhaftigkeit, die bei seiner Verschwendung waltete, befremdet am stärksten, wenn man die Summe seiner Ausgaben und Einnahmen vergleicht und sich von seinem Leben ein einheitliches Bild macht. Dann sieht man mit Staunen Teile eines Riesenkörpers neben verdorrten, absterbenden Gliedern. Seine Domänen im Halberstädtischen wollte der König den Holländern verpfänden, um den berühmten Pitt kaufen zu können, den Brillanten, den Ludwig XV. zur Zeit der Regentschaft erwarb. Er verkaufte den Verbündeten 20 000 Mann, um das Ansehen zu genießen, daß er 30 000 Mann unterhalte. Sein Hof war wie ein großer Strom, der alle Bächlein in sich aufnimmt. Seine Günstlinge wurden mit Wohltaten überhäuft, seine Verschwendung kostete Tag für Tag ungeheure Summen, während Ostpreußen und Litauen der Hungersnot und der Seuche preisgegeben waren, ohne daß der freigebige Monarch sich herbeiließ, ihnen zu helfen. Ein geiziger Fürst ist für sein Volk wie ein Arzt, der einen Kranken in seinem Blut ersticken läßt. Der verschwenderische gleicht einem Arzt, der den Kranken so lange zur Ader läßt, bis er ihn getötet hat.

In seiner Zuneigung war Friedrich I. niemals beständig. Bald hatte er eine schlechte Wahl zu bereuen, bald fehlte es ihm an Nachsicht gegen menschliche Schwächen. Vom Baron Danckelman bis zum Grafen Wartenberg nahmen seine Günstlinge alle ein schlimmes Ende.

In seinem schwachen, abergläubischen Geist lebte eine außerordentliche Anhänglichkeit an den Calvinismus. Ihm hätte er gern alle übrigen Religionen zugeführt. Es ist anzunehmen, daß er die anderen verfolgt hätte, wären die Priester so schlau gewesen, die Verfolgungen mit Zeremonien zu verknüpfen. Er hat auch ein Gebetbuch verfaßt, das aber zu seiner Ehre nicht gedruckt worden ist.

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Wenn Friedrich I. Lob verdient, so geschieht es deshalb, weil er seinen Staaten immer den Frieden erhalten hat, während die seiner Nachbarn vom Krieg verwüstet wurden; weil sein Herz im Grunde gut war und, wenn man will, weil er die eheliche Treue nicht verletzt hat. Alles in allem: er war groß im Kleinen und klein im Großen. Und sein Unglück wollte es, daß er in der Geschichte seinen Platz zwischen einem Vater und einem Sohne fand, die ihn durch überlegene Begabung verdunkeln.


100-1 Johann Kasimir von Kolbe, seit 1699 Reichsgraf von Wartenberg.

100-2 Heinrich Rüdiger von Jlgen.

100-3 Vgl. Bd. II, S. 58 f.

100-4 Die Rückgabe des Kreises Schwiebus (vgl. S. 87) erfolgte 1694 auf Grund eines Reverses, den Friedrich III. als Kurprinz vor Abschluß der Allianz vom 22. März 1686 (vgl. S. 87) dem Wiener Hofe ausgestellt hatte.

100-5 Vgl. S. 85, Anm. 2.

100-6 Die Anwartschaft auf die Grafschaft Limpurg war dem Kurfürsten 1693 verliehen worden.

101-1 Zar Peter I. wollte auf diese Weise sein Inkognito wahren.

102-1 Elbing (vgl. S. 64) war zwar 1657 von den Polen abgetreten, aber nicht ausgeliefert worden. Die Besetzung erfolgte 1698. Durch einen Vergleich wurde 1700 die 1657 vorbehaltene Rückkaufssumme auf 300 000 Taler ermäßigt und die Stadt gegen einige Pfänder den Polen zurückgegeben. Das Gebiet von Elbing wurde jedoch, wie im Vergleich ausgemacht war, 1704 von neuem besetzt, da die Polen die Summe nicht bezahlten.

102-2 Geschlossen im Haag am 11. Oktober 1698.

102-3 Joseph Ferdinand († 1699).

102-4 März 1700 zwischen Frankreich und den Seemächten.

102-5 In dem am 3. Oktober 1700 unterzeichneten Testament setzte Karl II. den zweiten Sohn des französischen Dauphins, Herzog Philipp von Anjou, zum Erben ein. Am 1. November starb der König.

103-1 Vgl. Bd. II, G. 19 f.

103-2 Kaiser Leopold I. hatte seinen zweiten Sohn, Erzherzog Karl, den nachmaligen Kaiser Karl VI., zum Erben der spanischen Krone ausersehen.

103-3 Vgl. Bd. VII, S. 158.

104-1 16. November 1700.

104-2 18. Januar 1701.

105-1 Schloß Lietzenburg erhielt erst 1705 nach dem Tode der Königin Sophie Charlotte und zum Andenken an sie den Namen Charlottenburg.

