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18. An Feldmarschall Keith1
Über die leeren Schrecken des Todes und das Bangen vor einem Jenseits

So ging auch er von hinnen, der hohe Sachsenheld,2
Der Frankreichs Schwert gewesen, vor dem die Britenwelt
In ihrem Grunde wankte, ja der mit seinen Siegen
Die Adler der Cäsaren verstand zu überstiegen;
Der sich von Belgiens Sümpfen kein Halt gebieten ließ,
Frankreich zur alten Kühnheit sich neu ermannen hieß.

Nicht auf dem Feld des Sieges ereilte ihn der Tod,
Nicht war's der Gott des Krieges, der ihm sein Halt gebot:
Im Frieden mußt' er sterben auf weicher Ruhestatt,
Im Frieden, den er selber der Welt erstritten hat!
Beneidenswert, wer draußen im Braus des Kampfes fiel,
Wie jene edlen Helden, der Bayer3 und Bell-Isle.4
So ward der Lorbeerstolze auch der Vernichtung Raub,
Bis auf den hohen Namen ein armes Häuflein Staub!
Ach, und was ist ein Name? Ein Nacheinander bloß
Von Lauten, Sprachgebilden, von Silben seelenlos,
Das uns der Schall ans Ohr wirft, eh' es verweht im Leeren,
Indes im Grab den Großen die Würmer schon verzehren ...

Was lehrt uns Moritz' Scheiden? Furcht, Todesangst und Zagen?
Uns, die wir ihn verloren, uns dürfen wir beklagen;
Doch er, der unserm Auge für immer nun entschwand,
Er dünkt mich nur ein Schiffer, der seinen Hafen fand.
Geruhig soll der Weise dem Tod entgegenschaun,
Dem Helfer, dem Erlöser aus Erdennot und Graun;


1 Jakob Kelch (vgl. Bd. III, S. 144). In einer Fußnote der Ausgabe van 1760 wird diese Epistel als „Nachahmung des dritten Buches von Lutrez“ bezeichnet. Gemeint ist das Lehrgedicht: „De rerum natura.“ Vgl. Bd. VII, S. 264.

2 Graf Moritz von Sachsen starb am 30. November 1750.

3 Graf Emanuel Franz Joseph von Bayern, natürlicher Sohn Kurfürst Maximilians II. Emanuel, fiel bei Laveld am 2. Juli 1747.

4 Der Chevalier de Belle-Isle, Bruder des Marschalls, fiel im Gefecht am Col d'Assiette am 19. Juli 1747 (vgl. Bd. III, S. 17 f.).