<242>

Wer die Welt gründlich studiert und das menschliche Herz erforscht hat, wird die Unternehmung für unausführbar halten. Alles stellt sich ihr entgegen: die Halsstarrigkeit, womit die Menschen an ihren gewohnten Anschauungen hangen, ihre Unwissenheit und Urteilsunfähigkeit, ihre Neigung zum Wunderbaren, die Macht des Klerus und die Mittel, die ihm für seine Selbstbehauptung zur Verfügung stehen. Nach alledem muß man bei einer Bevölkerung von sechzehn Millionen, wie man sie in Frankreich zählt, auf die Bekehrung von fünfzehn Millionen achthunderttausend Seelen verzichten, weil in ihren Meinungen unüberwindliche Hemmungen liegen. Für die Philosophie bleiben also zweihunderttausend. Das ist schon viel. Ich möchte es niemals auf mich nehmen, einer so großen Anzahl dieselbe Gedankenrichtung zu geben, einer Vielheit, die an Verständnis, Geist, Urteil, Anschauungsweise genau so verschieden ist wie an kennzeichnenden Gesichtszügen. Nehmen wir ruhig an, die zweihunderttausend Proselyten hätten dieselbe Ausbildung empfangen; darum wird jeder doch seine Eigengedanken, seine Sonderansichten haben, und am Ende werden unter all den vielen nicht zwei zu finden sein, die dasselbe denken. Ich gehe noch weiter. Ich möchte beinahe versichern, daß in einem Staat, wo alle Vorurteile ausgerottet wären, keine dreißig Jahre vergehen würden, ohne daß man neue aufkommen sähe; worauf die Irrtümer sich mit Geschwindigkeit ausbreiten und das Ganze wieder überschwemmen würden. Wer sich an die Phantasie der Menschen wendet, wird allemal den besiegen, der auf ihren Verstand einwirken will. Kurz, ich habe bewiesen, daß jederzeit der Irrtum in der Welt geherrscht hat. Und da eine so feststehende Erscheinung als allgemeines Naturgesetz angesehen werden darf, schließe ich, daß das ewig Dagewesene auch ewig da sein wird.

Indessen, ich muß dem Autor Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo sie ihm gebührt. Nicht Gewalt beabsichtigt er anzuwenden, um der Wahrheit Jünger zuzuführen. Er gibt zu verstehen, daß er sich darauf beschränke, den Geistlichen den Unterricht der Jugend, von dem sie Besitz ergriffen haben, zu entziehen, um Philosophen damit zu betrauen. Das würde die Jugend vor den religiösen Vorurteilen bewahren und behüten, mit denen sie bisher durch die Schulen von klein auf angekränkelt wurden. Ich bin jedoch so ftei, ihm entgegenzuhalten, daß er, selbst wenn er dies Unternehmen durchzuführen vermöchte, eine Enttäuschung erleben würde. Ich berufe mich dafür auf ein Beispiel, das in Frankreich, fast unter seinen Augen, sich zuträgt. Den Cal-vinisten ist dort der Zwang auferlegt, ihre Kinder in die katholischen Schulen zu schicken: da betrachte er, wie die Väter den Kindern bei ihrer Heimkehr vorpredigen, wie sie ihnen den Katechismus Calvins abhören und welchen Abscheu sie ihnen vor dem Papsttum einflößen. Das ist eine bekannte Tatsache, und es ist des weiteren einleuchtend, daß es ohne die Beharrlichkeit dieser Familienhäupter längst keine Hugenotten mehr in Frankreich geben würde. Ein Philosoph kann sich gegen eine solche Bedrückung der Protestanten auflehnen, aber er darf nicht selber dem Beispiel folgen; denn es bedeutet Gewalttätigkeit, wenn den Vätern die Freiheit genommen wird,