12251. AN DEN ETATSMINISTER FREIHERRN VON SCHLABRENDORFF IN BRESLAU.

Hauptquartier Gruna bei Dresden, 16. Juli 1760.

Eure Schreiben vom 28., 29. und 30. voriges, sowie auch vom 1., 3., 4. und 9. dieses seind Mir insgesammt zugleich heute früh vorgeleget worden.

Nach denen Umständen, worin Ich Mich zeither befunden, habe Ich gesuchet einen coup décisif zu machen, um die Projecte des Feindes zu derangiren. Ich hatte den Daun vor Mich und den Lacy im Rücken, und musste also nothwendig suchen, Mich von einem von beiden frei zu machen, um hernach dem andern auf den Hals zu marschiren. Keiner von beiden aber ist dazu zu bringen gewesen, sondern haben jedesmal durch präcipitante Retraites auch die festesten Läger lieber verlassen als sich zu einiger Affaire engagiren wollen. Nachdem Daun bis gegen Görlitz vorgerücket war, da habe Ich Lacy wieder bis diesseits der Elbe poussiret, und als Ich darauf auch wieder über die Elbe gegangen, hat er sich benebst der Reichsarmee aus dem festen Lager im Plauenschen Grunde bei Dresden bis gegen Böhmen gezogen. Daher Ich denn Dresden belagert habe, in der Absicht, den Daun vielleicht wieder hieher zu ziehen; weil Ich aber erfahre, dass er sich nicht daran kehret, so werde Ich jetzo müssen andere Arrangements nehmen und, sowie Ich mit Dresden fertig sein werde, entweder durch die Lausnitz gerade nach Böhmen marschiren und dem Feind seine Magazine zu Trautenau und der Gegend zu491-1 ruiniren, alsdenn den Feind von Glatz wegzujagen und über Wartha wieder in Schlesien hereinzukommen, oder aber auch über Friedland, nachdem es Mir die Umstände werden er<492>lauben wollen; denn nach Meinen jetzigen Umständen kann Ich nicht gegen der Seite von Sagan nach Schlesien marschiren, sonder sowohl Sachsen als das Magdeburgische und Berlin selbst in grossen Hasard zu setzen, und bei der Menge der Feinde, so Ich gegen Mich habe, kann Ich nicht positive sagen, was Ich thun will, sondern Ich muss sehen, Mich nach den Umständen und nach denen Mouvements des Feindes zu richten, auch von seinen Fauten und von allem suchen zu profitiren. Dieses ist es, was Ich Euch im Vertrauen melde und wovon Ihr auch mit dem Generalmajor von Tauentzien vertraulich sprechen könnet.

Wann Ich sonsten schon längst gewünschet habe, dass Ihr in Breslau nicht so starke baare Summen haben möchtet, so ist es bei der Gelegenheit geschehen, da Euch der Köppen 700 Mille Rthlr. aus einem Missversland übermachet hatte492-1 und solche zurückziehen musste.

Den bisherigen schlesischen Gouvernements-chiffre kann Ich bei jetzigen difficilen Umständen nicht mehr gebrauchen, wegen der Chatolle, so Fouqué verloren, und wegen der dechiffrirten Briefe, so er bei seinem Désastre in der Tasche gehabt.

Ich danke Euch vor die Nachricht wegen dortiger Garnisonen.492-2 Mich verlanget ohnendlich nach Briefen aus Konstantinopel; die letzteren seind vom 8. Mai gewesen, so ich den 22. erhalten. Ich muthmaasse, dass ein Courier von daher aufgehoben worden. Vielleicht könnet Ihr solches durch die Juden über Horodenka492-3 erfahren.

Der General Treskow, dessen Briefe vom 28. Junii bis 8. Julii Ich richtig erhalten, schreibet, wegen Anlegung zwei neuer Redouten bei Neisse 3075 Rthlr. schuldig zu sein; wenn es angehet, so remittiret ihm solche aus Eurer Kasse.

Von dem Generalmajor Zastrow habe Ich seit dem 28. Junii bis 5. dieses fünf Briefe nebst einem Duplicat, und über Brieg zwei vom Generallieutenant Lattorff erhalten. Ich unterstehe Mich bei jetzigen Umständen nicht, dahin zu antworten. Bei Gelegenheit schreibet ihnen solches. Ich hoffe, dass inzwischen jeder sein Devoir rechtschaffen thun, actif und vigilant sein und sich keiner den Kopf drehen lassen werde, bis durch göttlichen Beistand Ich alles wieder dort werde in Ordnung bringen können.

Friderich.

Nach dem Concept.

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491-1 So.

492-1 Vergl. S. 196. 470.

492-2 Der Minister hatte, Breslau 29. Juni, über die Vertheilung der Regimenter auf die einzelnen Garnisonen in Schlesien berichtet, da der König seit Februar keine Listen darüber erhalten habe.

492-3 Ostnordöstl. von Kolomea in Galizien.