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9. Instruktion für Prinz Heinrich von Preußen203-1
(21. April 1761)

Ich breche von hier auf und marschiere nach Schlesien, um nach Möglichkeit zu verhüten, daß ein Unglück geschieht, bevor die Friedensverhandlungen greifbare Gestalt angenommen haben203-2.

Ich gedenke in die Gegend von Görlitz zu rücken, solange der Feind sich nicht rührt, um sowohl Laudon und Daun wie die Russen zu beobachten. Ich werde versuchen, alle Wagnisse zu vermeiden, wofern der Feind mich nicht zwingt, meine Kräfte mit den seinen zu messen.

Nach zuverlässigen Nachrichten haben 10 österreichische Infanterieregimenter Befehl erhalten, sich marschfertig zu machen. Falls sie, wie es scheint, zu Laudon stoßen sollen, können sie nur durch Böhmen auf Braunau marschieren, um zu dem Korps zu gelangen, das sie verstärken sollen. Sie können mir nicht zur Seite bleiben, da sie zu schwach sind und bei dem Marsche quer durch Schlesien weder Lebensmittel noch Fourage fänden. Du brauchst Dich also nicht um sie zu kümmern.

Beifolgend Deine Ordre de bataille, die Du nach Belieben ändern kannst.

Ich bestimme Dich eigens dazu, Daun entgegenzutreten und die Dinge in Sachsen auf dem gegenwärtigen Fuße zu erhalten.

Solange Daun in seinem Lager bei Plauen bleibt, ist Deine Aufgabe leicht. Für den Fall aber, daß er sich mit seiner Hauptmacht nach Schlesien wendet, füge ich die Einteilung der Truppen und die Zusammensetzung des Korps hinzu, das General Hülsen behalten muß203-3. Da Du mit dem Rest zu schwach wärest, um gegen Daun zu kämpfen, mußt Du dann über Sagan marschieren, die Oder erreichen und zu uns stoßen, wo und wie die Umstände eine Vereinigung gestatten. Etwas Bestimmtes läßt sich darüber nicht sagen. Auch hat die Natur Dir so viel Geist und Verstand verliehen, daß Du selbst Deine Entschlüsse fassen und unter den Mitteln, die Dir freistehen, das beste aussuchen kannst.<204> Bleibt Feldmarschall Daun in seinem Lager bei Plauen, so hast Du, glaube ich, in Deiner rechten Flanke nicht viel zu befürchten, wohl aber auf die Demonstrationen zu achten, die der Feind in der Lausitz machen könnte, sei es, daß er Dich um Torgau besorgt macht, sei es, daß er mit einem Einfall in die Kurmark droht, woran ich aber stark zweifle.

Da der Waffenstillstand zwischen England und Frankreich nahe bevorsteht204-1, so hast Du vom Halberstädtischen her nichts zu befürchten. Beifolgend Deine Verhaltungsmaßregeln in betreff des Prinzen Ferdinand, sobald der Waffenstillstand zustande kommt; ferner die Abmachungen mit den Engländern für den Fall, daß sie ihren Separatfrieden mit Frankreich schließen und der Krieg zwischen uns und Österreich weitergeht204-2. Das Korps, das sie uns dann zur Verfügung stellen, kann keine bessere Diversion machen als in die Gegend von Eger. Darauf muß man bestehen, wenn der Fall eintritt.

Graf Finckenstein hat Befehl, Dich über die politischen Nachrichten in Kenntnis zu setzen. Daraus wirst Du ersehen, wann die Zeit gekommen ist, um nach der Seite des Prinzen Ferdinand zu handeln.

Alle Spione und Mittelsmänner, durch die wir Nachrichten erhalten, werden an General Linden204-3 geschickt, der Dir davon Meldung erstatten wird.

Das Magazinwesen liegt in den Händen unseres Feldkriegsdirektoriums in Sachsen.

General Krusemarck204-4 wird die Kapitulationen mit den neuausgehobenen Freibataillonen, Husaren und Dragonern, ihre Versammlungsorte und das Wann und Wo ihrer Aufstellung beifügen. Bei Dir steht es, sie dahin rücken zu lassen, wo sie am nützlichsten sind.

Die Bagagewagen sowie einiges schwere Geschütz und Mörser sind in Wittenberg. Im Fall eines Rückzuges müssen sie beizeiten nach Magdeburg geschickt werden.

Die 60 Pontons sind zum Brückenschlag bei Strehla bestimmt. Sobald die Truppen die Brücke überschritten haben, kannst Du sie hierher oder nach Torgau schicken, wie Du es für nötig erachtest.

Ich werde mit Dir solange als irgend möglich schriftliche Verbindung unterhalten. Sollte das schwierig werden, so schicke die Briefe durch Boten über Kottbus. Dort gibt es ehrliche und gescheite Leute, die ihren Auftrag gut ausrichten werden.

Ich teilte Dir gern eingehend meine Gedanken über alle Ereignisse mit, die eintreten können, aber ihre Zahl ist zu groß, und wenn ich alles erschöpft hätte, fänden sich doch noch Möglichkeiten, die übersehen wurden. Darum beschränke ich mich auf das Große und Ganze.<205> Deine Kriegskasse ist noch in Leipzig. Es steht Dir frei, sie zur Armee kommen zu lassen oder nach Torgau zu schicken, je nachdem, was Du für das Beste hältst.

Nachschrift. Falls Du zur Räumung Sachsens genötigt sein solltest, mußt Du General Hülsen alle erforderlichen Instruktionen geben, wie er sich in seiner Lage zu verhalten hat. Linden muß von allem, was darin steht, unterrichtet werden, damit er dem alten Manne beistehen und sein Gedächtnis auffrischen kann.


203-1 Prinz Heinrich war zum Oberbefehlshaber in Sachsen gegen Daun bestimmt (vgl. S. 89). Der König befand sich noch im Winterquartier in Meißen.

203-2 Vgl. S. 200 ff.

203-3 Hülsen stand der Reichsarmee gegenüber.

204-1 Vgl. S. 85 und 200.

204-2 Der König hatte gefordert, die Engländer sollten nach Friedensschluß mit Frankreich noch mindestens 30 000 Mann von ihren bisherigen deutschen Hilfstruppen zu seinen Gunsten im Felde stehen lassen.

204-3 Generalmajor Christian Bogislav von Linden.

204-4 Generalmajor Hans Friedrich von Krusemarck, Generaladjutant des Königs.