105-2 Friedrich IV. (1699 — 1730).

105-3 Friede von Travendal, 18. August 1700.

106-1 Wilhelm III. war 1702 kinderlos gestorben.

106-2 Luise Henriette.

106-3 Ludwig von Hannover und Georg Wilhelm von Celle. König Friedrich I. war bei diesem Unternehmen nicht beteiligt

107-1 20. September 1703.

107-2 Der österreichische Feldmarschall Graf Otto Hermann von Limburg-Styrum.

107-3 Fürst Leopold von Anhalt-Dessau.

107-4 Erst lm Dezember 1706 kam ein Vertrag zwischen Preußen und Schweden zustande, durch den sich Friedrich I. zur Anerkennung von Stanislaus I. Leszczyski als König von Polen verpflichtete. Stanislaus war 1704 nach der Absetzung Augusts II. auf den polnischen Thron erhoben worden, den er aber nur bis 1709 inne hatte.

107-5 13. August 1704 (vgl. Bd. VII, S. 106).

108-1 Sophie Charlotte (geb. am 20. Oktober 1668, † 1. Februar 1705) ist niemals in Italien gewesen; 1679 weilte sie zwei Monate in Frankreich. Doch war von ihrer Vermählung mit einem französischen Prinzen niemals die Rede. Der Dauphin Ludwig war damals bereits verlobt, und dessen Sohn, der Herzog von Burgund, wurde erst 1682 geboren.

109-1 7. September 1706. Vgl. Bd. III, S. 218; VII, S. 90.

110-1 Freiherr Marqurd Ludwig von Printzen.

110-2 Joseph I. (1705 — 1711).

110-3 Klemens XI.

110-4 Johann Wilhelm (1690 — 1716).

111-1 Kammerherr Johann August Marschall von Bieberstein.

111-2 Sophie Dorothea, seit 1706 mit Kronprinz Friedrich Wilhelm vermählt, Mutter Friedrichs des Großen.

112-1 Petersburg.

112-2 Am 27. Juni 1709.

113-1 Die Zusammenkunft fand In Marienwerder im Oktober 1709 statt.

113-2 Herzog Friedrich Wilhelm (1698 — 1711), aus der Familie Kettler.

113-3 Anna Iwanowna. Seit 1711 verwitwete Herzogin von Kurland, bestieg sie 1730 den russischen Thron.

113-4 General der Infanterie Karl Philipp Reichsgraf von Wylich und Lottum.

113-5 11. September 1709.

114-1 Generalleutnant Graf Albert Konrad Finck von Finckenstein.

114-2 Vgl. S. 102.

114-3 Vgl. S. 100.

114-4 Reichsgraf Augustus zu Sayn-Wittgenstein, Generaldomänendirektor.

115-1 Der Minister Ernst Bogislaw von Kameke führte, unterstützt von dem Obersten Paul Anton von Kameke, 1710 Wartenbergs Sturz herbei.

116-1 Reichsgraf Otto Magnus von Dönhoff; Graf Ernst Metternich.

116-2 Vgl. S. 111.

116-3 Der französische Marschall Graf Camille Tallard war bei Höchstädt (1704) gefangen worden.

116-4 Vgl. Bd. VII, S. 104.

116-5 24. Juli 1712.

117-1 25. Februar 1713.

117-2 Elisabeth Henriette († 1683).

117-3 Luise Dorothea Sophie, vermählt mit König Friedrich von Schweden († 1751).

117-4 Vgl. Bd. VII, S. IX.

95-1 Anmerkung des Königs: „Als Kurfürst.“

95-2 Philipp Wilhelm, der älteste Sohn aus der zweiten Ehe, wurde der Stifter der Linie der Markgrafen von Brandenburg-Schwedt.

95-3 Der Vorwurf des Königs richtet sich gegen Baron Pöllnitz, der in seinen „Neuen Denkwürdigkeiten“ 1737 diese Anklage wiederholt hatte.

96-1 Das Testament, vom 16. Januar 1686 datiert, wurde am 31. Januar zur Bestätigung an den Kaiser geschickt und von diesem am 10. April bestätigt. Die Rückgabe des Kreises Schwiebus (vgl. S. 87) steht indessen mit dem Testament in keinem Zusammenhang.

96-2 Vgl. S. 87.

96-3 Vgl. S. 88.

96-4 Vgl. S. 88.

96-5 Ludwig († 1711).

98-1 Vielmehr Markgraf Ludwig von Baden.

99-1 Der Jesuitenpater Karl Moritz Vota, der Beichtvater König Johann Sobieskis, war das Werkzeug der römischen Kurie. Seit 1690 stand er auch mit Friedrich III. in persönlichen Beziehungen. Die genannte Denkschrift ist vom 8. Mai 1700 datiert.

99-2 Eberhard von Danckelman, Oberpräsident des Geheimen Rats. Sein Sturz erfolgte 1697.

99-3 Vgl. S..88.